Suche eine bessere Mutter

Suche eine bessere Mutter
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© Juraj Balogh
Mit freundlicher Genehmigung von The Centre for Information on Slovak Literature
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© Juraj Balogh
Auszug aus: Gabriela Futová, Hladám lepšiu mamu, Mladé letá: Bratislava, 2001

Aus dem Slowakischen von Gerlinde Tesche

1.
Heute haben wir Zeugnisse bekommen. Mama hat mich herausgeputzt, und dabei haben wir uns ein bisschen gezankt. Sie wollte mir um keinen Preis erlauben, Nylonstrümpfe anzuziehen. Bei diesen Temperaturen werde ich wohl auch ohne sie vor Hitze zerfließen. Im Radio haben sie gesagt, dass eine Dame sich nie mit nackten Beinen zeigen darf, auch wenn draußen dreißig Grad sind. Und ich will eine Dame sein. Wenigstens heute, an einem so großen Tag für mich.
Immerhin hat Mama auf mich gehört und nicht weiter auf der großen roten Schleife bestanden. Ich weiß nicht, warum sie mir ständig irgendwas in die Haare stecken muss. Als wäre ich noch ein Kindergartenkind. Schließlich gehe ich schon zwei Jahre in die Schule. Ich kann lesen und schreiben und manchmal auch rechnen. Und habe ausgezeichnete Noten! Alles Einser! Bestimmt kriege ich dafür eine Sahnetorte.
Heute sind wir nicht lange in der Schule gewesen. Die Lehrerin hat die Zeugnisse ausgeteilt und uns nach Hause geschickt. Das war super, denn so hatte ich Zeit, mit Susi am Karussell Halt zu machen.
Susi ist meine Freundin. Wir sitzen in der Schule nebeneinander und wohnen im selben Haus. Nur hat sie außer Mutter und Vater noch einen großen Bruder. Ich habe nur meine Mutter, und an meinen Vater kann ich mich nicht erinnern.
Wir blieben am Stand mit der Zuckerwatte stehen.
"Willst du?" fragte mich Susi und zog ungeschickt ihr Portemonnaie aus der Tasche.
"Ich habe kein Geld", sagte ich mit finsterer Miene.
"Ich kauf' sie dir. Magst du?" bot Susi mir bereitwillig an, und ich war einverstanden. Mir lief die Spucke nur so im Munde zusammen.
Wir setzten uns mit der Zuckerwatte auf die Bank vor unserem Hauseingang.
"Heute bin ich mit Michi allein zu Haus!" prahlte Susi unversehens.
"Die ganze Nacht?" fragte ich verwundert.
"Bis früh morgens!" nickte Susi bedeutsam. "Die Eltern gehen zu irgendeinem Fest, und Michi soll sich um mich kümmern."
"Meine Mutter lässt mich nie allein zu Haus", seufzte ich.
"Und wenn sie in der Nacht mal weggehen muss?"
"Wenn sie zu einer Freundin geht, nimmt sie mich immer mit. Und wenn ich nicht mitgehen kann, bestellt sie Frau Papr ková. Bei der darf ich nie fernsehen!"
"Ich kann fernsehen, solange ich will!" prahlte Susi.
"Und du hast keine Angst?"
"Wovor? Vor Film-Tricks? Kein bisschen!"
"Ich beneide dich, so ganz allein mit deinem Bruder!" sagte ich finster.
"Weißt du was?" Susis Augen leuchteten. "Komm heute Nacht zu uns. Das wird ein Gaudi! Michi lässt uns in Ruhe, denn wenn unsere Eltern nicht zu Hause sind, spielt er ständig am Computer. Und wir können Dummheiten machen!"
Die Idee gefiel mir. Eine ganze Nacht ohne Rumgemecker! "Nur, ob mich Mama lässt?"
Ich begann zu zweifeln.
"Wieso sollte sie dich nicht lassen?" wunderte sich Susi. "Hast schließlich schon bei uns geschlafen – und ich bei dir, also was schon!"
"Hast Recht!" nickte ich. "Das wird eine tolle Nacht!" Ich stellte mir schon vor, wie wir eine verrückte Kissenschlacht machten.
