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Worte, für Dich, als ChanceEine Rezension von Tzveta Sofronieva
Sándor Tatár, A végesség kesernyés v ... / Endlichkeit mit bittrem Trost
Hrsg. Paul Alfred Kleinert, pernobilis edition im Engelsdorfer Verlag, Leipzig, 2006
Das Buch Endlichkeit mit bittrem Trost mit Gedichten von Sándor Tatár, herausgegeben von Paul Alfred Kleinert bei pernobilis edition (im Engelsdorfer Verlag, Leipzig, 2006), mit einem Nachwort von György Dalos, öffnet man neugierig und mit Respekt. Nicht nur, weil es eine sehr schöne Ausgabe ist oder weil man die gegenwärtige Lyrik aus Ungarn, vor dem Hintergrund der vielen Prosaerscheinungen aus dem Ungarischen, als relativ unbekannt einschätzt. Vor allem wegen der Fülle bekannter Autoren, die insgesamt achtunddreißig Gedichte ins Deutsche übertragen und nachgedichtet haben: Annemarie Bostroem, Günther Deicke, Heinz Kahlau, Orsolya Kalász, Paul Kárpáti, Paul Alfred Kleinert, Karl Messer, Riechard Pietraß, Christian Polzin, Monika Rinck, Irene Rübberdt und Péter Zalán. Jeder von ihnen hat sich in die Welt des ungarischen Dichters Sándor Tatár begeben und ist daraus um einige Verse reicher zurückgekommen, um sie uns weiterzugeben. Die Sorge, ob diese deutsche Stimmenvielfalt nicht zu sehr die eine ungarische Stimme durch die unterschiedlichen Empfindungen der Nachdichter verzerren mag, verschwindet schnell, sobald man sich in das Buch vertieft. Sicher war es Tatár als geübtem Übersetzer deutscher Literatur ins Ungarische bewusst, welcher Gefahr er sich aussetzt, wenn er zahlreiche Nachdichter in einem Buch hat; Respekt vor seinem und seines Herausgebers Mut, weil es sehr wohl gelungen ist, den verdichteten Raum Sándors vielstimmig nach Deutschland zu bringen. Zum Glück hat sich der Herausgeber für einen zweisprachigen Band entschieden, und so kann man doch auch ohne des Ungarischen mächtig zu sein, gut erkennen, dass die vom Autor gewählte Form vielfältig genutzt und seine Sprache genau unter die Lupe genommen wurde. Den vollständigen Titel des Buches sollte man an dieser Stelle daher in beiden Sprachen nennen: A végesség kesernyés v ... / Endlichkeit mit bittrem Trost.
Im Titelgedicht positioniert sich der Dichter im Ungarischen, in der Sprache des Dichters Attila József und eines Landes, in dem, wie er selber sagt, sein Los ihn erproben wollte. Im Nachwort wird er von György Dalos als zugehörig zu den Phänomenen der neuen ungarischen Literatur, die dem Wechsel der Zeiten eine authentische Stimme verleihen bezeichnet. Die Gabe Tatárs in der einen Sprache entfaltet sich auch im Bezug zu anderen Sprachen, wie man aus den biografischen Daten im Klappentext des Buches erfahren kann, denn Sándor Tatár hat unter anderem Angelus Sibelius, Goethe, Kleist, Rilke, von Hofmannsthal und Schnitzler ins Ungarische übertragen. 1962 in Budapest geboren, studierte er Germanistik und Hungarologie und brachte nach seiner Promotion seine Leidenschaft für beide Sprachen in seiner Lehre und Forschung, und in seinen hoch angesehenen Übersetzungen zum Ausdruck.
Die Positionierung im Ungarischen ist aber keine Positionierung in Ungarn, eher eine im Leben. Sándor Tatár wählt als Motto des Buches ein Zitat Józsefs zu dessen poetischer Bedeutung er im Verlauf des Bandes mehrmals zurückkehrt, und durch das er den Raum des Dichters ortet, Lüge und Sprache untersucht, Skepsis und Zuversicht in Bilder umwandelt.
