In dieser Ausgabe
Frauenstimmen
Mimoza AhmetiMimoza Ahmeti, 2002. Foto: Robert Elsie
Gedichte
Aus dem Albanischen von Hans-Joachim Lanksch
Mimoza Ahmeti wurde 1963 in Kruja geboren. Studium der albanischen Sprache und Literatur in Tirana. Einige Zeit arbeitete sie als Lehrerin, danach als Angestellte im Schriftstellerverband. Mimoza Ahmeti lebt als Verlegerin in Tirana. Sie schreibt Lyrik und Prosa und hat sich einen Namen als Malerin gemacht. In den letzten Jahren ist sie auch als Sängerin aufgetreten. In den 90-er Jahren waren Mimoza Ahmeti und der 1974 geborene Ervin Hatibi mit ihrer unkonventionellen, unbefangenen Lyrik die "enfants terribles" der albanischen Literatur.
Sie oder ich
Wir sehr ich aneinandergeraten bin mit der Hyäne, ihr wißt es nicht,
auch nicht, wie oft ich noch aneinandergeraten muß mit ihr.
Ungelöst: Wer von uns wird siegen, sie oder ich.
Nun kommt sie wieder angeschlichen, seht sie nur.
Ringsherum, hinterhältig, saugend kommt sie geschlichen.
Ihre Taktiken haben mich listig gemacht.
Ihre Heimtücke hat mir den Blick geschärft.
Das Raufen mit ihr hat mir den Körper geschliffen.
Ihre Kratzer haben mir den Mut gestählt.
Eine gelbe Hyäne,
eine gelbe Hyäne mit hellblauen Augen
bleibt mein Feind gefahrenvoll
Beweis
meines Überstehens!
Ich will mit dir
Ich bin ein langer Vogel
mit einem großen Fittich
winzig klein zermahlt er mir den andren
Seit langem schon fliege ich,
wie im Alptraum fliege ich,
die Himmel durchfliege ich,
mit einem Flügel fliege ich.
Sie folgen mir.
Ich weiß.
Mich zu fassen.
Ich weiß.
Mich zu zerstücken.
Ich weiß.
Meinen einzigen Fittich.
Bevor ich sterbe,
bevor ich stürze,
will ich mit dir einen Flug
der Liebe.
1987
Im Verlies der Festung Alter
Oftmals schnappen mich Gedanken an dich,
packen mich Erinnerungsfesseln, sie binden mich,
ich zwänge mich zum tausendundeinten Mal
ins Verlies der Festung Alter.
Ich höre Ketten klirren ... mich geißeln heute
die Knuten der Worte die ich dir gestern sagte,
zerschneiden mir das Gesicht,
und du erscheinst nicht, das Blut mir abzuwischen
mit den Lippen ...
1987
Ars poetica
Gefroren ist die Tinte im Glas,
die Finger - erstarrt in den Taschen,
das Denken - baumelt am Nerv,
gelangt unmöglich auf die Lippe.
Gefroren ist die Liebe:
emptyEis,
emptyemptyGlas,
emptyemptyemptyzersprungen im Herzen,
poetische Sonne wärmt Leben nicht mehr.
Es fröstelt die Poeten.
1985
Futurum exactum
Mattigkeit wird deine Augen überkommen
emptyemptyeines Tages
wie Trägheit einen altgewordenen Hund,
emptyemptywird sie überkommen.
Und ich einer Wölfin gleich
emptyemptywerde mich stützen auf deine Sohle.
Du wirst mich kosen mit der Zunge
emptyemptywie einst
und ich werde ihre zersplitterten Glasperlen mögen,
emptyemptywerde sie küssen,
werde den dicken Saft deines Mundes trinken
emptyemptydurch meinen erschlafften Mund.
Dann erst werden wir verstehen
emptywie einfach das Leben gemacht ist
emptyemptyum gelebt zu werden.
1982
En passant
Heute kam ein Maler in unsere Stadt,
hatte alle Anzeichen eines Genies,
sogar dies permanent leidende Lächeln.
Er kam in einem Anzug, die Farbe weitgereist
provinziell der Schnitt,
mit Haaren dämmergrau vor Einsamkeit kam er
und Augen kleingeworden vor langem Warten der Liebe.
Ich sah ihn er sah mich. En passant.
Den ganzen Tag zog ich herum zu meinem Spaß,
ging spazieren sprach mit den Meinen,
habe Kaffee gekocht für Freunde.
Der Nachmittag verging es wurde Abend,
ein frostiger kalter Abend und Sternsteine droben,
auf einmal dachte ich an den Neuangekommenen
in unserer Stadt,
an seine langen Hände die bestimmt
gerade einander rieben,
an seinen versonnenen Blick
überm Hocker der Einsamkeit,
an die Augenhöhle die jetzt bestimmt
tiefer wurde vor Erschütterung über die Menschen.
