In dieser Ausgabe
unwahrscheinliche W(orte)
CITYMária Chilf: Bitterfeld 1
Dieses Bild war Teil der 2003 Ausstellung der MDSE im Metalllabor Bitterfeld: 'Belastete (W)orte, belastete Landschaften'
Dieses Bild war Teil der 2003 Ausstellung der MDSE im Metalllabor Bitterfeld: 'Belastete (W)orte, belastete Landschaften'
Auszüge aus dem gleichnamigen Roman (Tropen: 2006) von Michal Hvorecky
Aus dem Slowakischen von Mirko Kraetsch
eIch wurde am 29. Februar in Bratislava geboren, genau in der Mitte Supereuropas. Ganz zu Beginn jenes Jahrhunderts, das sich gern als das letzte bezeichnete, schon als es noch kaum begonnen hatte. Mein Name ist Irvin Mirsky. Doch eigentlich bin ich Irvin Mirsky II.
eEinen Irvin Mirsky hatte es nämlich schon gegeben. Mein älterer Bruder war bei seiner Geburt gestorben, und meine Eltern hatten mir denselben Namen wie ihm gegeben. Sie zwangen mich meine ganze Kindheit lang, regelmäßig auf den Friedhof zu gehen, wo er beerdigt war. Ich musste ein Grab mit meinem Namen besuchen. Sie zogen mir Sachen an, die eigentlich für ihn bestimmt waren. Sie lasen mir aus seinen Büchern vor. Ich spielte mit seinem Spielzeug.
eWenn meine Mutter mit mir redete, hatte ich das Gefühl, sie meine eigentlich meinen Bruder. Mein Vater gab mir oft zu verstehen, ich sei nur das Plagiat eines Ideals, mit dem ich mich nicht messen könnte. Hinter seinen Worten verbarg sich die Kraft einer Illusion - eine Realität der stärkeren Sorte.
eWoran meine Eltern wohl dachten, als sie mich zeugten? Wollten sie nur eine Replik herstellen? Gegen den Tod gibt es kein Heilmittel. Aber auch nicht gegen die Geburt.
eMeine ganze Kindheit durchlebte ich als jemand anderes. Ich kam mir vor wie ein Ersatz in einer späteren Zeit. Eine Fortsetzung. Ein Sequel. Ich schaute mir selbst zu, als würde ich in einem Film mitspielen, der mir nicht gefiel und den bis zum Schluss zu sehen ich nicht die geringste Lust hatte. Wenn ich eine Weile Spaß an etwas hatte, wurde mir meist schlagartig klar, dass das eigentlich nicht meine Freude war, sondern dass derjenige sich amüsierte, der vor mir hier gewesen war und den ich nur vertrat und imitierte.
eDas hört sich an wie eine schlechte Gruselgeschichte - und alles war erst zu Ende, als meine Eltern bei einem Autounfall ums Leben kamen. Damals war ich elf.
eLange hatte ich das Gefühl, als wäre ich der einzige Überlebende des Untergangs von Atlantis. Vorher hatte es eine komplette Zivilisation gegeben, einen eigenständigen Kontinent, und plötzlich war alles weg. Ich war als einziger Zeitzeuge übrig geblieben und musste mich nun ganz allein an alles erinnern. Ich war das, was man einen "Staatszögling" nennen könnte. Fürsorgliche Beamtinnen zogen mich mit ihrer sozialen Pflegemütterlichkeit auf. Von dem Wechsel an ein Internat, wo ich selbstständig werden konnte, war ich deshalb begeistert. Ich brauchte Veränderung.
eDie meisten meiner Mitschüler hießen nach berühmten Marken. Das war modern, als unsere Eltern jung waren. Man konnte dafür von den Firmen ziemlich viel Geld bekommen, deshalb rissen sich die Familien regelrecht darum. In den Kinderwagen wimmelte es damals nur so von Babys, die nach Autos, Lebensmitteln, Möbeln oder Parfüms benannt waren. Die Mädchen hießen Lancia, Nivea, Novartis, Porsche oder Nestlé; die Jungs Gucci, Evian, Hilfiger oder Renault.
eNoch schlimmer dran waren die Kinder, die einen so unerträglich langen Namen wie GlaxoSmithKline, Time Warner Cable oder Doppelnamen wie Thyssen Krupp trugen. Viele Mitschüler mussten zudem während ihrer Schulzeit teilweise mehrmals den Namen wechseln, wenn die von ihnen beworbene Firma verkauft worden oder gar Pleite gegangen war. Die meisten mochten ihre Namen nicht, doch sie konnten ja nichts dagegen tun. Aus ihren Verträgen kamen sie nicht heraus. Deren Auflösung hätte ein Vermögen gekostet. Wenn sie sich vorstellten, mussten sie außer ihrem Namen oft auch einen Slogan aufsagen, wofür es von den Firmen noch mehr Geld gab.
e"Hallo, ich bin McDonald's. Ich liebe es", stellte sich mir ein Mitschüler vor.
e"Irvin? Freut mich, ich bin Apple. Think different", verkündete meine Banknachbarin.
e"Hallo. Hier ist Vichy, weil Gesundheit auch Hautsache ist", tönte es aus dem Telefonhörer.
eIch selbst bin nur dank der Tatsache verschont geblieben, dass es diese Mode zur Zeit, als mein Bruder auf die Welt kam, noch nicht gab. Ein normaler Name - das ist das Einzige, wofür ich ihm dankbar bin. Bei meiner Geburt bekamen meine Eltern schon in der Entbindungsklinik zahlreiche Angebote, aber ihr Entschluss, mich zu einem Ersatzmann zu machen, war stärker.
eSchon damals wartete ich nur noch darauf, dass ganze Länder umbenannt und dadurch Staaten wie RedBullgarien, Whirlpolen, Chevrolettland, Pumarokko oder Mazdadonien auf der Landkarte auftauchen würden.
eDie Jahre, in denen ich aufwuchs, gaben selbst gern vor, die fröhlichsten aller Zeiten zu sein. Endlich war der Babyboom gekommen. Eine Ära, die der neuen Konsumgeneration gehörte, die in einen Wohlstand hineingewachsen war, wie ihn die Welt bisher nicht gekannt hatte. Ich empfand das überhaupt nicht so. Jeden Tag sollte man in vollen Zügen genießen, aber ich verlor stattdessen einen nach dem anderen. Es war modern, so zu lächeln wie Figuren aus der Werbung, doch mir wollte das einfach nicht gelingen.
eWer von meinen Altersgenossen dazu in der Lage war, der war in seinem eintönigen Leben wenigstens permanent fröhlich. Ich konnte das nie. Ich genoss nur das, was nicht real war.
eMir scheint, dass seit einer bestimmten Zeit jede Epoche mindestens zweimal durchlebt wird. Die Zwanzigerjahre. Die Dreißiger. Die Sechziger. Die Achtziger. Die Neunziger. Die Retromode schiebt mit Verspätung ganze Dekaden nach vorn und nötigt sie den folgenden Generationen auf. Künftigen Menschheitsgeschlechtern wünsche ich, dass sich das Jahrzehnt meiner Eltern nicht wiederholen möge. Der Hyperkonsum ist tot - so wie sie selbst auch.
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Diese Auszüge erscheinen hier mit freundlicher Genehmigung des Tropen Verlags
(c) Tropen Verlag, 2006
Übersetzung (c) Mirko Kraetsch, 2006
© University of Wales, Aberystwyth 2002-2009
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