Neue Stimmen

Arian Leka
Please_leave133
Arian Leka, 2004. Foto: Robert Elsie
1966-

Gedichte

Aus dem Albanischen von Hans-Joachim Lanksch

Arian Leka wurde 1966 in Durrës geboren. Leka ist ausgebildeter Musiker (Flötist). Er ist Herausgeber der Lyrikzeitschrift Poeteka und Organisator des gleichnamigen internationalen Lyrikfestivals in Durrës. Er schreibt Lyrik und Prosa. Albanische Kritiker und Kollegen bescheinigen ihm eine "Lyrik, geschrieben de profundis und gesungen in excelsis. Arian Lekas Denken und Fühlen vollzieht sich in Sprache" (Xhevahir Spahiu) und musikalische Strukturen, mit denen er nicht einfach nur ein Gedicht, sondern sein ganzes Schaffen "komponiert" (Gentian Çoçoli).



Er stirbt

Er stirbt.
Der Wald stürzt ein
Ferne Vögel kommen
rauben ihm die Stimme, stürzen flugs davon.

Der Tod nie Muschel.
Nicht schenkbar als Souvenir.

Die Seele hoch oben, von Flügeln gefolgt.

Er stirbt.
Mit ihm stirbt dann der Bach
die Augen im prächtigen Fluß.

Wer beruhigt nun das Flugzeug,
das kein Vogel mehr ist?

Wind kommt auf, Wald, Pelikan
sie plündern, erschaffen alles neu.

Der Dichter stirbt.
Am Schluß, zuallerletzt, die Akademiker.
Der leere Sarg bedeckt - von ihnen.



Messbuch

Für Lasgush Poradeci


Die Fischer ziehen los, in Reih und Glied,
die Schilfrohre biegen sich - heilige Eremiten.

Ein kleiner Kahn mit Mastbaum und Segel -
die Kapelle, die Ertrunkenen feiern die Messe jeden Sonntag.

Mit dem Schatten des Dichters fischen sie dann
Fische, die sich wie ich getrauen Flügel zu haben...



Psalm

Der Skorpion tanzt
verbrennt die Beine auf Sternen im August,
keiner kennt ihn,
keiner,
ein Kind knackt frische Nüsse auf Steinen -
Ketzerschädel werden drüben zerquetscht,

Quichote, Skorpion!
die Finger des Verstandes braten in der Glut
und ertrunkene Menschen, die Insel Sazan,
sollen sie doch besser Fäkalien ähneln,
die Fähren, die mich überfahren, hier zurücklassen,
als den Verrückten,
emptyden Fortgelaufenen
emptyempund den Einsamen.

Don Quichote,
Biene der Erinnerung,
heut nacht fielst du mir ein auf der Insel,
der Skorpion vollzog das Ritual,
senkte den Stachel ins Hirn,
daß ich nicht sündelos bleibe.



In Memoriam

Es kommt diese Jahreszeit
die Seele macht Platz
für alle Verjagten
die der Tod lädt
für alle Geliebten
verborgen in meinem Gedächtnis
in dem die Lüge beginnt
die mit Vergessen anfängt.

emptyemptyschwere Gitter fallen
emptyemptyund der Regen
emptyemptywird mein Haus schließen
emptyemptyals sei es eine Muschel
emptyemptyvergiß den Glanz, du Herz
emptyemptyund der Rost
emptyemptywie zu Gott gegangenes Laub
emptyemptyweit fort.

bald kommen die Träume wieder, sie schliefen
drei Jahreszeiten,
die Alpträume, die Ungeduld
werden mich wieder ersticken
in dunklen Ecken
aus zarten Eiern
schlüpfen bald die Schlangen
meines Kummers der keinen Grund kennt.

und das Leben ist gestern,
einmal, irgendwann
und ich bin ich war,
bin gewesen, heuteheut
vergessen wie ein Kreuz, weggeworfen
ins Wasser
in die Erscheinung in der nichts
die Seele hebt

emptyemptywarum schickst du mich wieder
emptyemptyzum versunkenen Boot?
emptyemptysoll ich erfundene Engel
emptyemptyunter der Zunge begraben?
emptyemptyden Mond wenden
emptyemptywie eine zerschlissene Jacke?
emptyemptyGott, warum vier Jahreszeiten?
emptyemptyIch bin eins und allein.


