In dieser Ausgabe
Manifeste
Politisches Quintet (1992)Aus dem Rumänischen von Gerhardt Csejka
LIBERTY
Was werdet ihr anfangen mit der Freiheit?
krächzen in den Parkanlagen skeptische Raben
säuseln Schrumpfstatuen bekümmert in den Vorstädten
was wollt ihr tun, was wollt ihr tun, bellen in Agonie
alte Rentner Wimpel schwingend, zetern schrill
empörte Frauen und fuchteln mit Kindern und Einkaufstaschen herum.
Was werdet ihr anfangen mit der Freiheit
knurrt skeptisch der Kirchenmann rittlings auf der Sphinx, was
könnte das sein? fragt gelehrt Sokrates den Plato, was wohl?
flüstert Dostojewski betrübt aus seinem Rollstuhl heraus
was wohl? grunzen die Politiker und die Präsidenten
Ja, in der Tat, was fangen wir an?
Was wollen wir tun? fragen wir uns, plötzlich allein auf dem Platz
voller Papiermüll und Blutgerinnsel
kein Mensch weit und breit, alle sind weg
die Lautsprecher brüllen ins Leere
uns zittern Kopf Beine und Hände
wir frieren, wir hungern, wir sind den Tränen nah
hatten gerade erst begonnen im Kollektiv ein Epos und Hymnen zu schreiben
hatten gerade mit dem Erlernen einer Weltsprache begonnen
hatten gerade begonnen eine Art blaues Licht auszustrahlen
und allesamt der heiligen Jungfrau ähnlich zu sehen
hatten soeben fröhlich den Scheiterhaufen erklettert
um das tiefviolette Morgenrot ein letztes Mal zum Leuchten zu bringen
STILLEBEN MIT EIMER
Ein ramponierter Eimer auf dem Sockel in einem Ausstellungsraum
oh, nichtswürdiges Bildwerk, gemeines und tristes Werkzeug,
Denkmal einer proletarischen Welt, auf den Sockel gehoben
in deinem angefressenen Zink, langlebig doch ohne Nachruhm:
die Leute umkreisen dich erschrocken, bewundern dich mürrisch
sie heben dich verzweifelt in den Heiligenstand, ob denn wohl
ein Eimer auf dem Sockel etwas anderes ist als
ein Kücheneimer oder beides doch nur ein und dasselbe?
Hurrarufe, Beifall, gieriges Verehren
in einer mehr und mehr antiquierten Welt,
die sich rapide dem Zink annähert, dem Horror,
ich hätte dich anbeten mögen, proletarische Welt, Eimer,
wäre deiner küchengepeinigten Gestalt gern zu Füßen gefallen,
hätte mich gern nur von Schrott und Wasser genährt
hätte mich an Thesen Antithesen und Geboten berauscht,
um die verheißene Zukunft von blendender Strahlkraft
mit dir als heiligem Gral vielleicht doch noch zu erleben
hätte ich bloß an dich glauben, dich begreifen, mit dir EINS sein können
UNSER HAUS
Wir werden ausziehen aus diesem dreckigen Haus
wo sich keiner mehr den Schmutz von den Sohlen abstreift
wo keiner mehr die Fenster putzen mag
keiner bringt mehr den Müll weg
wir werden ausziehen aus diesem elenden Haus
seinen feucht schimmeligen Mauern und seinem Gestank
voller Mückenschwärme und Küchenschaben
den Bergen von Papierfetzen, Flaschenscherben, Konservenbüchsen
wir werden ausziehen aus diesem verfluchten Haus
wo Tag für Tag ein Gewehrschuss losgeht
wo in jedem Zimmer ein grüner Leichnam herumliegt
im Keller Haufen bleichender Skelette versteckt sind
und vom Dachboden fortwährend ein Befehl gebrüllt wird
wir werden dieses verrückte Haus verlassen
wo sie uns erniedrigt und gefoltert haben
wo sie uns verhungern und verdursten ließen
wo sie uns dressiert und gepredigt haben
wo sie uns gezähmt und erzogen haben
diese Bude aus Schlacke, diesen Schuhkarton
diesen Rinderpferch, dieses öde Narrenhaus
diesen von Hass schwärenden Block, diesen lustigen
Platten-Sarg
dieses Haus ohne Möbel und Teppiche
dieses Haus ohne Fenster und Türen
dieses Haus ohne Mauern ohne Eingang
dieses Haus ohne Fundament ohne Dach
aus dem unsere Beine heraushängen, frei baumelnd in der Luft
MANIFEST
Jetzt ist es gut.
