LATINALE

Schuhe aus Leinen
Please_leave678
Washington Cucurto
Aus dem Spanischen von Timo Berger
Am Bahnhof im Stadtteil Once
steht ein großes Schuhgeschäft,
das allergrößte der Welt,
dort findet man Paare
aus den unterschiedlichsten Stoffen.
Schuhe über Schuhe
in allen möglichen Farben
und in den verrücktesten Formen!
Es gibt sie in rot, türkis und lila,
in violett, schwarz und rosa,
in dunkelblau und alle aus Leinen, genau.
Stellt mir den Herrn vor,
der die Schuhe aus Leinen erfand,
dem küss ich heute noch verliebt die Hand!
Espandrilles, ach!,
Sandalen, uh!,
flache Flipflops, bah!,
die haben nicht die Eleganz
von Schuhen aus Leinen.
Auf so viel Eleganz stoßen wir selbst nicht
bei einem König!
Wenige Dinge mögen lustvoller sein
als ein Spaziergang in Schuhen aus Leinen.
Raus mit euch, Slipper,
Sklaven männlicher Selbstsucht!,
aus Rind-, aus Gams-, aus Nubukleder,
wo soll da mehr Haltung,
mehr Vornehmheit sein
als bei einem Schuh aus Leinen?
Ich begehre wie alle
so viele Dinge:
Dolby Surround, einen I-Pod,
einen Laptop,
doch mit einem Paar Flechas aus Leinen
wird das Schicksal es gut mit mir meinen.
Von hier aus bis zum Meer,
gibt es nichts, was zu vergleichen wär.
Ich nehme den Sulky, den Trolleybus,
die Trambahn oder den Omnibus,
und was für ein Komfort in
meinen Schuhen aus Leinen!
In ihnen bewahre ich einen Pinsel
und Binsen, ein Heft mit Gedichten,
in ihnen vergeht mir die Lust,
mich in den Fluss zu stürzen &

Heute, wo sich alle Verse auf Wunder reimen,
staune ich
und bewundre meine Schuhe aus Leinen.


Sie klatschte mir Schnee auf den Pimmel
Aus dem Spanischen von Timo Berger
Schätzchen, sagte sie, vögle den Schnee.
Und das erregte mich.
Aber nicht mal verrückt, würde ich ihn ins Kalte stecken.
Doch sie kam angerannt und klatschte mir
Schnee auf den Pimmel&

Um zu sehen, wie sich's anfühlt. Wie's so is'.

"Noch nie habe ich einen schwarzen, schneebedeckten Pimmel gesehen!"
Und als ob sie was angestellt hätte, sagte sie kichernd:
"Er wird violett, wird dunkel."
Zweifellos wurde der helle, weiße Schnee
für weiße Männer gemacht.
So wie die Tropensonne für schwarze Männer.
Schwarzer Schneepimmel komm zu mir, sagte sie
und küsste ihn.

Um zu sehen, wie sich's anfühlt. Wie's so is'.


Gedicht für Helen Roux
Aus dem Spanischen von Timo Berger
Wunderhübsches verrücktes Mädchen,
Helen Roux,
Warum passieren uns solche Dinge?,
fragt mich ein Mädchen wie du, das in einer Cartonería
in Buenos Aires Mate trinkt.
Es ist Sommer in meinem Land.
Und was kann ich ihr schon sagen? Helen, vielleicht kannst du,
du mit deinem Papiermund und deinem
an die Wand der Cartonería geklebten Tintenkörper
eine Antwort geben.
Es war dein Vater, der furchtlose Andalusier,
Drucker in einer Tageszeitung in Paraguay,
der während der paraguayischen Siesta
ein Nacktfoto von dir druckte,
ohne dass es die Chefs bemerkt hätten.
Solche Dinge passieren auch aus Liebe, Helen,
wunderhübsches verrücktes Mädchen,
es war dein Vater, der dich
den Männerblicken aussetzte,
der Drucker, der aus Liebe druckte, indem er sich
in die Rotationspresse der Boulevardzeitung warf.
Für dich, Helen Roux!
Wenige der Männer, die dich auf den Postern anglotzen,
kennen diese Geschichte, deine Geschichte,
vielleicht kennst nicht einmal du sie, aber dieses
Rot deines Fotos ist die Erinnerung an das Blut der Liebe.
Seit deiner Kindheit habe ich das Bild von dir als Frau vor mir.
Sie verkörpert die Liebe eines Ausländers, der weit weg ist,
wie es Ausländer meistens sind.
Wie alt warst du wohl damals?
zwölf, dreizehn, vierzehn?
Warum schaust du nackt in die Kamera?
War der Drucker der Fotograf?
Ich hoffe es für dich, wunderhübsches verrücktes Mädchen,
du kamst zu mir durch dieses Foto aus der Sonntags-
beilage vom 19. Juli 1983.
Sonntag, der beste Tag, um zu sterben.
Sonntag, der Tag, der dem Tod am ähnlichsten ist.
Wie alt magst du jetzt sein?
Fünfunddreißig, vierzig?
Helen Roux, meine Gedanken leben in deinem Bild,
du lebst in unser aller Erinnerung,
Hand in Hand mit dem Ausländer.
In den Himmel steigen Bänder, ein Sombrero.
Auf einmal ist alles blau und Sternenstaub.





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