Der Preis

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Foto: Agnieszka Sucha
Erstes Bildnis mit Landschaft im Hintergrund

Eine Erzählung von Francesc Serés

Aus dem Katalanischen ('El preu') von Gabi Grauwinkel und Wilhelm Neunzig

Also, was mir am seltsamsten und unverständlichsten von allem erscheint, ist, dass Schriftsteller solche absurden Geschichten erzählen. In Wahrheit finde ich das absolut unbegreiflich, wirklich ... also es geht mir einfach nicht in den Kopf. Erstens ist es von keinem Nutzen für das Vaterland und zweitens ... nun gut, zweitens sind sie sowieso zu nichts gut. Ich weiß wirklich nicht, was das eigentlich soll ...

Nikolai W. Gogol, Die Nase*

Sinnlos durchstreife ich die Abenddämmerung, die Nacht
Da sind Männer, die langsam Lastwagen beladen.
Da sind Lokale, Geruch nach heißem Öl, Liebespaare.
Ich erinnere mich an Beine, an deine nackten Beine,
deine langen Beine voller Würde.

Vicent Andrés Estellés, Ich schreibe keine Eklogen

In diesem Land ist die Schwerkraft stärker als in jedem anderen. Die Menschen tragen das mit einer Mischung aus Resignation und Stolz. Sie haben sich daran gewöhnt und man spürt, dass sie ihr Land lieben, obwohl das Leben hier mehr Kraft kostet als in den Nachbarländern.
- Mikael, Liebster, ich habe Euch nur um ein Märchen gebeten und Ihr führt mich in ein märchenhaftes Land. Mal sehen, was Ihr noch parat habt. Was erzählt Ihr mir als Nächstes?

Irina Mendelejewa, Geschichten in russischer Farbe

*Eigene Übersetzung aus dem Katalanischen



Du standst mitten auf dem Billardtisch, auf der völlig zerrissenen Filzbespannung und warfst die Billardkugeln gegen den Spiegel hinter der Theke; ich erinnere mich noch genau an das Geräusch der zerbrechenden Flaschen und den Geruch der Liköre, die durch den ganzen Raum spritzten, an den Klang der auf den Boden fallenden Billardkugeln; ich hatte dich noch nie so wütend erlebt, fast erschien es als hätte der Zorn dir ungeahnte Fähigkeiten verliehen, so als hättest du dein Leben lang nichts anderes getan. Und als keine Kugeln mehr da waren, hast du die Stöcke genommen, dann die Stühle. Ich saß weinend in einer Ecke des Raums und flehte, wir sollten weggehen aber du hast weiter geschrien und alle Anderen bedroht, und die konnten sich nur ängstlich in eine Ecke verkriechen. Du schriest, dass wenn auch nur einer von Ihnen mich nochmal anfassen würde, du ihm die Eingeweide aus dem Leibe reißen, wenn nur einer ein Wort sagen würde, du das ganze Lokal in Brand stecken würdest; du hast sie beschimpft - einer von Ihnen hatte mir ein Bein gestellt und ich war auf den Bauch gefallen und blutete aus Nase und Mund und dann kamst du herein und fragtest, wer das gemacht hätte, es waren nur Männer anwesend, da war kein Kind, das sich vielleicht einen Spaß erlaubt hatte, und ich wollte einfach nur zur Toilette gehen. Ich sehe dein Gesicht noch genau vor mir, wie du aus dem Lieferwagen gestiegen und das Lokal betreten hast. Ich erinnere mich an all das zerbrochene Glas und an den Moment, in dem eine Billardkugel den Fernseher traf und das Licht ausging, an die Schreie des Besitzers und die Stimme eines Mannes, der "Schluss jetzt" rief und zugab es gewesen zu sein, unabsichtlich, und wie du ihn zugerichtet hast und ich dich auch angefleht habe, Ruhe zu geben und du einfach auf niemanden gehört und nur daran gedacht hast, dass jemand mir weh getan hatte und ich mit blutender Nase und zwei kaputten Zähnen aus dem Lokal kam. Ich verstehe nicht, warum dieser Mann das gemacht hat; vielleicht war er betrunken; ich war erst fünf Jahre alt und auf dem Weg zur Toilette ... Aber jetzt scheint alles einen Sinn zu bekommen, jetzt da ich dich auf dem Billardtisch stehen sehe.

