Antònia Vicens

'Wie die Vögel nach dem Regen'
Vicens antonia bookcover
Gespräch mit Antònia Vicens von Xavier Febrés (1998). Übersetzung: Gabriele Grauwinkel.

Sie haben vor dreißig Jahren mit Ihrem Roman 39º a l'ombra (39 Grad im Schatten, erschienen im Elfenbein Verlag) den katalanischen Buchpreis Sant Jordi gewonnen. Seither haben Sie zehn sehr unterschiedlichen literarischen Kategorien zuzuordnende Bücher veröffentlicht. Das sind nicht sehr viele. Nach welchem Arbeitsrhythmus gehen Sie beim Schreiben vor?

Ich habe keinen Arbeitsrhythmus und ich habe mir auch nie vorgenommen, innerhalb eines bestimmten Zeitraums ein Buch zu schreiben. Ich schreibe, wenn ich Lust zum Schreiben habe. Für mich ist Schreiben so etwas wie ein persönlicher Befreiungsakt. Ich wollte nie Sklave eines Terminkalenders werden und ein Buch schreiben, nur um in aller Munde zu bleiben, weil man in diesem Land ja bereits fast vergessen ist, wenn man drei Jahre nichts veröffentlicht hat. Das hat mich nie beunruhigt. Ich wollte mich davon nie beunruhigen lassen. Ich schreibe einfach, wenn ich Lust habe aber nicht immer aus Spaß an der Freude. Manchmal schreibe ich auch über Dinge, die mir nicht gefallen. Manchmal bin ich auch einfach nicht zum Schreiben aufgelegt. Ich habe nie zu festen Zeiten geschrieben und hatte nie einen extra dafür bestimmten Schreibtisch. Ich möchte das Schreiben nicht konditionieren und wenn ich Lust bekomme, dann schreibe ich unter einem Orangenbaum oder auch mal im Bett.

Wovon hängt es ab, ob Sie Lust haben oder nicht?

Das hängt von meiner geistigen Verfassung ab. Schreiben hat für mich viel mit Egoismus zu tun. Wenn ich etwas erzähle, dann erzähle ich es beim Schreiben sozusagen mir selbst. Ich bin weder neugierig noch immer auf dem letzten Stand. Ich habe einfach Dinge erlebt und dann kommt manchmal der Moment, da geht es mir wie den nassen Vögeln in meinem letzten Roman: Ich muss meine Flügel ausschütteln und alles von mir werfen. Das ist, wenn man so will, ein reinigender, befreiender Akt. Und in so einem Moment fange ich an zu schreiben.

Machen Sie sich in dem Zeitraum zwischen zwei Büchern Aufzeichnungen?

Ich mache mir nie Notizen. Ich arbeite rein intuitiv. Beine Bücher sind nicht durchdacht sondern von Intuition motiviert. Das heißt nicht, dass ich alles gleich perfekt aufs Papier bringe, die Gedanken müssen überarbeitet werden, manchmal mache ich auch Pausen und fange dann nach einer Zeit wieder an. Ich habe mich nie damit auseinandergesetzt, ob dieser Arbeitsrhythmus richtig ist. Ich arbeite einfach so und es geht mir gut dabei, weil ich mir einen bestimmten Freiraum erhalten habe, ich bin kein Sklave des Schreibens und des Erfolgs geworden. Ich will mich einfach nicht diesen Anforderungen beugen und mindestens alle drei Jahre ein Buch schreiben, damit ich nicht in Vergessenheit gerate. Jetzt sind auf Mallorca gerade drei meiner Bücher auf einmal erschienen: L'àngel de la lluna, Massa tímid per lligar und Homes i un jardí. Das erste erscheint in einer Kinderbuchkollektion, obwohl ich eigentlich nie genau wusste, wo eigentlich die Trennlinie zwischen Literatur für Erwachsene und für Kinder verläuft. Es erzählt von der Einsamkeit eines Jungen, der nach der Schule niemanden zum Spielen hat und gleichzeitig von der Einsamkeit eines vagabundierenden Hundes, den der Junge auf der Straße findet. Das ist angeblich eine Kindergeschichte, aber ich weiß nicht warum. Wenn die Hauptfigur des Romans ein achzigjähriger einsamer Mann wäre, wäre es dann ein Buch für Rentner? Der zweite Roman wird in einer Kollektion für Jugendliche veröffentlicht, nur weil die Hauptdarsteller noch im Schulalter und Homes i un jardi erscheint in Spanien im Verlag Edicions 62. Ich war also ziemlich fleißig.

