Frauenstimmen

Olimbi Velaj
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Olimbi Velaj
1971-

Gedichte

Aus dem Albanischen von Hans-Joachim Lanksch

Olimbi Velaj wurde 1971 in Mallakastra geboren. Philologiestudium in Tirana und Sofia. Sie arbeitet als Journalistin. Olimbi Velaj schreibt Lyrik und übersetzt aus dem Bulgarischen. Gedichte von ihr wurden ins Englische übersetzt. Die hier übersetzten Gedichte stammen aus ihren beiden 1998 und 2003 veröffentlichten Büchern. Der Autor Myftar Gjana vergleicht ihre Lyrik mit einem ruhig und ohne Wasserfälle dahingleitenden Strom von Worten.



Ereignis

Durcheinander wie ein Anagramm war das Ereignis
ohne viel logischen Sinn
mit instinktiver Genauigkeit brachten wir es hervor
bis ans Ende einer anderen Zeit
ohne die vielfältige Gefahr des Erblassens
die Gewalt der Dinge rührt von oben her
wo Konstrukte sich konzentrieren
im Vaterland der Vernunft
wie ein Loch
wurde der Einsturz erdacht
doch ich verstehe nicht
was es hieße in der verbalen Plastik
des Seins zu verbleiben
wenn Neurastheniker Bibliotheken überschwemmen
um rote Salamander zu fangen
in den Röhren der Hemisphären
eine Überschwemmung ist die andere Hälfte des Seins
in der das Ich in Abwesenheit archiviert wird
genauso schwer
stecken im Auge
die Sonntagskreuze
aus Skorpionen
tatsächlich ein letzter Freitag der Schmerzen
zeitlos, denn im Augenblick kannte ich
die Geschichte nicht
und an einem der Freitage auch an diesem
geschieht das Versetzen der Klagen
wenn wir Urlaub haben, am Sonntag
in fremder Stadt ohne Fluß, ohne Eukalyptusbäume
oder ein Neugier-Attentat, du stirbst
in einem August, an einem 3. an einem Freitag
der Schlaf endet nachmittags ohne Fortschleudern
wie das Weiß der Lichter
nur mit im Stich gelassenen Sonnen
die ich im Konzept bade
während das Ereignis verendet
mit dir im Mittelpunkt
rings um den ersonnenen Rauch des Dunkels.




Fehler

Fehler sind rot oder blau
ich empfinde keine Nachnamen mehr
Für mich sind Fehler Stundenpläne
die ich nicht vergesse, aber nicht einhole
Geboren bin ich beispielsweise
am dritten Tag des Jahres 1
nach dem Jahr 70 dieses Jahrhunderts
Oder ich bin aus meiner Mutter gestürzt
um 12 Uhr jenes Tages
oder die Mütter waren leer
als die Kinder sichtbar wurden
ein richtiger Schrei muß ich
in dieser Stunde gewesen sein
unerreichbar im Gedächtnis
Mein Fehler ist die Unmöglichkeit
denn auch weiterhin mag ich mögliche Dinge
wenn sie ungreifbar werden
Ich selbst bin ein Fehler
denn ich verstehe die formlose Existenz der Körper
die Verpflichtung moralischer Augen
endlos überwunden von der Idee der Würdigkeit
und gewaltsam gelebt, im Namen des Namens
den andere erdacht haben
und die auch wie wir leben
da wir für die anderen zufällig
DIE ANDEREN sind - Gegenteil des Fehlers
sogar die weiße Tugend wie alle Gräber.



Augenblicke sterben unter Uhrzeigern

Augenblicke sterben unter Uhrzeigern
Dächer täglich von Anfang an in die Sonne gerammt
wie braune Pyramiden ohne Grundfläche
Weit fort, wo die Seele unstet ist
bleiben Hände auf Schwellen
von Grüßen
im Saft von Gedichten ertrinken traurige Dämmerungen
Ein alter Baum, unendlich ist er
wirft ständig Blätter still ab
Wie von einer unbestandenen Prüfung
kehre ich zurück
unterm reinen Schrei des Windes
Augenblicke sterben unter Uhrzeigern
erstrecken sich auf Straßen wie unsichtbare Tote
unterm Grabstein der Worte nach "ehemals"



Eindruck

Es ist zu früh von Unendlichkeit zu sprechen
dort wo die Vögel mit Schreien erwachen
wo Entwicklungsphasen der Brennessel
seit dem Morgen im Gedächtnis wachsen
und der Tag weniger als ein Tag ist
in bitteren Stengeln
mit gewaltsamer Reaktion
blieb nur der schlechte Geschmack
an Teilen der lebendigen Welt
Jenseits von Eisenzäunen der Gleichgültigkeit
hängte ich mir meine Schlafarterie
mit dem nebeligen Puls.
ganz natürlich an den Hals wie ein Medaillon

