WIR und DIE / DIE und WIR

WIR und DIE / DIE und WIR
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Foto: Jaroslaw Junik
Eine Erzählung von Pavol Rankov

Aus dem Slowakischen ('My a oni / oni a my') von Andrea Koch-Reynolds


DIESE Leute waren anders als wir. Sie schienen nicht einmal daran interessiert, ihr Schicksal selbst in die Hände nehmen zu wollen. Sie waren ergeben, was ich jedoch nicht als Unterwürfigkeit bezeichnen würde. Meiner Meinung nach, und ich habe sie wirklich gut gekannt, glaubten sie aufrichtig daran, dass alles wieder wird wie es einst war, dass sich der nun schon neun Jahre andauernde Krieg plötzlich verflüchtigen wird wie ein böser Traum beim Weckerklingeln. Sie waren nicht passiv, es war eher so eine Art beherrschte Ungeduld auf dass endlich, endlich jenes geschehen würde, was geschehen sollte. Und sie wollten dabei bloß nichts verpatzen, so war es besser zu warten.
emDie Frauen verbrachten die meiste Zeit mit den Kindern. Solange sie bei uns waren, haben wir ihnen meiner Ansicht nach ganz gute Möglichkeiten zum Spielen und Lernen geschaffen.
emDie Männer saßen den ganzen Tag im Gemeinschaftsraum und guckten Nachrichten. Wenn die Nachrichten des einen Fernsehsenders vorbei waren, schalteten sie auf einen anderen um. Mitunter schrie einer von ihnen auf, als ob er etwas gesehen hätte, das ihn persönlich betraf. Ihr kleines Land erschien auf dem Bildschirm sehr oft, so war es gut möglich, dass sie vertraute Gesichter und bekannte Orte zu sehen bekamen. Das ununterbrochene vor dem Fernseher Hocken hieß für sie einerseits, ständig Salz in die Wunden zu streuen, es hatte andererseits aber auch einen positiven Effekt - die Männer verbesserten ihre Sprachkenntnisse. Sie beherrschten unseren Wortschatz in Sachen Militär und Politik inzwischen so gut, dass sie etliche von unseren Wörtern in ihre Muttersprache mixten.
emEs kam der letzte Abend vor ihrer Abfahrt. Von diesem Abend ist mir eine Szene besonders im Gedächtnis hängen geblieben. Ich war gerade dabei das Abendessen auszuteilen (montags, donnerstags und sonntags bekamen sie Stullenpakete). Mir drang laut die teilnahmslose Stimme des Fernsehreporters ins Ohr. Er berichtete ausführlich davon, was sich in ihrem Land gerade abspielte. Er sprach von irgendeiner neuen chemischen Waffe, die zum Einsatz gekommen war und deren Nachwirkungen langfristig zu spüren sein werden. Dann war Englisch zu hören. Ein amerikanischer Militärexperte erklärte, das betroffene Gebiet werde für fünfzig bis siebzig Jahre nicht bewohnbar sein. Er erläuterte dann die chemischen Substanzen, die jene Waffe enthielt, das habe ich aber schon nicht mehr genau mitbekommen. Zweifellos war diese Nachricht die Ursache dafür, dass die Männer an jenem Abend ihr Essen letztendlich nicht abholten.