Die eisigen Laken
geschichtet scharf und spitz
im kalten Zimmer im Hotel
erwärmen sie denn je
seine vereiste Seele
1990
Schrecklich wäre es
Schrecklich wäre es
würde man jeden Tag aufwachen
wie an jedem anderen.
Doch noch schrecklicher wäre
sähe man das Ende des Tages
in den Pupillen des Morgens.
Wie eine Sonne
Meine Sicherheit, meine Sicherheit,
in langen Händen, in langen Schritten,
in klaren Blicken, in gesäten Gedanken ...
In der Kraft der Abstraktion
knospt meine Sicherheit.
Ich liebe tief, kann aber noch tiefer.
Gehe über viele Schwellen, kann über noch mehr.
Meine Sicherheit leidet wie eine Sonne,
je später sie untergeht,
desto früher bricht sie an.
Liebe
Alles in dieser Welt leuchtet und fällt
dann leuchtet und fällt es wieder
emptyemptyemptyund wieder und wieder ...
Und die Himmel altern an den Jahresenden,
aber nie altern deine Augen.
So oft unterfing ich mich, von dir loszukommen,
du aber, einer Natur gleich, die Warten nicht kennt,
läßt das Zucken des Wetterleuchtens aufscheinen,
emptyemptyemptywenn du urplötzlich erscheinst,
und trägst die Kraft des Blitzes
emptyemptyemptyim Donnerschlag.
Sag mir nicht ...
Sag mir nicht wann und in welchem Jahr
der stärkste deiner Winde blies.
Sag mir nicht den Tag an dem du jünger warst.
Und schöner.
Ich will's nicht wissen.
Red mir nicht vom sanften Meer.
Ein Tosen sind die Meere.
Red mir nicht vom ruhigen Leben.
Nach Atem ringen ist das Leben.
Mach nicht den Fehler, mir zu sagen
der Herbst beugt sich dem Winter.
Auch wenn der Winter überlange dauert
vibriert in ihm ein heimlicher Frühling.
Aus der Geschichte
Als sie sahen daß die Götter des Himmels
taube Ohren hatten,
begannen die Menschen, die Götter der Erde anzubeten.
Und als sie sahen daß die Götter der Erde
taten, wie ihnen der Kopf stand
haben ihnen die Menschen
die Köpfe abgehackt.
Ihr hohen Bäume
Ihr hohen Bäume
einem hohen Himmel zugewandt
jahrhundertealt, grün, stattlich
erhebt ihr euch.
Und dennoch ... ich würde nicht beten
einer von euch zu sein,
solange ihr jahrelang, jahrhundertelang
schwankt
und euch nicht dazu durchringt
einander zu umarmen.
Irrenhaus mit offenem Tor
Ihr lauft weg, ihr geht, ihr verlaßt uns
und denkt dabei: "Für immer".
Von diesem Fleck Erde der euer war, unser,
der unser Irrenhaus ist.
Unser Irrenhaus, das liebe, rührende
mit platzenden Schädeln.
Ihr meine teuren Irren,
wie sehr ich euch mag,
obwohl ich nie mit euch rede,
obwohl ihr nie mit mir redet
und ich euch nicht ausstehen kann
und ihr mich nicht ausstehen könnt.
Aber das ist der Ritus:
Wir schauen einander nicht ins Auge
ohne einander zu hassen,
genau das ist der Grund
einander bis zum Wahnsinn zu lieben
exaltiert lächelnd,
während uns im Gesicht
Tränen fließen,
Tränen.
Ihr meine Mitleidenden
die ihr in die Fremde flieht
vor unserem einzigartigen Irrenhaus,
die Augen
auf einen einzigen Gedanken geheftet,
auf einen einzigen Gedanken nur,
der nie gesehen ward, nirgendwo gefunden ward
und von dem ich nicht weiß ob er je gefunden wird.
Auseinander, haut ab, verschwindet.
Von Ort zu Ort, von Land zu Land ...
Was für ein Geschrei schreit da
aus unserm Irrenhaus
zur späten Abendstunde
wenn die Sehnsucht umgeht nach den Söhnen
emptyemptyemptyim Abendland ...
Was für eine Trübsal!
Eingefallene Mauern ... Mauern die immer den Horizont
emptyemptyemptybegrenzen
um einen endlosen Himmel darüber zu lassen.
Nach Mitternacht enden dort die Seufzer,
jemand spricht mit sich selber:
Wie auch immer, dem Albaner,
wo er auch sein mag,
reicht die eigene Verrücktheit ...
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