Junge Stimmen

Parid Teferiçi
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Parid Tefereçi
1972-

Gedichte

Aus dem Albanischen von Hans-Joachim Lanksch

Der Schriftsteller und Maler Parid Teferiçi wurde am 15.02.1972 in Kavaja geboren. Er studierte Informatik an der Universität Tirana und Volkswirtschaft an der Universität Mailand. Er lebte von 1994 bis 2005 in Italien, nach dem Studium war er Konservator in einer Bibliothek und Kurator in Rom und Ferrara. 2005 wurde er zum Assistenzprofessor an der Akademie der Schönen Künste auf Sardinien ernannt, kehrte jedoch nach Albanien zurück. Er lebt als Parlamentsabgeordneter in Tirana. Teferiçi hat 1993, 1996 und 2003 Lyrikbände veröffentlicht. Seine Bilder werden auf Einzelausstellungen gezeigt. Er schreibt Lyrik und Essays über bildende Kunst und übersetzt aus dem Englischen, Italienischen und Spanischen (Wallace Stevens, T.S. Eliot, Eugenio Montale, Edoardo Sanguineti, Vicente Aleixandre, Jorge Guillén u.a.).



In einem Land so klein wie dieses

Der albanische Leviathan ist eine Sardine. Die Beratungszimmer der Männer sind Sardinendosen. Hier muß das Recht, um zu bestehen, zweifach, vierfach gefaltet werden.

In einem Land so klein wie dieses, so klein, daß du seine Landkarte im Maßstab 1 zu 1 auf einer Zigarettenschachtel zeichnen kannst, weißt du nicht, wohin und wo du deine Hände aufstützen kannst: auf den Hals des Nachbarn oder auf die Lenden der Frau des Anderen?

An diesem niedrigen Tisch, dicht beieinander, wie sollst du jemanden begrüßen, ohne einen anderen mit dem Ellbogen zu rammen, wie willst du ein nettes Wort sagen, ohne irgendjemanden ertauben zu lassen?

Wir sehen einander in den Löffeln, und wir sind verzerrt.



Cézanne. La montagne Sainte-Victoire

Es spricht der
der die Sandale verlor
und das Gewicht,
auf den Hügeln um Tholonet oder Lauve,
wie Flaumfedern, in Dornen:

Wenn du die Federn als Stachel spürst
ist der Flug wirklich der deine.
Fleisch wird blau,
blau wie alle Farben
wie das Auge, wie die Asche des Gehirns,
plötzlich wieder entzündet, eine neue Flamme.

So schmerzt es den Himmel:
ein Tiefblau
das irgendwo lastet
und überall lasten kann.
Wie der Berg Sainte-Victoire.
Ein Küssen das ein Lächeln
unter sich begräbt.

Was sind die Dinge
die in ihrem Gewicht
zu stecken scheinen,
die Bäume, Wege, Steine,
anderes als blaue Federn
bunt gefärbt
und schwimmend in der Luft?

Falls ich stehen blieb, warte ich auf den Berg -
den Bruder, der einen Moment anhielt
um einen Stein
aus der Sandale zu schütteln.



Wind

Wind weht unter Türen ins Zimmer
Er rüttelt an Vorhängen, Fensterflügeln
Und Decken
Mit vollendetem Eifer
Strengt er sich an
Zwei alte Fotos umzuwerfen
Auf einer vergessenen Kommode
Und wirft diese Briefe hinter den Tisch
An dem ich mich abmühe
Verse zu schreiben

Wind knittert sich hier ringsum zusammen -
Eine Tochter der Luft und des Rauschs
Er kommt, um irgendwo drüben
Aus den Fesseln der Erholung
Leichte Dinge zu befreien - seine Verbündeten:
Seiden und Staub und Briefe
Sie halten wuchtige Möbel
In den Klauen
Der Trägheit

Im Sturmlauf der Unruhe kehrt
Der Wind später, ob er will oder nicht, zurück
Zu einem Möbel das sich nicht vom Fleck rührt
Das nach Harz und Reue riecht
Überzogen von Staub und Faulheit
Und als Decke - Vergessen und nur Vergessen.
(Der Wind der mir durch die Haare streicht
wandelt sich zu Denken).



Taormina. Griechisches Theater

Keine Schauspieler mehr auf der Bühne?

Bin ich allein? -
- ein Stein in einen steinernen See geworfen
der für immer Stufen hinterläßt, konzentrische Kreise?

Ich bin nur der Eindruck allein zu sein.
Doch hier spürt man
die Menschheit, nicht den Menschen.
Ich muß unbeweglich stehen:
wenn ich auch nur einen Schritt setze
entführt mich der Blutpfad der Atriden.

Jetzt prallen in mir
unbekannte Windrichtungen aufeinander.
Werweiß wie viele Flutwellen gerade entstehen!
Meine Stimme schwebt in mir
im Gleichgewicht gehalten von Muskeln der Taubheit.