Es war alles nicht so einfach. In meiner Funktion als Flüchtlingsbeauftragter habe ich jedoch ein wenig gelernt, ihre Art des Denkens zu verstehen. Genauer gesagt: Nicht, dass ich SIE verstanden hätte, doch ich konnte ihre Reaktionen einigermaßen voraussehen, selbst wenn mir die Motive unklar waren. Jede Veränderung, die wir von ihnen verlangten, betrachteten sie als eine weitere Niederlage. Und dann sollte ich mich an jenem Abend vor sie hinstellen und ihnen erzählen, dass sie am nächsten Mittag von Bussen abgeholt werden würden. Als ich den Fernseher ausgeschaltet hatte und begann, ihnen die Gründe zu erörtern, hatte ich auf einmal das Gefühl, ich würde sie betrügen. Natürlich entsprach alles, was ich sagte, der Wahrheit: die Zahl der Flüchtlinge in unserem Kreis war in der Tat so rapide gewachsen, dass wir komplexe Lösungen angehen mussten. Ihre Augen jedoch sagten mir, dass ich ein Lügner sei. Die Hilflosigkeit, mit der sie mich anblickten, entwaffnete alle meine Argumente. Die Männer (Frauen waren natürlich nicht anwesend) nickten verständnisvoll, in Wirklichkeit jedoch waren sie verzweifelt.Viele von ihnen kannten den Namen der Stadt, wohin sie am nächsten Tag gefahren werden sollten, sicher aus dem Geschichtsbuch, doch sie stellten mir keine einzige Frage.
emIhr Schweigen zwang mich dazu, in einem fort zu reden. Ich erkärte ihnen, dass sich im vorderen Teil des Komplexes ein Museum befindet, welches auch weiterhin geöffnet bleiben werde. Sie würden im hinteren Teil des Geländes untergebracht, wo schon seit einigen Jahrzehnten Kasernen unserer Armee stehen. Die Ausstattung dort sei viel besser als hier und Familien werden wenigstens ein kleines Stück Privatleben haben. In dieser Schule hier hätten sie ja doch wie Bettler gelebt. Ja, ich habe das Wort Bettler gebraucht. Es ist mir herausgerutscht, weil ich ihrem ergebenen Schweigen nicht gewachsen war. Sie hätten doch sagen können, dass sie nicht an einen solch schrecklichen Ort umgesiedelt werden wollten - und ich hätte den Transport morgen abgesagt! Ich hätte ihr Anliegen direkt dem Minister vorgetragen, hätte ihm erklärt, dass diese Leute zu uns gekommen sind, weil sie an unsere Menschlichkeit glauben. Wir sollten sie gerade deshalb achten und schätzen, weil sie unser Land als Zuflucht vor dem Krieg gewählt hatten.
emDie Männer jedoch brachten nicht den geringsten Einwand hervor.


An den vorderen Bustüren hatten wir Listen angebracht. DIE LEUTE gingen dann von Bus zu Bus, jeder suchte seinen Namen. Dann nahmen sie ihr Gepäck, es war interessant, wie wenig Gepäck einige von ihnen hatten, und stiegen ein. Sie verhielten sich ruhig und diszipliniert. Gerade deshalb überraschte es mich, als ich vor der Abfahrt feststellen musste, dass einer fehlte. Ein Alter, der die ganze Zeit mit gesenktem Blick um mich herumgeschlichen war, erklärte, jener Junge sei in der Nacht abgehauen. Natürlich wusste niemand wohin.
emIch rief die Polizei an, konnte jedoch kaum den Namen des Entlaufenen aussprechen und der Polizeibeamte hat ihn sicher auch falsch geschrieben.


Schon nach vier Tagen war mehr als die Hälfte der Kasernen voll. Es war für mich eine hektische Zeit. Der Major verbrachte den größten Teil des Tages unter DEN LEUTEN und ich musste Entscheidungen treffen, die eine Sekretärin unter normalen Umständen nicht trifft und auch gar nicht treffen darf. Ich gab Anordnungen aus, was mit den herbeigeschafften Möbelstücken geschehen sollte, dirigierte die Reparatur der Kanalisation und das Streichen der Wände.
emDie Baracken, welche ich mir nicht anders vorstellen konnte als im langweiligen Armee-Grün, verwandelten sich von einem Tag auf den anderen in gelben und rosaroten Kitsch. Das war so eine typische Idee des Majors - wenn die Baracken schon nicht mehr grün sein werden, dann sollen sie gleich gar nicht mehr nach Kaserne aussehen.
emNach etwa einer Woche hielt es der Major für notwendig, die Leute über den internen Rundfunk willkommen zu heißen. Was jedoch sollte man jemandem in ihrer Situation erzählen? Er erörterte zunächst ausführlich ihre derzeitigen Lebensumstände. Als ob sie nicht selbst wüssten, dass in einem Raum zwei bis drei Familien wohnen, dass es morgens Frühstück, das Mittagessen zur Mittagszeit und das Abendessen erst am Abend gibt. Dann erwähnte er die neue Waffe (die Leitung hatte nämlich entschieden, die Nachricht über den Einsatz dieser Waffe als Vorwand für die Umsiedlung der Flüchtlinge zu nutzen). Die Nachwirkungen der Waffe werden viele Jahre anhalten und so sucht die Regierung unseres Landes nach einer langfristigen Lösung.


