Junge Stimmen

Ervin Hatibi
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Ervin Hatibi
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Ervin Hatibi: Pop-ferman
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Ervin Hatibi : Poezi 1995
1974-

Gedichte

Aus dem Albanischen von Hans-Joachim Lanksch

Ervin Hatibi, Schriftsteller und Maler, wurde am 31.5.1974 in Tirana geboren. Als Kind war er Sprecher in Hörspielen des albanischen Rundfunks. Erste Gedichtveröffentlichungen in Zeitschriften mit 14 Jahren, seinen ersten Gedichtband brachte er als fünfzehnjähriger Schüler heraus. Mit 17 Jahren erste Beteiligung an einer Ausstellung in der Nationalen Kunstgalerie. Philologiestudium in Tirana. Weitere Gedichtbände folgten 1995 und 2004. Kunstausstellungen in Albanien und im Ausland. Als junger Mann war Hatibi auch Front man einer Rockband. 2001-2003 war Ervin Hatibi, ein bekennender Gläubiger, Leiter einer religiösen Zeitschrift. Er schreibt Lyrik und Essays.



Februarnächte

Schüsse
Die Nacht wird durchbohrt und tropft
Die Stadt ist voller Katzenwasser

Schüsse, Schüsse

Schlaf stürzt auf die Mütter
Valium
Strömt durch Milchbahnen der Brust

Zivile Angst, feuchtes geweihtes Brot unter Holzbänken

Schüsse, Schüsse
In den Lidern knallt der Schritt schwerer Schuhe
Und minderjährige Soldatenbeine darin

26. Februar 1991



Zweieinhalb Ewigkeiten

Falsche Signale der Ewigkeit
Alarmtöne die einen See von Wunden aufreißen
Genau über den Wildbächen des Überlebens

Braune Bräute verschließen sich im Nu und spüren meinen Geruch
Sie verwandeln sich in Knospen um sich mit mir
Zu umhüllen
Den Kopf haben sie zwischen den Knien
Doch die Tränen in ihnen sind meine
Die Tränen des Brunnens vom Fischmarkt

Fische sind ertrunkene Bücher
Die gerade noch dem Scheiterhaufen entgingen
Ich konnte den verschwundenen Smaragd finden
im Hals des Fisches

Nie hat das Netz mein Buch gefangen
Das die Sterne in den Nächten schreiben
Zwischen Korallen und Wolken die Schachfiguren sind
Vom Haar des Meeres voneinander getrennt
Schwarze Korallen, weiße Wolken
Nahmen meine gute Fee gefangen
Meine Königinnen hat meine Ewigkeit verzehrt
Die eingesperrt ist in einem öffentlichen Haus
Kleine Ewigkeiten, in meinen Fingern verschlossen,
Zeigen Ort und Zeit an
Meine durchsichtigen Finger mit Blutmaniküre
Streicheln die Haare der Gitarre
Die nicht weiß was ich bin

Alarm, falscher Alarm der Vollendung (oder der Ewigkeit!)
Die Hand zupft die eisstarren Haare der Gitarre
Doch das Geräusch ist nicht die Stimme der Mutter
Auch nicht die Mandarine gepflückt vom Orgasmus
Der disharmonischen Braut
Das Geräusch hat nichts mit den Echos von Bräuten zu tun
Sondern bloß
Mit meiner Männlichkeit als Kriegsdienst an der Front
(Auf dem weißen Laken versuche ich die Knie locker zu lassen)
Und ich habe mehr umgebracht als ich verdienen würde Kain zu sein
Denn ich habe auch mich

Mein ganzer Körper, meine Augen sind eine Grundschule
Sobald sie ein Alphabet vergißt erfindet sie ein neues
Der Haken ist daß du dich nicht erinnerst
Denn vielleicht ist es der gleiche Code

Eine Frau, zwei Frauen belauschen meine Ewigkeit, hört eine auf
Beginnt die nächste.

