LATINALE

Die bedauernswerte Señora
Please_leave675
Lalo Barubia
Aus dem Spanischen von Odile Kennel
Arme Señora
alles ist vorbei
wie Sie sehen Señora
ist alles vorbei
alles zuende
alles vorbei


Manchmal weint sie sogar beim Chachacha
denn alles rundum scheint ihr plötzlich so klar
ihr Pech, ihre Trauer. Und den Wind am Meer
spürt sie in den Knochen, sie fühlt sich so leer
am Fenster blickt sie der Vernunft hinterher
denn das Fenster das Fenster das schließt nicht mehr

Geräumt ist der Kühlschrank, und was sagt sie der Tante
die unbedingt wissen will wie es ihr geht.
Sie bleibt stumm, schaut sich um, sieht, es ist spät.
will sich sputen will baden gleich jetzt, doch da steht
noch das Spielzeug der Enkel, die kommen nicht mehr
seit vergangenem Weihnachten wie lang ist das her
Sieht den Staub in den Ecken und unter dem Bett
ein vergessener Kaugummi klebt am Parkett.

Und sie fragt sich, soll sie alles geben
oder ein wenig behalten im Leben
doch was, wenn das bißchen, was ihr dann bleibt
weniger Freude ist, als dass es reibt

Ist sie Kubanerin? Europäerin? eines steht fest
hat zu nah am Wasser gebaut, das gibt ihr den Rest
doch sie macht gute Miene, spielt das Spiel bis zum Schluss
war schon immer schön brav, weiß genau, was sie muss.

Fragt sich, ist sie schon reif oder ist sie noch roh
ist's überstanden, und warum schmerzt alles so
die Abwesenheit ist in der kleinen Wohnung ein Ort
riecht nach Mann und nach Leben, ist das wirklich fort
ihr wachsen die Fragen bis über den Kopf
welche Gelegenheit packen, an welchem Schopf
und zählt sie auf drei, ist wirklich alles vorbei?

Weiß nicht, soll sie warten und Däumchen drehn
soll sie wienern und feudeln, auf die Straße gehn
mit Hut oder ohne, denn sie fühlt sich so alt
mit ihren Haaren, ziemlich grau und ganz ohne Halt
ihr Geld reicht nicht aus für frische Farbe und Föhn.

Sie zögert, greift sie nochmals zum Telefon?
der Typ weiß Bescheid, also was bringt das schon
Sie versucht ja schon alles, bringt sich jeden Tag bei:
das Spiel ist aus, es ist längst nicht mehr Mai
das Telefon schweigt, es kommt auch kein Brief
der Typ ist weit weg und ziemlich depressiv
Wie Sie sehen, Señora
ist alles vorbei

Und vielleicht hat's ihm der alte Freund geflüstert
wie sehr es hinter den Kulissen geknistert
auch wenn sie im echten Leben nicht mehr träumt
und ein seltsames Nichts ihre Nächte säumt
hinter den Kulissen, da war ihr Herz wieder da
war wieder da, wieder da, wieder da.

Wieviel viel zuviel Vergangenheit wiegt
was in ihr brannte, ist erloschen, vergessen, besiegt
sie bettelt um Pardon, sie bittet um Kredit
wer nimmt sie mit, wenn sie am Straßenrand steht
früher hat sie befohlen, heut ist sie froh, wenn was geht

Der Abend ist da und der Sommer verflogen
zuende die Woche, die sonntäglichen Wogen
die Schokolade ist aus, versiegt ist der Tee
leer ist die Flasche, das Verhältnis passé
und sie möchte nur tun, als sei das alles gelogen
doch sie sieht

Verklungen ist eurer Liebe Lied
Versunken die Sonne
euer Glücksstern entzwei
Señora
Señora
es ist alles vorbei



Riechen nach Rauch
Aus dem Spanischen von Odile Kennel
Riechen nach Rauch
ihre roten Münder und roten Augen
im Herbst, der nicht enden will
im Teller Dinkelsuppe

Sie sind ruhig, denn sie wissen
sie werden beizeiten wieder Huren sein.


Die schwere Maske
Aus dem Spanischen von Odile Kennel
Die schwere Maske
zerfiel, als sei sie aus Glas
und auch wenn du sie kittest
Stück für Stück
sieht man ihr alles an.

Dass sie verletzt sind, ist ihr Lebenszeichen
geschlagen sind sie
zerstreut wie Wolken in der großen Stille.


