Das Katalanische Theater

Auszüge aus Modern Catalan Plays
Sirera (et al
Modern Catalan Plays
John London and David George (hrsg)
London: Methuen, 2000.
Übersetzung aus dem Englischen: Mascha Rohner

Hätte vor fünfzehn oder zwanzig Jahren ein wichtiger Verlag eine Anthologie katalanischer Theaterstücke herausgegeben, dann hätte die Einleitung zu einer solchen Sammlung unweigerlich entschuldigend geklungen. Die Begründung wäre immer auch eine Rechtfertigung gewesen: 'Kaum jemand außerhalb Spaniens und manchmal nicht einmal außerhalb Kataloniens hat je von diesen Dramatikern gehört, dennoch sind einige aufsehenerregende Dramen geschrieben worden'. 'Der Minderheitenstatus dieser romanischen Sprache sollte den Blick auf die Qualität ihres Theaters nicht verstellen'.

Heute, zu Beginn des neuen Jahrtausends, bedarf es keiner solchen Zurückhaltung mehr. Nach den Olympischen Spielen von 1992 hat Barcelona einen selbstbewussten, neuen internationalen Status als Hauptstadt Kataloniens. Die `Lock`erung der antikatalanischen Zensur nach dem Tode Francos im Jahre 1975 und ein gewisses Maß an regionaler Autonomie haben zu einem blühenden kulturellen Leben geführt. Die auf Katalanisch verfasste Literatur ist heute sehr lebendig und knüpft damit an eine Tradition an, die bis ins Mittelalter zurückreicht. Es mag noch Erinnerungen an die öffentlichen Verbrennungen katalanischer Bücher zu Beginn der Diktatur (1939) geben, doch die lange, düstere Franco-Ära ist vorbei. Heute wird Katalanisch an Schulen und Universitäten unterrichtet. Katalanisches Radio wird ebenso gesendet wie katalanisches Fernsehen. Es gibt katalanische Tageszeitungen. Und Übersetzungen ins Katalanische erscheinen manchmal schon vor den Übersetzungen ins Spanische.

Durch das neue Selbstbewusstsein hat die kulturelle Einbahnstraße ein Ende und Joan Miró und Salvador Dalí sind nicht länger die einzigen im Ausland bekannten Katalanen. Ventura Pons hat mit seinen katalanischsprachigen Filmen, wie Carícies (Liebkosungen), eine Anhängerschaft gefunden. Lluís Pasqual wurde, nachdem er bereits eine Theatergröße in Barcelona war, Direktor des Spanischen Nationaltheaters in Madrid (1983-1989) und dann in den neunziger Jahren künstlerischer Leiter des Théâtre de l'Europe des Odéon in Paris. Wer internationale Theaterfestivals besucht, kennt die aufsehenerregenden Spektakel katalanischer Performancegruppen wie Els Joglars, La Cubana, La Fura dels Baus und Comediants. (Die letzten beiden traten bei der Eröffnungs- und der Abschlussfeier der Olympischen Spiele in Barcelona auf.)

Auch ohne die Feuerwerke und Massenspektakel dieser Theatergruppen haben einige katalanische Dramatiker bereits einen beträchtlichen Ruf erworben. Lluïsa Cunillés La cita (Das Treffen) wurde 1999 für das Internationale Festival in Edinburgh ausgewählt. Das in diesem Band besprochene Stück Desig (Begehren) von Josep Maria Benet i Jornet ist bereits ins Spanische, Französische und Deutsche übersetzt worden. El verí del teatre (Die Droge des Theaters) von Rodolf Sirera ist in spanischer, englischer, italienischer, portugiesischer, griechischer und französischer Sprache produziert worden. Sergi Belbel, der jüngste und am häufigsten inszenierte Autor dieser Sammlung ist in ganz Europa erfolgreich. Sein Stück Després de la pluja (Nach dem Regen) wurde am Off-Broadway in New York aufgeführt und sowohl das Royal Court als auch das Gate Theatre in London haben seine Arbeiten auf dem Spielplan gehabt. Joan Brossas höchst originelle visuelle Kunst wird regelmäßig in Galerien außerhalb Spaniens ausgestellt. Als er 1992 zum ersten Mal in Großbritannien zu sehen war, schrieb das Londoner Veranstaltungsmagazin Time Out: 'eine brillante Show, die man nicht verpassen sollte'.

Die Wege, die diese Dramatiker eröffnet haben, sind nicht nur punktuelle Beispiele internationaler Anerkennung. Sie spiegeln eine gewachsene Infrastruktur im Theaterbereich Kataloniens und der Region von Valencia wider. Die finanzielle und praktische Unterstützung flankierte in den späten achtziger Jahren den neu erwachten Enthusiasmus der Regisseure zeitgenössischer Stücke, welche die kollektiven Stücke und die visuell eindrucksvollen, aber größtenteils nonverbalen Produktionen bereits bekannterer Performancegruppen kontrastierten. Obwohl die Stücke in dieser Anthologie aus drei Jahrzehnten stammen, weist die Tatsache, dass alle vier Stücke in den Jahren 1990 bis 1993 in Barcelona ur- oder wieder aufgeführt wurden, deutlich auf die Entstehung einer Tradition dramatischen Schreibens hin.