Und das Motorrad, wie du immer damit gerast bist und wie ich mich an dir festgeklammert habe, mit geschlossenen Augen, um nur nichts zu sehen, die Wärme und Kraft deines Rückens spürend, als du dich in die Kurven legtest und wie im Flug über ein Schlagloch sprangst. Und ich habe immer mit ja geantwortet, dass alles in Ordnung sei und du sagtest mir ich solle dich nicht so fest umklammern, weil du dann nicht atmen könntest. Ich habe dich immer zu deinen Rennen begleitet und Vater sagt, ich sei immer ganz heiser gewesen vom vielen Schreien ...

Ich sehe dich nackt vor mir, da war ich vielleicht erst drei oder vier Jahre alt, als du mir die Hand gabst und wir zusammen von ganz oben von der Leiter in den Wassertank sprangen, von so weit oben, dass ich Angst hatte aber trotzdem gesprungen bin, weil du mir die Hand gabst; mit Vater oder Mutter hätte ich das nie gemacht. Du hast mich immer erst ein wenig untergehen lassen und dann, ich weiß nicht wie, hast du mich immer nach oben, an die Wasseroberfläche gedrückt und dann habe ich gelacht, weil du auch gelacht hast. Und ich sehe dich auch nackt hinten im Lager stehen, wenn du eine deiner Freundinnen mitgebracht hattest. Ich habe dich von draußen beobachtet, als ich mich aus dem Haus stahl und durch das Gebüsch zu den hellen Werkstattfenstern schlich, wie ein vom Licht angelocktes Tier. Ich schlich lautlos zum Fenster und beobachtete, wie ihr euch nackt auszogt und euch gegenseitig berührtet. Immer wenn ich dich beim Vögeln gesehen hatte, bin ich dir dann ein paar Tage aus dem Weg gegangen, der bloße Gedanke, dass du bemerkt haben könntest, dass ich ganz in der Nähe versteckt war, dass ich gehört hatte, was ihr euch gesagt und gesehen was ihr gemacht hattet, machte mir Angst.

Und eines Nachts kamen deine Freunde und du mit euren Autos auf dem Dreschplatz vorm Haus ins Schleudern. Ich hatte dich noch nie so gesehen: Du warst betrunken. Großvater und Großmutter wollten dich schlagen und Vater hat dich am Kragen die Treppe hochziehen müssen, weil du die Stufen nicht mehr allein schafftest. Mutter lachte wie verrückt und sagte, schau dir deinen Onkel an, schau dir nur mal deinen Onkel an. Ich bin im Schlafanzug zur Treppe gegangen und sah, wie Vater dich wie einen Kartoffelsack am Gürtel hochzog, in die Badewanne warf und das kalte Wasser aufdrehte. Am nächsten Morgen bin ich gleich nach dem Aufwachen in dein Zimmer gelaufen und da hat es so gestunken, dass ich dachte, die Hunde hätten auf den Boden gepisst. Vater und Mutter haben nur gelacht, als ich es ihnen erzählte, ich war damals wohl sechs oder sieben Jahre alt, und die Großeltern haben geschimpft.




Immer wenn die Eltern es zuließen, hast du mich zum Fischen oder auf die Jagd mitgenommen. Mir behagte es nicht, Tiere zu töten, aber du sagtest mir, ich müsste es lernen, es wäre das allererste, was alle Menschen lernen müssten: Fischen und Jagen. Wir versteckten uns mit Blättern getarnt im Maisfeld oder im Schilfrohr und warteten, bis die Hunde Wildschweine aufspürten; wir folgten den Spuren bis zu ihrem Versteck und verbrannten Gestrüpp, um sie rauszulocken. Ich durfte nicht schießen, du hast es mir noch nicht erlaubt, ich konnte noch kein Wildschwein töten, weil ich noch nicht stark genug war, um den Rückschlag der Jagdflinte zu bremsen. Du erzähltest mir, dieser Rückschlag sei die Kraft, die das Wildschwein verliert - eine Kraft, die das sterbende Tier auf den Jäger überträgt, die gleiche Kraft, die frei wird, wenn ein Fisch versucht, sich vom Haken zu befreien - nur das der Faden zwischen Jäger und Wildschwein unsichtbar ist, und dass du nicht glaubst, dass es etwas mit der Trägheit des Gewehrs oder der Wucht des Schusses zu tun habe, sondern es sich um das letzte Aufbäumen des Wildschweins handele. Solange ich nicht stärker als ein Wildschein sei, könne ich auch keins töten - und ich glaubte dir wie immer.

