Die Katalanische Dichtung nach 1975

In Mosaikform: die katalanische Lyrik nach 1975
Sala valldaura jm
Josep Maria Sala-Valldaura
Brossa - la clau (catalan)11
Ein Text von Josep Maria Sala-Valldaura.
Übersetzung von Viqui Solina, 2003.

Franco starb im Jahre 1975. Ein wichtiges historisches Datum bedeutet nicht unbedingt den Beginn einer neuen literarischen Epoche, aber in diesem Fall ermöglichte der Tod des Diktators, dass das politische System sich an das westeuropäische anglich, dass die katalanische Sprache in den Schulen unterrichtet, in den Universitäten benutzt wurde und dass die Katalanisch sprechenden Länder sich einer Freiheit erfreuten, die ohne jeden Zweifel mit den Veränderungen zu tun hatten, die der französischen Mai 68 mit sich gebracht hatte.

Die Einrichtung der Demokratie im spanischen Staat und der Eintritt in die Europäische Union hatten Folgen für die soziale Funktion der Poesie, die sich schrittweise veränderte, um so mehr im Fall des Katalanischen, das eine institutionelle und kulturelle Normalisierung erreichte, wie das seit Jahrhunderten nicht möglich war. Natürlich kann man die ideologischen Folgen der Einführung der Demokratie in Spanien nicht von den moralischen oder ästhetischen trennen; das Jahr 1975 steht vor allem für den Beginn des politischen Wandels, es beeinflusste jedoch auch den künstlerischen Bereich. So begann z. B. eine Umwandlung der sozialen und moralischen Rolle der Literatur, eine Umwandlung, die die Rolle der Poesie veränderte, indem sie dem Roman eine wichtige Präsenz zuweist.

In dem Sinne also braucht das lyrische Genre die patriotische und kritische Funktion nicht mehr zu erfüllen, die es in einer Zeit übernommen hatte, in der die Verantwortung und das Engagement des Dichters angesichts der ungerechten Situation in seiner Gesellschaft Vorrang hatte. Es darf nicht vergessen werden, wie man während der sechziger Jahre besonders das Engagement Salvador Esprius (1913-1085) gewürdigt hat, eines Dichters, dessen Werk wir heute eher wegen seiner metaphysischen Dimensionen schätzen. Oder wie in den siebziger Jahre Joan Oliver, 'Pere Quart', (1899-1986) die Rolle des satirischen und moralischen Dichters gegenüber der politischen Macht erlangt hat. Hingegen hat eine Lyrik symbolischen Charakters - in der Art von Carles Riba (1893-1959) - oder eine existenziellere und personifiziertere Dichtung - Joan Vinyoli (1914-1984) - nicht die gleiche Beachtung und Wertschätzung bei den Intellektuellen gefunden. Auf einem populäreren Niveau stand der Erfolg der Liedermacher - der 'Nova Cançó' (Raimon, Lluís Llach, Maria del Mar Bonet ...) - durch ein neues literarisches Interesse nach und nach nicht mehr im Mittelpunkt. Dieses Interesse umfasste sowohl politische Fachtexte (ein sich schnell erschöpfendes Phänomen des Verlagswesens) und Romangattungen (z. B. erotische Literatur) als auch die Veröffentlichung einiger Zeitungen und Zeitschriften auf Katalanisch. Gleichzeitig wuchs auch das Theaterangebot mit neuen Räumlichkeiten, Aufführungen und Straßentheater.
Dabei handelte es sich um ästhetische, ideologische und moralische Umwandlungsprozesse. Die europäische 68er Generation überschritt die Grenzen nach Katalonien und die Dichter der 70er Jahre- die um die Mitte des Jahrhunderts geboren waren, zeigten einen entschiedenen Willen, eine kulturelle und politische Einheit der Katalanisch sprechenden Länder (die Balearischen Inseln, País Valencià und Katalonien) zu erreichen. Sie wollten die literarische Tradition und die lyrische Sprache der Klassiker und Avantgardisten (von Ausiàs March zum Surrealismus) wiedererlangen und beschäftigten sich mit einem breiten Themenkreis, der als Resultat der moralischen Befreiung bestimmte Anforderungen beinhaltete: die Identität der Frauen oder Erotismus, Homosexualität u. a.

In Ablehnung eines historischen oder sozialen Realismus, dem es zu sehr darum ging, sich verständlich zu machen, verteidigten die Dichter, die das Panorama der 70er und 80er Jahre modernisiert hatten, den Wert per se et in se der lyrischen Sprache, die Autonomie der poetischen Chiffren. Oft merkten sie jedoch nicht, dass sie diese Chiffren unausweichlich mit einem Stil verbanden, der sowohl von der Begeisterung für die wiederentdeckte Sprache als auch von der Notwendigkeiten herrührte, einen Unterschied zur konservativen Wesensart des Landes festzulegen.

