Bewahrer der europäischen Dimension

Zef Zorba
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Zef Zorba
1920-1993

Gedichte

Aus dem Albanischen von Hans-Joachim Lanksch

Zef Zorba wurde 1920 in Kotor/Montenegro geboren. Gymnasium in Shkodra/Albanien. 1941-43 Studium in Padua. Nach dem Krieg Bankbeamter und Theaterregisseur. Von 1946-1951 politischer Gefangener. Danach bis zur Pensionierung 1980 Buchhalter. Zorba schrieb Gedichte, die erst nach seinem Tod veröffentlicht werden konnten. Er schrieb auch Theaterstücke und Opernlibretti, übersetzte Werke von Robert Frost, Giuseppe Ungaretti, Eugenio Montale, T.S. Eliot, G.B. Shaw, Luigi Pirandello, Thornton Wilder, Benedetto Croce, Hans-Georg Gadamer. Von seinem Werk sind bisher nur Gedichte veröffentlicht worden. Zef Zorba starb 1993 in Shkodra.



Anstatt Einleitung

Dunkel dieser Steig. Ich kann nicht
den Weg finden ohne Licht
von dir. (Was schmerzt mich so?)

An der Kante des Abgrunds
der lockt und umklammert,
siehst du mich nicht schwanken?



Ein Augenblick Poesie: Ein Leben

Licht im Dampf.

Ich erkenne dein Gesicht, schneestaubgleich;
scheu beinah lächelt es mir
wie Protoplasma "in vitro",

doch in Elfenwirbeln wird es hinuntergestrudelt
und hinterläßt nichts denn ein Eindruckssiegel ...



Erinnerungen

Unnütz erscheinen uns Träumereien.
Das Herz traut
Schattenschemen
nachts entspringen sie
den Steinen des Bergs Rmaji,
in Nächten wie dieser.



Das Wort

Ein Blitz.
Es senkt
sich pfeilschnell
das Wort
das sengt
grad
in der Seele.

Schöner als das Leben selbst
oh ...



Der Steinkauz

In verdichtetem Dunkel der Platane
regt sich verlassnes Schweigen unruhig
und in ablegenen Häusern läßt Rührung
Licht erzittern
und Wind
und Regen unablässig.

An diese Nächte des April
erwacht wieder das Erinnern:
Fortwährendes,
ein Herz gezogen zur Aushülsung
aus treulosen Flammen,
doch das Wort gerinnt im Mund.
Wieder bin ich allein, Geliebte,
mit dem leidvollen Gemurmel
rinnender Bäche die sich schlängeln.

Ins Dunkel gezwängt, auf Dächern
hagere Kater, gesträubt das Fell,
melancholisch dösen sie
und auf der Straße verbreitet sich
der Geruch gerösteten Alsenfisches;
Messerklingen durchbohren die Nacht,
ein Aufatmen.

Doch etwas sprudelt in der Brust
und ein Lächeln wird mir gegeben, voranzugehen
jedem Licht das schwesterlich
verlöscht.



Ein Fest heut nacht

Ein Fest heut nacht: Unwetter, Regen,
Donnern und Sturm von Lesh.
(Kein Mond zu sehen).

Auf dem Zement vor mir
ungestüm prasselnde Tropfen,
Hagelkörner platzen wie Salz:
o Zement - wie ich wie du.



Das Ufer des Kiri-Flusses

Weiße Kiesel lichtlos
auf die nachts Sterne niedersteigen
zu Tausenden
lautlos.

Vielleicht sind sie Augen
Kinderaugen
die staunend starben.



Wege im Herbst

Vertrackte Schluchten
in denen Sturm tobt
von Türschwellen fegt er
Schwaden trocknen Laubs
verrückte Märchen.



DIE LETZTEN FUGEN

- Allegro -

Die Erneuerung bringen Winde stets
durcheinander
weichen jedem Ziel aus

Auf das Dunkelblau des Moors
senken sich begrenzende Wolken,
und das endlose Rauschen
erlaubt neugeborenen Larven
nur ein scheues Lebendigsein;
Jubel
über (wenn es sich zeigt) ein Wunder
an Summen...



- Andante mosso -

Was klingt, wo es leuchtet, wissen wir nicht;
von selbst quellen Trauer und Nebel aus der Erde.
Aus Jahrhundertschlaf, Irrungen noch lebendig,
umsonst geschürt; Entladungen waren es,
jetzt in Zorn geraten; Blitze
die einst flammten (und sengten!).
Ein Riese prall voller Träume, ohne Furcht
sahst du Hammerschlägen zu, das Auge zuckte nicht
denn sie fielen nacheinander; und Gott, und Helden
und altes Wissen. Und dann hast du mit Zahlen
Übereinstimmung erdacht, allein der Materie
schenktest du Vertrauen, nahmst das Abwärts
nicht in die Hand.
Doch die Geometrie erlöste deine Leidenschaft nicht,
auch nicht der Vers, als du ihn untersuchtest
in der Brechung der Strahlen X. Du bliebst
einsam
an der Quelle des Nichts und der Unendlichkeit...



- Lento -

(für jeden 10. Juni)

Im Nebel abgestürzter Weg, Verengungen von Kreisen
dieser graue Stillstand in dem das Wiehern von Pferden
abstirbt, die im Vergessen verreckt sind.

(Umsonst sage ich mir die Dichter auf!
Immer stärken beginnen die Worte zu rauschen
die früh am Morgen der Frau abgehackt
im Hals stecken blieben, als sie sagte:
"Mann, du kannst nichts machen ... es ist tot ...

Da betrachtete ich die Wipfel der Bäume;
sie dampften in der Nässe der Dächer
mit Wirbeln von Tau.
Gezählt waren die Tage der Jahreszeit
in verschlungenen Labyrinthen,
doch nicht so wie sie sie bereitet hatte
als ihre Augen leuchteten und sie mir
Himmel und Horizont zeigte, und vergoldete
Kristalle die den Schaum gerade noch berührten
scheinbar mit der Sicherheit ihn zu löschen
an den Ufern...)

Ich brauche nicht mehr zu sehen. Jetzt überm Nebel
weiß ich daß sich hungrige Vögel haufenweise
auf das sumpfige Ufer des Sees stürzen ...
doch Nordwind läßt sie umkehren wie er auch
mein Geschick wendet und nicht von mir abläßt,
daß ich nicht wieder den Rauch
des Kalkofens schlucke
drüben am See
der pausenlos
stets
die Sehnsucht anfleht und bittet...



- Allegro furioso -

... und oft habe ich den aufgewühlten See gesehen:
unter dräuenden Wolken
tobte er und drohte
mit gewaltigen Blitzen,
mit unablässigen Schaumketten
mit allem was Atem hatte;

doch der Regen prasselte weiter...


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