Bewahrer der europäischen Dimension

Primo Shllaku
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Primo Shllaku
1947-

Gedichte

Aus dem Albanischen von Hans-Joachim Lanksch

Der 1947 in Shkodër geborene, aus einer Künstlerfamilie stammende Primo Shllaku bezeichnet sein 1994 erschienenes, 100 Gedichte umfassendes Buch Nachtblumen als Anthologie, es ist eine Auswahl aus den lyrischen Seismographien, die er während 25 Jahren heimlich verfaßt hat, in der Zeit der Diktatur, in der, wie es in einem seiner Gedichte heißt, "die toten Musen kein Skelett hinterließen/sondern Gras auf den Augen der Greise". Alle seine Texte sind, wie er im Vorwort "An den Leser" sagt, "im Schatten gewachsen und gereift. Das kann ihr Tod sein, aber auch ihre Ehre". Seine Dichtung, so sagt der Autor, ist Zeitzeugin der Generation der um 1950 Geborenen, die in ihrer Jugend in den siebziger Jahren die Diktatur voll und ganz zu schmecken bekamen, in einer Gesellschaft voller "moralischer Zwerge" und in einer "Atmosphäre, die das Jenseits grundsätzlich leugnete und dann auch noch verstohlen und nach und nach daranging, das diesseitige Leben des Menschen außerhalb des Gesetzes zu stellen". Und: "Wir gelangten an die Grenzen der Existenz, ins soziale Koma, zum Schweigen, und bauten dort unser letztes Nest. Das war die erste Chance, überleben zu können." Shllaku hat seinem ersten Gedichtband zwei weitere folgen lassen. Die Literaturkritik in Albanien hat sein Werk bisher, wie er es formuliert, "mit Schweigen bombardiert". Nicht umsonst findet sich in einem seiner Gedichte die Zeile "Schweigen - die einzige Wissenschaft". Die hier veröffentlichten Gedichte wurden auf Deutsch erstmalig in der Zeitschrift Akzente (Nr. 3/1997) veröffentlicht. 2006 hat Shllaku ein Buch über das lyrische Werk Martin Camajs veröffentlicht. Er lebt als Lehrer für Französisch in Athen.



Eine Wunde

Sieh, dies war mein Blut.
Vor einem Augenblick schoß es mir durchs Herz.
Nimm dieses Blut und häng es an deinen Himmel
als Sonne.
Geht es nicht,
nimm es als Mond.
Geht es wieder nicht,
nimm es wie es ist,
als Blut
das vor einigen Augenblicken
durch mein Herz schoß,
und vielleicht sah es dort
im roten Dunkel
deine Augen voll Licht.

1983



Totenmesse für meine Verse

Gelebt habt ihr zwischen zwei Feuern.
Das erste - das der Geburt.
Eure Gebärmutter ist erkaltet.
Das zweite - das des Brennens.
Mein Gedächtnis
nimmt euch nicht auf.
Lautlos
entfaltet ihr euch,
Flammen lecken an euch.
Grablos,
steinlos,
unter einem Hügel Asche
liegt ihr.
Auch dieses Lied
sang ich euch,
auch diese Totenklage
um euch,
ihr mir Geborenen, Gestorbenen,
Söhne heißesten Vergessens.
Die Nacht ruft euch als Sterne,
der Tag tötet euch als Sterne.

(Ohne Datum)



Rotes Zimmer

Hoher Berg
Freier Fall
Tod des Augenblicks.
Lippen sind dort
Ein Berg Fleisch
Das Boot läuft nicht aus
Die Welle ist heiß.
Nenn mich etwas Nahes
Himmel, zum Beispiel.
Ich nenne dich dann Herz.
Etwas Fernes.
Das Blut kehrt wieder
Diesmal bringt es den Stein
Ich werde dich alleinlassen
Rot wird das Zimmer sein.

1985



Sommerlied

Das Meer schlicht
Die Welle klar
Lebenslang die Bewegung.
Wogende Fläche begieriger Wellen,
wogender Boden wie ewige Jungfräulichkeit,
Schwimmer in der Ferne
Sonne in Abwesenheit
hochstehend,
Wind
etwas Wind
viel Wind
Orkan von Wind auf neugieriger Haut
die es versteht
Steine im Sand zu erkennen.

