Bewahrer der europäischen Dimension

Kasëm Trebeshina - eine Reise zum Unbekannten
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Tirana. Foto: Aurel Duka
Von Hans-Joachim Lanksch
Kasëm Trebeshina, 1926 im südalbanischen Berat geboren, Schauspieler, Lyriker, Erzähler, Dramatiker, hat sich den einzigen Ehrenplatz erworben, den das Regime des Enver Hoxha zu vergeben hatte: den Knast. Siebzehn Jahre lang war er in Gefängnissen oder psychiatrischen Anstalten eingesperrt. Das verwundert nicht bei einem Mann, der 1953, auf dem Höhepunkt des Stalinismus, in Albanien, der Hochburg des Stalinismus, dem Diktator höchstpersönlich einen Offenen Brief schrieb und darin Gedanken- und Kunstfreiheit forderte. Wir lesen darin unter anderem:

"Aus dem Obengesagten geht hervor, dass der Sozialistische Realismus eine direkte Verbindung zum Gedankengut des französischen Absolutismus sowohl in der Theorie als auch in der Praxis hat. Das grösste Übel tritt uns jedoch nicht in der Praxis entgegen, der Praxis literarischer Kritzeleien, denn die werden als schwache Werke in den Schaufenstern der Buchläden vergilben und bald auch von ihren Autoren vergessen sein. Das grösste Übel kommt meiner Meinung nach daher, dass die gesamte literarische Arbeit nach mittelalterlichen Vorbildern von Mönchsorden organisiert ist.

So ist der Schriftstellerverband organisiert wie ein mittelalterlicher Mönchsorden. Dem Verband steht ein Grossmeister vor und alle haben ihm zu gehorchen, solange er als Grossmeister am Drücker ist.

Verstehen Sie nicht, dass es ein mittelalterliches Konzept und Vorgehen ist, "Funktionen" und "Privilegien" dergestalt zu verteilen?

Betrachten wir, wie ihr in diesen Jahren vorgegangen seid.

Ihr beschliesst im Zentralkomitee, dass Kolë Jakova ein grosser Schriftsteller ist, und alle von euch an abwärts heissen diesen Beschluss gut. Die Kritik zerreisst sich das Maul, dass "Halil und Hajrie" von Kolë Jakova ein grosses Werk ist! ... Eure Aufmerksamkeit und Gunst erringt sodann Dhimitër S. Shuteriqi als Vorsitzender des Verbandes und als ...
Doch das lassen wir lieber! ...

Schriftsteller sind Bürger mit den gleichen Rechten wie alle anderen, und es ist nicht richtig, dass sie sich auf das ungesetzlichste vor einer Zensur der absonderlichsten Art zu verantworten haben. Falls Sie aus dem einen oder anderen Grund auf einer Zensur bestehen, dann sollte sie als Institution eingerichtet werden, die ihre Funktionen offen ausübt. Dann wüssten wir, wem gegenüber wir uns zu verantworten haben, und Parteifunktionäre, die - obwohl sie dafür nicht kompetent sind - daherkommen und ihre Meinung unaufgefordert zum besten geben, würden sich nicht mehr einmischen und uns Steine in den Weg legen.

Es geht hier nicht um einen oder zwei Schriftsteller, um mich oder einen anderen, hier tritt die Tatsache zutage, dass Sie, ohne es zu begreifen, eine mittelalterliche Literatur mit mittelalterlichen, über den französischen Absolutismus ererbten Konzepten aufbauen. Es ist an der Zeit, zu begreifen, dass uns eine Literatur, wie ihr sie fordert, in die Zeit Ludwigs des Vierzehnten zurückversetzt. Daher ist es Zeit, auf Praktiken wie die zu verzichten, die in unserer Gesellschaft in die Tat umgesetzt werden, und sich ein für allemal gut daran zu erinnern, dass die Kunst, da sie spezifischer Natur ist, nicht in die Organisationsformen der Partei einbezogen werden kann. Obwohl sie, die Kunst, ein Überbau ist und in und aus einer bestimmten Struktur entsteht, aus der Darbietungsform, erhält sie solche Werte und Kräfte, die sie auf eine erstaunliche Art und Weise leben lassen, nachdem die Struktur, aus welcher sie entstanden ist, gestorben ist. Die alte griechische Gesellschaft ist vor Zeiten gestorben, doch auf ewig leben die Werke des Homer, Aischylos, Sophokles und anderer. Das gleiche können wir auch von Dante sagen, dem der Tod des Mittelalters nichts anhaben konnte. Daraus ergibt sich, dass brutale Eingriffe in Angelegenheiten der Kunst unannehmbar sind, besonders dann, wenn die Leute, die sich einmischen, nicht das geringste Verständnis für die besondere Natur der Kunst haben. Den monarchischen Formen diverser Eingriffe muss ein Ende bereitet werden und die Schriftsteller, die auf schwierigen Pfaden die wahren Wege der Kunst suchen, müssen in Ruhe gelassen werden. Es ist ungut, dass ihr euch einmischt und den realen Schwierigkeiten in der Kunst weitere, künstliche Schwierigkeiten durch eure Funktionäre hinzufügt, die lediglich die alltägliche bürokratische Praxis kennen, denn die Kunst kann nicht ein offizielles Ausüben von Handlungen sein, die von einem allmächtigen Zentrum geplant werden. Daher dürfen Sie den Verband der Schriftsteller Albaniens nicht als eine organisatorische Verlängerung verschiedener, von der Partei der Arbeit Albaniens organisierter Kettenglieder behandeln."