Es war eigentlich ein ganz banaler Zwischenfall, die Sache von ein paar einzelnen Personen, das hatte nichts mit den Beziehungen ganzer Gruppen untereinander zu tun. Ich würde es ganz bestimmt nicht als Konflikt mit den Bürgern der Stadt bezeichnen, wie es die Zeitung letztendlich interpretierte.
emEinige Jungs aus der Kaserne (oder - aus dem Lager - wie man allmählich schon sagte) ging zum Tanzen. Sie zeigten Interesse für die Mädchen aus dem Ort, und das gefiel den einheimischen Jungs gar nicht. Doch sie haben sich ja nicht einmal geprügelt. Vielleicht haben sie einander ein paar Mal angerempelt, aber das war schon alles. DIE aus dem Lager sahen zu, dass sie sich schnell verdrückten und die Einheimischen machten sich nicht einmal die Mühe, ihnen hinterherzurennen.
emAm nächsten Tag, als ich am Tor Dienst hatte, ließen sich einige krakeelende Halbwüchsige blicken (ich kannte sie vom Sehen, da zu Zeiten der Kaserne auch unsere Soldaten mit denen Probleme hatten, wenn sie auf Ausgang waren). Wir riefen die Polizei und nach zehn Minuten war alles vorbei. Der erste Zeitungsartikel erschien dann nach zehn oder zwölf Tagen.
emDie Reaktion des Majors hat mich wirklich überrascht. Den Ausgang der Leute hier auf den Vormittag zu beschränken - das war nicht angemessen. Ich hatte erwartet, dass nach dieser Ankündigung das halbe Lager zum Tor stürmen und seine Rechte verteidigen würde. SIE jedoch nahmen diese Einschränkung als etwas ganz Normales hin.


Beim nächsten Treffen mit dem Minister wies ich auch darauf hin, dass die Ansprüche der Leute wirklich minimal waren. Die einzige größere Forderung war, ihnen einen Gebetsraum einzurichten. Daran hätten wir ja auch selbst denken können. Der Minister blickte mich etwas unwillig an und ich versuchte so schnell wie möglich klarzustellen, wie ich das gemeint hatte. Ich hätte daran denken sollen. Ich wollte doch nicht ihn kritisieren, sondern mich selbst. Ich versuchte zu erklären, dass diese Angelegenheit unter meine Pflichten fiele, dass es deshalb mein Versagen war, er jedoch tat bis zum Ende dieser Unterredung beleidigt. Diese Situation war so typisch. Sie bestätigte mir wieder einmal, dass Soldaten nur einem Soldaten untergeordnet sein sollten. Zivilisten reagieren viel zu emotional und nehmen viel zu viel Rücksicht - vor allem, wenn es um die eigene Person geht.


Die Krankenschwester wiederholte mehrmals, dass diese Maßnahme alle Kinder betreffe - ohne Ausnahme. Im Sektor B oder C war nämlich eine ansteckende Kinderkrankheit mit Fieber und Durchfall aufgetreten. Zwei Kinder waren gestorben und die Leitung des Lagers müsse nun vermeiden, dass sich solche Tragödien wiederholen. Solange Ansteckungsgefahr bestehe, werden Kinder isoliert im neu erbauten Sektor L untergebracht, wo man sich vorbildlich um sie kümmern werde. Es gibt dort etliche Ärzte und diese Abteilung verfügt über modernste technische Ausstattung. Außerdem plane die Lagerleitung, dort mit einer fundierten Schulbildung zu beginnen.
emIch habe mir nicht getraut, es der Krankenschwester zu sagen, aber ich denke, dass die Ernährung Ursache für diese Epidemie ist. Das Essen wird zunehmend abscheulicher. Manchmal scheint es mir, als ob man an uns die Verdaulichkeit neuer Ingredienzen und Produkte testen wolle.


Ich denke, die Ausgangssperre war eine richtige Entscheidung. Es ist schließlich möglich, dass die ansteckende Krankheit aus der Stadt hereingeschleppt worden ist. Und umgekehrt wäre es sehr unangenehm, wenn sich die Krankheit vom Lager aus in die Stadt ausbreiten würde. DIE EINHEIMISCHEN dulden uns bislang ganz prima, so müssen auch wir uns bemühen, keine Probleme zu machen.
emWenn nur die Kinder schon gesund wären. Mir tun die Mütter leid. Die Armen, sie wissen ja nicht einmal, wie es ihren kleinen Töchtern und Söhnchen geht. Es kursiert das Gerücht, dass einige Kinder gestorben seien. Es muss sich jemand finden, der die Lagerleitung darum bittet, uns besser zu informiern.