30.5.93



Die letzte Nacht der Liebe

Warm war
die letzte Nacht der Liebe
und das Feuer erlosch überm Meer
wie Keramik antiker Urnen
voller heidnischer Körper
Schweigend fiel das letzte Stück Klang
und gefror
in mir
die vergangenen Stunden versteinten
in salziger Gischt...
Aber warm war
die letzte Nacht der Liebe
und die Zeit ging
wie eine Nebelflade
über unsere gotischen Umrisse

18.4.96



Bis auf den Boden meines Alptraums

Bis auf den Boden meines Alptraums regnet es
mit feuchten Wänden
von denen angenagelte Schatten abfallen
und dürre Luft und Atmen ersticken
bis ans Ende des Bedauerns
und des passiven Widerstands
durch müde Worte
schwarze Zeilen
und die Vergangenheit die es erreicht
wie ein Nachmittag mit Schummerlicht
in Bäumen die meinen Rücken berühren
und Augen ohne Notwendigkeit des Lichts
Horden von Ameisen waren dort
unter Füßen und Gras
Stimmen kamen ohne Sinn
unter schwankenden Senkrechten
und zwischen uns brannte Fieber
Traurig ernst ist dieser Regen
auf endlosen Feldern auf denen wir gingen
und lange Tage ohne Ränder
es regnet
eine traurige Rechnung ist
diese Sommerzeit
zerfetzt
wie Teile eines alten Schleiers.

20.12.97



Verlust

Ich weiß
was ein erloschenes Feuer
zu bedeuten hat
Wie ein Kind
das noch
nicht neugierig ist
auf den Tod
stand ich
Im Leichenhaus
unwiederbringlicher Liebe
Nie sind meine Augen
trauriger gewesen
nie himmelnäher.

12.2.92



Jenseits

Jenseits der Wege und Gegenden
jenseits der Geburtstage und Sprachen
kam die Zeit an
durch geschriebene Zeilen
und namenlose Kaffeetassen
in leeren Lokalen
unter der blauen Illusion des Himmels
erhoben sich Eindrücke über Sinnen
belebten tiefe Wünsche wieder...
andere Menschen sind mit mir
um andere Dinge zu verstehen
die nicht mehr bei dir sind...
die traurigen Eier der Zeit zerbrechen
über meinem Jetzt
während an den gleichen Tassen
in der Ruhe der Nacht
andere Lippen nippen.



Wiederkehr

Du erinnerst dich an unsere Verwirrung
in den Mauern des Klosters
mit müden Engeln die umherflogen
und mit dem morschen Licht des Winters...
ich wußte nicht wo das Jetzt war
in blasse Fresken gehüllt
du warst dort, mir gegenüber
wie eine Kreuzigung
mit einer unmöglichen Trauer
als wir beide sagten:
"Es gibt kein Jenseits"
wilde Vögel stürzten
auf übriggebliebenes Getreide
in den Grenzen der Steine
unterm Pflaster
du neigtest den Kopf
wie ein schweigender Christus
in meine Augen genagelt
zeitlos war alles
noch weiß ich nicht
wohin mein Jetzt geht
mit deinem Kreuz auf dem Buckel



Senkrecht

Von allen Lagen
wird senkrecht eine Qual sein
oder das entsagende Natürliche
weil es so schwer ist
in der Senkrechten illusionslos zu sein
befreit von der chaotischen Natur
der Dinge und der Lebewesen in der Zeit
abgewandert in den Unverstand
wie ein Lichtstreifen
auf nicht umrissener Linie
und ins Dunkle
wieso kann ich trotz der Schwerkraft
so aufrecht sein
es ist unmöglich
daß ich aus der Ferne
mein Skelett sehe, spärlich verschönt
mit Fleisch, tönend
wenn ich die Augen senke
aus gleichem Stoff
doch anders gebaut
Erholung zu bieten
im Blick der sich wiederholt
bis zur Eintönigkeit
nicht verwunderlich
dennoch ist es beklemmend
senkrecht zu sein
mühevoll gehalten
nur von der Pflicht
die in waagerechten Codes ruht