VI. Andantino

... zur See fahre ich immer seltener mit dem Schiff des Schlafes, die Wimpern, Flügel für Augen, stürzen herab und werden müde Segler, ich hatte eine schöne Blume, ich werd' sie haben, sagte ich,
für
dich... sie blendeten mein drittes Auge, den kleinen Bruder, wer wird mich jetzt erkennen inwendig, und der Zahn, der eines Abends auf dem Dach der Dämmerung mir den Schlaf raubte, wird einst mein Goldmond werden, "halt durch!" sagt mir eine verzauberte Kuh mit Hörnern aus Silber, denn die Götter halten Wort, von den Hügeln dreht eine Zaunrübe den Kopf herüber, ist nicht willig, zur königlichen Kutsche zu werden, die Wünsche als Laubwege gesät, eine Jahreszeit, die keine Äpfel ißt..., Erinnerung ist eine Wunde, ein Kranz von Zähnen im Fleisch, die Wolke sang drei Mal, dämmerte herauf, ein einziger Himmel für so viele Propheten, komm zurück, zurück zu mir Zwerg, goldener Riese, Kyklop, Grindköpfiger mit einem Haar wie das Horn des Einhorns, auf dem Teppich Fliegender, Mary Poppins, Knüppel-aus-dem-Sack, Nix, Der Graue..., Peter Pan! Mein Gott!
Peter Pan!

er schob das Leben-Nehmen auf in eine andere Jahreszeit,
emptydenn das Leben des Kindes ist eins,
emptyempGnade, nicht auf Kunst warten...,



Rondo

In meinem Körper
emptylebt ein Barde
ich gedachte, ihn zu töten...,
emptyals Meeresfisch
in honigsüßem Süßwasser
emptysollst du leben, Barde
ich glaubte nicht, daß ich töte..., ich weiß nicht, wo er lebt,

emptyim Kopf, in den Armen,
emptyim Bauch, unter der Zunge,
emptyich gedachte, ihn zu töten...,
emptyin den Augen, den Fingernägeln
emptyim Haar, auf der Stirn
emptyden er sagte mir "schweig!"

wie der greise Astsäger
wenn der Frühling wiederkehrt
und das Auge auf den goldnen Zweig pfropft,
doch ich glaubte nicht, daß ich ihn töte
den weißen Barden emptyemptyich kann es nicht,

emptyeptyemptyeinen Arm abzureißen
emptyemptyemptyein Auge herauszureißen
emptyemptyemptydiesen armen Kopf abzureißen
emptyemptyemptywo lebst du,
emptyemptyemptysagst wieder "schweig"
emptyemptyemptywenn ich dich wegschleudere wie der Himmel die Wolken

und so, abgeschnitten, zerbrochen und gespalten
fällt er selbst zu Boden, ohne Kopf, ohne Stirn, ohne Arme
und der Wind mög mich säen
und mich zudecken,
zusammen mit dem Barden
daß ich wieder... bin...,

denn ich beschloß dieses Mal
ihn zu töten.

empty.................................
empty.................................
empty.................................
empty.................................

Deinen Körper
betritt ein Barde
nimmt Platz...,
Irrtum des Paradieses.



Die Blumen des Blöden

Festung Rozafa,
ihr anderen Göttinen
mit Zopf oder Schwanz,
was tatet ihr ihnen
was sangt ihr ihnen ins Ohr
machtet sie irre,
machtet sie mir närrisch
die Armen,
meine Albaner?
Ruhig waren sie - still
ohne kolumbus, ohne christus
und wußten nichts
vom Tee
aus Blumen des Blöden.



Herbst in Durrës

Septemberregen
verkeilte den Pfeil in die Weide
das Blut des Blattes erkaltete
und das ist ein Zeichen
für Früchte, die im Schlaf sterben.