Wie sehr ich diese Zeit vermisse ... Vater hat mir erzählt, dass du einmal in die Stadt gefahren und in ein Luxusrestaurant gegangen bist, wo man dich nicht bedienen wollte, weil du nicht angemessen gekleidet warst. Da bist du in ein Geschäft gegangen, hast dir einen Anzug und neue Schuhe gekauft und bist ins Restaurant zurückgekehrt. Diesmal hat der Ober dich sofort zu einem Tisch geführt, wo zwei weitere Kellner Teller und Besteck für dich zurecht legten. Im gleichen Moment, in dem sie dir den Wein und die Suppe servierten, bist du aufgestanden, hast den Tisch umgeschmissen und zum Erstaunen Aller das Restaurant verlassen. Zu Hause angekommen, hast du meinem Vater den Anzug geschenkt, den er noch immer im Schrank hängen hat.

Und so viele andere Dinge. Die Regennächte, wenn ich dich und Vater nach Hause kommen sah, beide nass und schmutzig und Mutter und Großmutter euch beim trocken werden halfen. Und die Nächte, in denen wir gefeiert haben und ihr euch Wettkämpfe und Spiele ausgedacht habt; das ist im Grunde nichts Besonderes, nur Kleinigkeiten, aber wie habe ich diese Kleinigkeiten geliebt, wie liebe ich sie noch heute.

An einem Sonntag kam eins von diesen Mädchen zum Essen, mit denen ich dich manchmal im Lieferwagen gesehen hatte. Großmutter versuchte sie zu erschrecken und zum Lachen zu bringen und erzählte von all den Streichen und Dummheiten, die du so vollbracht hattest und wenn ihr nichts mehr einfiel, erzählte Großvater weiter und dann Mutter und Vater. Ich wollte nicht, dass du von zu Hause weggehst und habe das, glaube ich, mitten beim Essen auch gesagt. Alle versuchten dann, mich davon zu überzeugen, dass ihr nicht wirklich weggehen und jedes Wochenende vorbeikommen würdet, aber ich wusste, das stimmt nicht. Ich wusste, du würdest nicht wiederkommen und nichts wäre wieder so wie vorher. Mir war klar, dass du für immer gingst.

Wie alt war ich da? Sieben oder acht? Oder war ich vielleicht schon neun, als du dann fortgegangen bist? Ich will gar nicht nachrechnen, du weißt ja, die Finger kann ich nicht zu Hilfe nehmen. War es möglich, dass jemand wie du sich Sorgen wegen der Arbeit oder seiner Zukunft machte? Konnte dieser Junge, der bei Vollgas den Motorradlenker hochriss und auf dem Hinterrad weiterfuhr, tatsächlich Angst vor der Zukunft haben? Das kam mir einfach nicht in den Sinn, ich konnte nicht verstehen, dass die Motorradrennen, die Sprünge in den Wassertank, die Keilereien mit deinen Freunden und die unzähligen Fußballspiele auf dem Dreschplatz nun zu Ende waren. Wie viele Stunde hatten wir so verbracht? Ich sehe dich noch vor mir wie du auf dem Billardtisch stehend mit den Kugeln die Spiegel und Glasvitrinen zerschmetterst und jetzt sprachst du plötzlich eingeschüchtert von Fabrikbesitzern und Vorarbeitern, das konnte ich mir einfach nicht erklären.

