In dieser Ausgabe
geil!
Denkmal eines WortesMária Chilf: lufi5
ePrag ist keine geile Stadt. Doch man kann sich in Prag ganz schön geil benehmen. Nur eins gibt sich dabei sperrig. Das Wort, das verfluchte und zurzeit nicht einmal modische Wort "geil" macht es einem schwierig, richtig geil zu werden. Petr, der junge Prototyp eines um 35 Jahre alten Tschechen, sitzt abends auf dem Balkon seiner mit dem Ausblick in den Hinterhof ausgestatteten Prager Wohnung und ist fast schon dabei über die Geilheit nachzudenken. Warum?
eVielleicht hat es mit seinem ehemaligen, bereits eine ganze Ewigkeit hinter ihm liegenden Russischunterricht zu tun. Damals, als er russisch pauken wollte, weil er es sowieso musste, überraschte ihn die Eigenschaft dieser Sprache, die ja an sich immer unschuldig sein soll, fremde Wörter oder gar Namen bis zur Unkenntlichkeit sich zu eigen zu machen. An Dingen wie `ejkspír statt Shakespear oder Gjote statt Goethe haben sich bereits ganze Armeen von mehr oder weniger zwangsweise eingeschulten Sprachlegionäre gerieben. Petr selbst ist übrigens auch kein Name, der einem die Berechtigung zu den Namenspielchen verleihen kann. Weder in Russland, noch in Prag. Doch mit der Russifizierung des Obernazigrusses, des genauso penetranten wie nichtssagenden "Heil Hitler", auf russisch jedoch "Geil Gitler", fühlte sich Petr auf einmal im Niemandsland gelandet. Ja. Was kann man damit anfangen, dachte er sich von Zeit zu Zeit. Für einen Witz mag es zu schade sein, für eine tieferschürfende Pointe ist es aber allzu oberflächlich. Und sollte dies nur ein Witz bleiben, was kann man ja mit solchen Witzen tun. Wenn man in Prag, einer manchmal anziehenden, manchmal anzüglichen Stadt, lebt und dabei schon alles woanders tausendmal und zumal früher erdacht und erfunden scheint?
eDas alles schießt Petr durch den Kopf, wenn er auf seinem Balkon sitzt, der Tag zu neige geht und von der Geilheit nur ein phonetischer, in kaum vernünftig verwendbare Assoziation spielender Abklatsch wird. Alles scheint so furchtbar unwichtig, dass es fast den Eindruck vermitteln kann, als ob die Nutzlosigkeit Petrs ursprünglichen Wortspiels die allgemeine Atmosphäre angesteckt hat. Wenigstens für diesen Abend. Der Abend, an dem sonst nichts besonders "geil" scheint. Höchstens ja die Geilheit selbst. Es sei denn, man wollte die nazistische Ehrentbietung sechzig Jahre zu spät und noch dazu auf russisch exerzieren. Aber warum? Nur da man abends nutzlos, irgendwo in Prag hockt und nichts besseres zu tun hat? Man kann sich sicher in Prag geiler benehmen und auch geilere Gedanken einfallen lassen. Doch diese anziehende Stadt ist manchmal halt bloß anzüglich.
eUnd so sitzt Petr auf seinem Balkon, lässt seine Gedanken schweifen und denkt, sofern es überhaupt als Gedanken noch steuerbar ist, darüber nach, was er mit seinem Schulrussisch überhaupt noch anstellen kann. Ganz pragmatisch. Das kann doch nicht alles sein, was geblieben ist. Ein böser Gedanke, wie die durchaus unschuldige Sprache aus den durchaus schuldgewordenen Redewendungen auf einmal anzügliche Pointen werden lässt. Geil Gitler! Ist es alles, was übriggeblieben ist, ohne dass es überhaupt je gegeben hat?
ePetr denkt nach und spürt, dass er, bevor er schlafen geht, diese Situation unbedingt noch etwas länger auskosten sollte. Ja, er denkt, er hat was zu denken. Zumal vor dem Schlafengehen. Mag sein, dass dies nichts Bahnbrechendes ist. Doch daran gemessen, dass die meisten, wenn nicht gar alle Dinge bereits woanders und zumal viel, viel früher schon erfunden und erdacht wurden, ist es immerhin etwas. Petr kommt bei diesem Gedanken in Rage. Es ist nämlich sein Gedanke. Er denkt, hat was zu denken. Ist das nicht ein klassischer Beweis, dass es ihn noch gibt? Wen schert es, dass es dabei nur um ein Wortspiel, falls überhaupt, geht! Er denkt, er ist dabei, man muss mit ihm rechnen! Für ein solches Erlebnis müssen andere Leute tausendmal gefährlichere und meistens nutzlosere Dinge tun. Nur um ein einziges Mal richtig dabei zu sein.
eNicht zu verschmähen ist dabei auch der Umstand, dass Petr mit seinem plötzlichen Nachdenken kurz vor dem Schlafengehen überrascht, ja sogar übermannt ist. Vor dem Schlafengehen - das ist nämlich jener Augenblick, bei dem man nicht sicher ist, ob es die Gedanken nun nicht schon verspielt haben. Ob sie im Grunde genommen nicht eher einen Beweis treten, wie dünn die eigene Existenz inzwischen geraten ist. Wie banal sind die Sorgen, die sich meistens an die Stelle der echten Gedanken, zumal auch furchtbar schwach getarnt, so gerne schleichen. Vor allem, wenn man bedenkt, wie erfinderisch die Helfershelfer sind, die einen ins Reich des Schlafes mitbefördern mögen. Es muss dabei nicht immer der Fernseher sein. Dieses allzu gefällig unterschätzte Gerät. Man kann auch von einem Buch, oder sogar einer Zeitschrift benebelt sein, um in den Schlafrausch unbeholfen zu fallen.
eDoch nun fällt in Prag die Nacht. Weit und breit die Stille. Diesmal sind es die anderen, die zurzeit irgendwo fernsehen. Und nimmer allzu fern! In Prag, dieser manchmal anziehenden, manchmal anzüglichen Stadt läuft zur späten Stunde ein kleiner, individueller Denkprozess ab. Es mag sein, es ist nichts besonderes. Ein kaum besonderer Mensch, ein kaum besonderes Wortspiel, eine kaum besondere Lebenserfahrung, ein kaum besonderer Moment. Und dennoch! Die Vergangenheit eines konkreten Menschen scheint auf einmal Sinn zu machen. Mag sein, es ist nichts besonderes. Mag sein, auch Petr ist nichts besonderes. Doch ein paar Dinge und dabei auch ein paar Wörter fanden endlich ihren Platz. Sind dabei. Geil!
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(c) Tomás Kafka, 2005
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