Niemand geht im Meer unter außer alten Frauen aus dem Südosten
sie waschen die Pluderhosen mit der Sünde des Herbstes.

Flutzeiten genährt mit gesiebtem Sand
an der Klippe
Rost von Schiffen
den der Wind vom Vorjahr
aussäte wie Feuersglut.

Das gefederte Bett des geliebten Toten
auf dem niemand sich schlafen legt
wird aufgeschüttelt mit Laubskeletten
und Fischkot
ich begrab es in der Gurgel
und den Namen
verwisch ich mit dem Ärmel.



Fünfstimmiges Madrigal über den Drin-Fluss

emptyemptyJuni


Der Drin stirbt wie Männer im Bett
Er konnte beileibe den Lauf des Wassers nicht ändern
Wenn die Burschen von Feldern kommen die Füße mit Schlamm waschen
Im Herzen des Wassers das schweigt

Die Fische versteinter Ufer in der Furt
Sind weißer Sand, Kieselsteine
Und junge Frauen heben nicht mehr den Saum des dicken Rockes
Wenn sie sich durch Schluchten ohne Strudel zwängen

Der Drin ist im Sommer eine erschlagene Schlange
Bringt Glück wenn du ihn überschreitest
Mit Augen, mit Worten, mit dem rechten Bein
Und den Fingern in den Ohren.



emptyemptyJuli

Anstelle des Herzens mußt du einen Fisch haben.

Der aus den Bergen hat über der Schulter
Einen Beutel mit Sand der zu Zunder wurde
Er zweifelt nicht daß es Glückssteine sind
Denn der Pater in der Sonntagsmesse
Hat gesagt
Der heilige Lazarus wird auferstehen
Und der Drin der sich in seinem Bett verlor und starb
Kommt wieder wenn die Vögel aufbrechen im Herbst
Und die Mädchen ein wenig von der Schlangenhaut nehmen
Das Böse zu verschließen
Das Glück bald zu erleben.



emptyemptyAugust

Wer hat blaue Tücher an den Himmel gebunden?

Der Mond wäscht die Federn im Fluß
Entkleidet die weißen Wolken und steht splitternackt da
So oft die Sonne kaltes Blut trinkt und sich an Schaum berauscht
Um den ertrunkenen Dürren klagt
Der mit aufgeblähtem Bauch kommt wenn er schläft
Mit dem Wind kußverschmolzen Schnabel an Schnabel
Dieses süße Wasser erschlägt noch mehr
Wenn es sich sanft ins Meer ergießt

Der Drin starb, schlimm und aberschlimm, im Bett
Wie die alten Männer die der Dichter De Rada nicht mochte.



empSeptember - Lied mit großem Chor

Der Fluß kommt und fließt zurück aus der Luft /
emptywie ein zusammengekrümmter Heiliger im Himmel
In Tröpfchen und Tüpfelchen mit einem Schnabel wie ein Vogel /
emptyströmt und strengt sich an sie auf der Erde wieder einzusammeln die flaumigen Federn die er vertreut hatte /
emptyals der Mond sich auszog am Ufer um sich zu trocknen
Und zu Stein und Kiesel alles verwandelte /
emptymit Fischen und Bäumen und jedes Auge das sah
Wie er sich kämmte überm Wasserlauf der mit sich selbst sprach /
emptyWorte des Dunkels aus einem andern Leben
Wo das Wasser über die Ufer tritt und sich trennt von den Gewässern /
emptyohne Schreie, ohne Schmerzen, ohne Wehklagen und Küsse
Um wider einen Fluß zu gebären den er ersann im Traum /
emptyruhig und sanft von buckliger Gestalt und krumm
Einen Fluß der austrocknet und sich empowindet /
emptywie der Drin wenn er mannhaft stirbt im Bett.



