Frauenstimmen

Rita Petro
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Rita Petro
1962-

Gedichte

Aus dem Albanischen von Hans-Joachim Lanksch

Rita Petro wurde am 13.3.1962 in Tirana geboren. Studium der albanischen Sprache und Literatur in Tirana und der griechischen Kultur und Philosophie in Athen. Bis 2000 Redakteurin und Co-Autorin im Schulbuchverlag. Seitdem selbständige Verlegerin. Gründerin einer Kinderzeitschrift. Rita Petro schreibt Lyrik und hat einen albanischen Literaturpreis erhalten. Ihre ersten beiden Gedichtbände hat sie unter ihrem damaligen Namen Filipi veröffentlicht. Sie lebt in Tirana.



Küss mich

Küß mich, Liebster,
Zwischen Nacken und Schulter,
Wo der Faden des Lebens
Am dünnsten ist.

Sieh, wie gespannt er ist
Von der Angst des Wartens,
Vom Feuer des Blutes,
Von gepreßtem Schreien.

Kommst du zu spät,
Reißt der Faden.



Zwischen mir und dem Himmel

Zwischen mir und dem Himmel
Die Zimmerdecke
Zwischen mir und dir
Die Vernunft.
Doch ich habe ein Fenster,
Das mich mit dem Himmel verbindet,
Ich habe auch eine Seele,
Die mich mit dir verbindet.



In den Fängen

Wir gerieten
In die Fänge der Augen
In die Fänge der Ohren
In die Fänge der Zungen.

Und lieben einander wie Opfer.



Mein ewiger Gefangener

In der tiefsten Verborgenheit
Meines Herzens
Habe ich dich versteckt
Damit das Licht der Sonne
Durch mein Auge
Zu dir dringt,
Der Zorn des Himmels
Durch mein Beben dich erschüttert,
Die Wasserfluten dich
Durch mein Blut beleben.
Mein ewiger Gefangener!
Ich will nicht wissen
Ob du mich liebst
Oder mich haßt,
Sollte aber
Mein Körper sterben
Dann bist du frei
Mit meiner Seele
In den Himmel zu fliegen.



Lied der Nacht

Kommst du, gleiten wir
In die Stille der Nacht,
In den schwarzen Fluß
Der zur Höhle fließt,
In der die Riesenschlange wohnt?

Schwanger ist sie und bringt
Sieben Junge zur Welt,
Sie werden genährt mit Liebesflammen
Aus den sieben Mündern der Mutter.

Kommst du, Liebster?
Sie erwartet uns.
Die Stadt, sagt sie,
Wird ohne Wasser bleiben,
Wenn sie kein Liebespaar frißt.

Niemand verteidigt die Liebe,
Und du?



In meinem Bauchnabel

In meinem Bauchnabel
Ein Kommen und Gehen von Ameisen
Sie haben ein Loch gefunden
Für ihren Haufen
In meinen Haaren
Bauen Schwalben ein Nest
Für ihre Jungen
In meinen Augen
Fühlen sich
Zwei Schnecken wohl
Und eine Viper
Macht ihren täglichen Rundgang
Um meinen Nacken
In die Grube zwischen den Brüsten
Sie gleitet und zwängt sich
Zwischen die Schenkel
Um ein letztes Ei
Zu fressen
Auf den Armen hockt
Der weiße Vogel
Der sich in der Nacht
Aus meiner Brust
Befreit hat



Der Verrückte und ich

Seit dem frühen Morgen
Gräbt er eine Grube,
Schön ist sie nicht, sagt er,
Aber tief.

Seit dem frühen Morgen
Schaue ich ihm zu...



Nichts

Alles suchten wir als vollendet, ideal,
Umsonst versuchten wir, uns ans Nichts zu halten,
Nichts heißt: überhaupt nichts
Überhaupt nicht heißt: nichts, niemals,
Wir drehen uns um die Achse des Nichts
Und suchen vergebens die Idee,
Die Idee ist nie eine
Also existiert sie nicht... zum Teufel... sie existiert nicht.
Wenn die Achse bricht,
Verlieren wir uns wie Planetensplitter
Im Weltraum
Und sind wieder wie jetzt
Nichts



Instinkt und Politik

Blut das aus einem gespaltenen Bauch fließt
Riecht besser als eine Hyäne
Den Geruch des Bluts im Körper,
Es sucht Blut.
Gott! Unsere Liebe ging verloren!
Geblieben ist der Haß, ein tollwütiger Hund.
Gott! Der Kuß ging verloren, das Flüstern
Deines Bittens
Uns blieb das Beißen, das Schreien.
Gott! Deine Jünger verloren den Weg
In unser Land,
Sie fuhren weit übers Meer... Sie vergaßen uns
Wie wir uns vergaßen
Verschluckt
Vom Meeresboden.



