Quim Monzó

Leben und Werke des Quim Monzó
Monzó 1988 2
Dieses Artikel von Manel Ollé (Université Pompeu Fabra) wurde in 1999 von Ediuoc/ECSA herausgegeben. Übersetzung von Gabriele Grauwinkel.

Quim Monzó wurde 1952 in Barcelona geboren und war unter anderem als Grafikdesigner, Comiczeichner, Kriegsberichterstatter, Liedertexter, Drehbuchautor für Funk und Fernsehen und Übersetzer (Jude The Obscure von Thomas Hardy, Die Mars-Chroniken von Ray Bradbury, Neun Erzählungen von J.D. Salinger, usw.) tätig. Vor allem aber ist Quim Monzó ein Erzähler, der 1976 mit dem Roman L'udol del griso al caire de les clavequeres bekannt wurde, für die er den katalanischen Buchpreis Prudenci Bertrana erhielt und den er nie neu auflegen wollte. Mit der Geschichtensammlung Uf, va dir ell (1978) fand er dann den Weg, seine kraftvolle, oft bissige Belletristik auch einem breiteren Leserkreis zugänglich zu machen.

Quim Monzó hat sich der so genannten 'kleineren' Literatur verschrieben und vor allem Erzählbände und Zeitungsartikel veröffentlicht. Bei seinen Romanen hat er auf die klassischen Charakteristiken (wie die Psychologie der Romanfiguren) der traditionellen katalanischen Literatur verzichtet und nicht selten Kritik von denen dafür geerntet, die seine Romane als 'in die Länge gezogene Erzählungen' abtaten. Tatsächlich beruft er sich nicht auf Traditionen und wird er gefragt, zitiert er als literarische Vorbilder höchsten Pere Calders und Francesc Trabal. Zweifelsohne ist sein Schaffen beeinflusst von Literaten wie Robert Coover, John Barth, Donald Barthelme, Guillermo Cabrera Infante, Julio Cortázar, Adolfo Bioy Casares, Raymond Queneau und weniger literarischen Quellen (wie Videospiele, Comics von Massimo Mattioli und Zeichentrickserien von Tex Avery).

Darauf angesprochen beschreibt Quim Monzó sein literarisches Schaffen als einen improvisierten Prozess, bei dem unzählige seiner spontanen Versuche, seine Gedanken auf Papier zu bringen, im Papierkorb landen. Nur was seinen Ansprüchen genügt wird wieder und wieder überarbeitet, bis er mit dem Ergebnis zufrieden ist: 'Wenn ich mit einer Erzählung beginne, weiß ich nicht, wohin sie führt, ich lasse mich von der Geschichte mitziehen. Deshalb landet auch die Hälfte meiner Geschichten im Papierkorb, denn obwohl sie oft mit brillanten Ideen anfangen, gehen sie dann einfach nicht weiter und es werden höchstens Erzählungen aber keine Geschichten daraus. Es ist unmöglich, eine Geschichte zu schreiben, deren Ausgang man schon kennt. Dann wäre es nicht mehr spannend, man würde sie gar nicht mehr schreiben wollen (aus Eva Piquer: Quim Monzó periodista, Revue, 1998).

Quim Monzós Literatur lebt von der Spannung zwischen dem Erzählfluss und der Formgebung der Inhalte. Alles erscheint eingangs eher zufällig und die Worte fügen sich flüssig zu einem Ganzen, das dann plötzlich fast geometrische Formen annimmt. Dieser Prozess der Formalisierung wird vor allem in den Erzählungen und Zeitungsartikeln und teilweise auch in den Romanen deutlich, worin das expansive Element an Einfluss gewinnt.

