Ein Blick auf Mallorca

Verehrter Ausländischer Literaturkritiker!
Bauçà - el canvi1
Vicens - tierra seca (spanish)1
Bauçà - rue marsala1
Ein Artikel von Sebastià Alzamora (Serra d'Or, Februar 1999). Übersetzung: Anna Maria Schop Soler.
Empfangen Sie zunächst meine herzlichsten Grüße, meine tiefe und ehrliche Bewunderung für Ihre gesamte Arbeit, die so viel dazu beigetragen hat, das Kriterium und den Weg unzähliger Leser eures Landes und des ganzen Kontinents zu erleuchten. Erlauben Sie allerdings auch den bescheidenen und trotzdem kategorischen Ausdruck meiner Skepsis, die ich mit Bedauern ausspreche, da ich befürchte von Ihnen falsch interpretiert werden zu können. Denn es ist wirklich schwierig für mich, den Grund Ihres Interesses zu verstehen. Ihre Anfrage ist zweifelsohne in die Hände gelangt, an die Sie sie gerichtet hatten aber, wie das Leben so spielt, ist sie am Ende in meine unwürdigen Hände geraten. Ihre Anfrage bezog sich also auf die Literatur, die in den letzten Jahren auf Mallorca geschrieben und veröffentlicht wurde. Dieses Interesse stößt bei mir zunächst auf Misstrauen, da es so ungewöhnlich und außergewöhnlich ist, vor allem weil es von jemandem wie Ihnen kommt. Dazu kommt, dass nach Meinung einiger sich selbst zum Propheten ernannten Stimmen, nicht einmal ihre potenziellen Leser, d.h. die Bewohner von Mallorca, oder genauer gesagt, die Bewohner Mallorcas, die sich während ihrer Mußestunden der Literatur widmen interessiert. Ehrlich gesagt, ich glaube, dass dieses Bild, wie verführerisch die Karikatur auch immer sein mag, nicht nur falsch ist, sondern bösartig und ich sage das, obwohl ich mir bewusst bin, dass, wenn ich die beschriebene Situation als richtig einschätzen würde, ich mir die Arbeit einer eindeutigeren und besser begründeten Antwort sparen würde. Ich könnte auch irgendetwas sagen und mich hinter der Schlussfolgerung verschanzen, die von einigen Stimmen, die mindestens genauso kompetent wie die Ihre sind, an allen Ecken verbreitet wird, wonach die Erzählung ein kulturelles Phänomen ist, das mindestens genauso so veraltet ist, wie die Gesellschaftsform, in der sie entstanden ist. Und die Suche nach den sterblichen Überresten dieses totgesagten Genres, begraben auf einem so kleinen Fleckchen Erde wie der größten der Balearischen Inseln erscheint mir eine eher makabre Angelegenheit.
Auf alle Fälle ist das Interesse für die moderne Literatur auf Mallorca in mehr als einem Aspekt merkwürdig, vor allem wenn man bedenkt, dass die moderne Literatur auf der Insel erst 1932 zu entstehen begann, als eine Art Roman namens Mort de Dama (Tod einer Dame) veröffentlicht wurde (dabei gilt zu bedenken, dass der Verfasser, Llorenc Villalonga, bereits auf der ersten Seite des Buches bemerkte, dass es sich nicht 'direkt um einen Roman' handelte). Das heißt, dass die moderne Literatur elf Jahre nach der Veröffentlichung von Joyces Ulixes in Paris auch Mallorca erreichte, zu einem Zeitpunkt, an dem man beginnt davon zu sprechen, dass der Roman als Literaturgattung tot ist. Wie dem auch sei, Llorenc Villalonga wurde mit der Zeit zu einem der prominentesten Schriftsteller der Blütezeit der katalanischen Literatur, dem 20. Jahrhundert und zum wichtigsten mallorquinischen Autor seit Ramón Llull (und diese Einschätzung teilte auch Jaume Vidal Alcover). Die Faszination, die von Bearn ( 1954) ausging, ermöglichte es den mallorquinischen Schriftstellern sich Ihren Platz in der modernen westlichen Literatur zu sichern, beeinflusst vor allem von den psychologischen und rationalen Aspekten der humanistischen französischen Literatur (jemand hat gesagt, dass die Franzosen die Griechen des modernen Zeitalters seien, was ich gern in Erinnerung rufen möchte) von Stendhal bis Gide, von dem Monumentalwerk von Proust bis zur Genialität von Gustave Flauber.

