LEITARTIKEL

Neue Lyrik aus Albanien
Please_leave46
Foto: Aurel Duka
Hans-Joachim Lanksch
Gastredakteur

Von Albanien weiß man gemeinhin wenig, am ehesten noch nichtssagende oder schiefe Klischees wie "Land der Skipetaren" oder "Land der Adlersöhne". Von der Literatur kennt man wohl den Namen Ismail Kadare, vielleicht noch Fatos Kongoli; weitere Namen sind in der Regel nur speziell Interessierten und Insidern bekannt. Obwohl von albanischen Autoren auch Romane von Rexhep Qosja, Kim Mehmeti, Besnik Mustafaj, Kasëm Trebeshina oder Lyrikbände von Martin Camaj, Azem Shkreli, Ali Podrimja in deutscher Übersetzung vorliegen, andere Autoren in Zeitschriften und Anthologien kennenzulernen sind und Bücher weiterer Autoren ins Englische und Französische übersetzt wurden, ist die albanische Literatur auf der literarischen Landkarte Europas weitgehend ein weißer Fleck geblieben.

Der in dieser Nummer von Transcript vorgelegte Einblick in die neuere Lyrik Albaniens erhebt nicht den Anspruch, vollständig zu sein - er kann es nicht sein. Die neuere Literatur Albaniens weist eine beachtliche Reihe interessanter und guter Lyriker auf, nicht alle konnten hier Platz finden. Zu bedenken ist auch, daß hervorragende Lyrik in albanischer Sprache nicht nur in Albanien, sondern ebenfalls im Kosovo, in Makedonien und in Süditalien geschrieben wird.

Die gegenwärtige Lyrik Albaniens befindet sich in einer komplexen Situation. Hinter ihr liegt fast ein halbes Jahrhundert stalinistischer Diktatur, in der die kunstfeindliche Doktrin des Sozialistischen Realismus herrschte. Sie kollektivierte die Literatur in gleicher Weise wie die Landwirtschaft, zwang ihr eine "Poetik des Typischen" auf und merzte Individualität, Subjektivität und Kreativität aus.

Nach 1990, nach dem offiziellen Sturz der kommunistischen Diktatur in Albanien, galt es zunächst, das verheerende Erbe des Sozialistischen Realismus mit seinem Primat des (politisch "richtigen") Inhalts abzuschütteln. Das danach einsetzende Tasten und Suchen nach Individualität und eigener Identität brachte und bringt eine erfreuliche Ernte hervor. Wir haben in der heutigen Lyrik Albaniens ein reichhaltiges Tableau junger, origineller, individueller Künstlerpersönlichkeiten vor uns. Dabei fällt die Vielfalt der Motive, Themen, Töne und Formen, die reichhaltige Palette der Ausdrucksmittel und der bewußte und sorgsame Umgang mit dem Medium Sprache ins Auge.

Positiv zu verzeichnen ist auch, daß heute in der Lyrik Albaniens die Domäne der Männerwelt gebrochen ist. Lyrikerinnen sind aus dem literarischen Geschehen Albaniens nicht mehr wegzudenken. Sie erfrischen und beleben die festgefügte Welt patriarchalischer Männerweltstrukturen in der Literaturszene, manche von ihnen auch durch Tabubrüche.

Die Lyrikszene Albaniens lebt und gedeiht. Sie täte es nicht, es gäbe sie in dieser Form nicht ohne geistige Stammväter, ohne Autoren, die von totalitärer Verfinsterung unbeirrt künstlerischen und moralischen Werten die Treue hielten. Von ihnen seien hier zum Abschluß Martin Camaj, Kasëm Trebeshina und Frederik Rreshpja genannt.










© University of Wales, Aberystwyth 2002-2009       Home  |  @ Kontakt  |  Zurück zum Seitenanfang
site by CHL