Meiner Ansicht nach hat man den Bruch mit der dominierenden literarischen Strömung der zeitgenössischen katalanischen Literatur: dem Noucentisme - katalanische Kulturbewegung seit Anfang des 20. Jahrhunderts - nicht genug betont: Nach 1975 richtete sich das Katalonien der neu aufgekommenen Dichter nicht mehr nach einer idealen Civitas und infolgedessen hat ihr mediterraner Charakter mit dem Klassizismus der mallorquinische Schule, mit Eugeni d'Ors oder Josep Carner, nicht mehr viel zu tun. Weil eine neue Leseart der Mythen und der griechischen Figuren geschaffen wurde und weil einige die arabische Tradition (Josep Piera, Jaume Pont, Salvador Jàfer, Manuel Forcano...) vorzogen. Es gibt unterschiedliche Lebensanschauungen, vielleicht hedonistischere und leidenschaftlichere, mit so unterschiedlichen Modellen wie Joan Salvat-Papasseit oder Vicent Andrés Estellés.
Die darauf folgende Entwicklung ist einfach zu verstehen, weil die katalanische Kultur vom Ende des 20. Jahrhunderts zum Glück keine großen Unterschiede mehr hinsichtlich dessen zeigt, was wir in ganz Europa nach dem Fall der Berliner Mauer antreffen. Für die jüngeren Dichter sind im Allgemeinen die katalanische Sprache und die Freiheit keine Ziele, die man zu gewinnen braucht. Sie schreiben oft in einer Sprache, die nicht weit von dem entfernt ist, was sie zu Hause gehört haben - wie Enric Sòria (1958) im Vorwort von Varia et memorabilia behauptet.

Die Beschäftigung mit dem eigenen Leben hat den autobiographischen, lyrischen und erzählerischen Charakter von zahlreichen Dichtern beeinflusst, was gelegentlich als Poesie der Erfahrung bezeichnet wird. Diese Dichter waren besonders daran interessiert, das lyrische Ich hervorzuheben, indem sie Stilelemente wie Tadel oder Ironie benutzt haben. So wie in allen Strömungen der Postmoderne, hat die Poesie der Erfahrung immerhin klar unterscheidbare Vertreter aller Altersgruppen: Gabriel Ferrater (1922-1972), Jordi Sarsanedas (1924), Francesc Parcerisas (1944), Marc Granell (1953), der bereits erwähnte Enric Sòria, ...

Es scheint so, dass die Lyrik in den letzten Jahren verstärkt eine subversive Rolle spielt, was sie eigentlich schon immer getan hat. Wir können zahlreiche Namen nennen: als Beispiel, um bei den balearischen Inseln zu bleiben, Blai Bonet (1926-1997), Miquel Bauçà (1940), Andreu Vidal (1959-1998) oder Arnau Pons (1965). Alle vier sind interessant sowohl wegen der einzigartigen und eigenen Welt, die sie ausdrücken als auch wegen der Sprache, die sie anwenden (d. h. nicht nur durch die Lexik, sondern auch durch den Rhythmus und die Syntax).

Eine Durchsicht der verschiedenen Tendenzen, die in der lyrischen Landkarte zusammenleben oder nebeneinander bestehen, bestätigt diesen Eindruck der ästhetischen Pluralität der Postmoderne. Die Strömungen des letzten Jahrzehnts bringen einige Dichter zusammen, die inzwischen die Gültigkeit der Generationsmethode bestreiten. Brossa wird von Carles H. Mor gefolgt, Carles H. Mor, von Víctor Sunyol..., in einer Kette voller Glieder aller Lebensalter und aller Objekte. Der 'Textualismus', wenn ich ihn so nennen darf, bestätigt das Gleiche wie die Poesie der Erfahrung; andere gegenwärtige und kraftvolle Strömungen können nur das eben Gesagte belegen: die Vertreter einer Lyrik des Schweigens oder einer Lyrik metapoetischer Thematik, die vom Impressionismus beeinflussten Lyriker, diejenigen, die Kritik an der urbanen Welt äußern und diejenigen, die sich die Sprache der Musik oder des Kinos aneignen, diejenigen, die sich auf metaphysischen Pfaden bewegen, indem sie über die menschliche Natur nachdenken, usw. Alle gliedern sich in ein mehr oder weniger gut gefügtes Mosaik ein.

