ohne zu wissen was wird

ohne zu wissen was wird
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Foto: Iwona Pustelnik
Eine Erzählung von Donal McLaughlin

Aus dem Englischen ('surviving uncertain fates') von Andreas Jandl

Irgendwann wachte ich auf: fuhr hoch; schoß mit den Fingern nach vorne, stracks in die Schüssel auf dem Tablett vor mir; mitten in die Hähnchenhaut, die ich übrig gelassen hatte. Drew, als ich guckte, saß noch da, auf der anderen Seite des Gangs. Hinter den Ausgängen vor uns schnarchten Leute, die auf derselben Insel gewesen waren; darunter auch der fünffache Vater, der sich besoffen übers Geländer gebeugt hatte, mit Kleinkind auf den Schultern und so, während sich die langsame Schlange völlig übermüdet in Schüben ins Flugzeug drängte. Die Erinnerung, wie alle dem zollfreien Getröpfel ausgewichen waren, das diesem Typen aus der Tasche kam, und ich döste wieder ein.

Einige Zeit später der Signalton: "seat-belts for landing", "doors to manual" usw. Diesmal wachten wir beide auf, drehten uns einander zu und sahen uns an. Ich war nicht ganz da - sagte es auch. Drew nickte, grinste, sagte "Tolle Nummer mit dem Hähnchen war das vorhin."
em"Haste gesehen, was?"
emEr freute sich über das neue Futter und grinste schon wieder.
em"Du hast deine Augen auch überall, du Sack."
emEr wollte gleich weiterblödeln und schoss mit den Fingern nach vorne, im selben Augenblick wie ich. Die Reste Hähnchenhaut waren aber schon weggeräumt.

Wir landeten. Schlimmster Winter des Jahrhunderts, die Polizei warnte davor, das Haus zu verlassen, wenn man nicht musste. Wir mussten. Drew fuhr; den langen Weg nach Norden, höchstmöglicher Gang, hoch konzentriert, Schneckentempo. Vor uns die Aussicht auf geplatzte Rohre und vermutlich völlig versiffte Wohnungen.
em"Du alter Hähnchenschänder!", fing er wieder an, einfach so, und lachte. Ich lachte mit, nahm hin, wie er iiihte und ääähte und sich die Finger abwischte.
emNoch was, das er mitbekommen hatte, das wir teilten, dachte ich. Sein Lachen brach plötzlich aber ab; sein Blick prüfte mich, wartete auf eine Reaktion.
em"Darf ich dir was sagen?", fragte er.
emIch zögerte, bevor ich nickte, glaube ich.
em"Ich muss dir was sagen", sagte er.

Von Fuerteventura war die Rede, vom Abend des zweiten Weihnachtstages. Schellfischsuppe und Paella auf der Terrasse. Ich erinnerte mich gut. Auch an die Sängerin; den Typen am Keyboard, sein Eurovisions-Potpourri.
emJetzt war Drew dran mit Nicken, und ich sah, er wusste, er konnte weitererzählen.
em"Also, in dieser Nacht wachte ich auf, musste pinkeln und als ich zurückkam: Wie du dalagst - hättst sehen sollen."
emEr hielt inne, wollte sehen, wie ich reagiere.
em"Jetzt spucks schon aus, du Sack!", lachte ich, als könnte mir nichts etwas anhaben. "Sag schon, was war denn mit mir?"
em"Nicht mit dir, mit dem Kissen", sagte er.
em"Mit dem Kissen?", fragte ich. Das schien dem Arschloch Spaß zu machen.
em"Es lag nicht wirklich oben im Bett, eher unten."
em"Ach ne!", stöhnte ich. "Ich fick das Kissen, und du Sack hast schön was zu gucken. Na lecker!"
emDas war, was er wollte: Rache für die Party in Stirling, wo er völlig breit war, und ich später meinte, er hätte mit Susie Fraser geknutscht.
emIch würde den Teufel tun und weiterreden, dachte ich. Den scheiß Gefallen tat ich ihm nicht. Er fasste mir aber an der Schulter und rüttelte.
em"Nicht, was du jetzt denkst", sagte er.
em"Lass das, du, Hände ans Steuer!", bellte ich und schüttelte ihn ab. "Besonders bei dem Wetter."
em"Ist doch überhaupt nichts Schlimmes, Mann", sagte er. "Ist was Gutes. Spricht für dich. Deswegen wollt ichs dir sagen."
em"Jetzt reichts, halt den scheiß Wagen an", sagte ich. "Kurz und schmerzlos bitte - dir zuliebe. Fahr die Nächste ab und rück raus damit."
em"Und vergiss die Warnblinker nicht!", fügte ich noch hinzu, als wir zum Halten kamen. So wie ich drauf war, würde er sie brauchen.

