In dieser Ausgabe
lexicalischer Leichtsinn
Unnötige Erklärungen über das Schreiben und das NichtschreibenAus dem Bulgarischen von Barbara Müller
1.
Es beginnt mit der gewöhnlichen Peinlichkeit
Wörter zu gebrauchen, die man mit Großbuchstaben
schreiben kann: LIEBE oder HEIMAT oder POESIE,
oder Flüche, Gebete und ähnliche Sprüche.
Die Kreise der Widrigkeit erweitern sich konzentrisch
und erfassen dabei
Sonne, Feuer und Brot
Meer, Quelle, Fluss, Durst und schließlich
fällt es dir schwer sogar mit
Mama,
was bleibt dir da
2.
Meine Stimme sagt etwas, das nicht von mir ist:
einen erhaschten Gedanken? vorgesagten? abgehörten?
und was ich aufschreiben soll?
na und?
Und was, wenn mich jemand abhört?
Wenn er sich anschließt und es fortsetzt?
Wenn er es falsch fortsetzt oder verkehrt herum?
wie bei der stillen Post?
Oder wie jene Zettel mit unerfindlicher Bestimmung,
die man ab und zu im Briefkasten findet und man
sechs Mal abschreiben soll und jemandem
schicken muss
unter dem Titel
Glücksbrief.
3.
Bücher bis unter die Decke.
Das sieht bedrohlich aus, ist es aber nicht,
es ist nur unmöglich, sie nicht zu bemerken,
da hilft keine Gewöhnung.
Einigermaßen geordnet: Da ist eine Reihe von A-lexander
Sergejewitsch Puschkin bis William Butler Y-eats.
Tausende die Seele stärkende Anlässe.
auf das Schreiben zu verzichten.
4.
An sich könnte es (das Schreiben)
kein Laster sein. Aber wenn
seine Energie die Liebe unterdrückt
das Mitgefühl austrocknet
deine Angehörigen verrät
bist du nichts anderes mehr
als ein ergriffener Passant deines eigenen Lebens.
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(c) Ekaterina Jossifova, 2002.
Übersetzung (c) Barbara Müller, 2002.
Die Übersetzung wurde 2002 im Rahmen der Veranstaltung des Goethe Instituts Sofia zum Thema 'Die Wörter - Kluft oder Brücke? "Verbotene Worte" ' gemacht.
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