Wir aßen unsere Zuckerwatte auf und verabschiedeten uns.
Ich lief die Treppe rauf bis in unseren Stock und klingelte. Mama öffnete die Tür mit breitem Lächeln.
"Na, und?"
" Nur Einser!" prahlte ich. "Bist halt mein tüchtiges, gescheites Köpfchen!" Und sie drückte mich fest an sich.
"Auf dem Tisch wartet eine Belohnung auf dich!"
Ich zog die Schuhe aus und lief in die Küche. Auf einem hohen Tortenteller thronte meine Lieblings-, meine Märchentorte. Die schmeckte einfach märchenhaft, deshalb nannte ich sie so.
"Darf ich sie ganz aufessen?" fragte ich und suchte in der Schublade nach dem größten Löffel.
"Wenn du es schaffst, meinetwegen. Dass du mir aber keine Bauchschmerzen kriegst!"
"Von einer so phantastischen Torte kann ich doch keine Bauchschmerzen bekommen!" antwortete ich altklug mit vollem Mund. Die Schlagsahne hatte ich bestimmt schon überall bis über beide Ohren.
Als ich von der Torte genug hatte – ich hatte kaum ein Viertel geschafft - , drehte ich mich zu Mutter um.
"Würdest du mir noch einen zweiten Wunsch erfüllen?"
"Wenn ich kann..."
"Darf ich heute bei Susi schlafen?"
"Willst du mich hier alleine lassen?"
"Mami! Bist doch schon groß. Brauchst dich doch vor nichts zu fürchten, bin schließlich nur einen Stock höher."
"Na ja ...Meinetwegen", nickte die Mutter. "Aber nur, wenn Susis Mutter damit einverstanden ist."
"Die wird gar nicht da sein!" rutschte es mir heraus – schneller, als ich mir auf die Zunge beißen konnte.
Mutter hielt kurz inne.
"Aber ihr Vater wird zu Hause sein, oder?"
"Wahrscheinlich nicht", brachte ich schleppend hervor.
"Wenn das so ist, wirst du hübsch zu Hause schlafen. Die Übernachtung bei Susi vertagen wir auf ein anderes Mal."
"Aber Mami!" Ich faltete flehentlich die Hände. "Michi wird auf uns aufpassen. Er ist schon groß!"
"Werde wohl einem Zwölfjährigen noch ein Würmchen mehr aufhalsen! Du schläfst zu Hause, klar?"
Ich blickte Mutter mürrisch an, gab aber nicht auf.
"Mami! Bitte, bitte, bitte. Ich werde auch die ganze Woche den Müll raustragen!"
"Das wirst du sowieso. Ich habe nein gesagt!"
"Mami!" Ich stampfte trotzig mit dem Fuß auf. "Ich bin doch kein Baby mehr!"
"Nein!" beharrte die Mutter.
Mir kamen die Tränen.
"Mami", versuchte ich erneut.
"Deine Tränen bringen dir nichts. Ich habe nein gesagt, und damit basta! Ich werde mir doch nicht die ganze Nacht Sorgen machen, ob ihr nicht womöglich irgendetwas anstellt. Kapiert? Du schläfst heute zu Hause!" Mutter war inzwischen richtig wütend.
Ich biss die Zähne zusammen und ballte vor Wut die Faust.
"Nie erlaubst du mir was!" stieß ich erregt hervor. "Lässt mich nicht zu Susi, und einen Hund willst du mir auch nicht kaufen! Du bist einfach böse! Und heute morgen hast du mir auch keine Nylonstrümpfe geben wollen! Nichts gönnst du mir!"
"Katka!" herrschte mich Mutter an, aber ich ließ sie nicht zu Worte kommen. Auf einmal erinnerte ich mich an all das Unrecht, das sie mir angetan hatte.
"Du hast mir auch kein neues Fahrrad gekauft, nur so ein altes, schäbiges! Und die Kinder draußen fahren alle Mountainbikes! Nicht einmal Rollschuhe darf ich haben, dabei weißt du genau, wie sehr ich sie mir wünsche!"
"Die habe ich dir zum Geburtstag versprochen."
"Was habe ich davon? Mein Geburtstag ist im November, und im Winter kann ich nun mal nicht Rollschuhlaufen!"
