FEATURES: Die Farrera-Geschichte

Die Farrera-Geschichte
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Die katalanische Fassung des Projektes
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Infolge des Treffens mit Iva Procházková fanden mehrere von Bagges Büchern einen tschechischen Übersetzer und Verleger.
Fünf Sprachen, ein Kinderbuch und 29 katalanische Haikus in einem Dorf in den Pyrenäen

Von Chantal Wright

Aus dem Englischen von Andreas Jandl

Anfang April 2003 nahmen fünf Schriftsteller und ein Illustrator aus verschiedenen Teilen Europas an einer einzigartigen Autorenresidenz in Farrera, einem kleinen Dorf in den spanischen Pyrenäen, teil. In einem Zeitraum von zehn Tagen, während dem die Gruppe in einem alten Schulhaus untergebracht war, in dem heute der Farrera Centre d'Art i Natura seinen Sitz hat, entstand in gemeinsamer Arbeit ein Kinderroman, der zuvor über viele hunderte "E-Meilen" konzipiert und vorbereitet worden war. Das Ergebnis, eine Fantasy- und Abenteuergeschichte über das Geschwisterpaar Anna und Niko, das mit Hilfe eines Zauberamuletts die Welt bereist, wurde seitdem auf Tschechisch, Katalanisch und Irisch veröffentlicht. Eine finnische und eine walisische Publikation stehen bevor.

Dieses ungewöhnliche Projekt wurde einige Monate zuvor von dem in Großbritannien ansässigen Literaturnetzwerk Literature Across Frontiers, in Kooperation mit dem Institució de les Lletres Catalanes, welches die Residenz in Katalonien ausrichtete, FILI, Welsh Literature Abroad und Wales Arts International, dem Kulturministerium der Tscheschichen Republik und dem Ireland Literature Exchange entwickelt. Alexandra Büchler, die Leiterin von Literature Across Frontiers, sieht das Projekt als Antwort auf den Mangel an übersetzter Literatur für Kinder und Jugendliche in Europa: "Sogar in Ländern, in denen es einen hohen Prozentsatz an übersetzter Literatur gibt, gilt dies nicht für Kinder- und Jugendbücher, obwohl doch gerade hier die langfristigen Leseinteressen und der Blick auf andere Kulturen bei der zukünftigen Leserschaft von übersetzter Literatur geprägt werden."

Anna and Niko, wie der englische Arbeitstitel des Buches lautete, bediente sich den Prinzipien des Renga - der Kettendichtung bzw. der kollektiven Lyrik aus Japan. Man einigte sich vorab auf einen groben Rahmen der Geschichte und jeder Autor sollte im Folgenden zwei nicht aufeinanderfolgende Kapitel der Geschichte beitragen und dabei sowohl ein paar Worte aus der eigenen Sprache als auch einige kulturspezifische Referenzen einfließen lassen. Die fünf Schriftsteller, die an diesem Projekt gemeinsam arbeiteten, sind in ihren jeweiligen Sprachen und Ländern allesamt bekannt und geschätzt: Gabriel Rosenstock aus Irland, Iva Procházková aus der Tschechischen Republik, Menna Elfyn aus Wales, die 2002 den Titel Bardd Plant Cymru (Walisische Kinderdichterin) innehatte, Miquel Desclot aus Katalonien und Tapani Bagge aus Finnland, woher auch der Illustrator Markus Majaluoma stammt. Das Buch wurde zunächst auf Englisch, der lingua franca der Gruppe, verfasst. Im Anschluss an die Residenz in Farrera wurde es dann von allen Schriftstellern in der jeweiligen Sprache noch einmal neu geschrieben, so dass die daraus hervorgehenden Texte vielmehr neue Fassungen der englischsprachigen Ausgangsgeschichte Anna and Niko sind als dessen Übersetzungen.

Die fünf Schriftsteller waren zum allergrößten Teil von ihrer Erfahrung in den Pyrenäen sehr angetan, auch wenn die Gruppendynamik zunächst das Gegenteil eines normalen Arbeitstages eines allein arbeitenden Schriftstellers zu bedeuten schien. Miquel Desclot, der sich selbst als individualistischen Dichter bezeichnet, möchte die Erfahrung der gemeinsamen Arbeit mit Schriftstellerkollegen aus ganz anderen Welten gerne wiederholen. Iva Procházková weist darauf hin, dass jeder Schriftsteller letztlich immer noch den Freiraum und die Freiheit hatte, eine eigene Fassung des Buches in der eigenen Sprache zu verfassen. Darüber hinaus gab es noch andere Freuden und positive Nebeneffekte, die aus der "Farrera-Geschichte", wie Tapani Bagge das Projekt nennt, hervorgingen. Infolge des Treffens mit Iva Procházková fanden mehrere von Bagges Büchern einen tschechischen Übersetzer und Verleger, und er hofft, sich eines Tages dafür revanchieren zu können. Gabriel Rosenstock und Miquel Desclot entdeckten ihre gemeinsame Leidenschaft für klassische japanische Dichtkunst und schrieben während ihres Aufenthalts in den Bergen 29 Haikus in katalanischer Sprache, die später im Literaturmagazin Artilletres veröffentlicht wurden.

Desclot argumentiert, dass das Ergebnis dieses Projekts, welches fünf verschiedene Erzählweisen und Ideenwelten miteinander verbindet, auch eine gewisse Offenheit seitens der Literaturkritik voraussetzt. "Ich glaube kaum, dass ein vernünftiger Kritiker unser Buch genau so angehen würde, wie er es mit einem normalen Roman täte: Es handelt sich um ein besonderes Buch, das auch mit einer besonderen Geisteshaltung gelesen werden muss." Rosenstock glaubt, dass ähnlichen Projekten in der Zukunft zugute käme, wenn sie die kulturellen Besonderheiten ein wenig in den Hintergrund stellten und sich umso mehr auf die Entwicklung der Geschichte und der Figuren konzentrierten. Trotz dieser Vorbehalte waren die Kommentare von Lesern und Kritikern in der Tschechischen Republik, wo das Buch 2006 erschien, äußerst positiv.

Auch die Organisatoren haben aus der Erfahrung in Farrera einiges lernen können. Das Versäumnis, potenzielle Verleger schon frühzeitig einzubeziehen, verlangsamte den Veröffentlichungsprozess derart, dass die finnische und die walisische Fassung immer noch auf der Suche nach einem passenden Verlag sind. Alexandra Büchler konnte auch beobachten, dass Verleger, die Anna and Niko für ihr Programm in Erwägung zogen, sich Sorgen über die Rentabilität eines solchen kollektiv verfassten Werks machten. Aufbauend auf Farrera gibt es Pläne, ein Austauschprojekt mit einem internationalen Netzwerk von Verlegern zu entwickeln, die sich verpflichten würden, eine vereinbarte Anzahl von Titeln aus den Programmen der teilnehmenden Verlage zu veröffentlichen. Das Unterfangen, den jungen Lesern in Europa mehr Zugang zu Literatur in Übersetzung zu verschaffen, hat gerade erst begonnen.

 







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