1994



Was treiben die Säufer

und was treiben
die Säufer
in ihrer freien
Zeit
die so frei
auch nicht ist
aber in der Zeit der Gefangenschaft
mein Bruder...
und was treiben
die Säufer
in diesem
Widerspruch
innerhalb der freien Zeit
die teuer
eingesperrt ist
innerhalb der gefangenen Zeit

in der freien
Zeit
schreiben die Säufer
Gedichte
hab ich erraten
das sind die Poeten
einer, zwei, drei
zwei und zwei
drei und drei
einer und einer
sie
füllen
die Anthologie
der albanischen
Dichtung
(ausgeschlossen von dieser Dichtung
sind die die es absichtlich tun)

1994



Ohne Titel und schlaflos

Mitternacht zwängt sich in meine Brust
Wie ein Atmen von Mund zu Mund mit Nonnen oder Sirenen
Durch die zerbrochne Fensterscheibe kommen
Sterne gewimmelt wie Mäuse
Auf das durchnäßte Bett
Stechen mich in meine Glieder
Eine versteckte Flasche
Belauscht mich irgendwo
Eine verwundete Flasche
Belauscht mich irgendwo
(Näher und näher)

1993



Gedicht vom Verlust

Du verstehst nie was du verlierst
Hüpfst herum wie eine Katze im
Grünen Raum deiner Augen

Und ich, beleidigt, gedemütigt,
Lausche dir hinter meinem Schatten

Es wird spät, so spät nach der Trennung
Über der Glut breche ich Reisig
Blase wie verrückt in die Asche
Und werfe Blumen hinein, Kopftücher, Gedichte
Klamotten und alles was ich habe
Und bleibe doch ein armer Nackter
Den das Feuer nicht mehr wärmt.

Du verstehst nie was du verlierst
Hüpfst herum wie ein Blatt in den endlosen Blumengärten
Deiner Augen

Aber ich will dich lieben
Unbedingt

9. September 1991



Ungelebte Kindheit

Im Schweigen meiner Nachmittage
Lärmt
Meine ungelebte Kindheit

Keine Erinnerungen, sondern Träume
(Werde ich etwa einen Wald am Pilzstengel finden
Das dunkle Ei des Wolfs?)

Meine Träume am Nachmittag
Sind nicht erotisch

Ein totes Kind bin ich gewesen
Meine blöde Ernsthaftigkeit hat die Armut vergoldet
Und wenn ich sie anzog, verschwamm es mir
vor den Augen

Ein totes Kind
Einziges Inventar auf dem wurmstichigen
Küchenschrank

Ich wasche mir nicht die Hände
Gabele mir schöne und verrückte Freunde auf

An den Fensterscheiben der Schule Plastiktüten
Die Bücher mache ich kurz und klein
Diese stümperhaften Bücher die mich einmauerten

An meinen Nachmittagen
Meine zukünftige
Kindheit
Ohne Gekritzel

27. Oktober 1991



Auto

In meinen Hosentaschen schlafen
Nicht abgeschickte Briefe
Ich spüre unter der Haut Zeilen flüstern
Umschläge zittern
Eine Philatelie die mir meine Lieben
Nicht aus dem Fleisch reißen können

Das sind Briefe die ich vielleicht geschrieben
Aber an mich selbst geschickt habe
An weit entfernte Adressen
Wollte mir mit den Gründen
Anderer klarmachen
Wo meine Möglichkeiten
Enden

Unter meiner Haut schlafen
Briefe
Ein ganzer Stapel
Briefe die vielleicht abgeschickt werden
Eigentlich sind sie abgeschickt, aber zu mir
Wie ein nicht geleerter Briefkasten
Horte ich für mich ihre Wärme, ihre guten Worte
Die ich für andere so trefflich abgefaßt habe
Daß mir niemand zurückschreiben kann

Oktober 1991



Über die Revolution

Die Zigaretten sind mir ausgegangen an der Bushaltestelle
Beim Warten auf die nächste Revolution
Hier hocke ich
Wie ein versengter krummer Nagel
In der Asche einer abgefackelten Kirche