Glauben Sie, dass das Alltägliche innere Größe hat, das es so etwas wie eine Poesie der Demut, eine Kunst der Selbstbeschränkung gibt?

Natürlich hat Demut Größe, ja sogar so etwas wie Heiligkeit an sich. Meine Romanfiguren zeigen eine gewisse Unterwürfigkeit ihrem Alltag gegenüber, sie haben aber auch Gefühle und Gedanken, eine Art Mystik, die sie allerdings nicht zu begreifen in der Lage sind.

Wie würden Sie Ihren literarischen Stil beschreiben?

Darüber habe ich nie nachgedacht. Manche Kritiker sprechen von magischem Realismus, manche nennen meinen Stil auch neorealistisch und andere setzen die Schwerpunkte auf die Poesie der Geschichten. Ich versuche den Zauber, die Seele des Alltäglichen, zu beschreiben aber welchem Stil das zuzuordnen ist, kann ich Ihnen wirklich nicht sagen, weil ich nie darüber nachgedacht habe. Für mich ist die Aussage einer Geschichte wichtig, aber Literatur wird auch durch Formen und Wörter geschaffen. Ich liebe Wörter und achte sehr auf den Satzrhythmus. Die Wörter müssen mir nicht nur gefallen, sie müssen auch eine Einheit, eine bestimmte Tonfolge bilden. Ich verbinde gerne einfache mit anspruchsvollen Wörtern.

Man sagt, Sie seien Autodidaktin ....

Das stimmt. Ich gehöre zweifelsohne zu den weniger gebildeten Menschen und habe mit dem Schreiben begonnen, bevor ich mich jemals mit Literatur beschäftigt habe. Obwohl es Stadtmenschen sicher unglaublich vorkommt, gab es in Santanyí weder Büchereien noch Buchläden. Wir hatten eine von Nonnen geleitete Schule und da gab es nur Bücher über Heilige. Das wird sicherlich auch in meiner Prosa deutlich, vor allem was den Gebrauch einer Sprache angeht, die von Demut und Unterwürfigkeit zeugt. Von dieser Sprache geht wohl eine besondere Kraft aus, wie von einem Wortschwall, mit dem man sich alles von der Seele redet.
Ich habe mich auch ohne Studium durchaus zum Schreiben berufen gefühlt. Literatur entsteht nicht aus einer Anhäufung von Wissen oder Bildung, für mich ist es eher ein innerer Drang. Es gibt natürlich sehr durchdachte und ausgearbeitete Romane mit einem hohen kulturellen und intellektuellen Anspruch, aber ich habe nie Zugang zu diesem akademischen Wissen gehabt. Ich habe schon sehr jung mein Heimatdorf verlassen und habe an der Rezeption eines Hotels in dem Touristenort Cala d'Or gearbeitet. Ich hatte gar keine Zeit mich weiterzubilden und da ich kein Abitur hatte, konnte ich auch nicht studieren. In meinem Dorf konnte man noch nicht mal den Hauptschulabschluss machen und die Nonnen, die uns unterrichtet haben, waren keine ausgebildeten Lehrerinnen. Wir haben mal gerade das kleine Einmaleins gelernt und auch das nicht richtig. In vielen Dörfern Mallorcas sah es ähnlich aus. Der Bürgerkrieg hat große Auswirkungen auf die Landbevölkerung meiner Generation gehabt. Ich habe mich allerdings in der Welt der Literatur nie ausgeschlossen gefühlt. Ich bin sehr realistisch veranlagt und bisher hat mir noch kein Kollege das fehlende Studium zum Vorwurf gemacht, im Gegenteil, Menschen wie Benet Vidal i Tomàs, Apotheker und Kulturliebhaber aus Santanyí, der Dichter Josep M. Llompart oder der Verleger Francesc de Borja Moll haben immer zu mir gehalten.

Sie sind die erste mallorquinische Schriftstellerin, die den Tourismus in ihren Werken verarbeitet hat.

