Junge Stimmen

Romeo Çollaku
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Romeo Çollaku
1973-

Gedichte

Aus dem Albanischen von Hans-Joachim Lanksch

Romeo Çollaku wurde 1973 in Saranda geboren. Er studierte albanische Sprache und Literatur an der Universität Gjirokastra. Çollaku lebt in Athen. Er hat drei Gedichtbände und einen Roman veröffentlicht. Er übersetzt Lyrik aus dem Griechischen (Giannis Ritzos, Odysseas Elytis, Konstantinos Kavafis, Giorgios Seferis) und Französischen (Stéphane Mallarmé, Paul Claudel, Arthur Rimbaud). Er gewann einen Übersetzerpreis.



Wanderung

Wir wissen nichts aus unserer fernen Vergangenheit,
bevor unsere Wiegen an Dachbalken baumelten,
bevor uns unsere Mütter das Universum
um die Haut legten und uns damit umhüllten.

Woher kommen wir und warum? Einquartiert
in der Welt, weinerlich und gedächtnislos;
wir stammelten nur Laute einer vorigen Sprache,
um dem Filter von Zwischenleben zu entgehen.

Geduldig folgten wir Bergbächen und stießen auf Meere,
folgten dem Pollen und fanden Mädchenlippen,
wir kehrten um und entdeckten unseren Ursprung:
alle Wege führen zum Wort.

Es ist Zeit zum Weitergehen. Für gutes Gelingen
werfen wir in den umgedrehten Bettelhut
Ikonen, Bücher mit Gedichten, Partituren,
Muscheln, Zeichnungen. In Morgendämmerungen

finden wir dann Menschen, versammelt um Licht und Traum,
Kinder, versammelt um das Kreuz. Und es werden uns
die Bäume, die Steine und die Flüsse weiterhelfen,
nicht abzuirren vom Weg zur Ewigkeit.



Reportage aus dem Alltagsleben der Pappeln

Die Pappeln längs der Landstraße wissen, daß sie in einer üblen Welt leben, und ihr bekümmertes Rascheln ist eine Klage über ihr ungerechtes Geschick, das sie hierhin zwischen Staub und Benzingestank gepflanzt hat. Selten nur denkt der Himmel daran, sie mit einem maßvollen Regen zu waschen. An diese Art Terror sind sie aber irgendwie gewöhnt und Staub und Benzin stören sie nicht mehr so sehr wie das gelegentliche Kreischen der Motorsägen, das achtlose Pfeifen der Säger oder der schmerzliche Anblick eines Mitleidenden gegenüber mit seiner verkrüppelten Gestalt. Die Rinde der Pappeln überläuft ein Schauer, ihre Zweige zittern. Sie fürchten sich vor dem Morgen, verschließen sich in sich selbst und zählen die Übel, die dem Pappelleben drohen. Dergestalt leben sie in einer üblen Welt. In einer noch übleren als sie es in Wirklichkeit ist.




Haiku

I - Wasserhahn versiegt,
Spiegelbrüche; im Garten
blüht die Kamille.

II - Der Wind umschmeichelt
die Felsen von Senitza,
die Ölbäume auch?

III - Kein Wort vom Aufbruch;
blau sind unsere Blicke,
vertaut die Boote.

IV - Himmel, Vögel, Wolken;
hinter abgefallnem Laub
lauscht ein Verstorbner.

V - Gestein und Brachland,
ihre Wüsteneien
hat auch die Zeit.

VI - Doch du, sanfter See,
mit deinen siebzehn Wellen,
was willst du sagen?



Vor dem grossen Gericht

Er fühlte sich wie zu Haus, als ihn Sankt Peter und die Engel begrüßten; Blumen, die der Wind in alle Richtungen schwenkt, Zwitschern, Rauschen, Wehen; allenthalben Ergriffenheit und Frieden. Sankt Peter fragte ihn nach seinem Namen, er sagte ihn. Er fragte, woher er sei, und er begann zu erzählen. "Kürzer, kürzer", sagte Sankt Peter und fragte ihn dann, was er im Leben gewesen sei. "Dichter", antwortete er, "Dichter bin ich gewesen". Er verfiel in Schweigen und über dem Haupt der Engel begann ein Blatt zu tänzeln. Wieder ergriff Sankt Peter das Wort: "Wer im Leben den Stoff wählt, den der Vater gebraucht, wird hier oben liebevoll belohnt. Du bist, sagst du, ein Dichter, aber wie kannst du uns davon überzeugen?" Er griff mit der Hand in die Hosentasche und zog einen Weißfisch heraus.



