Die Katalanische Literatur unserer Zeit

Warten auf den Durchbruch
I love cat1111
Sirera - la caverna (catalan)
Monzó - essence (french)
Brossa - askatasuna (catalan)
Sirera - la première de la classe (french)
Monzó - guadalajara (german)111
Ein Artikel über Vergangenheit und Zukunft der katalanischen Literatur von Matthew Tree.

Übersetzt von Anna Maria Schop i Soler, 2003.

Im Jahre 1979 kommentierte ein britischer Verleger das ungelesene Manuskript eines übersetzten katalanischen Romans (Totes les bèsties de càrrega , in etwa All die Lasttiere) von Manuel de Pedrolo) mit den Worten 'Es gibt hier einfach keine Leserschaft für regionale Literatur'. Es handelt sich hierbei um ein weiteres Beispiel dafür, dass in zahlreichen Verlegerkreisen 'regional' mit unerwünscht gleichgesetzt wird und die katalanische Literatur hat unverständlicher Weise lange Zeit, wenn nicht Jahrhunderte, unter dieser Einstufung als 'regionale Literatur' gelitten.

Unverständlich ist das vor allem, wenn man bedenkt, dass mehr als 6 Millionen Menschen Katalanisch sprechen, also von mehr Menschen als so manche andere offizielle europäische Sprache. Katalanisch wird außer in Katalonien in Valencia, Teilen Südfrankreichs, im Süden von Aragonien und auf den Balearen gesprochen und die auf katalanisch erscheinende Literatur kann sich vom Volumen her durchaus mit anderen Sprachen messen. Leider haben über Jahre hinweg viele Faktoren dazu beigetragen, die katalanische Sprache und Literatur angemessen zu verbreiten: Katalonien wurde zu Beginn des 18. Jahrhunderts mit Waffengewalt vom spanischen Staat erobert und mehr als zweihundertundfünfzig Jahre lang einer Reihe von Gesetzten unterworfen, die das Ziel hatten, den öffentlichen Gebrauch des Katalanischen und die Veröffentlichung von Büchern in dieser Sprache zu verbieten. In der ersten Phase der Franco-Diktatur ging es sogar darum, die Sprache vollkommen zu vernichten (nach 1962 zeigte das Regime dann etwas mehr Toleranz). Im demokratischen Spanien mussten die katalanischen Autoren jedoch noch lange Zeit weiterhin gegen die beachtliche Antipathie kämpfen, die das Spanisch lesende Publikum ihnen anfangs entgegenbrachte (was von vielen Verlegern aus Barcelona bestätigt wird). Ein weiterer Nachteil war, dass ausländische Verleger die Tendenz hatten, katalanische Bücher nur nach ihren Verkaufszahlen in spanischer Sprache zu beurteilen. Die Indifferenz gegenüber den katalanischen Angelegenheiten, die von vielen Cervantes- Instituten (den spanischen Kulturinstituten im Ausland) in der ganzen Welt gezeigt wurde, war auch wenig hilfreich. Es ist kein Wunder, dass die britischen Verleger sich keine Mühe machten, das Buch oben genannte Buch zu lesen.

Hätten sie es trotzdem getan, hätten sie herausgefunden, dass Totes les bèsties de càrrega ein brillanter und provozierender Polit-Roman ist, dessen Autor, Manuel de Pedrolo, mehr als 140 Werke veröffentlicht hat, die von Science-Fiction-und Krimibestsellern bis hin zu Gedichten und existenziellen Dramen reichen. Wäre sein Interesse erstmal geweckt, hätte der britische Verleger vielleicht auch andere wichtige Werke der katalanischen Literatur entdeckt: Beispielsweise den Roman von Joanot Martorell Tirant lo Blanc, den man als ersten großen europäischen Roman einstufen kann, oder die Liebesdichtung von Ausiàs March aus dem fünfzehnten Jahrhundert, die dem späteren romantischen Individualismus vier Jahrhunderte voraus war. Er wäre vielleicht auch auf die surrealistische Poesie von Salvat-Papasseit und J.V. Foix gestoßen, die wiederum großen Einfluss auf die Werke von Dalí und Miró ausübten; oder er wäre zufällig über die außergewöhnlichen Romane von Mercè Rodoreda aus den 60er Jahren gestolpert oder über die herausragende Beschreibung von fünfzig Jahren katalanischen und europäischen Lebens (zusammengefasst in sechzig Bänden) von Josep Pla oder über die intelligenten Kurzgeschichten der siebziger Jahre von Pere Calders. Die Liste könnte endlos weitergehen. Aber der besagte Verleger tat nichts von alledem: 'Es gibt keine Leserschaft hier ...'

Die Lage hat sich auch nicht verändert trotz der enormen Popularität, die Barcelona mit der Austragung der Olympischen Spiele 1992 gewonnen hat und sie zu einer der meist besuchten Städte Europas gemacht hat. Nehmen Sie beispielsweise den bedeutenden zeitgenössischen Schriftsteller Quim Monzó, dessen vierzehn Werke, bestehend aus fiktiven Erzählungen und Sachliteratur, noch alle verlegt werden, davon mehr als 600 000 Bücher allein in katalanischer Sprache. Manche seiner Arbeiten haben nicht minder als fünfundzwanzig Ausgaben erreicht. Quim Monzó, bereits in elf Sprachen übersetzt und von einem amerikanischen Kritiker als der 'beste europäische Schriftsteller von Kurzgeschichten im letzten Jahrzehnt' bezeichnet, ist, zusammen mit anderen exzellenten zeitgenössischen Autoren wie Carme Riera und Miquel Baucà, den britischen Lesern unverständlicher Weise nahezu unbekannt.

Aber die Dinge verändern sich langsam. Seitdem an den Schulen Katalanisch gelehrt wird (1984), können mehr und mehr Katalanen diese Sprache auch ohne Schwierigkeiten lesen und schreiben. Dadurch hat sich im Laufe der Jahre die Produktion von katalanischen Büchern erhöht, so dass jetzt etwa 12% aller in Spanien veröffentlichten Bücher auf Katalanisch erscheinen (6 000 neue Titel pro Jahr). Dank des Erfolges des öffentlichen katalanischen Fernsehens (Marktführer während der letzten fünf Jahre), ist es zum ersten Mal gelungen, eine Massennachfrage nach katalanischer Literatur zu schaffen. Als Beispiel seien die drei Monologsammlungen des Fernsehansagers Andreu Buenafuente genannt, verlegt um die Jahrhundertwende und mehr als 100 000 Mal verkauft. Dieses wirtschaftlich rentable Panorama wird nun auch qualitativ von einer neuen Generation von Autoren wie dem Dichter Enric Cassases und begabten Romanautoren wie Albert Sánchez, Imma Monsó und Jordi Puntí aufgebessert. Kurz gesagt, die katalanische Literatur, die vergangene und die gegenwärtige, hat sich noch nie in einer so günstigen Lage befunden, das Vorurteil von der 'regionalen Literatur' zu widerlegen und so den ausländischen Lesern endlich die Chance zu geben, ein enormes schriftstellerisches Potenzial zu entdecken, die eines der am besten gehütetsten Geheimnisse der europäischen Literatur war.







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