Bewahrer der europäischen Dimension

Niemand soll sich um mein Schicksal grämen
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Foto: Aurel Duka
Der Lyriker, Erzähler und Essayist Frederik Rreshpja

Von Hans-Joachim Lanksch

Frederik Rreshpja, 1940 in Shkodër geboren, war schon zu Lebzeiten eine Legende. Albanische Lyrikkenner geraten bei der Nennung seines Namens ins Schwärmen. In der Literaturszene Albaniens ist er wenig präsent. Die albanische Literaturkritik, soweit vorhanden, nimmt kaum Notiz von ihm. Über sein Leben ist wenig zu erfahren.

Im produktivsten Lebensalter eines Schriftstellers, zwischen dem 30. und 50. Lebensjahr war er 17 Jahre lang als politischer Häftling eingesperrt. Danach war er Redakteur und Verleger. Er kam schnell zu Geld, das ihm ebenso schnell wieder unter den Fingern zerrann. In den letzten Lebensjahren lebte er als Bohémien, zunehmend krank und verarmt, ohne festen Wohnsitz in Tirana. Nirgends hielt es ihn lange. "Ich bin es gewohnt, wegzulaufen - aus dem Gefängnis, vor Kummer und Langeweile, vor unerwünschten Menschen, aus dem Altenheim, vor schönen Mädchen wie Da Vincis Mona Lisa", sagte er.

Ein Liebling der Verleger und Übersetzer war und ist Rreshpja nicht. Viele seiner Werke sind nicht publiziert und fristen ihr Dasein in Plastiktüten, die der Autor in Hotels und bei Freunden deponiert hatte. In einem Interview, das er 1992 der Zeitschrift "Zëri i Rinisë" gab, sagte er über sich selbst: "Ich weiß nicht, ob noch irgendetwas auf der Welt geblieben ist, was mich erfreuen kann. Alles, was ich geliebt habe, habe ich verloren. Wenn ich traurig bin, schreibe ich. Also schreibe ich viel."

Man könnte Frederik Rreshpja als einen Lebenskünstler bezeichnen, der an der Kunst des Fußfassens in der trivialen und grotesken Realität des Alltags scheiterte, die Kunst des Schreibens dagegen wie wenige beherrschte. Er kam mit einem erstaunlich kleinen Inventar von Motiven und Schlüsselwörtern aus. Vogel, Jahreszeit, Mond, Meer, Regen, Trauer, Herz, Ufer, Sand, Himmel ... Diese und einige wenige andere lexikalische Säulen seiner dichterischen Welt kombinierte er zu immer wieder neuen, frischen poetischen Bildern von großer Intensität und Schönheit. Sprachliche Fügungen und poetische Bilder schienen ihm zuzufliegen wie Mozart Harmonien und melodische Wendungen zugeflogen sind. Gewollte und gekünstelte Metaphern und Bilder wird man bei ihm, im Gegensatz zu so manchem anderen Lyriker, vergeblich suchen. Bei aller Originalität wirken seine Gedichte stets wie ein natürlicher und stringenter Ausdruck seiner seelischen Befindlichkeit.

Seine Gedichte kennen keinen Ballast, keine Worthülsen. Jedes Textelement hat seine Funktion, und doch wirken die Texte nicht gedrechselt oder leblos, sondern sind erfüllt von Leben und Wärme. So unstet und von Ruhelosigkeit umtrieben sich das äußere Leben Frederik Rreshpjas auch darstellt - seine Gedichte werden von einem ruhigen, gleichmäßigen Atem getragen. Diese Ruhe wirkt keineswegs wie ein künstlicher Deckel auf einem brodelnden Vulkan.

Frederik Rreshpja ist kein Dichter hymnischen Jubels oder gar nationaler Exaltation. Seine Themen sind Verlust, Schmerz, Einsamkeit, gegossen in Verse von anrührender Schönheit und Individualität. Fern aller Topoi drehleierartig wiederholter und wiedergekäuter Albanozentrik ist Frederik Rreshpjas Lyrik hochrangige Literatur europäischen Kalibers.








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