Kann ich noch rezitieren? Bin ich ähnlich?
Ich spüre es ich nehme das Aussehen aller
ersten
Gesichter an

rutschig
emptyauf Straßen, Bussen,
Stichen in Geschichtsbüchern, Werbeflächen,
Kinoplakaten, im TV;

und meine Hand bringt es nicht fertig
auf meiner Stirn zu reiben.

1994



De obsidione scodrensi


1.
"Ich sehe dich auf mich zukommen,
aber ich bin nicht hier." Hörte ich.

Ich vermag nicht anzukommen
die Straße wurde länger
wie ein Kind sich streckt
um über dem Tisch zu sehen.

2.
Sehnsucht ist eine billige Ware.
Die Grundfesten einer Stadt
liegen in den Wolken
die eines Nachmittags
ein Unbekannter sah
als er in ihren Straßen ging.
In Shkodra verspürst du Sehnsucht
nach allen Städten
besonders nach Shkodra.

3.
Ein gerade Angekommener sieht die Stadt
und erzählt ihr haargenau
seine Kindheit, die Gassen durch die er lief,
Die Flecken von der Zimmerdecke
auf dem Bett,
Schreie wie Glassplitter um einen Ball,
die genauen Daten der Pflaumenblüte
im Garten den er glücklich durchstreifte,
wie er zum ersten Mal das Meer sah,
den Namen seines ersten Mädchens,
und alles andere
schön der Reihe nach.

Nimm den Ankömmling auf:
er bringt andere Wege und Landkarten,
andere schöne Mädchen auf den Plätzen,
andere Bäche und Bäume,
andere Schulen
und andere Gewerbe,
andere Jugend
und anderes Alter.

4.
Shkodra befruchtet in Sanftheit
ein anderes Shkodra
wie ein Feuchtigkeitsriß in der Mauer:

seine Geburtsstadt

zu der du gelangst
wenn du kleine Türen durchschreitest
und so tust als ob du noch nicht gestorben wärest
wenn du hinter die Hofmauern gehst
die mit Bewußtsein gekalkt sind
nicht mit Kalk
wenn du nach allen Stadtplänen
falsch läufst
weil unsere Adressen wir sind,
wenn dich in den Lidern
die Erblindung aller Blinder
aller Toten schmerzt,
wenn du Jahre
lichtfern zurückläßt
deine wirklichen Jahre.

5.
Weil Polizisten nötig sind die Freiheit aufrechtzuerhalten
und Eis um die Idee des Feuers zu konservieren,
Weil viel Schweiß nötig ist
Die Idee des Durstes unberührt zu erhalten,
Weil viele Wunden nötig sind
Um die Idee des Blutes nicht zu zerstören,
Und so viel Zeit
Damit die Idee des Alterns nicht stirbt,
Und noch mehr Zeit
Damit die Idee der Zeit nicht altert,
Shkodra ist nötig
Damit die Idee Shkodra nicht untergeht.

6.
Die Stadt verwandelt den Angekommenen nicht zurück
so wie es niemand vermag
die Kindheit zurückzubringen
den Traum
die vollführte Geste
das gesagte und von allen
gehörte Wort:
die Vergangenheit.

Kinder lernen Laufen, Glocken
läuten.

Ferne Vergangenheit
ist heute jeder Vorübergehende:
unveränderlich, ewig.
Parallele Erinnerungen
werden gesucht wie Blinde
in der Stadt die Shkodra
fest belagert.

1996



Das Auge

Das Auge war einst ein wildes Tier. Es lebte in urtümlichen Wäldern und Höhlen. Es schlief, wenn es dunkel war, jedoch nur selten. Es ernährte sich von dem, was es fand, doch war es, wie uns Augenärzte und Paläontologen erläutern, kein Allesfresser. Überreste von Dingen, die manche Exemplare jahrhundertelang weder zu kauen noch zu verdauen vermochten, können als Illustrationen in den besten Enzyklopädien oder in einigen Museen bewundert werden.

Allmählich wurde es zahm: jetzt ist es ein Haustier. Getrübt wendet es sich hin und her im Zimmer, umgeben von bespannten Wänden, Gemälden, Photographien und Büchern; versunken in den Sitzpolstern der Diwane gibt es keinen Laut von sich. Manche von ihnen sind wirklich wundervoll. Oft folgen sie auf Gehwegen und Straßen beflissen ihrem Herrn, und oft schwören sie "bei meinen Augen". Nur in einigen Amtsstuben ist ihnen der Eintritt verboten.

Trotz allem tut es mir leid. Das arme, es denkt, sein Herr mag es sehr. Niemand schafft es, ihm zu erklären, daß sich sein Herr seinetwegen den Kopf beileibe nicht zerbricht. Beispielsweise träumt er nie von ihm. Das ist nicht wenig, wenn man bedenkt, daß dieses arme Viech, das beinahe nie schläft, stets aufspringt und stramm steht, sobald sein Herr erwacht. Der reibt es liebkosend, wäscht es tüchtig und geht dann zur Arbeit.