Was er erzählte, war großartig.
emIch lag wohl in Richtung Wand, die Decke ziemlich tief, weit runtergerutscht. Aber ihm ging es nur um das Kissen hinter mir: wo Claire sonst lag, bis vor sechs Monaten, wo sie seit dem dritten Semester gelegen hatte.
em"Dafür das ganze Trara? Weil wir auseinander sind?"
em"Ach was", sagte er.
emDen linken Arm hatte ich wohl nach hinten gestreckt und um das Kissen gelegt.
em"Um sie", wie Drew meinte. "Um Claire", führte er aus, als ich ihn anguckte; ich konnte nicht fassen, was er da brachte. Da fährt man über Weihnachten zehn Tage mit diesem Arsch in Urlaub, und auf den letzten Metern vor der Haustür fängt er an, den verfickten Psychologen zu spielen?
em"Auch sechs Monate später hab ich sie immer noch nicht vergessen. Willst du das sagen?", fragte ich. "Das mit dem Kissenumarmen widerlegt also alles vom Pool und von der Wanderung über die Lava. Ist es das? Ich lieb sie nicht mehr, wenn du das meinst!"
em"Ach Mann, das sag ich doch gar nicht. Das ist es nicht. Ich will bloß sagen: ich hab dich da gesehen, und das Kissen, und mir wurde klar, was sie alles aufgegeben hat. Ich hab gesehen, wieviel Liebe du schenken kannst - und das sieht man in der Form sonst nicht, oder?", setzte er schnell nach. Er merkte wohl, dass ich nicht wusste, wie ich das verstehen soll. "Ich wollte nur sagen: was ich gesehen hab, bestätigt nur, was ich dir schon mal gesagt habe, dass du ein toller Kerl bist."
emEr beugte sich rüber, klopfte mir wieder auf die Schulter und sah mir in die Augen.
em"Tja, ihr Pech."

Verständlicherweise dachte ich, das wars dann, das Schlimmste ist geschafft, ich kann mich entspannen. Wo er aber gerade dabei war, erzählte er mir, ich würde schlafen wie in Slow Motion. Ich guckte ihn giftig an: Was war das jetzt wieder?
emDie Erklärung war gar nicht so schlimm: Bevor er wieder eindöste, sah er mich noch auf den Rücken rollen. Das tat ich anscheinend Stück für Stück, Millimeter für Millimeter. Als würde mir jemand mit einer Fernbedienung gegenüber sitzen und auf Standbild und Slow Motion drücken. "Ja, du zum Beispiel, du alte Sau!", versuchte ich einzuwerfen, er war aber nicht zu stoppen. Zwischendurch, sagte er, hätte er gedacht, ich verliere das Gleichgewicht und kippe um. Sogar da bin ich aber wohl noch ganz allmählich auf den Rücken gerollt.
emAls er mich so sah, wollte er wissen, ob er selber auch in Slow Motion schläft? Macht das jeder? "Komisch, ich glaube bei Sandra und Anne und Marie wars nicht so", sagte er. "Oder bei Clare, meiner Clare", sagte er schnell, "Clare-ohne-I, oder bei Val oder Sam, was das angeht." Er war bereits bei Naomi, Pam und Sharon, als er nicht mehr ernst bleiben konnte. Ich gab ihm eins drauf.
em"Elender Angeber!", sagte ich.
em"Ich hab wenigstens was zum Angeben" kommt jetzt, dachte ich. Er sagte dann aber: "Vielleicht muss man manchmal am anderen Ende des Zimmers sein, um zu sehen, was los ist."