In seinen Geschichten erzählt Monzó von den Ängsten, die den Käfig bilden, in dem wir gefangen sind, den Teufelskreis, dem man nicht entrinnen kann. Er arbeitet nicht mit biographischen, soziologischen oder anderen statistischen Daten, sondern verlässt sich ganz auf die Macht seiner Sprache, mit der er erfundene Geschichten erzählt und Bilder schafft, die ihn mit dem Leser verbinden. Quim Monzó schreibt nicht einfach Fiktion sondern Metafiktion, so etwas wie die Fiktion der Fiktion. Mit seiner Literatur reißt er dem Propheten die Maske herunter und entblößt den Lügner. Autor und Leser zusammen entmystifizieren die Helden mit dem Wunsch, die Dinge einfach bei ihrem Namen zu nennen. Quim Monzó erzählt nicht nur Geschichten sondern er analysiert sie gleichzeitig und stellt sie infrage, und ein fester Bestandteil seiner Prosa sind die in Klammern gesetzten Einfügungen, mit denen er den Leser mit Ironie auf den Boden der Tatsachen zurückholt. Seine Belletristik ist Belletristik, seine metafiktiven Erzählungen verzichten allerdings auf jene Elemente, die so oft von denen benutzt werden, die mit zahlreichen Zitaten eigentlich nur dem eigenen Ego frönen. Er hinterfragt und deckt auf, indem er dem Leser bekannte Geschichten und Personen verändert und deformiert und somit nicht selten das als Wahrheit empfundene ad absurdum führt. Oft enden idyllisch beginnende Geschichten für die Romanfiguren in einer persönlichen Tragödie: Ein Besuch des schiefen Turms von Pisa oder eine Dauererektion unterliegen genauso den Gesetzen Murphys wie alles in der von Quim Monzó geschaffenen Gedankenwelt. Michèle Gazier hat dazu gesagt: 'Derrière le pilotage automatique auquel nous abondonnons nos vies rôdent, selon Monzó, des fantômes crueles. (Télérama, 16-III-1994).

Für Quim Monzó ist eine fiktive Formgebung das dominierende Strukturelement, und unbeeinflusst von essayistischen Elementen sind seine aus Formen und Bildern entstehenden Handlungen immer fließend, seine Geschichten sind geprägt von der Distanz zwischen Erzähler und Erzählung, zwischen Fiktion und Fiktion. Allerdings steckt hinter den brillant erzählten Geschichten analytischer Sachverstand: eine durchstrukturierte Gedankenwelt, nicht Abklatsch verflossener Philosophien sondern eine neue Art der Wahrnehmung, die Halbwahrheiten als solche entblößt. Sein unkapriziöser, fast unschuldig wirkender Schreibstil wiegt den Leser erst in Sicherheit, um ihn dann aufzuschrecken und zum Nachdenken zu bringen.


Romane

Seine beiden Erstlingswerke L'udol del griso al caire de les claveguerres (1976) und Self Service (1977) sind eine mit Biel Mesquida zusammen verfasste Sammlung von Kurzgeschichten und sollten getrennt von seinen weiteren Büchern betrachtet werden. Sie erinnern vielmehr an Autoren der so genannten 'Generació del 70' (Oriol Pi de Cabanyes, Luís Fernández, Jordi Coca, Biel Mesquida ...) geprägt vor allem von der französischen Zeitschrift Tel quel, von Julia Kristeva, und einer Textualität, die wie so viele andere radikale Elemente im künstlerischen Bereich die spanische außerparlamentarische Politisierung der Übergangszeit von der Diktatur zur Demokratie ausmachten.

Nach einem langen Aufenthalt in New York erschien Benzina (1983), eine Novelle über die Leere und die Bedeutung der Postmoderne, eine auf genialen Einfällen basierende Kunstrichtung, die doch nur aus Lügen besteht, die man sich selbst wieder und wieder glaubhaft zu machen versucht. Benzina erzählt von einer Figur, die von einer anderen verschlungen wird. Dabei geht es um die sich kreuzenden, symmetrisch verlaufenden Lebenswege zweier geklonter Maler, die das Malen aufgegeben haben: Die Geschichte beschreibt, wie diese beiden Figuren in einem Niemandsland, das an die Stadt New York erinnert, Kreise ziehen um eine Galeristin, Freunde, Freundinnen und Geliebte (Helena, Hildegard, Hug, Hilari, Herundine), die Nachtclubs von Hopper und die Pools von Hockney. Dabei öffnet die Novelle dem Leser eine neue Sichtweise:

'In Benzina bin ich auf Elemente gestoßen, die ursprünglich deutsche, besonders vom amerikanischen Mythos faszinierte Schriftsteller und Filmautoren auszeichnet. Die von Wim Wenders in seinem Film Alice in den Städten verdeutlichte amerikanische 'Road-movie-Ästhetik' oder Peter Handkes Der kurze Brief zum langen Abschied sind dafür Beispiele. In diesem Sinn halte ich Monzós Modernität für eine neue Art, die Dinge zu sehen - eine nachdenkliche Logik des Banalen, aber eine immer interessante Betrachtungsweise. Gleichzeitig handelt es sich wie bei einem Moment der Gedankenverlorenheit um die Idee an sich, ohne eine bestimmte Finalität, einfach nur aus Lust und Laune (Antoni Munné: El País, 17-VII-1983).