Etwa dreißig Spielstätten unterschiedlicher Größe zeugen von dem lebhaften Theatergeschehen Barcelonas. 1997 wurde in Barcelona das beeindruckende katalanische Nationaltheater mit mehreren Bühnen eingeweiht. Zwar leben längst nicht alle sieben Millionen katalanischsprachigen Menschen in Barcelona. Auch Valencia, die Balearen, Roussillon (in Frankreich), Alghero (auf Sardinien) und Andorra haben eine katalanischsprachige Bevölkerung. Doch in der Welt des Theaters, wie auch in vielen anderen Kulturbereichen, ist Barcelona die treibende Kraft.
In den letzten zwanzig Jahren seines Lebens wurde Joan Brossa (1919-1998) in der katalanischen Hauptstadt zu einer legendären Figur. Fast jeder in der katalanischen Kunst- und Literaturszene kannte diesen ironischen, etwas schäbigen kleinen Mann, der jeden Tag einmal ins Kino ging und nie in irgendeine Bewegung, Mode oder Zeit zu passen schien. Manchmal erzählen Taxifahrer, dass sie Fotografien von seinem offenbar chaotischen Arbeitszimmer kennen, in dem Stapel von Zeitungen den Boden gepflastert haben sollen.

El verí del teatre (1978) ist Brossa gewidmet, doch hat Rodolf Sirera (geb. 1948) eigentlich eine viel praktischere Herangehensweise an Theaterproduktionen, als sein älterer Kollege. Er hatte bei der Entwicklung von Performances, die in der Provinz Valencia gegen das Franco-Regime protestierten, eine wichtige Rolle und arbeitete nach Beginn der Demokratie in der dortigen Regierung an dem Ausbau des valenzianischen Theaters. Er hat allein und auch in Zusammenarbeit mit seinem Bruder Josep Lluís Sirera (geb. 1954) eine beträchtliche Anzahl von Stücken im valenzianischen Dialekt des Katalanischen geschrieben, darunter politische Satiren, historische Dramen, experimentelle Texte und Gesellschaftskomödien.
Obwohl Sirera gegen Ende der Francozeit erklärte, dass das Theater eine 'politische Waffe' sei, scheint El verí del teatre auf den ersten Blick schlecht mit dieser engagierten Aussage vereinbar. Nachdem der Marquis seinem Gast ein geheimnisvolles Getränk gegeben hat, möchte er, dass der Schauspieler Gabriel Sokrates' Sterbeszene nachspielt und es scheint, dass nun das dramatische Gegenstück zu einem Snuff-Film aufgeführt werden soll. Die trickreiche Manipulation des Getränks trägt noch zur Spannung bei. Doch dies ist nicht einfach eine Variation von Anthony Shaffers Stück Sleuth im Stil des 18. Jahrhunderts. Der katalanische Name des Stücks bedeutet 'das Gift oder die Droge des Theaters' und gibt als solcher, unterstützt durch die Erwähnung Sokrates', von vornherein viel preis.

Sirera bringt die Debatte aus Paradoxe sur le comédien von Denis Diderot in diesen Kontext ein; Diderot starb 1784, in dem Jahr spielt auch El verí del teatre. Diderot unterschied gerne zwischen Schauspielern des direkten, unmittelbaren Gefühls und denen, die überlegter und kontrollierter waren. Im Verlauf des Stücks von Sirera ist der Marquis in mancher Hinsicht der erfolgreichere Schauspieler, obwohl er ein Laie ist. Gabriels Angst dagegen macht in wenigen Minuten alles zunichte, was er in seiner Ausbildung gelernt hat. (Sokrates' gradliniges Leben ist ein passendes Vehikel, um Technik zu demontieren.) Doch der Marquis sucht nach einer natürlichen Darstellung und macht auch dem Theater ein Ende, indem er Realität schafft und seinen Gast umbringt. So muss es zu Gabriels echtem Spiel kommen, da der endgültige Blackout einmal geschehen ist.

Der Marquis hat eine philosophische und eine ästhetische Rechtfertigung für sein Verhalten. Hinter seiner Argumentation steckt die sophistische Vorstellung Antiphons, dass Gesetze unter Zeugen unangreifbar sind, der Mensch aber in deren Abwesenheit auf das Gesetz der Natur zurückgreift. Wir haben Gesetze für die Augen gemacht. (Anders als bei Plato, wird in dem Text von Xenophon, auf dem das Stück des Marquis wahrscheinlich basiert, nicht erwähnt, dass Sokrates an ein Leben nach dem Tod glaubte.) Am Vorabend der Französischen Revolution beschwört diese grausame Argumentation zwangsläufig das Tun des Marquis de Sade herauf. Durch die Aufdeckung der Falschheit des Theaters ist Sireras Marquis, trotz seiner gesellschaftlichen Stellung, in hohem Maße ein Revolutionär. Drei Jahre nach Francos Tod wirft das Stück verschiedene Fragen auf. Der Marquis mag sich wie ein Diktator verhalten, aber sein Streben nach Authentizität stellt einen Angriff auf die Künstlichkeit einer ganzen Ausrichtung von Theater und Leben dar. Sollten beim Übergang zur Demokratie alle Protagonisten des alten Regimes gerichtet und verurteilt werden? Oder sollten wir ihre Lügen und erdichteten Ansichten über die Vergangenheit unangefochten lassen, zugunsten des Erhalts einer neuen politischen Konstruktion, die auf ihre Art vielleicht wieder genauso künstlich ist?












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