In dieser Ausgabe
stille Sprache, Sprachsprünge
Die Arbeit des SchattensDie Arbeit des Schattens (Phi: 2005)
Aus dem Französischen von Odile Kennel
eDIESE AUTOBAHN DIE IN MIR die Lust zu bleiben
teert öffnet wie ein Reißverschluss
die Wunde die ich gestern Abend
mit nach Hause brachteemptyaber heute morgen kannst du es mir sagen
wer bist du dass du von Messern sprichst die aufzuräumen
oder von Wegen die zurückzugehen sind nein antworte nicht
sofortemptyerzähl mir erst von dem Garten hinter
dem Haus und von Weggehen das du dort begraben hast
eDIE HOFFNUNG AUF EINEN VERFRÜHTEN Sonnenaufgang
hat mich hierher geführt und ich wollte auch sehen
ob man sich wirklich dem Tod nähert wenn man
so hoch steigtemptydas jedenfalls
hat mir mein Vater erzählt als er mit einem Koffer in der
Hand in meinen Traum herabgestiegen ist
immer wenn er herabsteigt
emptyemptyemptyemptyemsteige ich seither dort hinauf
und wenn wir uns kreuzen bleiben wir
stumm wie zu der Zeit als meine Mutter
uns in der Küche die Teller bis zum Rand
mit Schweigen füllte
eIN LETZTER ZEIT HOLE ICH diese alten Fotos
aus ihren Schachtelnemptynur durch sie
bin ich bis hierher gekommen aber sie
schulden mir auch etwasemptynichts
fehlt auf den Gesichtern die ich in meinem Zimmer
an die Wand nagleemptydein Lächeln
leidet nicht darunter wenn ich in einer Hand
den Hammer halte und in der anderen
folgende Geschichteemptyes geschieht
neben einem Brunnen im Hof eines
mittelalterlichen Schlossesemptyschon lange
kommt niemand mehr aus ihm zu trinken
man erzählt auch
dass seit der letzten Trockenheit die
Bewohner der Umgebung ihre Toten dort hineinwerfen
aber nicht darüber
wollte ich mit dir sprechen
emptyemptyemptyemptyedieser Nagel über
deinem Kopf ist kein Heiligenschein und auch keine
Strafeemptyer ist nur ein Stück des Weges
den ich gegangen bin bevor ich mein Leben
an eine ferne und weiße Wand hängte und von da aus
belauere ich dich und du mich und halten wir
nicht beide einen Hammer in
der Hand und in der anderen die gemeinsamen Nägel
unserer Geschichte
eES GIBT TAGE wenn da die Flut steigt
belegt sie die Dinge mit Wörtern und sagt
zum Beispiel diesemptywas aus dem Meer kommt
ist keine flüssige Erinnerungemptyes sind Worte
in einer FlascheemptyWorte die
alle Feuchtigkeit wie einen Dialog durchquert haben der
der wie die Toten wissen gereist ist
von der Mauer zum Fallemptyvon der Stille
zum früher Gesagtenemptyich schaue aufs
Meer und in der Luft schwebt ein
nicht atembares Blauemptynicht weil das Wasser plötzlich
geschwätzig geworden wäre sondern wegen dir
du bist es die kommt und so viel Meer in meinen
Koffer packtemptyermüdest du denn nieemptyhat man dir
nie gesagt dass das Salzwasser dass du anhäufst
der Schlüssel zu deiner Schwere istemptyhat man dir nie gesagt
dass das Meer anzuschauen schwerer wiegt als die Worte
die von hier aus deinen Koffer belastenemptyes gibt auf dem Meer einen
Schlüssel der Flaschen öffnetemptyund auch eine Hand
weder deine noch meine doch zu allem bereit
eEIN GEWALTIGES VERGESSEN eint jene die in dieser Stadt
leben emptyman spricht nur noch durch schwarze Rauchwolken
miteinanderemptyfrüh morgens bereiten sich die Feuerwerfer
auf einen langen Tag vor
emptyemptyemptyemptydie Wortsäulen über
den Dächern zeigen an welche Häuser verschont bleiben sollen
in einem von ihnen ich während des letzten Krieges lebte
früh morgens bereiteten wir uns
auf die Worte vor die verbrannt werden solltenemptysie gingen
von Mund zu Mund und endeten auf dem Scheiterhaufen
sprechen bedeutete noch auf eigene Faust überleben
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(c) Editions Phi, 2005
Übersetzung (c) Odile Kennel, 2005
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