Mutter schaute mich traurig an.
"Darüber haben wir doch schon gesprochen, Katka. Ich kann beim besten Willen nicht von einem einzigen Gehalt all das kaufen, was du dir vorstellst."
Ich sah Mutter an und schleuderte ihr ins Gesicht: "Normale Kinder haben wenigsten einen Vater! Nur ich habe niemanden! Denn du verstehst mich sowieso nicht!"
Mutter kam auf mich zu und umarmte mich, aber ich riss mich los.
"Die anderen Mütter geben ihren Kindern alles, was sie wollen! Nur du nicht."
"Katka, hör doch mal ..." versuchte Mutter noch einmal, aber ich gab nicht klein bei.
"Damit du's weißt, ich kann dich überhaupt nicht leiden! Ich suche mir eine andere Mutter. Eine bessere!"
Mutter schaute mich nachdenklich an und sagte dann:
"In Ordnung. Wenn du meinst ..." Sie drehte mir den Rücken zu und ging ins Wohnzimmer.
Wütend rannte ich in mein Zimmer, zog meinen alten Koffer unter dem Bett hervor und schmiss hinein, was mir unter die Finger kam. Ich hatte keinerlei Plan, und da Susi für mich am nächsten wohnte, beschloss ich, zu ihr zu gehen.

2.
Mit dem schweren Koffer in der Hand schielte ich ins Zimmer, in dem Mutter saß. Sie hatte den Fernseher an und schaute nicht zu mir hin.
Wirst hier völlig vereinsamen! kam es mir boshaft in den Sinn, und dann schlug ich auch schon die Tür zu. Ich fuhr mit dem Fahrstuhl einen Stock höher und klingelte bei Susi. Ihre Mutter öffnete die Tür.
"Hallo! Grüß dich Katka!" begrüßte sie mich fröhlich. "Spielst du Verreisen?"
"Nein", antwortete ich ernst. "Ich bin hier, um bei euch zu wohnen. Für immer!"
Susis Mutter war verblüfft, und da kam auch schon Susi aus dem Kinderzimmer angelaufen und gab einen begeisterten Schrei von sich.
"Hurra! Hat dich deine Mutter tatsächlich gelassen? Und du bleibst für immer bei uns?"
Ich nickte, doch Susis Mutter machte kein glückliches Gesicht.
"Weiß deine Mutter, dass du hier bist?"
"Weiß nicht." Ich zuckte mit den Schultern. "Ich bin von Zuhause weggelaufen. Will nie mehr mit Mutter zusammenwohnen!"
"Katka! Hast du allen Ernstes deine Mutter allein daheim gelassen? Wird sie da nicht traurig sein?"
"Na und?" erwiderte ich. "Ich war auch traurig, als sie mir keinen Hund kaufen wollte!"
"Bestimmt hatte sie dafür einen Grund", ergriff Susis Mutter für Katkas Mutter Partei.
"Aber sie kann doch bei uns bleiben!" Susi hoppste voller Freude umher, so dass ihre Zöpfe nach allen Seiten flogen.
"Ein anderes Mal vielleicht, aber heute ..." Susis Mutter war einen Moment lang unentschlossen. "Weißt du, heute Nacht sind wir, mein Mann und ich, nicht zu Hause, und unser Michi würde es wohl kaum schaffen, auf euch beide aufzupassen. Und morgen fahren Susi und Michi für die ganzen Ferien zu Großmutter. Es tut mir leid, aber du musst zurück nach Hause. Entschuldige dich bei deiner Mami, bestimmt wird sie dir verzeihen."
"Nie im Leben!" Ich stampfte mit dem Fuß auf. "Ich komme mit Susi und Michi mit zur Großmutter!"
Susis Mutter sah mich freundlich an.
"Das geht nicht, Katka. Für unsere Großmutter bist du fremd, und außerdem sind da noch die Kinder von meiner Schwester. Das wäre zu viel für Großmutter. Geh schön nach Hause. Wirst sehen, morgen ist alles wieder in bester Ordnung."
"Sie verstehen mich auch nicht!" schrie ich. "Sie sind auf ihrer Seite! Aber nach Hause gehe ich trotzdem nicht!"