Trebeshina, der die Gefängniszelle dem Ruhm vorzog, stellte im totalitären Albanien eine moralische Institution dar, ganz im Gegensatz zur Phalanx der willfährigen Mitglieder des gleichgeschalteten Schriftstellerverbands, die mit ihrer zum Vehikel der Parteiideologie umfunktionierten Literatur das Regime gestützt und die literarisch aufgezäumte Verbreitung der Ideologie in der Bevölkerung besorgt haben und so das intellektuelle Sprachrohr der Herrschenden waren.

Trebeshina stellte dem "sozialistischen" einen anderen, seinen, Realismus entgegen, einen "poetischen Realismus" und, ab 1955, den "symbolischen Realismus", den er folgendermassen definiert: "eine phantastische Realität mit realen Personen und phantastische Personen in einer realen Welt erschaffen".

In einem Interview, das in der Zeitschrift "Neue Sirene" Nr. 4, München 1995, veröffentlicht wurde, äusserte sich Kasëm Trebeshina zu seiner Auffassung von Literatur: "Ich denke, dass Literatur eine Reise zum Unbekannten ist, um die Innenwelt des Menschen zu entdecken. Würde ich mich symbolischer ausdrücken, würde ich sagen, dass Literatur eine Entdeckungsreise zu den unbekanntesten Räumen ist, und jeder Schriftsteller, der wirklich ein solcher ist, entdeckt neue Leben in der schrecklichen Unendlichkeit, die wir nicht kennen können. Auf dieser Reise ist nicht die Entdeckung wichtig, sondern der Wunsch, zu entdecken, indem man das Unmögliche sucht. Dieser Wunsch muss aufrichtig sein, und in dieser Aufrichtigkeit liegt der Wert künstlerischer Arbeit. Vor der Pseudoliteratur des sozialistischen Realismus habe ich keinerlei Respekt. Richtiger wäre es, den sozialistischen Realismus als "bürokratischen Realismus" zu bezeichnen, und es versteht sich, was für Werke ein solcher "Realismus" hervorbringen kann. Der albanische Sozialistische Realismus ist eine Schule der Schande für die albanische Literaturgeschichte. Die Schriftsteller dieser Schule sollen doch, so sie wollen, in Albanien und ganz Europa zu heulen anfangen. Für mich haben die ihren Platz in meinen Komödien."

Wie das offizielle Albanien Trebeshinas Literatur bewertete, ist unter anderem in der Zeitschrift des Schriftstellerverbands, "Nëndori", Nr. 8/1954, nachzulesen: "Unsere Partei hat die antipatriotischen Standpunkte in der Literatur von Kasëm Trebeshina und Genossen entdeckt und demaskiert, die offen die Errungenschaften und Erfolge unserer neuen Literatur in Abrede gestellt, die Vergangenheit fetischisiert, den erzieherischen Wert der Klassiker entstellt, die revolutionäre Bedeutung des sozialistischen Realismus und der sowjetischen Literatur geringgeschätzt und dergestalt versucht haben, die schöpferischen Kräfte unseres Volkes, seine Möglichkeiten und seinen Glauben an den Aufbau seines heldenhaften Heute und seines glücklichen Morgen zu treffen. Diese Standpunkte finden ihren Ausdruck auch in ihren Werken, von denen einige vom Geist des Kosmopolitismus, eines betonten Subjektivismus, des Grössenwahns und Narzismus durchtränkt sind."

Kasëm Trebeshina hat mittlerweile weit über 100 literarische Werke verfasst, von denen in Albanien nur 1959 eines gedruckt und zwei Wochen nach Erscheinen wieder verboten wurde; eine erste ernstzunehmende Veröffentlichung gab es erst 1991 in einem kleinen privaten Verlag in Prishtina, also ausserhalb Albaniens. 1993 sind in Albanien erstmals zwei schmale Bände in Privatverlagen erschienen. Insgesamt ist bis heute nicht einmal ein Zehntel seines Werkes veröffentlicht. Auf Deutsch erschienen von ihm:

Der Esel auf dem Mars (Roman), Wieser Verlag, Klagenfurt 1994

Schweigen ist zu hören (Gedichte Albanisch-Deutsch) in: Neue Sirene, Nr. 1, München 1994

Der Wasserfall zählt die Tage des Lebens (Gedichte Albanisch-Deutsch) in: Neue Sirene Nr. 4, München 1995









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