Joan Brossa

Joan Brossa: Formen und Themen
Brossa - gedichte
Brossa - poema ouera
Poema ouera Joan Brossa
Brossa - l'illusioniste
Brossa - poema regadora
Brossa - poesia rasa
Joan Brossa, A partir del silenci. Antologia polimòrfica.
Herausgegeben von Glòria Bordons. Galàxia Gutenberg /Cercle de Lectors. Barcelona, 2001.

Ein Artikel von Melcion Mateu (Avui, 2001).
Übersetzung: Willy Neunzig.


Solange von Joan Brossas Werk (Barcelona 1919-1998) keine Gesamtausgabe vorliegt, solange müssen wir uns für eine der vielen Möglichkeiten entscheiden, seinem Universum näher zu kommen. Das Werk von Brossa ist gewaltig und vielfältig: es umfasst die bildende Kunst - tatsächlich ist seine visuelle Poesie, die ihn im Inland und Ausland in den letzten Jahren bekannt gemacht hat -, das Theater - eigentlich nur ein relativ geringer Teil seines Gesamtwerkes, obwohl er in seinen letzten Jahren sich sehr damit beschäftigt hat -, die Prosa - sei es lyrische Prosa oder Essays und, vor allem, Poesie: Die Poesie steht im Mittelpunkt seines Schaffens und Brossa sah sich selbst in erster Linie als Poet, ein Poet innerhalb und außerhalb seines Wesens, innerhalb oder außerhalb der Sprache.

Die Poesie Joan Brossas war Anlass vieler Antologien - darunter muss man sicherlich La memòria encesa (1998, in etwa: das angezündete Gedächtnis) hervorheben, eine eigene Auswahl des Dichters mit vielen unveröffentlichten Gedichten - aber keine Anthologie ist seit dem Tod des Dichters erschienen, als sein Werk abgeschlossen war, eine Anthologie, die uns eine Gesamtsicht über das, was die Poesie Joan Brossas war und ist, mit seinen Prosagedichten oder seinen Versen, seinen Darstellungen oder seiner visuellen Lyrik. A partir del silenci (etwa: nach dem Schweigen), die 'polymorphe Anthologie', die uns jetzt Glòria Bordons vorstellt, ist eine Sammlung von 236 Texten und visuellen Gedichten, die repräsentativ für das mehr als fünfzigjährige Schaffen Joan Brossas sind. Diese Anthologie umfasst Texte, mit denen Brossa selbst uns seine diversen Facetten vorstellt, jedes seiner (um es in seinen eigenen Worten zu sagen) 'poetischen Abenteuer'.

Zweifacher Rundgang

Glòria Bordons, eine außergewöhnliche Kennerin von Brossas Werk, stellt jetzt ihre dritte Anthologie vor, ein gut strukturiertes, systematisches, jedoch keineswegs einfaches Buch. Man könnte eigentlich von zwei, in einem Werk zusammengefassten Anthologien sprechen, worauf die Autorin in der Einführung eingeht. Sie spricht von einem 'zweifachen Rundgang' durch Brossas Kunst: einerseits ist es eine formale Anthologie, nach Gattungen geordnet: die klassischen Formen (Sonette, Oden, Sextinen), die volkstümlichen Formen (Geschichtchen und Lieder), die szenische Poesie, die kreative Prosa, die visuelle Poesie, etc.. Andererseits ist es eine nach Themen geordnete Anthologie, sozusagen die Querlinien durch Brossas Werk: soziales Engagement, Humor, Kino, Magie, Transformismus, u.a. Wie bei einem praktisch nicht zu kategorisierendes Werk zu erwarten, ist jede Etikettierung diskutierbar und es gibt viele Gedichte, die einfach nicht zu klassifizieren sind: bei den klassischen Formen treffen wir auf eine visuelle Sixtine, die genauso gut zur visuellen Poesie gehören könnte und im Kapitel Spiel und Magie finden wir, zum Beispiel, das berühmte Sonet mig tapat amb un llençol (in etwa: Sonett, teilweise von einem Leintuch zugedeckt) neben dem visuellen Gedicht Sense atzar (Ohne Glück, ein Kartenspiel von einer Kette durchbohrt), Stücke, die genauso gut bei den klassischen Formen bzw. bei den Objektgedichten hätten klassifiziert werden können. In dieser Anthologie ist also kein Versuch unternommen worden, die Vielfältigkeit Brossas zu vertuschen, noch die Probleme zu umgehen, ganz im Gegenteil, die einzelnen Fächer, denen die Gedichte zugeordnet sind, sind eigentlich kommunizierende Röhren, und damit erhält Brossas Werk - ein Labyrinth von Formen und Themen, die den Leser verwirren - eine Einheitlichkeit, auf die alles zuläuft: die traditionellen und transgredierenden Formen, die alltägliche, prosaische, diesseitige Poesie und die metaphysische Poesie, der der letzte Teil der Anthologie gewidmet ist. Die Antipoesie, jene 'prosaischen, scheinbar inhaltslosen Gedichte', wie sie Brossa selbst nannte, erscheint neben der klassischen Poesie, da im Endeffekt, so der Autor, eine nicht ohne die andere existieren könnte. Ohne seine paradoxe Gedankenwelt zu akzeptieren, könnten wir seinen Wahlspruch nicht verstehen: Ich kenne den Nutzen der Nutzlosigkeit. / Und besitze den Reichtum, nicht reich sein zu wollen.'