Farbenträume

Einst träumte ich
Von blauen Haaren
Von blauen Augen
Und einem blauen Prinzen.

Ich lebte
Mit meinen braunen Haaren
Mit braunen Augen
Und einem braunen Prinzen.

Jetzt träume ich
Von silbernen Haaren
Von silbernen Augen
Und einem silbernen Prinzen.

Jede Nacht
Taucht aus der Mitte der Finsternis
Ein schwarzer Prinz auf
Mit einer großen Schere
In der Hand...

Müde bin ich, müde, müde
Wann werde ich
Ohne Träume schlafen?!



Die goldene Münze

Unsere Liebe war
Eine goldene Münze
Die vom Himmel fiel
Aus Gottes Schatz,
Zwei Seiten hatte sie:
Die eine der Preis des Glücks
Die andere blieb unverständlich,
Geheimnisvoll
Wie Gottes Angesicht.



Gewollte Aufopferung

Sieh mich an!
Ich öffne für dich
Die beiden Hälften der Brust
Wie Flügel von Fenstern mit Fensterläden.
Ein kleiner roter Vogel
Zittert darin.
Nimm ihn! Ich habe ihn dir geschenkt.
Schließ die Augen und verlang von ihm was du willst,
Es ist ein Zaubervogel.
Ich weiß, zurückgeben
Kannst du ihn mir nicht.
Du wirst mit ihm in der Hand staunend fortgehen
Hinter die Hügel bei denen die Sonne untergeht
In unbekannte Gegenden, in nie gesehene Räume.

Wenn es Nacht wird
Schließe ich die Fensterflügel
Und betrachte die Welt
Durch Fensterläden
Aus dem leeren Haus.



Meine Familie

Meine Familie
War (erster Vers)
Mein Vater, meine Mutter, meine Schwester und ich
Ist (zweiter Vers)
Mein Mann, meine Tochter und ich
Wird sein (dritter Vers)
Mein Mann und ich
Wird bleiben (vierter Vers)
Mein Mann oder ich
Und der letzte Vers
Niemand

War (erster Vers)
Das heißt meine Tochter



Windfang meiner Einsamkeit

Sei gegrüßt
Windfang meines Königreichs!
Einziger Ort
Um vertraut zu sitzen
Ganz allein
Mit sich selbst
Und unbeklommen
Den unreinen Atem zu spüren
Der zu dir zurückkommt.

Ich fange alle Tränen
Im Becher meiner Hände auf,
Netze mit ihnen die spröden Lippen
Und lausche
Den Klängen eines alten Klaviers
Dessen Besitzer schon lange tot ist.

Mein Windfang
Hat Mauern aus Spiegeln
Da findest du
Vier andere Selbst nackt
Verschieden hingestellt,
Keinen Augenblick wenden sie
Den Blick von dir ab.
Im Wunsch nach einer Umarmung
Strecke ich die Arme aus,
Lasse mich täuschen von silbrigen Reflexen,
Die Spiegel fallen herunter,
Kristallsplitter stecken in meinem Körper,
Ein Blutstrom und schmerzendes Fleisch
Sagen mir: ich brauche
Die Hilfe eines andern.



Mehr Respekt vor dem Betrunkenen

Bitte schön,
Mehr Respekt vor dem Betrunkenen
Mehr Geduld und Toleranz
Und wenn ihr auf der Zungenspitze habt
Zu sagen: Hau ab!
Sagt es besser
Einem Kandidaten für einen Abgeordnetensitz
Bei seiner Wahlveranstaltung
Oder einem miserablen Dichter
Wenn er euch seine Verse aufsagt
Oder vielleicht eurer Frau
Wenn sie euch schimpft
Wegen eurer dreckigen Schuhe...

Aber nie
Sollt ihr es einem Betrunkenen sagen,
Seht euch seine Augen an
Sie zerspringen fast
Vor Einsamkeit,
Er leidet unter den Wahrheiten
Die er alle sagen wird
Und denen keiner zuhören wird
Denn wir, seriös wie wir sind,
Fühlen uns pudelwohl
In den Lügen.



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