Ja, ich glaube das stimmt. Zumindest war 39Grad im Schatten der erste in Barcelona veröffentlichte Roman meiner Generation, der Generation der 70er. Dieser Roman war eigentlich der Ausgangspunkt dieser literarischen Strömung. Das hat nichts mit dem Buch selbst zu tun, es war reiner Zufall. Ich habe als erste den Tourismus in den Vordergrund eines Roman gestellt. Eigentlich konnte man vorher nicht von einer eigenen Literatur der Balearen sprechen, es gab ein paar vereinzelte Versuche aber der Durchbruch kam mit dem Erfolg der Schriftsteller der so genannten Generation der 70er. Ich habe mich nie damit beschäftigt, meine Romane einer bestimmten Kunstrichtung zuzuordnen. Der Begriff Realismus ist dehnbar und versieht man ihn mit psychologischen Elementen wird etwas ganz anderes daraus. Meine ersten Geschichten waren sicherlich realistischer, weil es mir noch nicht darum ging, diese innere Welt zu entdecken, die man nicht anfassen kann und die dennoch unser ganzes Leben bestimmt. Diesen Aspekt habe ich erst mit der Zeit literarisch verarbeitet. Am Anfang war es eher wie ein literarischer Wortschwall, alles stürzte aus mir heraus. Ich bin damals in der Hoffnung von Santanyí nach Cala d'Or gegangen, im Tourismus mehr Freiheit zu finden, aber in Wirklichkeit war diese Welt noch ungerechter, die Unterschiede zu ausgeprägt zwischen der Modernität der Touristen und den Lebensbedingungen des Hotelpersonals. So bin ich, statt der Enge meines Dorfs zu entfliehen, vom Regen in die Traufe gekommen. Dabei ging es mir viel besser als den Arbeitern aus anderen Regionen Spaniens: Ich konnte im Gästespeisesaal essen und hatte ein eigenes Bett zum Schlafen. Es war einfach schrecklich. Das soll aber nicht heißen, dass ich mich dem literarischen Realismus zugehörig fühle, ich habe einfach nie darüber nachgedacht.
Einmal wurde mir an der Universität gesagt, ich sei eine Vertreterin des magischen Realismus und damals hatte ich den Begriff noch nie gehört. Vielleicht stammt diese Magie von den vielen religiösen Büchern, die ich gelesen habe und die Elemente enthielten, die wir damals noch garnicht richtig verstehen konnten. Es waren ja wirklich magische Geschichten, die von Heiligen und Engeln handelten. Wenn meine Generation tatsächlich dieser literarischen Strömung angehört, dann ist unsere religiöse Erziehung bestimmt nicht unschuldig daran. Wenn man mich als Kind gefragt hätte, was ich werden wolle, hätte ich bestimmt Heilige geantwortet, weil man als Heilige im Himmel und auf der Erde sein kann. Noch heute möchte ich alles erfassen, was ich nicht sehen kann, aufnehmen, was in der Luft liegt ...Ich möchte den Rauch deiner Zigarette oder einfach einen Schmetterling in mir aufnehmen, ohne beides tatsächlich einzuatmen oder zu berühren.

Sie sind zweite Vorsitzende des katalanischen Schriftstellerverbands. Was glauben Sie, welche Bedeutung hat der Schriftsteller in der heutigen Zeit?

Hier auf Mallorca achtet niemand auf uns, wir sind bedeutungslos in dieser materialistischen Welt. Ein Beispiel dafür ist die Tatsache, dass nicht viele Bücher von einheimischen Autoren gekauft werden. Es ist eine reiche aber ungebildete Gesellschaft. Diese Leute sehen uns Schriftsteller sicher als etwas Ungewöhnliches an, aber ich glaube sie denken nicht viel über dieses Thema nach. Vielleicht verachten Sie uns sogar, denn sie kaufen eher eine Übersetzung von unbekannten Autoren als ein Buch von einem mallorquinischen Schriftsteller. Wenn man auf den Balearen mehr als 500 Exemplare verkauft, kann man schon von Erfolg sprechen. Das könnte mit dem fehlenden Selbstwertgefühl der Menschen dieser Insel zusammenhängen und das wiederum hat viel mit der Regierung zu tun. Die Leute von der konservativen Partei (PP) hier von der Regierung der Balearischen Inseln legen uns ständig Steine in den Weg und ich glaube, sie mögen die Sprache nicht und deshalb übersehen sie auch uns Literaten. Das ist ein ständiger Kampf, bei dem ich sehr viel positive Energie verliere und der ungemein frustrierend ist. Auf der anderen Seite finde ich bei Leuten wie dem Minister für Kultur Damià Pons durchaus offene Ohren.
Inzwischen gibt es eine Universität auf Mallorca und vielleicht ändern sich die Dinge mit der Zeit. Gegenwärtig sind die Schriftsteller dieser Insel in dieser Gesellschaft nicht vertreten. Aber ich setzte meine Hoffnung auf die junge Generation, auf die Töchter und Söhne von denen, die der Tourismus reich gemacht hat.







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