Aber das Thema Villalonga ließe sich beliebig ausweiten und es ist hier weder der Ort noch der Zeitpunkt, um sich weiter mit seinen Werken zu beschäftigen. Sicher werden Sie trotzdem gern erfahren, dass dieser Entwicklungsprozess der mallorquinischen Literatur, der sich zwar spät aber doch wirklich vollzogen hat, erst viele Jahre später mit dem Aufkommen der so genannten Generation der siebziger Jahre erfolgreich abgeschlossen wurde. Diese Generation von Autoren war es, die Modernität durch Normalität ersetzte und in einigen bestimmten Fällen, die ich Euch jetzt beschreiben möchte, auch vor Übertretungen nicht halt machte. Vor dem Erscheinen dieser Autorengruppe, denn es handelte sich tatsächlich um eine Gruppe, hatten in Wirklichkeit nur drei Schriftsteller als Glieder einer Kette das Fortbestehen des mallorquinischen Romans gesichert, der mit der erfrischenden Satire Mort de Dama (Tod einer Dame) seinen Anfang gefunden hatte. Diese drei Autoren hießen Blai Bonet, Miquel Angel Riera und Baltasar Porcel. Eigentlich gehörte auch noch der bereits erwähnte Jaume Vidal Alcover dazu aber der Wahrheit halber muss gesagt werden, dass dieser Schriftsteller sehr viel erfolgreicher auf dem Gebiet der Poesie und vor allem des Essays als im Bereich der Erzählkunst war.

Bonet, Riera und Porcel sind auch deshalb so wichtig, weil es mehr als wahrscheinlich ist, das Sie keinen dieser drei Autoren überhaupt kennen und weil sie uns in die Gegenwart zurückrufen: Zu dem Zeitpunkt, an dem ich diesen Brief an Sie schreibe, ist es ein Jahr her, dass Blai Bonet gestorben ist und Miquel Angel Riera ist erst seit zwei Jahren tot. Ich will damit sagen, dass es sich um zwei absolut zeitgenössische Autoren handelt, die bis vor kurzem neue Titel veröffentlicht haben. Von Blai Bonet kam man ohne Zweifel sagen, dass es sich um einen hervorragenden aber sehr unregelmäßigen Erzähler handelte (das Attribut 'unregelmäßig' klebt am Namen dieses Schriftstellers genau so wie 'genial', so dass diese zwei Bezeichnungen, wenn nicht synonym, so mindestens ergänzend gebraucht werden. Aber vor allem kann man von ihm sagen, dass er eine mächtige, eindrucksvolle, erneuernde ja extreme Erzählform hatte, wie El Mar ('Die See') und Mister Evasió(Mister Ausflucht) oder zwei von seinen umfangreichen Ausflügen in die 'Ich-Erzählung' wie La motivació i el film (Die Motivierung und der Film) und Pere Pau(Peter Pau) zeigen (man wird aufpassen müssen, ob Bonet wirklich einen unveröffentlichten Prosatext mit dem Titel Ramon druckreif hinterlassen hat). Andererseits hat Miquel Angel Riera (wie Vicenc Llorca in seinem Essay 'Salvar-se en la paraula' (Sich beim Wort retten) behauptet), eine Poesie der Sinnlichkeit und der möglichen Erlösung des Menschen durch seine Fähigkeit des ästhetischen Lernens mit Erzählungen wie Fuita i martiri de Sant Andreu Milà('Die Flucht und das Martyrium des Heiligen Andreu Milà'), Morir quan cal (Sterben wenn es sein muss), L´endemà de mai (Der nächste Tag nach niemals), Panorama amb dona (Landschaft mit Frau) oder vor allem Els déus inaccessibles (Die unerreichbaren Götter) und Illa Flaubert geschaffen. Baltasar Porcel lebt nicht nur weiter, sondern befindet sich in einer hervorragenden kreativen Verfassung, wie man aus seinen Erzählungen Ulisses a alta mar(Odysseus auf hoher See), Mediterranea (Mittelmeer), Onatges tumultuosos (Gefährliche Brandung), El cor del senglar (Das Herz des Wildschwein), L´emperador o l´ull al vent (Der Kaiser oder das Auge im Wind) ersehen kann.

