In dieser Ausgabe
stille Sprache, Sprachsprünge
WimpernflugMária Chilf : kiahibas
Auszüge aus der atemlosen Erzählung (ebersbach: 2000) von Odile Kennel
Mit dem Deutschreden ist es manchmal komisch auf einmal stolpern mir die Worte mühsam über die Lippen sie flattern aus meinem Mund wie fremde Vögel sie setzen sich den Leuten in den Kopf nur in meinem Kopf da wollen sie nicht sein da verstecken sie sich da sitzen sie ganz ruhig und rühren sich nicht. In meinem Kopf da ist mein Name und wenn der über meine Lippen kommt verstehen mich die Leute nicht sie fragen höflich wie bitte sie finden es komisch daß ich nicht Susanne Petra oder vielleicht noch Nicole heiße.
Nie-coll ruft Frau Schneider sie wohnt auf der anderen Seite der Straße Nie-coll komm rein die Hitparade fängt an. Alle Kinder müssen rein für die Hitparade dann ist die Straße leer und mir bleibt nichts übrig als bei meiner Freundin Sabine auch Fernsehen zu schauen obwohl ich das langweilig finde oder ich gehe zu mir nach hause wo wir keinen Fernseher haben wo meine Mutter sich die Ohren zuhält wegen dem Nie-coll weil sie französisch ist und französische Namen auf deutsch schrecklich findet.
Ich heiße Cécile das wird auf der zweiten Silbe betont und das e am Schluss hört man nicht. (...)
Meine Mutter hatte sich auch noch Barbara überlegt aber sie dachte daran wie die Deutschen Nicole aussprechen und dann wäre daraus Bahr-bara geworden oder Babsi weil die Deutschen alle Namen abkürzen sagt meine Mutter. Also hat sie Cécile gewählt da kann man nicht viel falsch machen hat sie gedacht. Jetzt muss ich meinen Namen immer mindestens zweimal wiederholen die Leute sagen trotzdem Cecill sie betonen es an der falschen Stelle und schreiben können sie meinen Namen erst recht nicht sie schreiben Cecil ohne accent ohne e ohne alles. Manche Kinder versuchen Sessi daraus zu machen aber da tue ich so als hätte ich nichts gehört warum sollte ich auch es gibt keine Sessi jedenfalls nicht in meinem Haus.
(...)
Meine Schwester Merrit heißt Merrit wegen der Gerechtigkeit dann gibt es einen französischen und einen deutschen Namen in der Familie. Alles muss immer gerecht sein.
Die Erwachsenen fragen wie wirst du dich später entscheiden wenn du achtzehn bist für deutsch oder französisch ich antworte wenn ich einen deutschen Mann heirate dann werde ich französisch wenn ich einen französischen Mann heirate dann werde ich deutsch dann ist es gerecht. Vielleicht will ich aber auch gar nicht heiraten was dann weiß ich nicht.
Falls meine Eltern sich einmal scheiden lassen gehe ich da hin wo Merrit nicht hingeht dann hätte jeder ein Kind das wäre gerecht aber natürlich hätte ich lieber sie würden sich nicht scheiden lassen weil wo würden wir dann wohnen damit es gerecht wäre in Frankreich oder in Deutschland. (...)
Brigitte Welk schaut aus dem Fenster sie kaut Kaugummi sie geht nie aus dem Haus weil sonst die anderen Kinder singen Brigitte Welk fette Nelk' es stimmt sie ist dick und meistens nicht so freundlich aber es ist gemein so etwas zu sagen und vielleicht wäre sie netter wenn die anderen netter zu ihr wären. Sie hat einen Zwillingsbruder der heißt Arno ich mag ihn gerne er ist nicht so wie die anderen Jungs man kann mit ihm reden er interessiert sich nicht fürs Röckelupfen. Ich frage mich was Jungs an Unterhosen so aufregend finden aber ich trage sowieso keine Röcke. Arno hat gesagt Brigitte und er sind zweieigige Zwillinge so heißt das wenn Zwillinge sich nicht ähnlich sehen. Es stimmt Arno und Brigitte sehen sich überhaupt nicht ähnlich außer daß sie schwarze Haare und Augen haben und dunkle Haut alle anderen in der Familie sind blond und haben blaue Augen. Frau Schneider hat geflüstert Frau Welk ist fremd gegangen sie hat sich die Hand vor den Mund gehalten als ob sie ein Geheimnis verraten würde ich frage mich wohin Frau Welk gegangen ist und was daran so geheimnisvoll ist und ob wir auch fremd gehen wenn wir nach Frankreich fahren. (...)