Unter so vielen Autoren und so vielen Tendenzen dienen einige Dichter (Männer und Frauen) und Dichtungen dazu, diese Erwägungen zu bestätigen, obwohl sie zu allgemein und infolgedessen ein wenig simplifizierend sind. Alle Traditionen - die Romantik, der Symbolismus, der Avantgardismus - sind in der aktuellen katalanischen Lyrik präsent, deren Autoren sich was das Alter angeht stark unterscheiden. Trotzdem ist eine Entwicklung im Zusammenhang mit den sozialen, moralischen und linguistischen Notwendigkeiten festzustellen, welche die Figur des Dichters und den Gegenstand des Gedichtes einer Realität annähern, die nicht so ideologisiert ist wie früher, sondern als Ausgangspunkt ... und oft, allzu oft, als Ziel genommen wird.

Nehmen wir als Beispiel die Dichtungen von Autoren, die um die 50er Jahre geboren wurden und konfrontieren sie mit denen von Autoren, die jetzt dreißig oder gerade noch vierzig sind, so können wir feststellen, dass der lyrische Ehrgeiz der Älteren als höchstes Ziel die Einzigartigkeit des lyrischen Ausdrucks anstrebte und dabei sogar vorsätzlich die Emotion ausschloss, während die Jüngeren diese nicht verabscheuen und sich der Lyrik annähern, indem sie sich davor hüten, diese zu mystifizieren. Obwohl es Vorgänger (Gabriel Ferrater) gibt, hat der neue Standpunkt des Dichters die ironische Wendung verstärkt, nicht immer mit einer moralischen Absicht, sondern als Verteidigung eines mitteilbaren Verhaltens, das von einem scharfsinnigen Individualismus ausgeht. Deswegen unterscheiden sich nämlich die Dichtungen von Pere Gimferrer (1945) und Maria-Mercè Marçal (1952-1998) von denen von Jordi Cornudella (1962) o Txema Martínez Inglés (1972).

Die 'Ars Poetica' von Pere Gimferrer greift auf die Tradition der Andeutung der Transrealität, auf den kognitiven Wert der Polysemie zurück, mit einem Wort, sie ähnelt dem Symbolismus:

'Etwas mehr als die Gabe der Synthese:
Im Licht die Überschreitung des Lichts sehen.'

Maria-Mercè Marçal erklärt die ideologische Quelle ihres lyrischen Werkes und das Wasser, womit sie sie speist:

'Dem Zufall verdenke ich drei Gaben: als Frau geboren zu sein, von niederer Schicht und unterdrückter Nation.
Und das trübe Blau, dreimal Rebell zu sein.'

[...] Und jetzt will ich, mit dem Namen einer Fee oder Hexe, auf dem Platz zusammenrufen die Verse von Foix und von Ausiàs, von Brossa und von Rosselló, von Salvat, von Carner, von Lorca und Rosalia, von Plath und von Arderiu, von den Bäumen, von den Blättern, von dem Mond, von der Erde, von der Liebe und von dem Kampf und von dem Salz und von dem Wasser. Von den Wurzeln, von dem Boot. Und von der Einsamkeit ohne Schuhe.'

Dieser Dichtung liegt der Wunsch zugrunde zu schreiben, indem man gleichzeitig eine Sprache benutzt, die zur gemeinsamen Vorstellung gehört (die sprachlichen Darstellungen der Mythen der Bäume, des Mondes, der Erde, etc.) und die uns erlaubt uns der Unruhe unseres Seins und unserer Existenz als Menschen, Liebende, Frauen, Mütter ... zu widmen.

Es handelt sich um eine Konzeption der mystifizierten Lyrik, die in der Sprache einen 'Provokateur' - wie Jean Baudrillard sagen würde - sieht, der 'das geheime Schicksal der Welt' durchforscht. Aber wir könnten auch bei den älteren Dichtern eine ironische Relativierung ihres Schaffens finden, die einigen der jüngeren Autoren ähnlich ist. Dies ist der Fall von Narcís Comadira (1942) oder Francesc Parcerisas, der sich in L'edat d'or (1983) vorstellte, dass nach vielen Jahren und nach seinem Tod seine Bibliothek verkauft und zerstreut würde, und darauf hin zog er den Schluss:

'Niemals hätte ich gedacht, dass die Erinnerung an sie
letzten Endes sich so zerstreuen würde.'

Bei jüngeren Dichtern stellt sich heraus, dass es einfacher ist, eine Konzeption der entmystifizierten Lyrik zu finden. Dies aber bedeutet keineswegs eine Herabsetzung des künstlerischen Ehrgeizes. Führen wir dafür ein paar Beispiele an. Jordi Cornudella behauptet in einer 'Prosètica':
'Ich hoffe, dass die Verse, die ich schreibe, von nichts zeugen außer dem Streben nach Reinheit der Ideen, der Rhythmen und der Wörter, von keiner einzigartigen Dichtung, die mich mit denjenigen verwechseln ließe, die doch für eine einzigartige Dichtung die Flagge hissen. Ich mache nur Verse, weil ich mich daran erfreue, die Dichter nachzuahmen, die ich liebe, unter anderem auch, weil sie mich begleiten, wenn es wieder mal Zeit ist, Spargel zu pflücken.'

