Quim Monzó

Gespräch mit Quim Monzó
Monzó 1988
Monzó - olivetti, moulinex, chaffoteaux et maury (french)
Monzó - essence (french)1
Monzó - o'clock (english)
Monzó - der grund der dinge (german)
Monzó - die aktentasche (german)
Quim Monzó (Barcelona, 1952) ist nach Ansicht eines Verlags der katalanischen Hauptstadt 'ein Phänomen, ein wirkliches Phänomen'. Bisher hat er 600 000 Bücher in katalanischer Sprache verkauft, sechs davon wurden in sieben Sprachen übersetzt. Ein auf seinem vorletzten Roman basierender Film feiert zurzeit in Frankreich Erfolge, seine wöchentliche Zeitungskolumne wird von tausenden von Lesern verschlungen und sein neues Buch Guadalajara (Quaderns Crema, 1996) erscheint nach nur acht Monaten bereits in der siebten Auflage. Quim Monzó ist tatsächlich der wohl bekannteste und zugleich anerkannteste Schriftsteller Kataloniens. Trotz seines vollen Terminkalenders - er schreibt gerade an einem neuen Buch - war Quim Monzó so freundlich, an diesem Online-Interview teilzunehmen.

Dieses Gespräch wurde von Jim Blake geführt im Mai 1997. In The Barcelona Review hesausgegeben(1997).
Übersetzung: Gabriele Grauwinkel.

Sie schreiben meist Kurzgeschichten, oft sogar sehr, sehr kurze Geschichten und Zeitungsartikel. Worin liegt in dieser literarischen Form für Sie der Vorteil? Ist damit zu rechnen, dass Sie in naher Zukunft eine neue (literarische) Form wählen?

Ich habe bisher drei Romane und fünf Erzählbände geschrieben und wechsle die literarische Form, wenn es mir richtig erscheint. Kurzgeschichten sind eine schnelle, spannende Lektüre, von der Komprimiertheit der Gedanken her durchaus mit der Poesie verwandt. Genauso wie es Menschen gibt, die die Kurzgeschichte für 'sekundäre' Literatur halten, gibt es andere, die der Ansicht sind, ein Roman sei leicht zu schreiben, und die wirkliche Perfektion wird nur in der Kurzgeschichte sichtbar. Das ist allerdings auch nicht wahr.

Von der internationalen Kritik wurden Sie oft mit Franz Kafka verglichen: Neben einem ähnlichen Schreibstil beobachten Sie beide das Verhalten und die Neurosen Ihrer Zeitgenossen. Ein Beispiel dafür sind die beiden Geschichten La inestabilidad und El Determini (aus Der Grund der Dinge, Elfenbein Verlag). Was halten Sie von diesem Vergleich?

Für mich ist das ein Kompliment! Kafka ist einer der bedeutendsten Schriftsteller des 20. Jahrhunderts.

Sie geben zu, dass Ihre Arbeiten von Kafka beeinflusst sind. Können Sie noch andere Autoren nennen, die Einfluss auf Ihre Arbeit genommen haben?

In meiner Jugend war gerade lateinamerikanische Literatur sehr erfolgreich und Schriftsteller wie Bioy Casares, Cortázar, Cabrera Infante, García Márquez oder Juan José Arreola haben einen tiefen Eindruck bei mir hinterlassen. Wer noch? Italienische Autoren wie Giorgio Manganelli, Dino Buzzatti, Italo Calvino und Franzosen wie Raymond Queneau und Boris Vian. Aus dem nordamerikanischen Sprachraum waren das Schriftsteller wie Robert Coover oder der späte Donald Barthelme aus der Zeit zwischen Amateurs und Paradise.

Ein Teil Ihrer Arbeiten wurde als hyperrealistisch eingestuft. Können Hyperrealismus und Humor eigentlich zusammen auftreten?

Humor ohne Hyperrealismus geht, aber ein Hyperrealismus ohne Humor nicht. Ohne Humor, ich meine ohne einen subtilen, hintergründigen Humor, ist bleibende Kunst kaum vorstellbar.

Ich, als US-Amerikaner, denke bei Hyperrealismus sofort an Raymond Carver und den verbindet man eher mit Pathetik als mit Humor. Soweit ich Ihre Literatur einschätzen kann, ist sie beispielsweise eher in der Nähe von Robert Coover anzusiedeln. Ich meine eine Art von Verschmelzung von Realismus, Fiktion und Satire, zum Beispiel, wenn sich in Ihren Geschichten bekannte Legenden mit erfundenen Ideen überschneiden. Es geht mir nicht darum, Sie einer bestimmten Kunstrichtung zuzuordnen, aber könnten Sie für die, die (noch) nichts von Ihnen gelesen haben erklären, was Sie unter Hyperrealismus verstehen?

Bei Hyperrealismus denke ich zuerst an Malerei. Was Literatur angeht, denke ich an die Werke von Carver. Hat er Hyperrealismus oder Minimalismus gemacht? Auf jeden Fall hat mir der authentische Realismus ohne andere Komponenten nie etwas gesagt. Ich denke Literatur ist nicht wie das Leben, obwohl sie vom Leben inspiriert wird. In der Literatur gibt es Möglichkeiten, die das Leben nicht bietet (und umgekehrt) und ich finde es nicht interessant, die Realität einfach so wie sie ist zu beschreiben, selbst wenn man versucht, damit die Leere, ja Banalität des Alltags aufzuzeigen. Bei der Entscheidung zwischen Leben und Literatur wird immer das Leben obsiegen, man darf Literatur nie mit dem Leben verwechseln - Literatur ist nicht Leben. Sie haben Robert Coover erwähnt: den bewundere ich wirklich sehr.

