Bewahrer der europäischen Dimension

Mihal Hanxhari
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Mihal Hanxhari
1930-1999

Gedichte

Aus dem Albanischen von Hans-Joachim Lanksch

Mihal Hanxhari wurde am 2.2.1930 in Kentucky geboren. Als er ein Jahr alt war, übersiedelte seine Familie nach Tirana. 1948-1954 Studium der Geographie in Budapest. Danach Lehrer, Angestellter im Bildungsministerium. Ab 1960 Direktor der Universitätsbibliothek Tirana. Unter der Hand versorgte er Schriftsteller und Intellektuelle mit westeuropäischer Literatur; sein Arbeitszimmer in der Bibliothek wurde zu einem Kabinett europäischer Literatur und Kultur. 1975, als die Partei "das Schwert gegen die revisionistische bourgeoise Ideologie schliff", wurde er geschaßt und mußte in der Bibliothek, der er zahlreiche Kontakte zu wissenschaftlichen Institutionen im westlichen Ausland verschafft hatte, bis zu seiner Pensionierung 1990 einfachen Schalterdienst versehen. 1993-1995 war er Hochschuldozent in Paris.

Hanxhari, den der kosovoalbanische Lyriker Ali Podrimja einen "Künstler von europäischem Niveau" nennt, war Schriftsteller und Maler. Er übersetzte Werke von Michelangelo, William Shakespeare, Oscar Wilde, André Gide, Charles Baudelaire, Rabindranath Tagore, Konstantinos Kavafis, Saint-John Perse. Bis jetzt sind von ihm sechs Bände mit Lyrik und Prosa und sechs Bände mit Übersetzungen erschienen.

Die Geschichte der neueren albanischen Literatur ist reich an außergewöhnlichen Viten und eigenwilligen Persönlichkeiten. Unter ihnen ist der bescheidene, belesene, humorvolle Musensohn Hanxhari eine der zauberhaftesten und zugleich rätselhaftesten Gestalten. Auch nach dem Zusammenbruch der kommunistischen Diktatur, als sein Werk nicht mehr gegen den inhaltlichen und formalen Kanon der zwangskollektivierten Literatur des "Sozialistischen Realismus" verstoßen konnte, wollte er nichts veröffentlichen. "Später, wenn ich einmal nicht mehr sein werde...", sagte er seiner Schwester.

Mihal Hanxhari ist am 3.6.1999 in Tirana gestorben.



Nacht des Schweigens

Nacht des Schweigens
Ein leises Knistern der Sterne
Ist zu hören
Dort oben wo sie lodern
Unter zerbrochener Brücke
Trägt der Fluß langsam
Einen entflochtenen Kranz
Für die Seele der zerbrochenen Brücke
Warf ihn der Mond auf den Fluß



Letztes Gedicht

Aprilregen geht nieder
Auf fahles Gras auf frisches Laub
Regen fällt vom flachen Himmel
Wolken treiben mit den Haaren im Wind
Ans Fenster gelehnt
Schreibe ich mit Regentropfen
Auf den blauen Hang des Bergs
Das letzte Gedicht für dich



Sturm

Der Sturm ließ nach, die Wolken fort und ruhig die Nacht
Die hingestreuten Sterne kehrten wieder zurück
Zur alten Platane
In Zweigen ohne Laub
Hängt der Große Bär, vom Wind getrieben
Wie ein Luftballon



Zypressen

Du Mond
Ferne Schwester tote Schwester
Sie fällen sie fällen
die Zypressen



Traum

Ich stand als wär ich ein Baum im Schlaf
Spürte die Blätter an mir aufgehen
Und die Blüten mich bedecken
Spürte daß ich augenlos war
Und sah doch ja sah
Endlich
Was mir träumte



Der Garten

Dort war ein Mandelbaum
An ihm knospten die ersten Blüten
Rosa Blüten
Abgeholzt

Dort war ein Granatapfelbaum
Seine Früchte platzten auf
Wie lachende Lippen
Abgeholzt

Dort war ein Kirschbaum
In Blütenblätter gekleidet
Wie die Braut des Gartens
Abgeholzt

Dort war ein Quittenbaum
Mit Blüten wie Becher
Mit Tau übersät
Abgeholzt

Dort war eine Weinlaube
Mit Trauben wie Waben
Mit dem Honig des Himmels
Abgeholzt

Dort waren alle Bäume
Sie sind abgeholzt sind abgeholzt

Dort im Garten
Kam der Frühling
Kam der Sommer
Kam der Herbst
Kam der Winter
Doch der Garten wurde umstellt
Der Garten wurde zugeschüttet
Die Jahreszeiten vertrieben
Den Platz der Jahreszeiten
Nahm eine namenlose Zeit ein
Die keinen Himmel mochte
Die keine Sonne mochte
Die einzige Jahreszeit
Ohne Schwester
Und die Bäume abgeholzt
Alle abgeholzt alle

Und großes Schweigen breitete sich aus...