"Komm, mein Freund, komm, schau und sieh erst:
Hier in dieser Welt wirkst du.
Mitleid wirkt in dir zuinnerst.
Lüge nützt nichts, gib es zu.
Lass jetzt dies fort, lass das laufen,
Abendlicht zerschleißt, gehts auf den
Abend zu ..."
(Attila József, 1905-1937)
Nicht ein Land und sicher nicht ein Heimatland ist der Ort Sándor Tatárs; er findet keine Sicherheit, weil er sie nicht sucht. Der Ort der Dichtung für ihn ist der Garten, ein besonderer Garten. So beendet er das Gedicht '"Die Krähenschar in Richtung Stadt":
Das gelbe Licht deiner Lampe erhellt das Regal mit den Büchern.
Und du grübelst nach: sich sicher fühlen,
wie mag das wohl sein?
Hat man denn wirklich eine Heimat, wenn man, ach, eine Heimat hat!?
um im "Mensch sein" mit der Antwort darauf anzufangen - "Lassen wir mich einen Garten haben" - und diese in "Flauer Abschied im September" fortzuführen:
in einem Garten werde ich leben, sag ich, in einem Garten wohl,
wo die Habichte sich verirren, Schnecken aber gefahrlos an ihr Ziel
gelangen, und wo Eidechsen
den Briefträger nicht bis zur durchhängenden, kaum schließbaren Pforte lassen.
Ein Haus wird dort nicht stehen, bloß ein wasserdichtes Falterflügel-Laubdach.
Der Garten als Ort der Dichtung ist auf vielen Seiten Sándor Tatárs Buches wiederzufinden, und dieser Garten in seiner Poesie erinnert an den von Johann Amos Comenius gesuchten Garten der Selbstbestimmung des Menschen als Methode zur Vollendung der Schöpfung. Selbstsehen, Selbstsprechen und Selbsthandeln, um einen neuen Garten zu pflanzen. Der Garten der Bücher, des Erkennens, der Sprache.
Dieser Garten verträgt nicht die Lüge, die als Abwesenheit von Mut oder als Hilflosigkeit der Sprache gesehen wird.
Die Menschen lügen ziemlich oft. (Wir, Menschen ... und so fort.)
Bei Licht besehen lügen sie/wir immerzu, ...
...
... bald aus Bequemlichkeit, bald
und vielleicht häufiger noch - zurückerschreckt vor dem So-Sein der Dinge.
("Flauer Abschied im September").
100 Fata Morgana, die die Leere tarnen sollen,
und Pseudofenster malen auf massives Nichts.
("Word/.../Windows").
Und obwohl der Dichter "sich besser, als im Feld die Rade [tarnt]" ("D(ich)ter"), obgleich ihm bewusst ist, dass einem Poeten wenig zur Verfügung steht, um etwas zu ändern - "was sollst Du glauben, dass dich das Schicksal Sonderrollen spielen lässt?" ("Also bitte!..."), so bleibt es dennoch nicht beim Zusehen und Zuhören. Denn es geht Tatár um Entscheidungen "mein Entgelt gewusst: exakte Sätze", und er vertraut dem Urteil der immer lebendigen Sprache.
Auch wandelt sich unsere "Schatzkammer" die Sprache.
So zähle nunmehr das beständige! Allein ob es so gewiss ist,
dass es Bestand hat, wie das Meer rauscht,
das Blatt zu Boden sinkt,
die Kieselsteine knirschen?
("Flauer Abschied im September")
Denn man kann benennen, auch wenn es "dazu erst später gekommen sein [mag]" ("Schnitt").
Du sollst dich nicht dem frühen Lärmen beugen;
sollst sprechen, bis die Lippen dir erstarren -
einst wird ein Hügel von der Stille zeugen.
("Selbstbestimmung eines Dichters aus dem vorigen Jahrhundert").