Ich wollte schreiben
Aus dem Spanischen von Odile Kennel
Ich wollte schreiben
meine Hände waschen zum Schreiben
auf irgendeine Art sagen, wer ich bin
sagen, wie ich bin
all diese Dinge, die ich bin.
Eigentlich versuche ich, mich zu konzentrieren
aber in Wirklichkeit
geht es mir nur um Sex.
geht es mir nur um Sex.


Shirly und Yolanda
Aus dem Spanischen von Odile Kennel
Steht früh schon auf, kaum ist sie wach
von der Sonne und vom Krach
denn in ihrer Schwester Bett
das hört sie, ist es gar zu nett
wischt die Wohnung, schneidet Leder
immerzu der gleiche Trott
sie erzählt, was ihr so fehlt
möchte Ratschlag keinen Spott
und sie bittet zum Gespräch
Shirly und Yolanda die
vor dem innren Auge scheinen
schon ist ihr nicht mehr nach Weinen
Haut wie Milch dank peeling "Scrub"
blass, rätselhaft sprich: adäquat
strahlt Ruhe aus, die sie nicht hat, Mensch
bringt ihr Carlos, bringt ihn ihr,
den die Frauen lieben, her.

Auf geht's Herzchen ich diktier dir
die Details, um die es geht
willst du wissen, ist er Macho
dieser Künstler, ab ins Bett
gut und edel, kann schon sein
doch steck ihm nicht den Finger rein
heute Arbeit morgen Pein?
Alkoholiker, lass sein
du willst Blumen, kriegst ein Veilchen
bedienst ihn, troll dich für ein Weilchen
drei Tage Arbeit drei Tage am Rand?
er wäre nicht härter, wär er eine Wand
ist der Kerl wirklich gut in der Kiste
läuft mit Sicherheit was schräg auf der Piste


holt sich nicht rechts oder links Appetit?
ist er vermutlich ein Konvertit
oder viel eher, das glaube mir
ganz down, ist doch immer die gleiche Manier
ist er gar schweigsam und bestens gelaunt
schön, gut erhalten, bisexuell, wird geraunt
versteckt er bestimmt seinen Zaubertrank
irgendwo unter dem Küchenschrank
bring ihm schnell Opium, damit du weißt ob er hält, Mensch
brings ihm, brings ihm, schau, ob's gefällt

Scharf sind sie alle auf ihn, ist schon wahr
doch mach dir ein für allemal klar
er hat vier Kinder und keine Zeit
er hat vier Kinder kein Geld weit und breit
er hat vier Kinder keine Schwiegermama
vier Kinder fünf Katzen und eine Hetäre
die ihn nervt, wie es denn mit der Wäsche wäre
in der Stunde, die ihm zum Nachdenken bleibt
soll er teilen, oder das tun, was ihn treibt?
soll er gehen, treiben, was ihm gefällt
weil in diesem Hause ihn nichts mehr hält?
Nächtigt von Stund an auf dem Canapé
ist moralisch jedoch völlig o.k.
legt in den Kühlschrank das Telefon
auf den Tisch den Rasierer, wen stört das schon?
opfert sich für die Familie, es wird ihm nichts unterstellt.
Am Ende hat's sich keine so vorgestellt.

Ach käme doch aus Osten ein Wind
und nähme ihn mit sich geschwind
und seine Katzen gleich dazu
den Walkman auch, dann hätt sie Ruh
vor den falsch aufgerissenen Tüten
zerbrochene Teller er ist doch kein Kind
sehnt sich nur noch nach Jacky D.
der steht im Schrank und rührt sich nie
wartet drauf, dass man ihn kippt
und ist auch niemals ausgeflippt
zieht nachts ihr nicht die Decke weg
jammert nicht schon morgens früh, Mensch
bringt ihr Jacky, bringt ihn ihr,
den die Frauen lieben, her.

Sie schläft gedankenverloren ein
und wird auch morgen in Gedanken sein
der Apfel spart den Doktor im Haus
die Woche dehnt sich wie ein Akkordeon aus.
Er gibt dem Stuhl einen ordentlichen Tritt
wird nur noch mit Mate am Nachmittag fit
er ist so empfindlich, es nimmt ihn alles so mit.
Was weh tut im Körper ist nicht mehr der Neid
sie gibt's gern zu, keine Frage von Schneid
sie ist längst verloren, geliefert, am Ende
denn in ihrem Leben war dies schon die Wende
hat niemals zuvor einen getroffen wie ihn
war nie so versessen
Kann man sowas vergessen
einfach vergessen?





© University of Wales, Aberystwyth 2002-2009       Home  |  @ Kontakt  |  Zurück zum Seitenanfang
site by CHL