Adams Verteidigungsrede

Auf keinen Fall
hätte ich aus meiner Rippe eine Frau gemacht,
eine Eva, eine Maria, eine Margaretha,
lieber ein Feuer,
ein einziges, prasselndes Feuer
lieber eine malerische Oase,
denn die ist das Leben selbst,
lieber ein warmes Nest für das Wort,
einen Mond, im Wasser gespiegelt,
einen kleinen Tautropfen,
den wir betrachten,
lieber eine Hirtenflöte
(es wäre nicht keine Mühe gewesen),
lieber einen Sturm oder eine Windstille,
unschädlichen Alkohol
für verzweifelte Dichter,
lieber eine Rose oder einen Vogel,
dessen einzige Sünde das Gezwitscher ist,
besser einen Baum
mit Obst von zweierlei Geschmack,
noch lieber eine andere Sonne,
die uns immer vorgeschwebt hat,
oder ich hätte
einen Fluß oder eine Seelenmesse,
Laub oder Nebel,
eine Kaktee oder Gasse hervorgebracht...
Auf alle Fälle aber
hätte ich die Frau ebenso gemacht.



Das Zimmer

... ich hab den Schlüssel versteckt
hinterm Wort
unter der Ziegel mit
dem Zeichen.

Du wirst mir folgen
um das Aussehen zu verändern
das mein Blick
den Dingen gab.



Statue

Da stand eine Statue, die einen in Versuchung führte, einen bewegte. Aus der Ferne glich sie einer Frau, beim Näherkommen jedoch verwandelte sie sich in einen Tiger. Wunderschön gearbeitet: manchmal verzauberte sie dich und dann wieder flößte sie dir einen Schrecken ein. Ich ging auf sie zu voller Verlangen wie alle anderen und lief fort wie sie. Ich rannte und rannte. Und, während ich davonlief, nagte an mir die Reue, weil ich eine Frau verließ.



Triptychon über den Traum

1

Der Traum ist
eine andere Sprache,
gemustert
schwarz auf weiß.

Und so schlicht
sein Alphabet:
Lämmer,
Pferd,
Mandragora,
Pfingstrose...

2

Treu wie der Tod,
ist der Traum
der Puls des Dunkels.

3

Der Traum kann
das Herz des Menschen sein,
da es Menschen gibt
deren Körper die Nacht ist.



Letzte Atemzüge

I

Erschein mir
manchmal

das Gedächtnis
hab ich verloren

II

ich vegetierte
mit dem Atem
der Orange

III

der Musiker
leidet

aus Poesie
des Sands
macht er
Lieder

IV

Flügel
und Wolken

hat der Himmel
nicht

V

in mir
ersteht
der Phönix
der Sinnlosigkeit

Liebe
ist
ein Privileg
der Toten

VI

die letzten
Strahlen
des Sonnenuntergangs

ein Grabspruch
für meinen
Schatten

VII

ein
Vogel
fliegt
himmelwärts

dorthin wo
die Vision
eines Vogels
fliegt

VIII

das Herz
nährt sich
von euch
ihr
blauen
Adern
der Dämmrung

IX

bei denen
die von falscher
Frische
satt sind
versengt mich
der Durst
der Oasen
nach Menschen

X

vor Tag
massakrieren
hysterische
Kannibalen
aus dem
Schlaf
geweckt
die unbestattete
Leiche
des Monds

XI

im Chaos
im Chaos
und
im Chaos
gibt es
Tage
an denen
nur
das schauervolle
Schreien
der Seen
zu hören ist