Beständigkeit und Veränderung ringen in diesen Gedichten oft miteinander; besonders schön ist das in Strömen, dahin, wo jedes Aufheben eines Steins, zu eine[r] philosophisch gesehen Hamletsche Tat wird. Dabei verweben sich Geschichte und das Verlieren von Geschichte ineinander.
In "Was bleibt/blieb" findet man dann wieder den Garten, insbesondere den der Liebe:
Bekanntschaft geschlossen mit deinem Nabel, deinem Bauch,
deiner Sonnenbrille, deinen Schultern und
dem Pausenzeichen der Höflichkeit auf deinem leidenschaftlichen Antlitz.
Das, was einzig bleibt, ist immer wieder der Ort der Dichtung:
Aber ich habe ja den Garten hier. Der
Mondschein steht mir gut.
Nie ist mir kalt.
In "Protokoll einer Liebe" und in "Kampf zur Genüge: die Vergangenheit" geht es auch eher um die Beständigkeit als um die Liebe.
Sándor Tatár ist ein ganz und gar bewusster Dichter, seine Sprache kündigt ihre Verbindlichkeit, das Bekennen zur poetischen Erweiterung des Benennens wird hervorgehoben, oft auch grafisch, so wie z.B. in dem Gedicht "Heute bangst du um die Dichtung, um das Wissen morgen", wo einzelne Worte kursiv und eines, das Wort "Wirklichkeit", fett geschrieben sind. Fett steht z.B. auch das Wort "Heimat" dem Gedicht "Ein: Nichts. Alles: Nichts".
Der Zugang zu dieser Lyrik wird manch einem nicht leicht sein. Oft spiegelt sich in ihr die Geschichte der ungarischen Sprache und wird zum Wortspiel, das nicht jeder nachvollziehen können wird. Viele der alten Bilder der Sprache werden bei Tatár neu ausgestellt und keine falsche Sprache der Gefühle und der Befindlichkeiten wird dabei geduldet. Wenn ich daran denke, dass dieser Text über sein Buch in einer Ausgabe zu Erinnerungen der Worte und Begegnungen in der Mehrsprachigkeit ihren Platz findet, so darf ich nicht versäumen, noch einen Gedichttitel aus dem Buch zu erwähnen: "Nach dem Auftauen ist das Wiedereinfrieren der Symbole untersagt!"
Und obwohl das lyrische Ich sich als einsam empfindet:
Du kennst die Antwort, doch du stellst noch Fragen
im Wissen, dass das alles nutzlos ist.
So wird der Reißverschluss der Einsamkeit zur Naht
("Nachsinnen? Worüber denn??"),
weiß es:
über mein Schicksal wird auch dort entschieden,
wo der Beschluss gefällt wird, ob man sprechen,
ob man eine Sprache sprechen und einst vielleicht eine Sprache sprechen
lernen würde
Worüber man nicht schweigen kann, darüber muss man reden.
wie das Gedicht "Worte, für dich, als Chance" endet.
Eine Chance für die deutschsprachigen Leser bietet dieser schöne, zweisprachige Gedichtband Sándor Tatárs A végesség kesernyés v ... / Endlichkeit mit bittrem Trost. Am liebsten mochte ich die Gedichte "Schnitt", "Inter arma silent ...", "M.A.R.K.T." und "Wer nicht durch die Schwingtür zu Gleisen eilt", aber warum ich etwas liebe, konnte ich noch nie erklären, also habe ich sie stattdessen aus dem Deutschen ins Bulgarische übertragen. Sicher muss ich für diese noch einen bulgarischen Lektor finden, der des Ungarischen mächtig ist, aber genau so wandert die Poesie in der Mehrsprachigkeit von heute weiter. Denn sogar wenn es ganz richtig sein sollte, dass Poesie zu übersetzen sei wie einst eine Braut durch den Schleier zu küssen (oder auch durch mehrere Schleier), so ist es doch wunderbar, wenn man in dem Kuss spüren kann, dass es diese Braut gibt, und dann wächst die Sehnsucht, sie, die Poesie, zu erleben.
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(c) Tzveta Sofronieva, 2007
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