Wie bewahren Sie eigentlich die innere Ruhe, wenn Sie das Chaos des menschlichen Verhaltens in Ihrer Umgebung analysieren? Fühlen Sie sich eher Teil dieses Chaos oder beobachten Sie Individuen und soziales Umfeld emotionslos und aus der Distanz im Glauben, dass sich die Gesellschaft im Prozess der Selbstauflösung befindet?

Ich glaube nicht, dass ich irgendein individuelles oder soziales Chaos analysiere. Ich schreibe einfach nur Geschichten. Ich überlege dabei nicht, ob ich distanziert oder emotional schreibe, würde ich das tun, wäre der ganze Prozess vielleicht zu mechanisch und das Schreiben würde mir keinen Spaß mehr machen.

Können Sie mir etwas zu Ihren literarischen Projekten sagen?

Das ist schwer. Selbst wenn ich gerade etwas schreibe, weiß ich nicht, um was es sich da letztendlich handeln wird, bis ich die Geschichte nicht zu Ende geschrieben habe und auch so zufrieden damit bin, dass ich sie anderen zeigen mag.

Würden Sie sagen, dass Pornografie aus Ihren Geschichten nicht wegzudenken ist?

Nein, ich bin zwar an Pornografie interessiert, aber sie ist nicht unentbehrlich.

Haben Sie nie eine rein pornografische Erzählung geschrieben?

Doch, eine Zeit lang habe ich unter einem Pseudonym ziemlich viele dieser Geschichten für eine Rock-Zeitschrift namens Musical Express geschrieben.

Es wurden 600 000 Ihrer Bücher auf Katalanisch verkauft und ihr Erzählband Der Grund der Dinge ist in Katalonien in der 22. Auflage. Der Film gleichen Namens feierte Erfolge beim Filmfestival in Montreal. Ihre Bücher wurden in mindestens neun Sprachen übersetzt darunter Finnisch und Japanisch. Sie selbst haben unter anderem Werke von Truman Capote und James Finn Garner (Contes per a Nens und Nenes Politicament Correctes) ins Katalanische übersetzt und Sie haben die gesammelten Werke von Robert Coover auf Englisch gelesen. Offensichtlich sind Sie anderen Sprachen und Kulturen offen gegenüber eingestellt. Sind Sie eigentlich mit den Übersetzungen Ihrer Bücher zufrieden?Haben Sie an den Übersetzungen mitgearbeitet?

Ich habe an den Übersetzungen in die Sprachen mitgearbeitet, die ich verstehe. Bei der spanischen Übersetzung, natürlich. Marcelo Cohen oder Javier Cercas haben immer mit mir zusammen jedes Adjektiv, jede Satzkonstruktion, einfach alles bis zum letzten Komma überarbeitet. Die französischen und italienischen Übersetzer haben sich mit Fragen oder Zweifeln an mich gewendet, was ich sehr richtig finde, denn bei einer Übersetzung treten immer Fragen auf. Bei den Übersetzungen ins Deutsche und alles was nördlich davon gesprochen wird kann ich allerdings nicht mitreden.

O´Clock (1986) ist bisher das einzige Buch von Ihnen, das ins Englische übersetzt wurde. Wenn man bedenkt, dass Ihre Bücher ja in sehr viele Sprachen übersetzt sind, ist es eigentlich unverständlich, dass Englisch hier die Ausnahme bildet.

Wahrscheinlich besteht kein Interesse.

Sie haben als Kommentator in einer Satiresendung im katalanischen Fernsehen mitgewirkt, die sich großer Beliebtheit erfreute. Was halten Sie von dieser visuellen Erfahrung?

Ich mag das Fernsehen. Ich habe ein Jahr lang wöchentlich in diesem Programm mitgewirkt und ich glaube, dass auch diese Arbeit zur journalistischen Literatur zu zählen ist, so wie die Zeitungsartikel, nur eben in einem anderen Medium.

Was für Nachforschungen führen Sie für Ihre Zeitungsartikel durch?

Nachforschungen? Meine Zeitungsartikel sind eher persönliche Kommentare, in denen ich meine Meinung bezüglich eines Themas darstelle.

Soviel ich weiß, wird der Film Der Grund der Dinge bald in Buenos Aires aufgeführt. Kann man ihn dann bald auch in den USA sehen? Es wird auch davon gesprochen, Das ganze Ausmaß der Tragödie zu verfilmen. Stimmt das?

(Zu Der Grund der Dinge) Ich weiß es nicht. Da fragen Sie besser Ventura Pons. Ich weiß nur, dass der Film in Montreal aufgeführt wurde, aber ich weiß nicht, ob er auch im englischsprachigen Teil Kanadas gezeigt wurde.
(zu Das ganze Ausmaß der Tragödie) Ich weiß, dass bereits ein Film mit dem Titel Primats fertig gedreht wurde. Er basiert auf Das ganze Ausmaß der Tragödie, ist aber weit von der ursprünglichen Erzählung entfernt, weil weder eine der Figuren noch eine der Situationen aus dem Buch im Film vorkommen. Geblieben ist nur die Sache mit der Erektion. Es geht um einen Gorilla, der eine Erektion hat, ich weiß allerdings nicht, ob es sich dabei um eine anhaltende Erektion handelt und auch nicht, was sie hervorgerufen hat.

Wird sich die katalanische Sprache durchsetzen (als dominierende Sprache in Katalonien) oder ist sie zum Sterben verurteilt?

Die katalanische Sprache liegt schon im Sterben, es wird ihr ergehen wie dem Irischen oder Okzitanischen. Manchmal denke ich, dass die jiddischen Schriftsteller wie Singer das ähnlich empfunden haben wie ich: Ich habe das Gefühl, dass mir mein Land sozusagen unter den Füßen weggezogen wird.






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