In seinem dritten Roman, La magnitud de la tragèdia (1989) (Das ganze Ausmaß der Tragödie, erschienen im Elfenbein Verlag), beschreibt der Autor das Drama seines Hauptdarstellers, der nach einer Nacht voller Alkohol und Sex voller Erstaunen bemerkt, dass er sich einer anhaltenden Erektion erfreut. Dieser ursprünglich beglückende Zustand, dem er sich völlig und ohne jedes Maß hingibt, erlebt im achten Kapitel sein jähes Ende, erfährt er doch, dass diese so erwünschte Erektion nur das Symptom einer unheilbaren Krankheit ist, die ihn nur noch wenige Wochen leben lässt. Von nun ab wird aus der anfänglich freundlichen, ja erotischen Erzählung ein dunkler, Angst einflößender Thriller. Die Lust verschwindet und die Tragödie nimmt ihren Lauf. All die Lebenslust und Vitalität hinterlässt einen bitteren Nachgeschmack. Dabei dient dieses Bild der permanenten Erektion nicht nur dem Fortgang der Geschichte, sondern ist, wie der Autor in einem Gespräch zugab, weit mehr:

'Für mich ist diese Erektion so etwas wie eine Metapher, ein Sinnbild der menschlichen Kondition, der Lebenslust (Diario 16, 29-IX-1990).

Die Geschichte erzählt von zwei Personen, deren Leben parallel verläuft und von Spannungen charakterisiert ist: zum einen, der Mann mit dem immer steifen Glied, zum anderen seine libidinöse aber gehemmte Stieftochter. Es ist die Geschichte einer zum Scheitern verurteilten Beziehung, eine Satire auf Sentimentalität und Kitsch, geschrieben mit der Feder eines keineswegs masochistisch veranlagten Pessimisten.


Erzählungen

Wenn man die Entwicklung des Schriftstellers von Uf, va dir ell (1978) bis Guadalajara (1996) betrachtet, wird der Verzicht auf alle überflüssigen Elemente, was die Erzählung und auch was die Stilistik ausmacht immer deutlicher. Monzó geht es mehr um die eigentliche Erzählkonzeption, die immer wieder die persönlichen Labyrinthe seiner Figuren beschreibt, aus denen es keinen Ausweg zu geben scheint. In einem Interview sagte er:

'Ich weiß nicht, ob das kitschig klingt, aber ich glaube, das Leben ist voller Geschichten. Man braucht nur auf die Straße zu gehen und überall kann man sie finden. Um aber wirklich zum Kern der Geschichte zu gelangen, muss man alles Überflüssige weglassen, nur noch das wirklich Notwendige behalten. Mir geht es immer darum, alles Überflüssige wegzuschälen, Schale um Schale, und deshalb ist mir der formale Aspekt der Erzählung so wichtig.'

Die beiden letzten Geschichtensammlungen sind dabei von besonderer Bedeutung: El perquè de tot plegat (1993) (Der Grund der Dinge, erschienen im Elfenbein-Verlag) handelt fast ausschließlich von den unterschiedlichen Versionen des Begehrens und dem Verhältnis zwischen Mann und Frau. Dabei sind die extremen, von einer sehr harten, klaren Sprache geprägten Gedanken grundlegend pessimistisch, bis sie, nachdem alle Masken gefallen sind, einen versöhnlichen, verständnisvollen Grundton bekommen.

'Sein Zynismus, seine menschenfeindliche Ironie hat einen Nachgeschmack von Bitterkeit und das Fehlen jeden Glaubens in den Menschen an sich. Allerdings ist diese Ironie eher von Resignation als von wahrer Tragödie geprägt, viel mehr Lebensphilosophie als Hoffnungslosigkeit' (Alicia Giménez Barlett: El Mundo, 13-III-1993).

Seit seinem letzten Erzählband Guadalajara (1996) zieht der Autor seine Leser immer wieder in dieses Geflecht aus Angst und Erstaunen hinein, das er mit jeder Erzählung schafft, und zwar nicht, um Angst oder Trauer zu wecken, sondern um einen Teil des Lebens darzustellen, der doch aus Leiden besteht, und den man als Leser, aus sicherer Entfernung, betrachten kann:

'Guadalajara ist eine Geschichte voller Ausweglosigkeit. Die Menschen, die jeden Tag das Gleiche machen müssen, stecken in einer Sackgasse, aus der sie verzweifelt versuchen herauszukommen ...' (El País, 17-X-1996)).