Und dennoch pflegt das Auge, treu wie es ist, im Dunklen geduldig zu warten, bis sein Herr aufwacht.



Perspektivisch gesehen

...sarebbe stato il più leggiadro e capriccioso ingegno che avesse avuto da Giotto in qua l'arte della pittura, se egli si fusse affaticato tanto nelle figure ed animali, quanto egli si affaticò e perse tempo nelle cose di prospettiva.

VASARI


DONATELLO

Perspektivisch gesehen fahren Kutschen auf einem einzigen Rad,
Pferde verstecken sich hinterm Schwanz; Bäume - unterm Gras
und Menschen haben keine Hände um einander zu begrüßen.
Was bleibt von uns jenseits unseres Blickes?


PAOLO UCELLO

Der Mensch ist, perspektivisch gesehen, sein Blick.
Unser stärkster Punkt, der als letztes aufgibt,
ist der Punkt als der wir von fern zu sehen sind.
Mit ihm, einzig mit ihm, gelingt es den Hebeln
des Lichts uns auf unsere Würde zu heben.

DONATELLO

Die Entfernung ist die Mauer die uns trennt
von der Wahrheit, von den Formen.

PAOLO

Es ist die Mauer worauf die Wahrheit Schatten wirft
und deren Form wir zeichnen können.

DONATELLO

Aber das Licht, sei es noch so stark, reicht nicht.
Wie denn sollte der Blick genügen können?

PAOLO

Verwechsle den Blick nicht mit dem Licht:
der Tod verwechselt den Bauern mit der Erde.

DONATELLO

Ja, eben, perspektivisch gesehen sind wir tot.

PAOLO

Wir sind unser Blick. Der Tod - eine Form.



Mise en scène

Ich würde heftig klatschen wie heute abend
Hier auf der Veranda Raki schlürfend
Wenn man plötzlich vor mir meine Agonie
(sei es auch nur einaktig) inszenieren würde.

Wie gern, ach wie gern hätte ich es jetzt
Gesehen zu werden, Auge in Auge,
Von meinen zufallenden Augen
Und endlich klar zu verstehen:

Wie er mich sieht, Stunde um Stunde,
Wie er mir ein Lebewohl sagt
Dieser Teil von mir, der stirbt, stirbt,
täglich, unvermutet, unverständlich.



Der Dichter

Sie zielen auf mich wo ich nicht bin.

Kann sein, sie heben meine Hand vom Tisch hoch
Wollen sehen ob ich mich da versteckt habe.
Kann sein, ich muß jemandem einen Weg bahnen
Der sich abhetzt mich zu finden.
Kann sein, sie zünden mich an
Um mich im Dunkeln zu suchen.

Wie immer ich mich vor der Mauer aufstelle
Sie treffen mich nicht.



Wo wirst du sein

wenn kein Raum mehr leer ist
zwischen meinem Traum und dir

wenn die Lebensalter herausgerissen sind
wie Splitter die in uns stecken
zwischen
Fleisch und Fingernägeln
ganz genau

wenn du Ema heißt
und eine andere bist,
unabhängig vom Ungestüm
deiner Grenzen,
wenn auch wirklich
wenn auch unausweichlich
(nichts Unberührbares
ist so tief
wie Berührung)

ausgebreitet im Gefäß der Zeit
wie Wachsformen, ohne Geometrie,
glanzlos,
mit inneren Dimensionen
durchsichtig, in Wettern
virtueller Innereien
wenn anatomische Jahrtausende -
emptyemptyblutleerer noch
als deine bleiche Haut
als mein unvollkommener Blick -
emptyemptydein Gesicht fixieren
wie sumerische Münzen
wie assyrisches Gekritzel

und der Kalk
deines Lächelns
rechtzeitig gelöscht ist
wie, zu guter Letzt,
Pantagruels Hunger,

und die Vervielfältigung deines Schattens
an der Mauer der Blendung
die Gesetzmäßigkeiten des Blicks
ewiger Dinge
zum ersten Mal und
unerwartet überarbeitet?



Erste Bitte

Die Jungfrau R. zögert, den ersten Knopf zu öffnen

Kann eine Blume sich in ihrem Duft verschließen?
Kann ein Zebra sich in einem einzigen schwarzen Streifen verstecken
und die Katze hinter einem Miau in Fis?
Und eine atemberaubende Reise
in einem kitschigen Andenken?
Kann sich die Zeit in ein Haus
kauern und sei es auch noch so groß?
Wie kann sich denn der Tag
mit seinem strengen Stundenplan
in einen Schrank einschließen
und mit dem Leben Verstecken spielen?

Kann sich der Himmel in einem Atemzug verstecken,
die Wunde hinter Schorfen, das Meer hinter einer Welle?
Kann sich einer von uns
in uns beiden verstecken?
Wie kannst du dich dann
in meiner Liebe zu dir verstecken?



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