In dieser Ausgabe
LATINALE
Guanaco, Die (Passage)© Timo Berger
Kompliziert ist diese Operation nicht, falls der LKW-Fahrer
auf den Seitenstreifen fährt und sich eine Weile schlafen legt,
weil er darauf wartet, dass die Hafenverwaltung
die Entladung genehmigt. Während sein Unterbewusstsein
ihn ganz tief fallen lässt, gleiten zwei oder drei Typen
bei vollem Bewusstsein unter seinen Anhänger
und öffnen einen nach dem andern die Füllstutzen, als wären
diese in den Reichen der Verdrängung verboten. Doch scheinbar
schließen sich die Stutzen wieder, als er die Augen in der noch
blendenden Morgensonne öffnet und den Motor startet.
Aber genau dann, wenn der Lastwagen wieder auf
die Straße fährt und beginnt, sich seinem Ziel
zu nähern, rieseln die Sojakörner heraus und
das vorher Verborgene erscheint vor aller Augen.
Es ist wahrscheinlich, dass der Schläfer dies selbst
im Rückspiegel sieht, doch ist es bereits zu spät.
Denn er befindet sich in einer unbekannten Welt, zwischen
armseligen Hütten und Häusern, und macht zahlreiche
Schatten hinter Zäunen und Tamarisken aus, vielleicht
Taschen und Besen und Kehrschaufeln, doch als er überlegt,
auszusteigen und zu reagieren, wird ihm auf einmal klar,
dass diese wertvolle Fracht auch ihm nicht gehört.
Heute kocht Matsuo Basho
Der Meister sagt "Pfeffer + Flügel = Libelle",
nicht umgekehrt, nicht der Libelle die Flügel ausrupfen
damit nur die Pfefferkörner in der Luft bleiben und
durch ihre Schwere herunterfallen, sondern dem Samen
Flügel verleihen, damit er hoch aufsteigt vom Tisch.
Nur manchmal ist Schärfe vonnöten, damit die Soße,
die auf dem Herd kocht, an Würze gewinnt.
Und dann bleibt nur jene Libelle oder Sprachfigur
die über allem schwirrt und vielleicht sogar stören mag.
Der Meister, die Schürze umgebunden, müsste die Eleganz
der Anekdote opfern, wollte er den eigenen und
den Appetit der Gäste ernstnehmen; die Dichtkunst
kann solch Handeln verurteilen oder auch nicht,
doch der Bauch wird es beim Abendessen danken.
Und es verwundert nicht, dass, bei genauer Zubereitung,
die Verdauung zwischen Tellern, Töpfen und Dämpfen
mit einem wohligen Gefühl von Anmut und Leichtigkeit beginnt.
Was das Meer ist
Das Schleifen eines über den Meeresgrund gezogenen Schleppnetzes,
Maschen größtmöglicher Öffnung, siebenhunderttausend Liter
Diesel im Tank, Säcke mit Kartoffeln und Zwiebeln im Laderaum,
Arbeitsschichten von fünfunddreißig Stunden, vier Stunden Schlaf,
Kaffee, in Brüsseler Büros ausgeheckte Abkommen, Vermehrung
des Tintenfischs Illex im Verhältnis zur Wassertemperatur
und den Beschlüssen des Obersten Gerichtshofs, Bahnen
aus rostfreien Stahlkanälen, durch die der Fisch rutscht,
Kabeljau, Seehecht, vom Ministerium für Land- und
Viehwirtschaft und Fischerei erteilte Fangkonzessionen; dort:
überquert der Frischfischhändler die gedachte Linie parallel zur
Küste, verfolgt auf dem Monitor des Aufspürgeräts einen Fleck,
der Fischschwarm kennt weder den Begriff Meilen oder Konzession,
noch die wirklichkeitsfremden Statistiken der INIDEP oder das
Auseinanderdriften von Tageslohn und Lebenskosten seit neunzehn-
hundertzweiundneunzig, Filet von Patagonischem Grenadier, SOMU
und Himmelsgucker, gefälschte Kreditbriefe, Lampen und Asia-Pavillon,
Ausbruch von Maul- und Klauenseuche auf britischen Schlachthöfen, Hoki-
Fisch, Rückgabe von Tonnen toter Kurzflossenkalmare an die Tiefsee
als ein Schwarm Kaisergranat auftaucht (fünfmal höherer Wert),
Infrastruktur für Lagerung und Kühlung, 12-Meilen-Zone, eben das.
Anmerkungen:
INDEP: Instituto Nacional de Investigación y Desarrollo Pesquero. Nationales Institut für die Fischereiforschung und -entwicklung.
SOMU: Sindicato Obreros Marítimos Unidos. Gewerkschaft der vereinten Hochsee-
Arbeiter. Darin sind die Besatzungen der verschiedenen Wasserfahrzeuge (Tanker,
Frachtschiffe, Schlepper, Hochseefischer) organisiert, die unter argentinischer Flagge
fahren.
© University of Wales, Aberystwyth 2002-2009
site by
CHL