Eine Mär

Die Fischer lügen nicht
sie träumen
mit ausgetreckter Hand - Bettler auf dem Meer
wissen vielleicht nicht
haben letzten Endes nicht mitbekommen
daß man den Glücksfisch nicht tonnenweis jagt

Gestorben sind die jungen Burschen
zur Zeit des alten Mannes mit drei Wünschen am Angelhaken
und stundenlang warten die Fischer
die Hand ausgebreitet über die Wasser, sie pochen mit dem Fischnetz
das Brot möge herunterkommen

Gelber Kot
Salz und Träne
tropft vom Schweif des Mondes
wenn Nachtdunkel herrscht - eine gute Zeit
und wenn sie an Gott glauben.



Der Schlaf des Auges

Leg dich nicht aufs Feld
auch nicht diesen Frühling
denn das Gras sprießt
die Schwertlilie steckt dir tief tief im Körper
du verspätest dich mit diesen Wunden
vergißt mich ganz
kommst ergraut zum Stelldichein.

Schlaf nicht am Berg
der Sommer tropft
die Grillen sind erwacht
und springen dir ins Ohr
du hörst nicht mehr wenn ich dich rufe
du hütest dich vor den Sternen die sich vor dir ängstigen.

Schlaf auch nicht im Herbst
wenn Weintrauben geerntet sind
der Rausch selbst den Todesschlaf übertrifft
süß ist die Flucht in andere Jahreszeiten
doch nicht, wenn Herbst ist
und dir etwas verspricht.

[Phantasieren, Delirium
da, was hören die Ohren
die Finger haben Augen
wenn das Herz einen Mund hat]

Im Winter ist nicht gut schlafen
es ist so kalt
daß die Eier nicht aufspringen und das Herz nicht keimt
sogar die Gedanken wearten auf einen anderen Mund
unter der warmen Borke frieren selbst die Träume
die Erde sagt: stirb, aber nie: schlaf nicht
wenn es so schmutzig ist
und eine Stimme dich schützt
vor dem Himmel dem Tagelöhner
der Vernunft, der Wöchnerin.



Mit Muscheln schlafen

Die Kinder schlafen am Ufer offenen Mundes
Liegen mit Muscheln am Wasser
Und spielen im Schlaf
Die Träume pusten Luftblasen
Zwischen Himmel und Meer
Die blauen Zwillinge.

Die Kinder schlafen auf offenem Sand
Sprechen im Traum von der Welt, die sie sahen
Bringen aber keine Zeichen mit hinterließen keine Spuren
Und die Luftblasen platzen zerplatzen in der Luft
Jene Welt zerbirst bricht auseinander lärmt
Die Augen der Kinder kommen aus der Muschel hervor
Die Träume hörte ich im Fieberwahn
Trocken werden sie treten aus dem Meer auf den Sand

Die Kinder schlafen am Ufer
Kein Schaum im Meer und am Strand.



Klagelied

emptyemptyDer Himmel

Ich habe Angst
ja ich habe Angst denn eines Tages
die weißen Wolken die plötzlich über der Stadt stehenblieben
schienen bunte Haken zu säen
ich habe Angst
ich habe ein wenig Angst
denn an einem Tag
auch ohne Herbst
werden sie die Haken aufheben
ich habe Angst
sie gehen anderswohin
sie lassen uns allein.


emptyemptyDie Erde

Ich habe Angst
ja ja ich habe Angst
wenn der Mond ganz neu ist
diese Inseln, die neben uns lagen
ich habe Angst
in tiefem Schweigen ohne einen Laut
und ohne daß wir dort wären
ja ja ich habe große Angst
sobald sie kommen
lichten sie den Anker
und lassen uns allein.


emptyemptyDas Meer

Ich habe Angst
so große Angst Angst
diese alten Olivenbäume
irgendeines Tages
so sehr habe ich Angst
wenn wir im Schlaf zusammen sind
ich habe Angst
so sehr habe ich Angst
sie werden die Waden herausreißen
sie werden die Wurzeln heben
wie alte Frauen die Pluderhosen heben
bevor sie ins Boot steigen
ich habe Angst
ich habe Angst denn wir schliefen viel
sie werden fortlaufen auch diese Olivenbäume
und wir werden ganz allein zurückbleiben.




..........................................................................................





© University of Wales, Aberystwyth 2002-2009       Home  |  @ Kontakt  |  Zurück zum Seitenanfang
site by CHL