Die Lektüre der mit Können verfassten Prosa dieses Autors bietet ohne jeden Zweifel große ästhetische Anziehungskraft, begründet auf den innerhalb geometrischer Bahnen, Kreisen und Spiralen wie der Möbius-Schleife verlaufenden Dreiecks- und Zweierbeziehungen nach Vorbild der virtuellen Welt des C.M. Escher: Sie versetzt den Leser in einen vom Autor bezweckten, nur schwer einzuschätzenden Zustand. Nach jeder Lektüre findet man sich in einem Labyrinth wieder, das einem nur allzu vertraut erscheint.

'Die Figuren in Guadalajara bewegen sich alle in tiefer persönlicher Bitterkeit. Im Nachhinein betrachtet, sehe ich sie alle gefangen in einem Labyrinth, ohne Möglichkeit des Entfliehens und bereit zur Aufgabe' (Diari de Balears, 17-X-1996).


Artikel

Die Zeitungsartikel von Quim Monzó sind Teil seines schriftstellerischen Schaffens und in sechs Sammlungen zusammengefasst. Dabei wird ein Stück Zeitgeschichte, die letzten zwei Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts, aufgearbeitet, geht es doch um ein Zeugnis, dass in subtiler Schreibweise die ganze Absurdität der Reden und Vorträge von Politikern und anderen im öffentlichen Interesse stehenden Personen aufdeckt. Der immer kritische Quim Monzó entblößt mit seiner analytischen und kraftvollen Sprache jedes noch so mächtige Tabu: Das Energiemonopol Fecsa, die Kommunikationsfirma Telefonica, den spanischen Nationalismus, den katalanischen Subnationalismus, jede Art von Fundamentalismus, sei er auch noch so fortschrittlich getarnt, das Olympiaspektakel, die Omnipotenz der Regierungen, den schlechten Journalismus, die Mythen der Zweisprachigkeit, die Meinungsmacherei seitens der Regierung und anderer Einrichtungen, und alles andere, was verspricht, Wahrheiten zu verkünden, und nur eigene Interessen vertritt, das alles wird von Monzó in seinen Artikeln angegriffen und mit scharfer Feder enttarnt. So spricht beispielsweise Oriol Malló vom 'Ombudsman Monzó, der unermüdlich kämpft gegen unhöfliche Kellner, rechtsextreme Taxifahrer, Türsteher mit Zuhältergebären, Anhänger von David Lynch, Designer mediterraner Mode und selbstmörderische Motorradfahrer' (El Temps, 14-X-1991).

Es ist Quim Monzó nur knapp gelungen, dem von ihm selbst geschaffenen Image des Kritikers des modernen Zeitgeists zu entfliehen. Anfang der neunziger Jahre hat er aufgehört, Artikel für junge, gut informierte Leser zu schreiben. Jetzt steht der journalistische Aspekt vor dem literarischen Anspruch, geht es ihm doch um die mit effizienter Sprache vorgetragene kritische Meinungsäußerung, gerichtet vor allem an dieses konkrete/abstrakte Wesen, das den sogenannten Durchschnittsbürger ausmacht. Ohne ständig daran zu erinnern, dass er eigentlich ein begabter Schriftsteller ist, schreibt Quim Monzó seine Artikel aus einer Position heraus, die ihn mit seinem Leser, dem Katalanen/Spanier Ende des 20. Jahrhunderts, gleichstellt: als Verbraucher von Konsumgütern, Benutzer öffentlicher Einrichtungen oder Besucher von Kino und Theater. Daraus ziehen seine Artikel auch ihre politische Aussage und Quim Monzó selbst sagt dazu:

'Vielleicht gehen die Menschen tatsächlich jeden Tag weniger freundlich miteinander um. Der Grundtenor der Artikel ist allerdings immer der gleiche geblieben: Es geht darum, Vorurteile als solche aufzudecken. Ich schreibe gegen den Gemeinplatz, gegen die Banalität, das nichts sagende Blabla. Für mich muss ein Artikel auch weiterhin klar strukturiert und nicht ohne Ironie geschrieben sein und immer sein Ziel im Auge behalten. Inspiration gibt es nicht, in keiner literarischen Kategorie und daher natürlich auch nicht bei Kolumnisten'(El Temps, 23-IV-1990).







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