Miquel Bauçà

'Ich lebe abseits der Welt'
Bauça11
Text: Julià Guillamón, La Vanguardia(12.10.2001). Übersetzung: Willy Neunzig.

Miquel Bauçà (Felanitx, 1940) gibt keine Interviews. Auf Fragen antwortete er immer mit Auszügen aus seinen Büchern. Ich habe ihn verfolgt. Da man ja keine Adresse von ihm bekommt, schicke ich ihm Briefe und Fragebögen auf das Postfach, das am Ende seines Buches Carrer Marsala erscheint. Es meldet sich ein Fax aus einer zentralen Bücherei in Barcelona. Bauçà beantwortet beleidigt die zehn Fragen, die ich ihm vor 14 Tagen habe zukommen lassen.

Was verstehen Sie unter einem Zustand der Machenschaften? Beziehen Sie sich auf die Selbstentfremdung der Menschen, auf ihren Herdentrieb? Beziehen Sie sich auf die Verluste der Katalanen? Auf Beides vielleicht?

Genau so ist es, auf Beides.

Nachdem Sie Carrer Marsala geschrieben hatten, kürzten Sie das Original erheblich, heraus kam eine Kurzgeschichte von etwa siebzig Seiten. Jetzt legen Sie dagegen größeren Wert auf breite, enzyklopädische Darlegungen. Wieso diese Änderung?

Es war richtig, jenes Material einfach wegzuwerfen. Wahrscheinlich hätte ich mich darin verloren. Diese Veränderung ist die notwendige, automatische Reaktion auf meine Weisheit, auf mein gutes Benehmen, nicht Ausdruck eines Wunsches nach Globalisierung. Es war immer schon der Motor meines Handelns, mein erster Eindruck von der Welt.

Ich habe ein Interview in Destino gelesen, aus Ihrer ersten Zeit in Barcelona. Sie sprechen darin von Ihrer Militärzeit auf der Insel Cabrera. War das damals eine der wichtigsten Erfahrungen Ihres Lebens?

Ganz sicherlich.

In Ihren Büchern arbeiten Sie sehr an der Sprache. Viele denken dabei an Ramon Llull. Lesen Sie katalanische Klassiker? Welche Rolle spielen sie noch in der Literatur?

Zu den Zeiten von Ramon Llull lebten wir Katalanen wie im Paradies, in einem geradezu biblischen Paradies, wenn wir dies mit der allgemeinen Misere vergleichen, in der wir uns jetzt befinden. Aus diesem Paradies wurden wir, wie jedermann weiß, wegen dunkler Machenschaft von Hl. Vicenç Ferrer vertrieben. Ich sage dies, weil Ihre Frage nie gestellt hätte werden sollen. Weder ich selbst noch niemand anderes kann sich mit Ramon Llull vergleichen. Das wäre so abstrus, als ob ein venezianischer Jude jener Zeit ins Paradies hätte kommen wollen. Das wäre auch unmöglich gewesen.

In Ihrem Els estats de connivencia sprechen Sie vom Zerfall der Ideologien, des Glaubens, der Lebensformen, die zusammen eine Einheit bildeten. Ist dies Die Veränderung?

Bis jetzt ist noch nichts zerfallen. Alles ist Routine geblieben, so routinehaft wie die Briefe von Paulus an die Korinther. Jetzt aber beginnt sich etwas zu verändern. Ich möchte ein Ziel in diesen Veränderungen sehen: die Kreativität der Träume zu genießen, wie ich es tue. Wenn die Technik jeden Einzelnen dazu zwingen wird, die gleichen Dinge zu tun, werden wir nicht Konsumenten von Ideologien sein wollen, weder von Makro- noch von Mikroidelogien, keine Werkzeuge, um einen anderen zu dienen. Die Sexualität und der Herdentrieb werden langsam abflauen. Dagegen werden die Menschen untereinander Kassetten mit ihren besten Träumen austauschen. Wenn ich von Kassetten spreche, so meine ich Ideen, weil die Technologie viel angenehmer sein wird.

In Ihren Büchern sprechen Sie oft von Amerika. Was ist für Sie Amerika? Verkörpert es das Ideal des Fortschritts, der Technologie oder etwas ganz anderes?

Ich verstehe nicht, warum Sie das sagen. Sie scheinen mir ein Relikt aus der Donaumonarchie des beginnenden 19. Jahrhunderts zu sein.

Literaturkreise spielen in Ihrem Leben keine Rolle. Man sieht Sie selten, Sie geben kaum Interviews. Was sollte Ihrer Meinung nach ein Schriftsteller sein? Muss ein Schriftsteller ein heimliches Leben führen?

Ganz und gar. Ich misstraue schwätzenden Schriftstellern. Ich klage sie sogar verschiedener politischer Desaster seit 1975 an. Manche sprechen noch bei Meetings oder in den CNN-News. Warum tun sie das? Ich glaube, sie wiederholen abgeschliffene Modelle des 17. Jahrhunderts, die aber noch quicklebendig sind.

Auf die Idee der Sünde, der Schuld, trifft man in Ihren Büchern immer wieder. In Els estats de connivència heißt es: 'Ich habe gesündigt. Gott wird mich dafür bestrafen'. Ist diese Idee der Sünde zentral in Ihrem Werk?

Wenn ich das sage, mache ich mich lustig über das Freudische Konzept des Universums, nach dem man was uns als Säugling oder Kind passiert ist, alles 'rational', wie jene sagen, erklären kann. Sie sind verrückt geworden und benehmen sich, mehr oder weniger, wie die Inquisitoren der Inquisition. Als ob alle anderen Erfahrungen keinen Einfluss auf unsere Entwicklung oder einfach auf unsere Intelligenz gehabt hätten.

In Ihrem Buch sprechen Sie von Gott und der Seele, aber auch von Technologie und Wissenschaft. Wie können Sie gedanklich beides miteinander verbinden?

Ich brauche sie nicht in Verbindung zu setzen, weil sie die gleiche Sache sind: Die Technik wird uns die Entdeckung des Gehirns ermöglichen. Zurzeit schreibe ich ein Buch, in Versform, das wahrscheinlich Els somnis, die Träume, heißen wird. Für solche Themen ist die Versform angebracht.

Seit Carrer Marsala enthalten Ihre Bücher Bezüge zum Krieg. Glauben Sie, dass wir, unter dem Deckmantel der Normalität, unser ganzes Leben lang Krieg führen? Haben die Erfahrungen Ihrer Militärzeit auf Cabrera etwas damit zu tun?

Krieg. Ich glaube, im Interview zu Cabrera habe ich viel Unsinn gesagt, ich merke jetzt, was ich mit diesem Interview ausgelöst habe.








© University of Wales, Aberystwyth 2002-2009       Home  |  @ Kontakt  |  Zurück zum Seitenanfang
site by CHL