Wahrscheinlich habe ich es gemacht, weil es die einzige Möglichkeit war, mit dir ins Reine zu kommen, dir all das wiederzugeben, was du mir gegeben hattest und ich jetzt nicht mehr wollte. Du siehst, mir bleiben jetzt nur noch die Erinnerungen, du aber bist für immer verschwunden. Erinnerst du dich an das Wochenende, an dem ich dich mit dem Helm zum Motorradausflug abgeholt habe? Du hast mir gesagt, dass ich in die Höhe gewachsen sei und du in die Breite und das Motorrad die Hindernisse jetzt nicht mehr so leicht nehmen würde und dass du kein Risiko eingehen dürftest, weil Mercè schwanger sei. Ich glaube, wir waren beide nicht mehr die gleichen und das erklärt alles.

Ungefähr einen Monat später seid ihr wieder vorbeigekommen, alle beide, und du hast mich gefragt, ob ich mit dir jagen gehen wolle, es war die Zeit der Entenjagd, und ich könne auch die gute Jagdflinte tragen, die mit den beiden Läufen. Ich erinnere mich daran, dass wir uns mit Gräsern eingerieben haben, damit die Tiere nicht den Schmiermittelgeruch der Gewehre wittern. Ich hatte ehrlich gesagt keine Lust mehr jagen zu gehen und wusste von Anfang an, dass du dich irgendwie verpflichtet fühltest und dir Vorwürfe meinerseits ersparen wolltest.

Wir sind dann in das Sumpfgelände, in Richtung Schlafplatz der Enten, gegangen. Ich war direkt an deiner Seite; um sicher zu gehen, würdest du den ersten Schuss abgeben, die erste Ente abschießen und ich sollte auf der Lauer liegen und bereit sein für den nächsten Schuss; der Entenschwarm würde aufschrecken und hoch fliegen und dann bräuchte ich nicht einmal zu zielen, einfach nur die fliegenden Enten mit dem Lauf verfolgen und einen Schuss nach dem anderen abgeben. Warum kann ich mich so genau daran erinnern? Du standst links von mir und deine Ente hat sich nur kurz bewegt, dann traf sie die Wucht deines Schusses und zurück blieb nur eine Wolke aus Federn. Zur gleichen Zeit erhob sich der Entenschwarm aus den Binsen und deine Ente schwamm da wie ein Stück Holz und meine ist, nach zwei Flügelschlägen, auch im Wasser gelandet. Der Rückschlag warf mich nicht mehr um. Eine dritte Ente erlegten wir nicht, denn mein Gewehr zielte nicht mehr auf die Vögel sondern war auf dich gerichtet. Die Enten verschwanden in der Ferne und ich hatte beide Schüsse verbraucht, du hast nichts davon gemerkt oder vielleicht doch und hast es mir nur nie gesagt, aber einen Moment lang habe ich auf dich gezielt - du standst in meiner Zielrichtung. Ich hatte keine Patronen mehr und selbst wenn es meine Absicht gewesen wäre, hätte ich nicht schießen können, aber ich spürte gleichzeitig, dass etwas zwischen uns für immer vorbei war.

Unter dem Vorwand, die Enten sollten uns nicht hören, die früher oder später in die Sümpfe zurückkehren würden, aßen wir schweigend unser Frühstück. Wir haben lange so ausgeharrt, ohne etwas zu sagen auf dem Boden sitzend. Ich weiß nicht, warum ich es gemacht habe, ich weiß es wirklich nicht, ich war traurig, wütend ... Ich habe meine Hand vor die Läufe gelegt, ich weiß heute nicht mehr, ob mir bewusst war, dass das Gewehr nicht gesichert war. Dann habe ich einen Stoß gegen die Augenbraue gespürt, das Gewehr schnellte hoch und schlug mir gegen Stirn und Nase und ich habe nicht einmal gespürt, dass mir der Schuss zwei Finger abgerissen hatte, Zeige- und Mittelfinger, und mein Handballen mit Schrotkörnern besät war. Ich hatte wohl nicht aufgepasst oder vielleicht doch, vielleicht hatte ich auch absichtlich abgedrückt, daran erinnere ich mich nicht mehr. Ich erinnere mich nur an den zurückkommenden Entenschwarm, der aufs Neue den Sumpf überflog.


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Erstveröffentlichung von 'El preu' in La força de la gravetat, Quaderns Crema, 2006

Übersetzt mit der großzügigen Unterstützung des Institut Ramon Llull

Übersetzung (c) Gabi Grauwinkel und Wilhelm Neunzig, 2006









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