Wie in Trommelrevolvern
Stecken alle Kopf an Kopf
In den Häusern

Alle Revolutionen sind vorletzt
Und mein Leben immer das letzte, zuletzt,
Billig hast du / habt ihr meine Tränen gekauft
Mein ganzer Körper tat weh vor Liebe
Zum Volk und zur Barrikade.
Ich will sterben und vergessen
Es auskotzen. Sterben, einfach so
Oder nicht sterben wenn ich
Zu einem Zweck sterben soll
Ich werde mir einen Betteljungen nehmen
Einen Mulatten und ihn
Unflätig aufziehen
Ich lade euch alle in meinen Bau ein
Spuckt mir ins Gesicht
Nur soll mich keiner mit seinen Wunden provozieren

Hoch soll sie leben, die neue Fahne lebe hoch
Und jede alte Liebe
Wenn aber wieder der Tag kommt, sind wir wieder auf der Straße
Klar, daß ich dann Steine schmeiße
Auf alle die haufenweise daherkommen
Und alle die allein sind

1991



Nochmal über den Bananenpreis

hinter der Berliner Mauer
wuchsen die Bananen Roms bedrohlich
das Jahr eintausendneunhundert achtzig und nochwas
ein Dschungel aus Beton und Stahl und Panik
der Mensch war dem Menschen ein Wolf oder Mönch, umkreist
von Bananen
auf einer Insel umgeben
von rotem Wasser mit Kohlensäure
ich bin ein Berliner
doch eigentlich bin ich ein amerikanischer Scheck der...
der immer noch evolutionistische Postmarxismus reproduzierte
schwarze Gummibananen
für die Post-
Stalinisten, die Enkel von Derwischen, auf daß sie
unser Volk damit prügeln (Zitatende)
Bananien gestopft voll mit süßgekochten Kartoffeln
die Kartoffel ist sowohl Essen als auch unterirdische Speise
selbstgesät auf den Museumsfeldern von Mauthausen, Treblinka
aus Kartoffeln machen wir Chips; mit der anderen Hand
streicheln wir im Dunkeln
den lauwarmen Bauch des Fernsehers, abgefüllt mit Coca-Cola
Kartoffelchips, nicht Kartoffeln, sind die gleiche Sippschaft wie Bananen
Kartoffelchips und Bananen zusammen mit Coca-Cola,
Brautführer und Mitgift für die Heirat
von Che und Madonna,
kreißten die toten
Bananen Roms
die jetzt eng beieinander
an der gleichen Staude
gezogen wurden
wie schwarze Gummiknüppel

2002



Nochmal über den Bananenpreis (1)

hinter der Berliner Mauer
wuchsen die Bananen Roms bedrohlich
das Jahr eintausendneunhundert achtzig und nochwas
ein Dschungel aus Beton und Stahl und Panik
der Mensch war dem Menschen ein Wolf oder Mönch, umkreist
von Bananen
auf einer Insel umgeben
von rotem Wasser mit Kohlensäure
ich bin ein Berliner
doch eigentlich bin ich noch ein amerikanischer Scheck der...
hauptsächlich Bananen
Made in Africa
malte und aß
grüne Bananen und junge Schwarze
Farbe für unsere grauen Städte
Made in Israel
ich bin noch jung, ich heiße Jassir
die Juden haben wir aus dem Getto geholt
ins Getto haben wir den Glauben gesteckt
der auch von dort kam
Made in Jamaica
grünes Marihuana - die Tanne
vom Vorjahr vollgehängt
mit Bananen
vollgepfropft mit Kartoffeln
süßgekocht
die Kartoffel ist sowohl Essen als auch unterirdische Speise
selbstgesät auf den Museumsfeldern von Mauthausen, Treblinka
aus Kartoffeln machen wir Chips; mit der anderen Hand
streicheln wir im Dunkeln
den lauwarmen Bauch des Fernsehers, abgefüllt mit Coca-Cola
Kartoffelchips, nicht Kartoffeln, sind die gleiche Sippschaft wie Bananen
Kartoffelchips und Bananen zusammen mit Coca-Cola
haben mit Madonna zu tun
Madonna heiratet Che Guevara
um die nächste Ikone
zur Welt zu bringen, umgeben
von Gummiknüppeln
hergestellt
aus dem Gummi der Bananenschalen
in den kaiserlichen Fabriken Roms

