Junge Stimmen

Junge Stimmen
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Mme La FLEURIE (stasis). Parid Teferiçi

Was in der Einleitung zum Abschnitt 'Neue Stimmen' gesagt wurde, gilt auch für die hier abschließend vorgestellten Autoren. Zwei von ihnen, Rudian Zekthi und Ervin Hatibi gehören (wie auch Agron Tufa und Lindita Arapi) zu dem Kreis der albanischen literarischen Avantgarde, die sich Anfang der neunziger Jahre um die Zeitschrift E për-7-shme bildete. Die Zeitschrift war ebenso kurzlebig - sie bestand, solange Geld da war, von Ende 1991 bis Mai 1992 - wie sie bahnbrechend und nachhaltig Furore machte. Viele Lyriker nach ihr wären ohne sie nicht denkbar. Rückblickend sagt Lindita Arapi: "Die Zeitschrift war eine wichtige Tribüne für die Veröffentlichung aller möglichen sprachlichen Experimente, die damals so in Mode waren. Wir entdeckten irgendwie die Sprache neu und waren verliebt in knallige Metaphern. Manche waren zu hermetisch, unverständlich; manchmal schrieben wir dunkle Verse, genau wie es in unseren Seelen aussah. Voll Traurigkeit.
Klar, wir waren eine Generation, die sich in diesen Jahren auf der Kippe befand. Wir mußten uns schnell in zwei Welten zu Hause finden, was schwierig war."

Stellvertretend für andere Innovatoren der albanischen Lyrik sei auf Rudian Zekthi hingewiesen, der einen sprechenden Namen hat. Das albanische Wort "zekthi" bedeutet "die Bremse, Stechfliege", und wie eine solche muß seine Lyrik mit ihrer dunklen, rebellisch ungewöhnlichen Metaphorik und komplizierten Syntax in der damaligen Literaturszene gewirkt haben, die das graue, leiernde Einerlei sozrealistischer Vers-Industrie gewohnt war. Leider ist nur ein Teil der damaligen wilden Jungen (Ervin Hatibi war siebzehnjährig!) der Literatur treu geblieben, andere schreiben heute nicht mehr, sondern arbeiten brav im Journalismus, an der Universität oder Bibliothek.

Auch die in diesem Abschnitt vorgestellten Autoren beteiligen sich maßgeblich an der übersetzerischen Vermittlung der Lyrik der Großen der europäischen und Weltliteratur.

Bezeichnend ist, daß in dieser letzten Autorengruppe unseres Einblicks in die neuere albanische Lyrik gleich zwei Autoren vertreten sind, die sowohl Schriftsteller als auch Maler sind, Parid Teferiçi und Ervin Hatibi. Auch bei Mihal Hanxhari und Mimoza Ahmeti ist die Paarung Literatur - Malerei anzutreffen. Rita Petro hat ihr zweites Buch mit eigenen Zeichnungen illustriert. Gazmend Krasniqi ist der Malerei verbunden, er hat ein Gymnasium für Kunst besucht, hat gemalt und sich an Kunstausstellungen beteiligt, bis er sich für die Literatur allein entschied. "Unter einer Achsel kann man nicht zwei Kürbisse tragen", wie er mit einem albanischen Sprichwort sagt. Und: "Meiner ersten Ausbildung schulde ich viel." Der große Martin Camaj hat einmal von sich bekannt: "Der Malerei verdanke ich viel".

All dies ist kein Zufall und hilft uns, albanische Lyrik zu verstehen, die uns nicht selten hermetisch erscheint. Albanische Lyriker und Leser denken mehr als wir in Bildern, statt in Begriffen.










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