Mir kamen die Tränen, ich schnappte meinen Koffer und schleppte ihn auf den Gang.
"Tut mir leid", rief mir Susis Mutter nach, aber ich drehte mich nicht mehr um. Die Tür schlug von alleine zu.
Was nun? Ich setzte mich auf den Koffer und dachte nach. Nach Hause gehe ich nicht! Ich werde Mutter beweisen, dass ich auch ohne sie zurechtkomme! Werde eine neue Mutter für mich finden! Eine bessere!
Mir fiel Mutters Bruder ein, Onkel Matthias. Ich hatte ihn gern, denn er konnte herrlich mit mir spielen. Habe immer schon seine Kinder Sophie und Peter darum beneidet, dass sie so einen tollen Vater haben. Auch Tante Julia war lieb. Sie wohnten in derselben Siedlung wie wir, und so entschloss ich mich, zu ihnen zu gehen. Mit dem schweren Koffer werde ich schon irgendwie zurechtkommen.
Ich ging auf die Straße hinaus und den Bürgersteig entlang. Den Koffer schleifte ich mühsam über den Asphalt. Es war die einzige Möglichkeit, ihn von der Stelle zu bewegen.
"Hallo!" Susis Bruder blieb mit seinem Fahrrad vor mir stehen. "Wohin schleppst du dich denn? Ist der Koffer nicht zu groß für dich?"
"Keine Sorge!" antwortete ich schnippisch und übelgelaunt. Ich war vor Anstrengung völlig verschwitzt.
"Gib her, ich helfe dir", bot er sich an. Ich schaute ihn an und zögerte einen Moment. Schließlich hatte mich seine Mutter so scheußlich abgewiesen. Was auch immer, der Koffer war wirklich sehr schwer und die Wohnung von Onkel Matthias noch nicht in Sicht.
"Gut", zeigte ich mich einverstanden.
Michi hievte den Koffer auf sein Fahrrad und ging langsam neben mir her.
"Wohin geht's denn?" fragte er mich.
"Zu Onkel Matthias. Werde ab jetzt da wohnen", erklärte ich entschieden.
"Wir gehen auch weg in den Ferien. Zu Großmutter. Im Dorf dort habe ich einen Haufen Freunde, kann es kaum noch erwarten, sie wiederzusehen."
"Ich mache keine Ferien beim Onkel", erklärte ich ihm. "Ich werde für immer bei ihm und seiner Familie bleiben."
"Ist deiner Mutter etwas passiert?" wunderte sich Michi.
"Nein", sagte ich trotzig. "Ich suche mir eine neue Mutter. Eine, die mich versteht!"
"Ich verstehe dich nicht!" Michi schüttelte den Kopf. "Deine Mutter ist doch perfekt, ich wäre gern ihr Sohn."
"Pff! Denkste! Weder einen Hund will sie mir kaufen noch Rollschuhe!"
"Meine Eltern wollen mir auch keinen Hund kaufen! Aber deshalb haue ich doch nicht einfach ab!"
"Ich schon! Ich suche mir eine Supermami, um die mich alle beneiden werden!"
"Ich weiß nicht, ich weiß nicht." Michi schüttelte den Kopf, und wir gingen wortlos weiter. Er begleitete mich bis zu Onkels Wohnblock, stellte mir den Koffer auf die Bank vor dem Eingang und sauste davon.
Ich stieg zum Treppenabsatz hoch und las die Namen auf dem Klingelschild. Die Klingel von Onkel Matthias war die ganz unten. Ich drückte auf den Klingelknopf und wartete, dass jemand aufmacht. Aber nichts rührte sich. Also klingelte ich noch einmal, doch vergebens.
Ich seufzte und setzte mich auf die Bank. Die Jakubovs hatten mich versetzt. Ich hatte nicht im Geringsten damit gerechnet, dass sie nicht zu Hause sind. In meinem Bauch zog sich irgendetwas zusammen. Ich kannte das. Es kam immer dann, wenn ich Angst bekam.
Ich hatte keine Ahnung, was ich weiter machen sollte, und so saß ich da, entschlossen, auf meinen Onkel und seine Familie zu warten, auch wenn ich die ganze Nacht dort sitzen müsste.

 

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