Jeder Teil der Anthologie wird, wie gesagt, von einem Text eingeleitet, in dem Brossa selbst von seiner Arbeit spricht - Abschnitte von Interviews mit dem Dichter, Auszüge aus Anafil, Brossas Prosa in drei Bänden, oder aus anderen Quellen, und das ist das wirklich Neue an dieser Anthologie A partir del silenci (ein Titel, entnommen aus einem seiner Prosastücke): Brossa wird zum Führer bei diesem zweifachen Rundgang durch sein Werk und beantwortet dabei zentrale Fragen, wie zum Beispiel 'Was ist ein lyrisches Gedicht?'. 'Eine Konzentration der Sprache und die Suche nach Entsprechungen', erklärt er. 'Der Wert eines Gedichts wird über die Anzahl der Fenster, die diesem dem Leser öffnen, ermittelt.'

Ein guter Teil des Werkes Brossas ist Ergebnis einer Poetik der Geste; die Geste selbst kann nachgeahmt werden, nicht aber die Haltung, die dahinter steht: der Effekt ist oft Provokation und jede echte Provokation ist einzigartig, unwiederholbar. Diese Poetik erlaubt es ihm, die Sprache zu verdinglichen ('Ein Papierblatt nur mit dem Wort danke handschriftlich geschrieben'), diese gleichzeitig als Gegenstand und als Symbol zu behandeln, was ihn dazu führte, die Möglichkeiten der visuellen und der Objektpoesie auszuloten. Brossa erklärt uns, dass seine Treue zu seinem Weg als Dichter ihn dazu geführt hat, viele Grenzen zu überschreiten: 'Weil, wenn die Worte die Sachen sind, kann man mit der Sprache der Sachen auch Metaphern bilden'.

Brossas Aktualität

Als Ganzes betrachtet ist Brossas Werk im Essentiellen eine Transgression, sowohl aus dem ethischen, wie aus dem politischen Standpunkt aus betrachtet, es ist jedoch das Ergebnis der Wiedereroberung der Tradition und des Überdenkens ihrer Fundamente. Sogar auf seiner dem Jugendstil am meisten zugewendeten Seite - das direkte Erbe von J.V. Foix oder Josep Carner - verwendet Brossa die klassische Form zum Infragestellen der Idee der Ordnung oder zum Ironisieren über die Überlegenheit der Vernunft (das, was der Philosoph Jacques Derrida den logocentrisme nannte). Brossa fordert die Grenzen der Vernunft heraus und das macht er aus der Vernunft selbst, mittels freier Assoziation, automatischem Schreiben, Humor, Magie und Transformismus. Brossa ist ein postmoderner Autor, vielleicht der erste der katalanischen Literatur. Er entmythologisiert die Tradition der Gebildeten und belebt volkstümliche Gebräuche wieder, benutzt die Ironie kompromisslos, sein Held ist der Mann auf der Straße ('der Sockel sind die Schuhe' ist eine oft zitierte Zeile von ihm). Zu gleichen Zeit aber lebt in ihm ein tief religiöser Poet, der an eine grundlegende Ordnung glaubt, an einem Lebenszyklus, in dem der Mensch integriert ist. Brossa ist gleichzeitig Hedonist und Mystiker, es gelingt ihm, ein kleines Stück Wirklichkeit in eine große Metapher zu verwandeln. Die Anthologie A partir del silenci führt uns jede der Facetten im Werk Brossas vor Augen, ein Werk, das sich über die gesamte zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts erstreckt und das seine Gültigkeit im 21. Jahrhundert keineswegs verloren hat.







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