Neue Stimmen

Täglich kilometerlange Wege zu Fuß unterwegs
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Tirana Universität. Foto: Aurel Duka
Ein Porträt von Agron Tufa

Lindita Arapi

Aus dem Albanischen von Lindita Arapi


Wer Agron Tufa zufällig in Tirana auf der Straße begegnet, denkt, diesem Unbekannten fährt ständig der Bus vor der Nase davon. Auf den lärmfreudigen Straßen der Hauptstadt Albaniens ist er immer in Eile. Wenn die Vorlesungsstunde an der philosophischen Fakultät zu Ende geht, wartet die Kulturzeitung an der anderen Ecke der Stadt. Wenn alles in der Kulturredaktion einigermaßen läuft, macht er einen kurzen Halt zu Hause - und muß gleich wieder weg. In Tirana legt er kilometerlange Wege täglich zu Fuß zurück. Es ist der Überlebenskampf eines Schreibenden in einer wachsenden Großstadt, der Ruhe und Langsamkeit fremd sind. Am Abend schaltet Tufa das Handy ab und er findet doch noch Ruhe beim Lesen oder Schreiben bis tief in die Nacht. Ihm reichen inzwischen täglich nur fünf Stunden Schlaf.

Der 37-jährige stammt aus einem kleinen Dorf im Norden Albaniens. Erst mit 13 Jahren lernt er seinen Vater kennen, als dieser aus dem schlimmsten kommunistischen Gefängnis in Albanien, dem berüchtigten Spaç, freigelassen wurde. Vaters Verbrechen: Nicht-Denunzieren feindlicher Machenschaften und Ablehnung der Kooperation mit den Staatsorganen. "Die Kindheit wurde vom Komplex des Andersseins, vom Abgestempeltsein als Feind bestimmt", erzählt Agron Tufa. Damit der 17-jährige Junge selber nicht im Gefängnis landet, geht er in den Minen arbeiten. Es war die Hölle für den dürren Körper eines nie satt gewordenen Jungen, aber eine prägende Erfahrung des kommenden Literaten.

Anfang zwanzig veröffentlichte Tufa seine Gedichte und Erzählungen in Zeitschriften und Zeitungen. Dann kamen die ersten Gedichtbände und Übersetzungen.
Das Literaturstudium in Tirana eröffnete ihm eine neue Welt. Bibliotheken waren sein Lieblingsplatz. Eine gute Gewohnheit, meint Tufa. Es hat ihm geholfen, die langen Winternächte während seines zweiten Studiums am Maxim-Gorki-Institut in Moskau zu überstehen. "Dazu konnte ich auch viel Geld sparen", sagt er.
Der erste Roman "Das Duell", 2001 veröffentlicht, wurde ein literarisches Ereignis in Albanien. Ismail Kadare lobt den jungen Schriftsteller in den höchsten Tönen. Inzwischen hat Tufa zwei weitere Romane und zahlreiche Gedichte und Essays veröffentlicht.

Er will das albanische Trauma in seinen Texten behandeln. Es ist das Trauma einer Gesellschaft im kommunistischen Labor, in dem das Individuum entstellt wurde. Und eine entstellte Gestalt muß sich neu bilden. Seine Figuren sind auf der Suche nach der Identität, als Schutz vor Zerstörung der Persönlichkeit. Eine Spiegelung der Krise des albanischen Individuums nach der Zerstörung des Kommunismus. Und Agron Tufa besitzt eine eindringliche Sprache, um diese erschütterte Seele zu ergründen.










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