Antònia Vicens

Ein Zeugnis des Tourismus-Booms der Anfangsphase
Vicens - foto1
Text: Bartomeu Fiol. Übersetzung: Viqui Solina.

Welche auch immer die Folgen der Entwicklung in der Tourismusbranche auf Mallorca gewesen sein mögen, wir können - vor allem wir, die ihre Anfangsphase etwa Mitte der fünfziger Jahre (um 1955) miterlebt haben - nicht verleugnen, dass der touristische Boom eine dynamische, sogar euphorische Auswirkung voller Kraft auf unser Leben und die Jugend jener Zeit im Allgemeinen hatte. Es war eine schöne, aufrührerische Auswirkung, derer wir jetzt nach etwas mehr als vierzig Jahren mit einer gewissen Melancholie gedenken können. In der Tat sollte man bedenken, dass es damals kaum möglich war, eine Arbeit zu finden, dass schließlich unser Leben von der kulturellen Isolierung und Trägheit geprägt war. Es waren die Folgen der noch zu ertragenden Auswirkungen der mageren und grauen Nachkriegszeit, sowohl aus der Sicht der wirtschaftlichen Lage - die Rationierung wurde erst 1950 oder 1951 abgeschafft - als auch der kulturellen: Es gab keine Meinungsfreiheit und die katalanische Sprache war auf den Status einer B-Sprache herabgesetzt, ihre Anwendung war im Familienkreis toleriert - es gab ja keine andere Wahl - aber sie war aus dem öffentlichen Leben verschwunden.

Jener erste Zustrom von Touristen, der teilweise noch per Schiff ankam - die dänischen Kunden, von Simon Spies z.B. legten mit dem Zug die Strecke Kopenhagen-Barcelona zurück und nach einer Übernachtung im Hotel Orient auf den Ramblas nahmen sie das Nachtschiff der Transmediterània - bot den Jugendlichen von damals die Gelegenheit, eine Arbeitsstelle zu finden, mindestens während der Saison. Das war eben der Fall von Antònia Vicens, die als Rezeptionistin oder Sekretärin in einem kleinen Hotel an der Cala d'Or gearbeitet hat, das sehr nah bei ihrem Geburtsort Santanyí liegt.

Natürlich wurde diese Schaffung von Arbeitsstellen durch die fortschreitende Eröffnung von kleinen Hotels und Pensionen ermöglicht, die keine großen Investitionen verlangten und deren Finanzierung teilweise durch Großhändler und Reisebüros selbst erleichtert wurde (in den fünfziger Jahren war die Bezeichnung Tour Operators noch nicht im Umlauf).

Aber jener beginnende wirtschaftliche Boom hatte auch andere soziale Folgen. Es handelt sich nicht nur darum, dass die Insel zu einem Auffangbecken für Arbeitskräfte wurde, nachdem sie während so vieler Jahrzehnte Emigranten-Land gewesen war. Dieser aufnahmefähige Tourismus hatte auch eine große Rückwirkung auf die Gewohnheiten der Jugendlichen und sogar auf die öffentliche Moral. Die Leichtigkeit mit den Ausländerinnen in Kontakt zu treten brachte eine verständliche Lebensfreude oder joie de vivre, deren Wiederspiegelung die Rondalles de picadors von Josep Melià z. B. sein könnten, die mehr oder weniger zur gleichen Zeit veröffentlicht wurden wie der Roman, den wir besprechen wollen. Es ist nicht übertrieben darauf hinzuweisen, dass aus den nördlichen Ländern, den jenseits der Pyrenäen liegenden Ländern, Winde der Freiheit zu uns, zu der so konservativen Illa de la Calma, der Insel der Ruhe, herüberkamen.