Jetzt sind wir frei.
Jetzt haben wir zu essen und zu trinken.
Jetzt liegt uns keiner mehr in den Ohren.
Jetzt können wir Berge von Grillwürstchen und Kohlwickel verzehren.
Jetzt können wir den Schnaps fässerweise trinken.
Jetzt können wir die Blumen pflücken und die Grünflächen betreten.
Jetzt können wir Papiermüll und Sonnenblumenschalen einfach auf den Boden werfen.
Jetzt liegt uns keiner mehr in den Ohren.
Wir sind frei.
Wir können jetzt von zu Hause ausreißen und unsere Eltern verprügeln.
Wir können jetzt einfach gedankenlos in den Tag leben.
Wir sind frei.
Niemand verlangt jetzt mehr irgendetwas von uns.
Niemand sagt uns jetzt mehr, was wir zu tun haben.
Niemand gibt uns mehr Ratschläge und Befehle.
Jetzt ist keiner mehr da, der uns betreut und umhegt.
Niemand mehr schimpft uns aus, niemand mehr lobt uns.
Jetzt will niemand mehr Mama und Papa für uns sein.
Keiner braucht uns jetzt mehr.
Sind wir denn nicht mehr fleißig? Sind wir nicht mehr brav?
Sind wir nicht mehr treu ergeben? Sind wir nicht mehr die Zukunft?
Jetzt sind wir frei.
Jetzt sind wir nichts mehr, jetzt zählt alles nicht länger.
Siehst du mich, Mutter? Vater, kannst du mich hören?
Brüder, wo sind wir? Wohin haben sie uns gebracht? Wo haben sie uns da hingezerrt?
Genossen, es ist kaum noch was zu erkennen, macht doch endlich das Licht an!
Kameraden, greift zu den Waffen, auf in den Kampf, in den Kampf!
Meine Lieben, wir wollen sanftmütig sein, wir wollen sein wie die Lämmer!
Meine Herren, lasst uns überlegen, lasst uns miteinander sprechen, uns verständigen!
He Blödmann, wir arbeiten, wir denken nicht! Kumpel Niklas, verpass ihm eins!
Bürger, alle Mann zu den Urnen! Du, Tante Ileana, schlägst bitte den Takt!
Nationsgenossen, los denn! Und immer vorwärts! Hurra!
ARS EXILUM MUNDI
In eine Toga gehüllt entsteigt der Dichter dem Grab, hebt an zum Gesang
Insektenschwärme und weiße Tauben schwirren an diesem kühlen Morgen
um die frischen Leichen der jüngstvergangenen Revolution
er lässt seinen Blick über den leeren Platz und die blutgefüllten Abzugsgräben schweifen
schaut den fliehenden Massen hinterher und sieht Engelsscharen über ihren Köpfen
erblickt eine abgehackte Hand verloren auf dem Gehsteig und in der Höhe die drapierte Herrlichkeit
die Worte Freiheit Brüderlichkeit usw. fallen ihm ins Auge
indes er seine blau angelaufenen Beine unter dem kalten Federkleid einzieht
und flügelschlagend den dunstigen Höhen entgegenstrebt
müht sich der Dichter die Zukunft im Ringkampf mit der Vergangenheit zu sehn
und kann doch nur einen Trichter erkennen:
einen riesigen rot starrenden Trichter der alles aufsaugt
alles wegleckt, blank wischt und ihn schelmisch fragt: Wozu das ganze?
Er starrt noch auf die Bilder des Films-vom-Menschen der pausenlos auf die Mauern projiziert wird
wo zwischen Feuersbrunst und Feuerwerk der Mensch aus Vorhöllen kommt
der immer gleiche Mensch, vollgepackt mit Häuten, fotoelektrischen Zellen
und Goldketten
in den Armen ein ewig totgeborenes Mutantenkind.
Der Dichter tänzelt einsam durch die Ruinen
der Dichter singt psalmodierend für Raubtiere und Ungeheuer
der Dichter betet zu Diamanten und Blut
der Dichter fragt wo sind die neuen Tempel
der Dichter sagt sich zwischen leblosen Leibern selbst die Stanzen auf
der Dichter verzehrt sich selbst
und verwandelt sich in Wörter.
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(c) Magda Cârneci, 1999
Übersetzung (c) Gerhardt Csejka, 2005
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