Was der Sack aber am besten fand, war zu beobachten, bevor er wieder ins Koma fiel, wie meine rechte Hand den äußersten Zipfel der Decke umklammert hielt, und immer, immer, egal wie ich mich drehte, sicherstellte, dass mein bestes Stück verdeckt blieb. Der Abstand zwischen Decke und Bauch blieb immer genau gleich, versicherte er, die Genauigkeit war unglaublich.
emGuck mal einer an: "Das erste Mal lang schon hinter sich - und trotzdem noch so schüchtern, unser kleiner Katholik", feixte er.
em"Ich hab wenigstens nicht an mir rumgespielt", lachte ich. "Tja, das ist die Anziehung des katholischen Bauchnabels! Die sorgt dafür, dass man schön anständig bleibt. Fehlt bei euch Protestanten."

Es wurde still. Er sprang gar nicht darauf an (was selten war). Mir wurde bewusst, dass und warum ich immer tadellos zugedeckt war, als ich noch unter dem Dach meiner Eltern lebte. Erinnerte mich an mein Schweineglück, als eines Morgens mein Vater reinkam (was er sonst nie tat), um zu sagen, der Papst wäre tot. Manche Dinge machen einem klar, dass man nicht so frei ist, wie man glaubt. Auch Claire und ihr Betschwesternnachthemd fielen mir ein; Claire, die fand, der Anblick wäre unzumutbar, wenn ich mal nackt neben ihr schlief. Claire - die nackte Körper nur im Bad akzeptieren konnte, oder wenn wirs taten. Wenn sie keine Lust hatte, sollte dieses schreckliche Ding ihr nicht ins Gesicht starren, sagte sie.
emDrew brach das Schweigen, spürte, dass etwas nicht stimmte.
em"War doch okay, dass ich das gesagt hab?", fragte er. "Das mit dem Kissen und so?"
em"Doch, danke, war okay."
emIch war froh, dass ers gesehen hatte; froh, dass ers auch gesagt hatte. Das mit Claire würde ich ihm ein andermal sagen; wo er sowieso alles von mir wusste. Würde ihn auch zum Lachen bringen, wenn ich das mit dem toten Papst erzähle - und ich splitternackt, nur knapp unter der Decke.
emAber erst wollte ich auskosten, was er da gesagt hatte. Wieviel Liebe du schenken kannst. Aus demselben Mund, der meinte, ich würde die Frauen längst haben, bevor ich sie nehme (auch das war der Katholik in mir, fand er). Und als ich den angefahrenen Igel machte (wie er es nannte), weil Claire weg war, brachte er mich schließlich dazu, mich wieder zu öffnen; und bestand darauf, dass niemanden zu haben nicht nichts war.
emIch hatte zu lange nichts gesagt. Jetzt durfte er besorgt sein.
em"Meinst du wirklich?", hakte er nach. "Ganz sicher? Hätt ich das echt sagen sollen?"
emIch sah ihn an. "Doch, keine Sorge, war okay. Echt."
emIch wartete, bis ich sah, dass er sich entspannte, dann gabs: "Das letzte Mal, dass ich mit dir Schwuchtel ein Zimmer teile!"
emEr lachte. Wir reichten uns die Hand, ungeschickter Versuch, sich high five zu geben. Er besah sich mein Gesicht, grinste, griff zur Gangschaltung, hielt aber nochmals inne, guckte mich an und nahm mich in den Arm.
em"Danke", murmelte ich und löste mich sacht.
emEr guckte in den toten Winkel, und wir fuhren wieder los.


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Die Übersetzung enstand in enger Zusammenarbeit mit dem Autor, der selbst aus dem Deutschen ins Englische übersetzt.

Erstveröffentlichung von 'surviving uncertain fates' in NEW WRITING SCOTLAND, Vol. 17, 1999

Erstveröffentlichung der deutschen Übersetzung in: A.L. Kennedy (hrsg.): COOL BRITANNIA. Junge Literatur aus Großbritannien. Wagenbach 2006 (WAT 533)

(c) Donal McLaughlin, 1999

Übersetzung (c) Andreas Jandl, 2006









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