andere (W)orte

noch eines der verbotenen worte ...
... und andere Gedichte von Tzveta Sofronieva
noch eines der verbotenen worte

wenn du nicht ein engel wärest hätte ich dich geliebt
deinen körper verschluckt millimetergenau die erde erkundet
wenn du einen körper hättest
zu nahe wärest du mir dann du wärest kein engel
sauerstoff brennt
man verbrennt sich an stickstoff der nicht brennt
engel brennen
man verbrennt sich an menschen die nicht brennen
pathos ist tatsächlich etwas altmodisches
pathos und engel passsen gut zusammen
wenn du kein engel wärest hätte ich dich geliebt
agressiv wie frauen männer lieben die keine engel sind
das tun die frauen und sie tun es wieder und wieder
flüssiger stickstoff ist immer eine zumutung
er ist nämlich kein stoff hat falten tut weh
wird nebel wird dunst wird finster wird ersticken
sehnsucht
verschwinde nicht


[Erstveröffentlichung in Verbotene Worte (Biblion: 2005).
(c) Tzveta Sofronieva, 2005]




Gefangen im Licht

im Dunkeln frage ich mich oft ob du fühlst wie die Worte
leuchten und ihre Seelen ausgebreitet siehst
um mich herum fallen Fahnen und Steine Sterne ergießen sich um dich
in meinem Haus weinen die Kinder sie werden den Geschmack
von Milch nie kennen lernen auf den Inseln meiner Seele spielen
martern mich die Schatten der Worte die Seelen meiner Sprache
unübersetzbar in Verse oder in die Sprache deines Landes
zu dir komme ich ins Licht weit von mir selbst
fortzugehen ist das Streben nach Gott ja Gott ist
Licht ist er nicht Worte meine Sprache irrt in mir umher
wir sind allein meine Sprache und ich und wir sind gefangen im Licht
ich wollte du könntest verstehen wie sehr ich ihre Freiheit vermisse
nach der Dunkelheit der Tiefen dürstet den Ertrinkenden




Reise nach Westen

für Margaret Atwood



Wort in einer unbekannten Sprache.
Ich weiß, es hat einen Sinn,
es bedeutet etwas.
Vielleicht ist es nicht wesentlich.
Vielleicht ist es ein Bindewort.
Vielleicht ein Name.
Vertraut oder seltsam für die Ohren.
Ich lerne verschiedene Wörter.
Aufmerksam lausche ich dem Fluss jeder Sprache.
Ich suche das Wort in den Linien
von Schultern und Hügeln, von Bächen und Brücken.
Ich folge den Wolken der Vokale,
die von den Lippen von Freunden
und Fremden zu mir kommen.
Ich suche die Sprache, in der
ich ein Wort bin.
Ich kenne sie schon. Sie ist fremd.
Ihre Morphologie und Syntax sind mir unverständlich.
Selbst nachdem ich die Grammatik auswendig kann,
finde ich nicht meine richtige Stelle im Satz.
Fremdwort auch in meiner Sprache,
auf den Straßen von Sofia und in den Briefen meiner Mutter.
Was für ein Missverständnis - gerade heute.
Die Geschichte sitzt am Tisch meiner Eltern, trinkt Tee mit ihnen.
In Bulgarien gewinnen die Wörter vielleicht ihre alten Bedeutungen.




Dazwischen

Zwischen der Sicherheit und dem Chaos
Zwischen der Ruhe und dem Verlangen
Zwischen dem Frieden und dem Unmöglichen
Zwischen der Sicherheit und der Kreativität
Zwischen der Ruhe und dem Träumen
Zwischen dem fremden Traum und dem eigenen Traum
Zwischen dem allgemeinakzeptierten Traum
und einem winzigen Teilchen meines immer geträumten Traumes
emptyZwischen.
Man hat die Wahl irgendwo,
wo man keine Wahl braucht.
Es gibt keine Wahl
in dem Raum "Zwischen".


[Erstveröffentlichung in Chicago Blues (1992).
Aus dem Bulgarischen von Gabi Tiemann in enger Zusammenarbeit mit der Autorin
(c) Tzveta Sofronieva, 1992]




Bin ich

Bin ich tatsächlich eine all dieser Leute
die fortziehen, reisen, umherstreifen,
die nicht wissen, wohin sie gehören;
eines dieser Leben voller Taschen,
Bündel, Kisten und Koffer; eine der Menschen,
die Free Jazz lieben lernen;
der einsamen, ihr Leben träumenden,
ihr Leben schaffenden Menschen ...
bin ich eine Seele, deren Musik aus verworrenen,
neuen, nicht vorhersagbaren Klängen besteht,
aus betrunkenen, müden, murmelnden, murrenden,
liebenden, verliebten, umherziehenden Klängen?

Wechsele ich mit den Orten, die ich bewohne, die Seele?


[Erstveröffentlichung in Empfangendes Gedächntnis (1995).
Aus dem Bulgarischen von Gabi Tiemann in enger Zusammenarbeit mit der Autorin
(c) Tzveta Sofronieva, 1995]




Über das Glück nach der Lektüre von Schopenhauer, in Kalifornien
6.


Über das Glück - ach, wunderbares Wort!- lest bei Schopenhauer nach.
Meine Analyse ist lautvergleichend, nicht objektiv.
Es gibt viele Lücken im Glück, auch verrückt und bedrückt stecken im luck.
Im Bulgarischen wird das Glück, schtastie, oft verschluckt, viel sch und t, viel scht,
Schweigen ist im Glück,
auch viel st, Angst, Steine, Stolpern, Stolz, Stelle, Stop.
Das Phänomen schtastie und sein Verschlucken im Hals
sind so angenehm zu erforschen.
Nicht der quälende Wunsch nach Glück, sondern ehrliches Stottern
taucht in den anderen Sprachen auf.
Happiness stolpert bei dem p.
Glück gluckert leise in der Kehle,
kasmet, um genau zu sein, kismet wird es richtig ausgesprochen,
gerinnt und wird sauer bei Aufbewahrung außerhalb des Kühlschranks,
du willst es nicht schlucken und fängst an, konvulsivisch zu stottern
bei dem a, entsprechend bei dem i.
Die Behältnisse zur Aufbewahrung des Glücks sind offenbar von Bedeutung.


['Über das Glück nach der Lektüre von Schopenhauer, in Kalifornien' ist der sechste Teil eines Gedichtzyklus der 2005 in der Villa Aurora geschrieben wurde. Erstveröffentlichung bei akzente (Heft 3 / 2007).
(c) Tzveta Sofronieva, 2005.]


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Anmerkung der Herausgeberin: Tzveta Sofronieva schreibt Gedichte auf Bulgarisch, Deutsch und Englisch. Sie hat einige ihrer Gedichte selbst übersetzt, manchmal in Zusammenarbeit mit muttersprachlichen Lektoren. Einige ihrer Gedichte wurden direkt aus der Originalsprache übersetzt, während andere zunächst in eine Zwischensprache und dann in Zusammenarbeit mit der Autorin in die Zielsprache übertragen wurden. Wir haben uns bemüht, umfassende Informationen über die Herkunft der einzelnen Gedichte zur Verfügung zu stellen.








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