Die 70er Generation als solche (auf die ich mich schon oben bezogen habe und die seiner Zeit als Inbegriff der mallorquinischen Erzähler bekannt wurde) hat sich mehrheitlich von einer sozial und revolutionär geprägten Epik der ersten Werke hin zu verschiedenen Formulierungen einer von der Lyrik und Intimität geprägten Erzählkunst entwickelt. In diesem Sinne sind die letzten Werke von Gabriel Janer Manila hervorzuheben, der mit Erzählungen wie Paradies d´orquidies (Orchideenparadies), Lluna creixent sobre el Tamesi (Der aufsteigende Mond über der Themse), La vida, tan obsura (Ein so dunkles Leben) und Els jardins incendiats (Die brennenden Gärten) ein eigensinniges und ehrgeiziges Bild der großen historischen Bewegungen, die Mallorca und Europa während dieses Jahrhunderts beeinflusst haben anhand von Erkundungen der inneren Welt seiner oft grausamen aber immer tragischen und grotesken Gestalten geschaffen hat. Ihrerseits hat Antònia Vicens, nach sechs Jahren des Schweigens, eine sehr bemerkenswerte Rückkehr vollbracht, mit ihrem Febre alta(Hohes Fieber), einem Werk von erzählerischem Scharfsinn und psychologischer Eindringlichkeit. Maria Antònia Oliver hat mit zwei bitteren und sanften Erzählungen (Joana E. und Amor de cans (Hundeliebe) Ruhm erreicht. Guillem Frontera hat nach einigen Versuchen mit Genreerzählungen wie La ruta dels cangura (Der Weg der Kängurus) einen Weg eingeschlagen, der dank der Sensibilität der aufgeworfenen Fragen und der Qualität der Ergebnisse dem von Maria Antònia Oliver mit Un cor massa madur (Ein zu reifes Herz) ähnelt. Aber die Gruppe, seien Sie unbesorgt, hat auch ihre eigenen Dissidenten, eigensinnige Individualisten in Gestalt von Biel Mesquida, Damià Huguet und Miquel Baucà. Mesquida hat mit Excelsior, nach einem Irrweg mit Doi, den eingeschlagenen Weg mit L´adolescent de sal (Der Salzjunge) wiedergefunden. Der zu früh verstorbene, hervorragende Dichter Damià Huguet hatte nur Zeit für ein erstes Prosawerk, obwohl es sich um ein komplettes Buch handelt, das sich aus einer Anzahl von kurzen Erzählungen autobiographischer Natur zusammen setzt, die unter dem Titel Les fites netes (Die reinen Ziele) herausgegeben wurden; sie sind ein Beispiel sprachlicher Perfektion und einfühlsamer Erzählkunst. Und Baucà ... Es handelt sich, Sie können mir glauben, verehrter ausländischer Kritiker, um den Größten von allen. Seine erzählerische Kunst hat sich aus verschiedenen Degradierungsstufen entwickelt, um bis zu einer Form von Erleuchtung zu gelangen. Mit L´Estuari (Die Flussmündung) hat er eine klaustrophobe Welt geschaffen, die einzig auf der unbestreitbaren Macht seiner Sprache beruht; bei Carrer Marsala (Marsalastraße) handelte es sich um ein Gedicht in Prosaform über Ausgrenzung; die Erzählungen El vellard; L´escarcellera (Der Greis; die Gefängnishüterin) beschreiben ein nicht zu übertreffendes Elend und als es schon aussah, als würde er mit seinen Arbeiten in eine Sackgasse geraten, überraschte Miquel Baucà mit einem einzigartigen und wunderbaren Buch, diesem gleichzeitigen göttlichen und teuflischen Wörterbuch, das aber vor allem menschlich ist: El canvi (Die Veränderung), dessen Bedeutung wohl erst in einigen Jahren erkannt werden wird. Und so, mein Freund, rate ich Ihnen, dieses Buch auf jeden Fall zu lesen.
