Miquel Bauçà

Das menschenscheue Genie der katalanischen Literatur
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von Julià Guillamon.
Jordi Coca hat vor einigen Jahren behauptet, Miquel Baucà sei wie Greta Garbo. Seit der Veröffentlichung von Carrer Marsala im Jahre 1985 ist er eine sagenumwobene Gestalt, ein Mythos, der auf seiner seltsamen Lebensart gründet. Bauçà, menschenscheu und unwirsch, hielt sich von den literarischen Kreisen fern. Es hieß, er lebe abseits von jeder Gesellschaft, wie ein Obdachloser, in einem Campingwagen. Einige behaupteten, ihn auf der Straße gesehen zu haben oder in einer Kneipe. Die Ältesten erzählten von seinem ersten Aufenthalt in Barcelona: Er hätte unter den Säulengängen einer Einkaufsstraße seine Schreibstube eingerichtet, er sei im Hause irgendeines Freundes erschienen und habe sich dort einfach eingerichtet. Wo denn Bauçà jetzt wohl sei? War er wieder auf Mallorca? Lebte er vielleicht im Nobelviertel Barcelonas?

Müde von dieser ganzen Geheimnistuerei ist Jordi Coca bei einem Kongress junger Schriftsteller, unter denen es viele Bewunderer Bauçàs gab, erschienen und behauptete, dass Bauçà am Syndrom der unsichtbaren, belagerten Schauspielerin litt und dass ihn die unbekannten Seiten seiner Biographie so anziehend machten und nicht etwa sein literarisches Talent, und dass man ihn mit Vorsicht behandeln sollte, er sei ja ein kranker Mensch.
Es gibt Bauçà gegenüber zwei klar zu trennende Haltungen: es gibt welche, die ihn als Klassiker der katalanischen Literatur und sein Werk als ein noch zu lösendes Rätsel ansehen und andere, die, unabhängig von seiner Vorstellungskraft und der Fülle seiner sprachlichen Gestaltungsmöglichkeiten, auf das Fehlen von Ordnung und Kohäsion in seinem Werk aufmerksam machen. Beide Standpunkte schließen sich nicht aus, Bauçà ist gleichzeitig licht und stumpf, Heiliger und Verrückter, Symptom und Krankheit.

Der Verlag Empúries veröffentlicht jetzt sein Els estats de connivència (in etwa: die Zustände der Machenschaften), das in seinem enzyklopädischen Aufbau auf der Linie von L'estuari (1990, Die Flussmündung), El crepuscle encén estels (1992, Die Dämmerung zündet die Sterne an) und El canvi (1998, Die Veränderung) liegt. Die Debatte bleibt offen.







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