Ich glaube DENEN kein einziges Wort. Diese ganze Geschichte über sexuelle Orgien irgendwo im Sektor H ist bestimmt reine Erfindung. Sie dient ihnen nur als Vorwand, um die Männer von den Frauen zu trennen. Ich verstehe nicht, was sie davon haben uns zu zwingen, binnen fünf Minuten umzuziehen.
emHier gibt es jeden Tag mehr und mehr Soldaten. Ich habe gestern mit den anderen Männern darüber gesprochen. Auch ihnen ist es aufgefallen. Als wir seinerzeit hierher kamen, haben wir den ganzen Tag keine Uniform gesehen, jetzt steht an jeder Ecke einer in Uniform. Wenn ich recht verstehe, ist es deren Aufgabe, einen Kordon zwischen dem Männersektor und dem Frauensektor zu schaffen. Da ich aber diese Trennung sowieso für unsinnig und unnatürlich halte, bin ich mit der Anwesenheit der Uniformierten gar nicht einverstanden.


DIE müssen sich nun wirklich nicht dafür entschuldigen, dass irgendwo in der Ferne geschossen wird. Der Lagerkommandant hat versucht uns zu beruhigen. Er hat uns über den Lagerfunk erklärt, dass es sich um eine normale Militärübung handele, solche finden in dieser Einrichtung auch nach wie vor statt, obwohl die Kaserne aufgelöst wurde. Gut, sollen sie doch üben. Uns Frauen macht das nichts aus, wir nehmen es nicht sonderlich ernst. Naja, einige böse Witze übers Schießen machen langsam die Runde.
emIch habe die Schüsse ja kaum gehört. Es würde mich mehr interessieren, wann ich endlich meine kleinen Töchter wieder zu sehen bekomme, die sind nämlich immer noch im Kindersektor. So schrecklich lange dauert doch nicht einmal eine schlimme ansteckende Krankheit.
emDIE sind uns auch eine Erklärung schuldig, ob die Soldaten tatsächlich dazu befugt sind Gewalt anzuwenden. Ich gebe zu, dass jene Frau, die sie sich in den Männersektor schleichen wollte, gegen ein Verbot verstoßen hat. Aber das ist doch noch kein Grund für Schläge und Fußtritte.


Der Kommandant gab sich zwar große Mühe, autoritär zu wirken, doch ich habe deutlich gehört, wie sehr seine Stimme zitterte. Er hatte sicher Lampenfieber, schließlich sah er das erste Mal das ganze Lager vor sich angetreten. Bislang hatte er jene riesige ihm unterstellte Menschenmasse noch nie mit einem Blick überschaut.
emÜber die Nachricht, dass wir ab nächster Woche arbeiten werden, haben sich die meisten von uns gefreut. Wir wollen natürlich etwas Geld ansparen für die Zeit danach, wenn wir ein neues Leben beginnen. Er hätte uns aber wenigstens sagen können, wie viel wir verdienen. Wenn man Unterkunft und Verpflegung abrechnet, dann wird wohl nicht viel übrig bleiben.
emDoch immerhin - es ist eine kleine Perspektive für die Zukunft. Ach, wie schön wäre es, wenn ich doch wieder mit meiner Frau und den Kindern irgendwo draußen leben könnte.


Dieser Kommandant ist ein eigenartiger Mensch. Er zwingt uns einerseits, Dinge zu tun, die wir nicht wollen, andererseits lässt er uns über extra Dinge abstimmen, über die sich ja sowieso jeder freut.
emSo war es auch jetzt. Wir sollten uns entscheiden, ob wir neue Kleidung wollen. Klar doch. Es macht nichts, dass wir alle einheitlich gekleidet sein werden. Der Overall soll nur von guter Qualität und warm sein, so einer, der sich bei der Arbeit nicht gleicht abträgt.


Es gibt nichts Schlimmeres als bei der Arbeit zu Schwitzen und sich danach beim Antreten in kaltem Wind und Regen zu erkälten. Dreimal Appell pro Tag, davon sind nicht nur wir erschöpft, sondern es strengt auch DIE unsinnig an.
emDoch ich habe den Wind trotzdem gern. Er bläst wenigstens den stinkenden Qualm fort, der aus dem großen Schornstein im vorderen Teil des Lagers steigt, dort, wo einst das Museum war.



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Erstveröffentlichung von 'My a oni / oni a my' in My a oni / oni a my, L.C.A., Levice, 2001

Erstveröffentlichung der deutschen Übersetzung in
Slowakische Anthologie, comma, Oktober 2006

(c) Pavol Rankov, 2001

Übersetzung (c) Andrea Koch-Reynolds, 2006









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