Diese Winde von Freiheit und Wandel kamen selbstverständlich auch zu der Ortschaft Santanyí im Süden der Insel, zuerst nach Cala d'Or - dort gab es in Ansätzen schon vor dem zu Unrecht so genannten 'Bürger'-Krieg (1936-1939) eine städtebauliche und touristische Aktivität -, danach nach Cala Figuera und Cala Santanyí. Antonia Vicens, die aus Santanyí stammt, ist die Autorin des Romans 39° a l'ombra 39 Grad im Schatten, der jene erste Zeit des Hotelgewerbes widerspiegelt, der nach und nach wuchs, um einen ganz anderen Massentourismus als vor dem Krieg zu empfangen.

Mit Recht klagt unsere Roman-Autorin über den Mangel an kultureller Infrastruktur in dem Santanyí ihrer Kindheit und Jugendzeit, wo es im Grunde genommen nur eine einzige Mädchenschule - die Nonnenschule der Franziskanerinnen - und keine öffentliche Bibliothek gab. Es ist jedoch zu bemerken, dass dieser Mangel kein Hindernis dafür darstellte, dass unter der kleinen Anzahl von Literaturliebhabern jener Zeit die so genannte Escola de Santanyí (Santanyí-Schule) entstehen konnte. Das ist vor allem der Anwesenheit und Meisterhand von Bernat Vidal i Tomàs, einem der zwei Stadtapothekern, zu verdanken, der immer von seinem zuverlässigen Miquel Pons unterstützt wurde. Zu den Mitgliedern dieser Schule, die lokal und universal zugleich war, zählten und zählen so herausragende Persönlichkeiten wie Blai Bonet, die eben genannte Antònia Vicens und - einige Jahre später - Antoni Vidal Ferrando u. a.. Wenige Orte auf Mallorca haben so viele Schriftsteller hervorgebracht.

Der Roman, 39° a l'ombra der 1967 mit dem Preis Sant Jordi ausgezeichnet wurde, ist vor Kurzem ins Deutsche von Jenny-Petra Fanen übersetzt, im Elfenbein Verlag unter dem Titel 39 Grad im Schatten erschienen sowie vom Verlag Edicions 62 neu aufgelegt worden. Aus einer Reihe von Gründen, die die Kritik seit langer Zeit erkannt hat, müssen wir diesen Roman als Bestandteil des aktuellen novellistischen Kanons betrachten: die Qualität des Textes, der urige oder stämmige mallorquinische Charakter seiner Sprache und das Zeugnis, das er von der Auswirkung des Tourismus-Booms auf die Realität der Insel gibt.

Wenn wir von der Qualität des Textes sprechen, beziehen wir uns auf den Rhythmus seines narrativen Diskurses, auf die Wirksamkeit seiner Zeugenaussage darüber, was er erzählt - wobei sich Rhythmus und Wirksamkeit niemals in Nebensächlichkeiten verlieren - auf die Gestaltung und Beschreibung der Romanfiguren, auf die Menge und Spontaneität seiner Dialoge - die durch ihren Reichtum und ihre Frische wirklich anregend sind -, auf die Schlichtheit seiner Beschreibungen und auch auf die raschen Sätze und Aussagen, die ab und an den Text beleuchten, indem sie Zustände, Eindrücke und Gefühle zusammenfassen. Um einen Eindruck von deren Kraft und Wirksamkeit zu vermitteln, ist es angebracht, einige wiederzugeben: 'Und bums! Brach der Krieg aus'; 'Das Land, der Himmel, die ganze Natur war leicht durch und durch angekränkt, kurz vor dem Verderben'; 'Gewinnen wird derjenige, der die stärkste Vorstellungskraft hat'; 'Wer hätte sich getraut, einer Cousine zu widersprechen, die die Unbefleckte gesehen hat!'; 'Sie wollte sich nicht mehr reinigen, sie wollte sich durch und durch beschmutzen.'

Zusammenfassend ist Antònia Vicens eine der herausragendsten Figuren der mallorquinischen Generation der 70er Jahre und ihr Roman 39° a l'ombra war, obwohl es ein frühes Werk in ihrer schon ausgedehnten Bibliographie ist, ein voller Erfolg und hat zur Anerkennung und zum Ansehen der Autorin entschieden beigetragen, sowie zur Entstehung eines Leser- und Anhängerkreises, der ihr jederzeit treu bleibt.







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