Txema Martínez Inglés bemerkt und entgegnet seinerseits: 'Die Sinne der Lyrik ergeben einen Sinn; die Emotion, die wir feststellen, entdecken, zurückgewinnen, hat vollkommen Recht.

Aber deswegen wundere ich mich, wenn jemand kommt und mir enthüllt, dass die Lyrik nicht ich sei, sondern dass es die Sachen seien, die durch mich redeten, und dass meine Stimme der Sprecher der Menschen sei und im besten Falle die der Götter. Dass ich ein Abgesandter oder im besten Falle ein Prophet sei, dass es ein Beruf sei, der immer Freude macht. Ich jedoch in meiner zarten Unschuld hatte immer geglaubt, dass die Sachen nicht redeten, jedenfalls nicht im wirklichen Leben, dass die da waren und fertig.'

Deswegen ist es schwer einige Autoren auszuwählen, die eine so breite Palette von Dichtern repräsentieren können. Ich entscheide mich für fünf, die auf unterschiedliche Weise lyrische Wahrheit suchen: Josep Maria Llompart (1925-1993) i Feliu Formosa (1934), außer den bereits erwähnten Francesc Parcerisas, Pere Gimferrer und Maria-Mercè Marçal.
Josep Maria Llompart, 'der bedürftige Pilger der Finsternis' ('freturós pelegrí de la tenebra'), hat das Talent die Objekte und Landschaften des Alltäglichen in eine Frage über das Leben und den Tod zu verwandeln. Von der Kindheit bis zur Schwelle des Nichts wandert er in einer befremdenden, beunruhigenden Verknüpfung aus elegischen Tönen und ironischen Verfremdungen, indem er Kolloquialismus und die rhythmischen klassizistischen Formen alterniert oder vermischt. In einem von seinen bedeutenden Büchern, Mandràgola, (1980) - wenn ich abschreiben darf, was ich in einem anderen Artikel behauptet habe - unterstreicht die Kreisläufigkeit jeder der drei Serien die Zwangsvorstellung der Vergänglichkeit der Zeit - die die Erinnerung an die Kindheit betrifft - und die Zwangsvorstellung des Todes in einem Gefühl von Absurdität, die intensiviert wird durch die kurzen Verse, die phonetische Ausarbeitung, das Fehlen von Verbindungen, die synkopische Präsentation, eine gewisse semantische Inkompatibilität, die Aufzählung und die Wiederholungen, die Personifizierungen der Kindheit wie in 'Antònia' und des Todes wie in 'Agnès', der Bruch der Sprachebene, die Symbole und die Bilder eines Idiolekts, das sowohl eigen ist (die Bedeutung und der Wert der 'Schere' z. B.) aber gleichzeitig gemeinsam (die Bedeutung und der Wert von 'Uhr', 'Nacht' und 'Engel'...), etc.

Das lyrische Werk von Formosa, auch Übersetzer und Mann des Theaters, macht deutlich, wie sehr das Nachdenken mit dem Zweifeln in Verbindung steht: Wie er selbst in einem Interview sagte, war der Kampf um die Wahrheit für diejenigen titanisch gewesen, die gegen all die moralischen und politischen Lügen kämpfen mussten. Dies erklärt vielleicht de gewollte Reduktion der Form und den Wunsch zu kommunizieren, die seine Verse durchdringen, die er mit der Härte verfasst hat, die er beim Übersetzen von Trakl oder Brecht oder bei Gesprächen mit Vinyoli gelernt hat. Semblança (1986) reflektiert die Dualität der Lyrik von Formosa: die Interdependenz von Lebenserfahrung und literarischer Erfahrung, geprägt von einer ähnlichen Auffassung der Liebe wie bei Pedro Salinas; also 'träumen', 'vermissen', 'besitzen', 'suchen' oder 'schauen' fließen zusammen und vermischen sich in einem gleichen Stellenwert der Realität bei einem seiner Gedichte. Sein späterer Werdegang hat ihn zu Immediacions (2000) geführt, zu hundertfünfundzwanzig Gedichten, die aus einem Vers bestehen - ein Meisterwerk der ars brevis : leben und philosophieren in einem einzelnen flash.

Vor allem in der letzten Phase seiner lyrischen Schöpfung geht Francesc Parcerisas von einem initialen Motiv aus, das in den recht unterschiedlichen Anreizen des alltäglichen Lebens wie Gefühle, Beruf, Kultur seinen Ursprung findet. Die Aufgabe des Gedichtes oder des Dichters ist, die Wirkungsfähigkeit





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