Die Autoren, die auf den Erfahrungen der 70er Generation aufgebaut haben heißen Carme Riera, Valentí Puig und der auf Ibiza geborene Antoni Marí. Carme Riera ist heute mit Werken wie Dins el darrer blau (Mitten im letzten Blau), einer historischen Erzählung, die den Atem, den Ehrgeiz und die kreative Begeisterung enthält, die dieses Genre benötigt, eine der erfolgreichsten Schriftstellerinnen Kataloniens. Dieselbe Qualitätsgarantie kann man Valentí Puig zusprechen, einem Vollblutschriftsteller, der gleichwohl beim Essay wie bei Reiseberichten beim Journalismus bei der Poesie oder der Prosa zu Hause ist und seinem hohen Anspruch sowohl mit der Erzählung Primera FugaL´home de l´abric (Der Mantelmann) gerecht wird und die man als zwei der namhaftesten Werke der letzten Jahren bezeichnen kann. Etwas ähnliches findet bei Antoni Mari statt, der nach ersten Erfolgen als Dichter und Essayist jetzt Kurzgeschichten wie El vas de plata (Das Silberglas) und philosophischen Erzählungen wie El camí de Vincennes (Der Weg von Vincennes) schreibt, mit denen er viele Leser gewonnen hat.

Erschrecken Sie bitte nicht, denn wir kommen schon zum Ende. Die wohl anerkannteste Schriftstellerin ist ohne Zweifel Maria de la Pau Janer, eine intelligente und geschickte Autorin, die mit Werken wie Mármara, Natura d´Anguila (Aalnatur) oder Orient, Occident (Osten, Westen) die schwierige Symbiose zwischen literarischem Ehrgeiz und kommerziellen Interessen geschafft hat. Der menorquinische Autor Joan Pons hat seinerseits dem alten, magischen Realismus, jawohl, der hatte durchaus brauchbare Ansätze, mit Nàufrags (Die Schiffsbrüchigen), El laberint de les jirafes (Las Labyrinth der Giraffen) eine neue Richtung gegeben, während Miquel Bezares einen sehr attraktiven Weg zwischen Erzählung und Lyrik mit Susanna i l´estranger (Susanna und der Fremde), Placa d´Africa (Afrikanischer Platz), Quan els avions cauen (Wenn Flugzeuge abstürzen) eingeschlagen hat. Hector Hernandez ist in spektakulärer Weise mit Qui s´apunta a matar la meva mare? (Wer möchte meine Mutter umbringen?) in Erscheinung getreten, einer ausdrucksstarken Erzählung, die in einer Großstadt der Jahrhundertwende spielt, allerdings noch nicht ganz ausgereift ist. Und in kurzer Zeit sind zwei junge Autorinnen mit zwei knappen, aber geschmackvollen Memoirenerzählungen hervorgetreten: Antònia Ordines mit Caramells de l´auba (Gesänge des Morgengrauens) und Neus Canyelles mit Neu d´agost (Augustschnee).
Verehrter ausländischer Kritiker, wir können es momentan dabei bleiben lassen. Ich hoffe, Sie werden meine Ausführlichkeit und die Nichtigkeit dieser Angaben verzeihen. Auf alle Fälle werden Sie mir zustimmen, dass das Bild trostlos genug ist, um sagen zu können, dass die Erzählung definitiv ausgestorben ist und dass man auf Mallorca diese Tatsache noch nicht wahrgenommen hat.







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