Meine beste Freundin Sabine Kambach benutzt Wörter die ich nicht kenne sie sagt ich habe Kohldampf wenn sie hungrig ist ich frage mich ob das Wort aus Pommern kommt wo ihr Vater her ist die anderen Kinder sagen nämlich nie Kohldampf sie sagen Hunger ich frage mich ob in Pommern viel Kohl wächst. Ich fahre mit Kambachs in ein Bauernhaus im Schwarzwald Frau Kambach sagt Sabine hat Reisefieber ich erschrecke sie kann ja nicht mitkommen wenn sie krank ist. (...)
Frau Kambach sagt noch andere Wörter die ich nicht kenne sie sagt Sabine und du ihr seid Busenfreundinnen was lustig ist weil wir gar keine Busen haben zum Glück nicht wir haben uns geschworen uns einen abzuschneiden wenn sie anfangen zu wachsen damit wir noch Pfeil und Bogen schießen können wie die Amazonen wir haben uns mit einer Nadel in den Finger gestochen und unser Blut ausgetauscht jetzt sind wir Blutsbrüder.
Ich bin gern bei Kambachs da gibt es nicht nur Wörter die ich nicht kenne es gibt auch ganz andere Sachen zu essen als bei uns.
Am Wochenende backt Frau Kambach Hefezopf der wirklich aussieht wie geflochten bei uns gibt es nie Hefezopf dafür Schokoladenkuchen den tunke ich Sonntags zum Frühstück in den Kakao. Wenn wir Besuch haben gibt es tarte à la rhubarbe das ist französisch obwohl in Frankreich gibt es keinen Kaffee und Kuchen sondern goûter mit BN à la fraise das ist wie Prinzenrolle nur viereckig und mit Erdbeer es ist für die Kinder die Erwachsenen essen nichts zum goûter warum weiß ich nicht.
Manchmal sehen die Dinge gleich aus aber sie sind nicht gleich oder sie haben den gleichen Namen und wenn man sie sieht sind sie etwas ganz anderes. Frau Kambach lädt mich zur Gemüsesuppe ein ich kenne soupe aux légumes das macht meine Mutter oft mit großen Stücken Lauch Karotten Kartoffeln Sellerie jetzt sitze ich bei Kambachs am Tisch Frau Kambach schöpft mir Suppe auf den Teller da sind nur Nudeln drin mit drei ganz kleinen Karottenstückchen es ist Nudelsuppe keine Gemüsesuppe aber ich sage nichts es schmeckt gut ich denke daß ich mich eben nicht auf die Worte verlassen kann.
Für alle Dinge gibt es zwei Worte eins für hier und eins für dort ein deutsches und ein französisches aber ich bin immer dieselbe. Es ist wie unterschiedliche Kleider tragen oder meine Mutter erzählt eine Geschichte und meine Oma erzählt eine Geschichte es ist die gleiche Geschichte und doch nicht. Meine Mutter will nicht dass ich die französischen Worte vergesse deshalb gehe ich jetzt ein Jahr auf die école française die ist da damit die Kinder von den militaires auch zur Schule gehen können selbst wenn sie kein deutsch sprechen. Sie wohnen alle im Franzosenviertel da gehe ich jeden Tag auf dem Weg zur Schule durch alle Häuser sehen gleich aus die Fahrräder liegen auf dem Rasen es riecht anders aus den Fenstern es ist wie ein Garten mit anderen Blumen ich schaue sie an ich bin erstaunt ich kenne sie und auch wieder nicht. In der école française haben wir morgens und nachmittags Schule ich esse nicht in der cantine sondern zuhause aber ich habe ein tablier an wie die anderen Kinder ich bin stolz auf mein tablier es ist wie eine Schürze ich habe sie Sabine gezeigt sie war ein bisschen neidisch weil sie das in der deutschen Schule nicht hat. Sie will auch gerne die französischen Pausenspiele lernen aber das geht nicht weil sie die Worte nicht kennt sie kann Himmel und Hölle spielen aber nicht marelle Hopsgummi aber nicht élastique Fangen aber nicht chat perché. Ich kann beides spielen das ist ein bißchen ungerecht aber dafür kann sie sich auf die Wörter verlassen wenn sie Gemüsesuppe bei Nicole Schneider essen würde was sie nicht tut weil wir Nicole Schneider nicht leiden können aber wenn sie es würde wäre die Suppe so wie sie denkt. (...)
Wenn ich von der Schule komme gibt es viel zu erzählen ich rede und rede meine Mutter sagt du mußt nicht so schnell sprechen niemand nimmt dir deine Worte weg aber da bin ich mir nicht so sicher es ist besser man benutzt so viel wie möglich auf einmal. (...)
Mit dem Sprechen ist es wie mit dem Springen beim marelle-Spiel immer von einem Feld zum anderen außer dass es nicht so schlimm ist wenn man auf den Strich springt aber das tue ich sowieso nicht.
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Diese Auszüge erscheinen hier mit freundlicher Genehmigung von edition ebersbach
(c) edition ebersbach, 2000.
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