Chartres

Wo ich vorbeikam werde ich wohl bleiben
Wo ich mich berauschte in anderer Jahreszeit
Wenn der jüngste Stern beginnt zu sterben
Wenn ein anderer Stern wieder aufgeht

Irgendwo werd ich sein irgendwo wirst du sein
Aufgebrochen eines Apriltags am Montmartre
Lief ich um auf betauten Feldern zu bleiben
In den bunten Feldern der Kirche zu Chartres

Paris, April 1995



Place de la Concorde

Steingewordener Palmenstamm
Vereiste Palme aus der Sonne gerissen
Ohne Ast ohne Zweig unter fremdem Himmel
Keine Wurzeln schlugst in kalter Erde
Was machst du dort, Obelisk

Fossil der Erinnerung
Zur Versteigerung gezerrter Sklave
Karussellachse inmitten des Platzes
Von Lärm und Getöse umgeben
Und du spürst die Menschenmenge nicht

Doch wenn tiefe Nacht kommt
Wenn Sterne über dir zusammenkommen
Dann erwachst du, Obelisk
Siehst die Sterne überm Haupt
Du lauschst dem Wind
Ob er das ferne Gemurmel deines Nils
Durch die Nacht trägt

Paris, 1995



Mein blauer Berg

Mein blauer Berg
Ich bin dein kleinster Stein
Dein minderjährigster Schüler
Dein verläßlichster Freund
Mein blauer Berg
Versprich mir Wolken



Oktoberhimmel

Es ist Mittag
Die leuchtende Oktobersonne
Übergießt das Laub der Bäume
Mit einem Regen geschmolzenen Goldes
..................
..................
Himmel, du Oktoberhimmel
Kreuzigst mich wie Christus
In deinem Hintergrund



Olivenbäume

Ihre Zweige voller Schwielen aus Jahrhunderten
Ihre Wurzeln über der Erde wie Tränenknoten
In der Gurgel von Giganten
Kaum halten sie Weinen und Öl zurück

Sie schweigen
Ich setze mich
Lehne die Lippen an ihren Stamm

Und küsse langsam
Skanderbegs fossile Verzweiflung



Schweigen am Fluß

Schweigen war am Fluß
Sonnenlicht Herbstmorgen
Kein Summen mehr von Sommerinsekten

Der Himmel klar keine Wolke
Auf der Telephonleitung im Feld
Umgeben von Olivenbäumen
Hockte ein Vogel
War wie eine erstarrte Zeichnung eine Collage auf dem Draht
Schön und blau und schwarz und grün
Unbewegt wie eine träumende Sommererinnerung
Der Vogel dachte wohl das gleiche von mir



Auf das Feuer zugehen

Überall
Entzündest du ein Feuer vor mir
Ich gehe ich gehe auf das Feuer zu
Ich gehe durch die Nacht
Und komme ich an
Finde ich nur die Asche meines Gedichts

Was ich suche
Streut jemand vor mich hin
Zersplitternde Glaswörter
Jemand zerbricht ständig
Meine Seele

Doch ich werde gehen werde immer gehen
Ich werde auf das Feuer zugehen
Jede Nacht in einem Himmelstunnel
Um im Augenblick des Ankommens
Die Asche zu finden



Schneefall

Schnee fällt auf die Hände eines Baums
Der Baum ist weit fort in einer Wolke
In einer Rose kämpfen zwei Insekten
Und eins tötet das andere
Zwei Stachel stechen sie stechen
Du kannst nicht träumen
Außer wenn du trunken bist
Diesen Hügel liebe ihn liebe ihn
Auch die anderen sind wie wir wenn sie lieben
Dieses Tal liebe es liebe es
Auch die anderen sind wie wir wenn sie leiden
O ferner Vogel o Nostalgie
Wer löscht hier so die Lichter



Tirana Tirana

Ah Tirana Tirana
Du Basilikumblüte du exotische Blüte
Du Stimme der Holzsandalen in der Nacht
Im Licht des Mondes
In dem der Brunnen strömte
Im Sommer
Wieso gingst du mit den dürren Zypressen
Mit den gefällten Platanen

21. Oktober 1997



Lebewohl

Wieviel bittere Himmel
Trank ich in Nächten
In jedem Baum ließ ich
Ein Lebewohl zurück


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