2002



Nochmal über die Geschichte des Bananenpreises

hinter der Berliner Mauer
wuchsen die Bananen Roms bedrohlich
das Jahr eintausendneunhundert achtzig und sechs
ein Dschungel aus Beton und Stahl und Panik
der Mensch war dem Menschen ein Wolf oder Mönch, umkreist
von Bananen
auf einer Insel umgeben
von rotem Wasser mit Kohlensäure
ich bin ein Berliner
doch eigentlich bin ich noch ein amerikanischer Scheck der...
der noch immer evolutionistische Postmarxismus hat in diesen Jahren
schwarze Gummibananen
reproduziert
für die Poststalinisten, die Enkel von Derwischen, auf daß sie
unser Volk damit prügeln. ach
die toten Bananen Roms
eng beieinander gezogen
an der gleichen Staude
wie die schwarzen Gummiknüppel
Bananen gestopft voll mit süßgekochten Kartoffeln
die Kartoffel ist sowohl Essen als auch unterirdische Speise
selbstgesät auf den Museumsfeldern von Mauthausen,
Treblinka
aus Kartoffeln machen wir Chips; mit der anderen Hand
streicheln wir im Dunkeln
den lauwarmen Bauch des Fernsehers, voll von Cholesterin
Kartoffelchips, nicht Kartoffeln, sind die gleiche Sippschaft wie Bananen
Kartoffelchips und Bananen zusammen mit Coca-Cola,
Brautführer und Mitgift für Madonna
wenn sie Che Guevara heiratet
um die nächste Ikone
zur Welt zu bringen; Statistik der Zeit, da -
jetzt kann jeder sie zum Geschenk haben
auch wenn er sie nicht mag, (Bonus), 5 Minuten Lobhudelei
es reicht das den betreffenden Minuten beigeheftete
Produkt zu kaufen; die Tagesschau geht weiter (mit der Stimme des Nachrichtensprechers)
- die Einheimischen werden uns die Bananen geben
und wir geben ihnen dann Gummiknüppel, hergestellt
aus dem Gummi der Bananenschalen
in den kaiserlichen Fabriken Roms
(besinnliche Pause oder wieder Werbung)

2002



LYRIK DER ZEIT


(AGENDA)

die Tür aufmachen, die Tür zumachen
mit der Sonnenbrille auf den Sommer warten
das Parfüm wechseln
den Dekor
den Anzug
das Maximum machen
die Fernbedienung benutzen
die acht drücken
die zwei
die sechs
auf den Ton achten wenn du das Telephon abhebst
- am Sonntag wurde gewählt
den Wahlschein reinstecken
für einen Namen
Mann oder Frau - wie letztes Mal
den Glauben wechseln, vielleicht auch das Geschlecht
einen Vorwand finden



(Breaking News) (BBCNN)

wieder Krieg und wieder
die Autos
der Flüchtlinge unter Flugzeugen
tragen persische Nummernschilder
Afghanistans

Ärzte ohne Grenzen
unrasiert
qualmen
außerhalb von
Bob Marleys Pop-Tod



(Chorus)


Chinesen, Franzosen, Senegalesen
Hieroglyphen in schwarzer Tinte zu lesen
alle gleich und doch verschieden
stich uns dann spritzt aus uns das gleiche Blut
die Coca-Cola gleich gut
unsere grauen Jeans werden blaß
gleich poppig klingt auf den Straßen das Echo im Baß
(aber auch der Geruch ist gleich)
frisch rasiert
ist jede Backe weich
und anzuschauen
wie runde "a"-s im Rahmen
italienischer Namen
unsrer Nachbarsfrauen
(gereimt)

2002-3






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