1985



Wunsch

Eine Flasche
zwei ...
drei ...
viele Flaschen
Flaschen mit abgebrochnem Hals
sie drehen
beißen
ohne Steigerung
eins ...
zwei ...
drei ...
ebensoviele rosige Nabel
doch keine kindlichen.
Danach
möcht ich fliegen,
wenn ich kann,
möchte Flügel haben,
nicht wie ein Engel
auch nicht wie ein Vogel,
wie ein freier Mensch
der einfach geht ...

1985



Felder der Nacht

Auf Feldern der Nacht starkes Zittern,
Schreie,
Gespenster gar.
Der Mond in der Ecke eine altbekannte Scheibe
ist das einzige Gedenken des Tages der kommt.
Unter der Erde
dein kalter Körper
und ich muß alles behalten.
Über der Erde
dein heißer Körper
und ich kann alles vergessen.
Hör zu!
Die Nacht lebt.
Die Nacht ist lebendig.
Wir sind Zeichen.

1985



Berge

Eine Kiefer am Berg ...
Schnee ...
Fern ...
Nebel ...
Ich.
Hier.
Der Tisch
hat oben
Hände,
Hände gegenüberliegend.
Meine.
Zwischen uns
nur eine Glasscheibe
die noch vibrieren kann.
Auch dieses Mal
wird der Maler
nicht sterben.

Razna,1986



Augen

(Triptychon)

Dieser Mensch hat Augen voller Jod.
Für ihn bin ich gelb,
gelb,
denn seine Augen sind voller Jod.
Dieser Mensch hat Augen, gesprenkelt wie die der Katze.
Für ihn bin ich eine Maus,
Maus,
denn seine Augen sind gesprenkelt wie die der Katze.
Dieser Mensch hat Augen wie gekochte Eier.
Für ihn habe ich keine Arme,
denn aus gekochten Eiern
schlüpfen keine Küken.

1987



Eine verlassene Kirche

Dahinter, der Berg.
Der einsame Baum
ist das Satzzeichen ihres Schweigens.
Die Zikaden sind fort ...
Die Kanäle ihrer Lieder sind leer.
Wolken kommen herein.
Der Berg hat ihren Schatten auf der Brust.
Eine Straße die zu mir heraufklettert
und hinuntersteigt wenn ich erst dort oben bin.
Der Himmel beginnt unterm Dach.
Stimmen von Menschen die einst lebten.
Hätte die Stimme ein Knochengerüst
dann hätte dieses Gebäude innen
einen gewaltigen Knochen.
Ein Gefäß ...
Das Gefäß umschloß Wasser.
Überall kann jetzt das Wasser sein.
Das Wasser ist erlöst.
Eingehüllt in das leere Laken des Vormittags,
lädt mich das Gebäude ein, auf den Berg zu steigen ...

1987



Die Male

Im Anfang war das Meer ...
Das Meer und später das Ufer.
Jetzt sind es drei:
Meer, Ufer und Melancholie.
Das Wasser war frisch.
Wasserfall ist es jetzt.
Das erste Mal warst du jung,
dein Leben war ungereift:
eine erste Frucht warst du.
Dein Herz eine Knospe
und wir die wir Zeit hatten ...
das zweite Mal
war dein Herz aufgegangen.
Düfte brannten ...
Dargebracht warst du
opfergleich.

1987



Perfektes Verbrechen

Einem Diktator
Er säte auf den Acker des Lächelns gelben, georgischen Mais.
Verpflanzte Zahncreme und Zahnbürste in den außergesetzlichen Raum.

1992



Der Kopf des Hahns

Auf der Wiese der Kopf eines Hahns der krähte.
Das Auge unten
auf einem scharfen Grashalm
stechend wie Worte.
Das Auge oben
zugewandt einem Himmel
schweigensweit.
Sein Blick wie eine rhetorische Frage.
Himmel - die einzige Freiheit.
Schweigen - die einzige Wissenschaft.
Liebe - die einzige Dimension.

1989



Mußte man unbedingt sterben

Der Himmel überm Faß des Kopfes war schwer
Ich sah meine Knie sich beugen.
Der Himmel über meinem Bauch war schwer
Ich hörte meinen Nabel der schrie.
Die Erde über mir war schwer
Ich spürte meine Hände sprießen.

1992



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