XII

am Sonntag
tragen
Vögel
und
Wiesen
Namen

Menschen
sind anonym

XIII

die Erde
zerspringt
vor
Ungeduld

einen jeden
schreckt
sein Tod -
der Tod
aller

XIV

Dächer
tropfen
wenn
Reue
das Gedächtnis
geißelt

XV

selbst der Wald
versagte uns
die Freundschaft

nur
der Tod
wird
meinen Geschmack
kennen



Sonette über das Sonett

14 Verse sind immer ein Sonett.
14 Lieben sind ein Sonett.
14 Generationen von Abraham zu David sind ein Sonett.
14 Gräber sind ein Sonett über die Auferstehung.
14 Rosen eines Blumenstraußes sind ein Sonett.
14 Marmorstufen sind ein Sonett mit Blankversen.
28 Tage des Februars sind zwei Sonette.
14 Don Quijotes jedweder Epoche sind ein verpatztes Sonett.
14 Jahre bist du alt und wirst erwachsen.
14 Stumme sind ein hermetisches Sonett in ihrem Unglück.
14 Träume sind ein verschollenes Sonett von Ronsard.
14 weiße Blätter sind 14 Sonette.
14 Sonette sind ein einziges Sonett.



Tanka

Das Wort Lachsforelle
riecht nach See;
das Wort Pelikan
schickt sich an
die Flügel auszubreiten;
Unendlichkeit
hindert es daran.



Das Sparschwein der Zeit

Dunkel senkt sich herab und gießt schwarze Tinte über das Dorf, im Hof sind die Augen des Hundes wie zwei erloschene Öllampen, du nimmst die Ellbogen nicht vom Fensterbrett noch löst du den Blick von den Pflaumenbäumen, den Zäunen und der Gasse.

"In der Nacht des Hl. Demetrios ist Zeit zum Schlafen und zum Denken", sagt dir eine Stimme, eine dieser raunenden Stimmen, und versonnen stehst du stundenlang da.

Und, stehst du endlich auf, zerbrichst du versehentlich ein Porzellangefäß (eine alte Angewohnheit, du kannst nichts dagegen tun).

Du zündest die Lampe an und nimmst die graugewordenen Münzen aus deiner Kindheit wahr, die auf dem Boden verstreut liegen.



Nachdenklich

Nebel und entblätterte Pflaumenbäume und ein Regenmadrigal auf dem Dach,

da wo alte Frauen den Kindern Märchen und Balladen voll magischer Zahlen erzählen; sie füttern sie löffelweise mit Butzemännern und Süßigkeiten: Schnell, schnell, sonst kommt die Eisenzähnige! Schakale sind einmal durch den Schnee gelaufen gekommen, wollten das Dorf einkreisen! Ein wutschnaubender siebenköpfiger Drache hat sich des Brunnens bemächtigt.

Drei Berge, sieben Häupter, neun Wiegen...

Und die Kinder gehorchen und essen, sie kauen bedächtig und in Gedanken versunken, ihr Blick verliert sich im Schummerlicht hinter den Fenstern.



Das Lied der Feldlerche

Ihr Lied glich dem Gemurmel von Zaubersprüchen; leichte Körper, frei von der schweren Last des Lebens.

Wohin Müdigkeit, Kummer und Verzweiflung entschwunden sind, sagt niemand.

Da, ein schwarzes Zeichen auf den Feldern wird kleiner und kleiner,

so wie, im Schneegestöber des Abends, die hastige Silhouette des Priesters vom Haus des Schlafwandlers zur Kirche.



Gegenüber

Zwei kleine Hügel einander gegenüber und ein Zickzackweg dazwischen.

Zwei kleine Hügel einander gegenüber; auf einer Seite summen rote Bienenkörbe.

Auf der anderen weiße Bienenkörbe, schweigend.



Stilleben, sehr still

Geschrumpelte Früchte in einem Strohkorb und eine zerknüllte Serviette an den Ecken des Eßtisches, der Abwesenheit einer Hand singen sie Hymnen; der Wind blättert das Buch nicht mehr auf bis zur Seite mit dem Eselsohr.

Die Geister der Möbelstücke sind eingesperrt in Kernen aus Holz, sogar in eingemauerten Trugbildern, und Schweigen ohne Ende.

Das kalte Gestell.



Elegie

Dein Kopftuch, Großmutter, das schwarze, wird die Erinnerung weben wie der Nordwind endlos Garnwinden haspelt über unserem eiskalten Viertel.

Du stehst früh auf, den Kaffeetopf in der Hand, wenn unter der Asche glimmende Kohlen den Abend am Feuer preisen,

mit kleinen Schritten, die meine Kindheit in mein Gedächtnis grub, mit den Falten, die die Nacht noch mehr gerunzelt hat.

Ah, der Herbst geht mit dem wilden Sturzbach auf und davon, und kommt dein Rheuma, kommt auch der Winter.




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