In Abwesenheit

In die tiefe Schleimhaut der Ohren
fielen Botschaften
wie Blütenstaub auf Igelrücken
seitdem blieb
das Ankommen verstümmelt
ein Rostgrab auf Eisengittern
Opfer der Flamme mit vegetativer Geschwindigkeit
voller Ideen und Worte
wie das Spiegelbild des Erstarrens
auf Saiten träger Knochen wiedererwacht
kalte Erinnerungen in Pozellanschüsseln
und der Knall
trockener als Schädel beim Aufprallen...
auf Stücke von Kakteen
Obeliske der nassen Jahreszeit erheben sich
mit grünen Linien natürlicher Nadeln
und nur bei der Möglichkeit des Blutvergießens
bleibt der Hintergrund immer frei
für andere Augen die lieber
gefangenen Raum sehen



Verpasste Möglichkeiten

Immer kommt die Nacht
auch ohne meine Erinnerung
sammelt mich auf
in feuchtem Schwarz
wie eine durchsichtige Pflanze
die dich an Siechtum erinnert
und immer Dämpfe und Klänge
sie steigen auf aus den Ziegeln
kleiner Häuser
in denen lärmende Sterbliche wohnen
und ins Herz nageln sie mir
das schmerzende Licht der Vergangenheit
das nur in mir ist
ohne das einstige Meer
und den Fischgeruch in den Straßen ringsum
jetzt schreibe ich Zeilen nur zur Hälfte
wie Fischskelette die weiß schimmern
und im Dunkel entschwinden
das von Nächten kommt
an Fäden des Bedauerns hängend
dauern wird er lang der Zweifel
des Herzens, plötzlich erwacht
bis das Eis
die Länder des Meers erreicht
auf neutraler Erinnerung
nichts ist mehr da
in müden Augen
in Richtung verpaßter Möglichkeiten
wie zerfressene Netze
auf den Meeresgrund gefallen
deswegen senkt sich die Nacht
genau auf mich
mit der Sorgfalt eines Mönchs
ohne Psalmen



Das Sein am Nachmittag

Die Zeit endete auf Zeigern
zusammen mit meiner Aufmerksamkeit
wie ein gelbes
Siechtum, in der Luft
versank der Nachmittag
während Flugzeuge aufstiegen
am gleichen Himmel des Kapitulierens
jetzt kehre ich ohne Hast zurück
in die Zelle meiner Beklemmung
in der es keine Höhe gibt
keine Angst vorm Kotzen
die Strafe ist verbüßt
keine Tage mehr zu zählen
auf Gittern und Mauern die Nacht
wie eine graue Robbe
Licht befreit
nur die zweifache Zeit mit Körpern
in der du eine Irritation warst
in Entspannung scheinen
die Knochen einesVerdrusses mit Frauen auf...
kein Platz mehr für Reue
in diesen Himmelsstunden
Zustände bleiben zurück, ungelesen
wie persische Handschriften im Staatsarchiv
die Kalender stimmen nicht überein
dort ist 1421 nach der Hedschra
und mein Schlaf endet
in einem Mitternachtstraum
auf deiner Seite ist der Tag



Früher oder später

Früher oder später
würde dieser Augenblick kommen
wie der Kaffee zum Abschied
beim Mahl für den toten Freund
wie türkischer Honig beim Totengedenken
und huschender Nebel
wenn wir uns erinnern wollen
an das Gesicht des Verstorbenen
würde es passieren
plötzlich, wie ein Schicksal
das dich in die Enge treibt
in einem Moment der Gefahr
und du bist ratlos
früher oder später
würde ich sie trinken
die bittere Milch des Friedens
und du würdest dich freuen
an deinem unbekannten Geschick
weit fort
... so war es bestimmt ...
im ständigen Staub
neben unserem gemeinsamen Gebäude
muhen deine Spuren noch
halbe Syntagmen
wie das Klappern von Nußschalen gegen Steine
... alles blieb zurück ...
jetzt wird Regen kommen
ohne Ängste
Vermutungen ersetzen dann Nachrichten
wir werden gehorsam sein
wie Musterschüler auf der Oberschule
und die Zeit geht dann
neben dem Vergessen
früher oder später



Hasen

Die Hasen flitzten
aus dem Kohlgarten
eines Wintertags
in einem der Märchen
etwas Flaum war wohl geblieben
an den Latten
im Zaun durch den alle schlüpften
und haufenweise Spuren im dicken Schnee
unter ihrer herzzerreißenden Angst
und hiermit endet
die Geschichte der Hasen
ohne Moral von der Geschicht
dann streicht die Hand des Großvaters den Bart
weißes Haar aufgerichtet
zwischen Fingerkuppen
an seinen Fingern mit Nikotin
die Hasen sind fortgelaufen
eines Tages, in der Kindheit
aus einem Kohlgarten am Feld
mit Lichtern von Häusern
die von fern kaum auszumachen sind
das Leichenbegängnis des Großvaters war später
hinter Fensterscheiben
der neblige Zaun des Gedächtnisses
hütet die grünen Kohlblätter



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