unwahrscheinliche W(orte)

Crime Tungu
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Mária Chilf
Eine Erzählung von Georg Klein
eAlles ist verloren. Die Welt der Tungu konnte nicht geschützt werden. Der große Versuch, dieses letzte wahre Naturvolk gegen die Wirkungen unserer Zeit abzuschirmen, ist gescheitert. Die Macht unserer Fürsorge hat sich als gewalttätige Ohnmacht erwiesen.
eDas Volk der Tungu lebt in einem abgeschlossenen Tal des Regenhochwalds. Dort zu verharren und alles Fremde zu fürchten bildete den kargen und doch hinreichenden Nährboden ihres Stammesempfindens. So, in scheuer Isolation, erhielt sich die Tungu-Tanzkultur: das einzige rein körpersprachliche Kultsystem unseres Globus.
eDie Tungu kannten weder Bild noch Zeichen. Nicht die einfachste Körperbemalung, kein noch so simples Ornament war ihnen geläufig. Haut, Rinde und Ton blieben ungeritzt. Alles, was ihm Lust und Not und Kreislauf des Lebens war, drückte der Stamm in seinen täglichen Tänzen aus. Im Wort TUNGU fielen die Bedeutungen von WIR und die Bedeutung von TANZ ohne Differenz ineinander. Anrührend schlicht und zugleich monumental trat uns der Tanz der Tungu als die letzte ungebrochene Erzählung menschlicher Frühzeit entgegen.
eAber als wir, die verantwortlichen Beobachter der Weltorganisation Zum Schutz Bedrohter Völker, am Ende der letzten Regenzeit, nach 36 Monaten Absenz, zu den üblichen Tests im Tal erschienen, fanden wir zu unserem Entsetzen eine völlig veränderte Szenerie vor. Erstmals in ihrer Stammesgeschichte verehrten die Tungu das Bild einer Gottheit: einen grinsenden Totenschädel mit langen, wehenden Haaren. Der Stamm baut sich Bildnisse dieses Gottkopfes aus Knochen, aus Holz und Harz, aus Haaren und Pflanzenfasern. Sogar die Schädel der Ahnen waren ausgegraben worden, um dem neuen Gott zu dienen.
eÜber drei Meter hoch ist die aus Einzelschädeln zusammengesetzte Plastik, die unsere Ethnologen miten auf dem einst freien Tanzplatz entdecken mußten. In dessen Rund war, bis auf wenige erschütternde Reste, die einstige Ausdrucksvielfalt erloschen. Die jähe Gewalt des Schädelkults schien den althergebrachten Tänzen jeden Sinn entrissen zu haben. Der Anblick des erbärmlichen Gehopses trieb uns Tränen in die Augen. Als wir eine neuerrichtete Tempel-Hütte besichtigen wollten, wurde uns der Eintritt verwehrt. Die Jäger des bislang friedfertigen Stammes scheuten sich nicht, ihre steinzeitlichen Waffen in wilden Drohgebärden gegen uns zu erheben.
eWir standen vor einem Rätsel. Aber dessen dunkelstem Winkel entsprang das Licht der Lösung. Unerklärlich schien uns vor allem die Herkunft der ornamentalen Kunst, die der Stamm mit seinem ersten Gott verband. Aus heiterem Himmel waren die Tungu zu fünf abstrakten Zeichen gekommen, die sie auf große Blätter malten, in ihre Gefäße kratzten und sich gegenseitig mit Pflanzenfarben auf die Bäuche und in die Gesichter tätowierten. Etwas in uns sperrte sich gegen die schlagende Einfachheit der Erklärung. Wahrscheinlich war die Entschlüsselung dieser Chiffren einfach zu leicht, um schnell zu gelingen. Die fünf Zeichen der Tungu sind nichts anderes als die halbwegs getreue Nachahmung von lateinischen Lettern. Fünf unserer Großbuchstaben bilden das neue kultische Grundkapital des Stammes: C, E, I, M, R - wobei die Tungu die Reihenfolge C-R-I-M-E bei weitem am häufigsten verwenden.
eWir wollten alles wissen. In einer Nachtaktion stürmte eine internationale Spezialeinheit das neue Heiligtum des Dschungelvölkchens. Blendgranaten und Tränengas kamen zum Einsatz. Das Innere der Hütte wurde fotografiert und auf Video gefilmt. Wir entnahmen Materialproben des Allerheiligsten, das in einem Schrein aus polierten Knochen aufbewahrt wurde. Im Pfeilhagel der Tungu stiegen unsere weißen Helikopter zurück in die sichere Schwärze des Himmels.
eNun wissen wir es. Auslöser des Totenkopfkultes ist ein Stück bedrucktes Papier gewesen: nichts weiter als das abgerissene Cover eines Romanheftchens. Seine Illustration zeigt eine Schädelfratze mit flatternden Haaren. Darüber ist auf dem unvollständigen Fetzen noch das Wort CRIME zu lesen, der vordere Teil des Titels, den das Schundheft führt. Unsere Chemiker fanden an der aus dem Tungu-Tempel geraubten Papierprobe mumifizierte Spuren menschlichen Kots und Harnkristalle, wie sie nur entstehen, wenn menschlicher Urin in dünnster Luft schockgefroren wird.
eWas für eine Niederlage! Welch eine Schmach, denn in Unschuld können wir unsere Hände wahrlich nicht waschen. Die Tungu-Tanzkultur ist an einem Geschenk des Himmels, am Ausstoß unserer sphärenzerreissenden Höhenflüge, zugrundegegangen. Dennoch - in verlegener, noch halbverhohlener Erwartung - reiben wir uns inzwischen bereits wieder die klammen Finger. 'Kommt Zeit, kommt Rat!', sagt ein altes, längst global gewordenes Sprichwort. Auch der Totpunkt rührt sich. Aus dem Dung der Vernichtung wird unserer Hegelust, wird unserem weltumspannenden Pflanzen und Pflegen, ein bleicher Keimling, wird uns die Zukunft eines großen historischen Abenteuers entgegenwachsen.



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Erstveröffentlichung in Verbotene Worte (Biblion: 2005)

(c) Georg Klein, 2005








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