Die Kurzgeschichte

Rettet die Kurzgeschichte - zweite Instanz
Von Robin Grossmann Aus dem Englischen von Andreas Jandl

In der 21. Ausgabe von Transcript führten wir ein Interview mit Faith Liddell, der Leiterin von Save the Short Story, einer gemeinsamen Kampage von Booktrust, Scottish Booktrust, dem Prospect magazine, NESTA und dem Small Wonder Short Story Festival. Diese Kampagne war der Auftakt für die jährliche Vergabe des National Short Story Preises und hatte sich der Rettung des Genres aus dem Teufelskreis verschrieben, in dem Buchhändler, Verleger, Leser und sogar Schriftsteller gefangen waren. Faith, die sich heute als Leiterin des Edinburgh Festivals anderen Aufgaben widmet, führte die damalige Kampagne erfolgreich zu Ende. Und wie steht es heute um diese Kunstform?

Der National Short Story Preis, mittlerweile in seinem vierten Jahr, war ursprünglich die einzige gewichtige Auszeichnung für Kurzgeschichten in Großbritannien, mit einem Preisgeld von 15.000 Pfund für den ersten Preis, 3.000 Pfund für den Zweitplatzierten und jeweils 500 Pfund für drei weitere Geschichten von der Shortlist. Aber wie sieht es damit in Kriesenzeiten aus? Der neugeschaffene The Sunday Times EFG Private Bank Short Story Award sieht im Rahmen des The Sunday Times Oxford Literary Festivals im kommenden März ein Preisgeld von 25.000 Pfund für eine einzelne Kurzgeschichte vor. Der Frank O'Connor Preis – der mit 35.000 Euro weltweit höchstdotierte Preis dieser Art – ging 2009 an den britischen Schriftsteller Simon Van Booy für seine Geschichte Love Begins in Winter (Liebe beginnt im Winter) aus dessen erstem Erzählband. Die Internetseite The Short Story bietet eine Übersicht über 60 Wettbewerbe mit unterschiedlich hoch dotierten Preisen. Doch floriert die Kurzgeschichte auch außerhalb der ihr speziell gewidmeten Wettbewerbe und Festivitäten?

Einer der jüngsten Erfolge ist die Vergabe des diesjährigen Walisischen Buchpreises für englischsprachige Literatur in Höhe von 10.000 Pfund an Deborah Kay Davies für ihre Geschichte Grace, Tamar and Laszlo the Beautiful. Dies ist zweifellos als Ansporn zu sehen, auch wenn die Sammlung einen oft angeführten Nachteil dieses Genres umgeht – das Fehlen eines zusammenhängenden Erzählstrangs – indem sie in jeder der Geschichten die beiden gleichen Figuren beibehält – von der gemeinsamen Kindheit bis hin zum Leben als erwachsene Frauen. Mit diesen kurzen Auszügen aus ihren Leben, allerdings in einer deutlichen Entwicklung durch die Zeit, gewinnt dieser Band sowohl die Erzählbreite eines Romans als auch die wohldosierte Episodenhaftigkeit aktueller Fernsehserien, deren Ansehen sich in den letzten zehn Jahren entscheidend verbessert hat. Galten Fernsehserien über lange Jahre als dem Kino keineswegs ebenbürtig, genießen sie heutzutage – auf DVD zu jeder Tag- und Nachtzeit verfügbar – ausreichend Ansehen, um im Feuilleton oder in Literaturzeitschriften besprochen zu werden. Eine ähnliche Entwicklung bei der Kurzgeschichte wäre ein sehr wünschenswertes Phänomen. Aber was halten die Leute derzeit von diesem Format?

Aus Schriftstellersicht ist sie eine wunderbare Entsprechung unsers Daseins: kurz, kümmerlich, irgenwie auch ein Ganzes, ein aufflammendes Zündholz im Dunkeln, um im Sinne von William Carlos Williams zu sprechen. Für Haruki Murakami ist, wie er im Vorwort seiner Geschichtensammlung Blinde Weide, schlafende Frau von 2007 bekennt, „das Schreiben von Romanen eine Herausforderung, das Schreiben von Kurzgeschichten eine Freude“. Aber inwiefern überträgt sich diese Freude? Das diesjährige Small Wonder Festival konnte sich vieler exzellenter Redebeiträge von Ben Okri, Michael Faber, Will Self, Owen Sheers, Beryl Bainbridge u.a. erfreuen. Natürlich schauen einige von diesen auch über den britischen Tellerrand hinaus, da es der Kurzgeschichte auf dem europäischen Festland offenbar nicht viel besser ergeht. In den Ankündigungen des Small Wonder Festivals ist von einer „Eintrittskarte zu einer Weltreise mit Schriftstellern aus Afrika, der Karibik, Pakistan, Bangladesch, Indien, Australien und Libyen“ die Rede. Auf Titelseiten und in Nachrichtensendungen wird regelmäßig das Ende der wirtschaftlichen Vorherrschaft des Abendlandes proklamiert. Die Dominanz des englischsprachigen Buchmarkts, die sich durch agressives Marketing von Bestsellertiteln und einem nur kleinen Anteil an Übersetzungen aus anderen Sprachen auszeichnet, wird so schnell nicht ins Wanken geraten, doch wird mit dem unvermeidlichem Auftreten neuer Supermächte automatisch ein größerer Wettbewerb und mehr literarischer Austausch einhergehen. Und für den Dialog zwischen zwei Ländern eignen sich einige Genres besser als andere: Gedichte eigenen sich beispielsweise, aber angesichts der Vorrangstellung der Prosa für den europäischen und wohl auch außereuropäischen Leser, scheint die Kurzgeschichte für den Austausch prädestiniert. Vielleicht ist dies nur eine Annahme, aber etwas Wahres ist daran.

Eine Erklärung beim zweiten Internationalen Short Story Festival im polnischen Breslau lenkte die Aufmerksamkeit auf die „inspirierende soziale Funktion“ der Kurzgeschichte; sollte dies ihre zukünftige Rolle sein? Beim Small Wonder Festival lasen Amit Chaudhuri, Helen Dunmore und A.L. Kennedy Kurzgeschichten, die Amnesty International in Auftrag gegeben hatte. Das Genre mag für viele als problematisch gelten, 'prosaischer' als Lyrik, aber ohne die Erzählweite oder den langen Atem des Romans. Doch sie könnte den Anforderungen der nahen Zukunft bestens angepasst sein: Eine Kurzgeschichte kann sehr viel direkter sein als ein Gedicht, ohne mit Formansprüchen in Konflikt zu kommen, und muss dafür bündiger sein als jeder Roman.

Doch selbst mit solch heroischem Anstrich, fragt man sich letztlich, wie (oder ob) das Genre an sich gerettet werden kann. Überlebenskämpfe in den Printmedien, die schwer am Internet und an der Wirtschaftskrise leiden, sind allgegenwärtig. Wir haben keinen Harpers,New Yorker oder Atlantic Monthly – doch gibt es vergleichbare Literaturzeitschriften (und andere Zeitschriften mit Kurzgeschichten), denen eine weite Verbreitung des Genres am Herzen liegt, wie etwa der Website The Short Story mit ihrem umfassenden Überblick. Auf der Short Story-Website findet man auch Beiträge von Buchhändlern und Verlegern. Matthew Perren, ein unabhängiger Buchhändler, sieht in diesem Genre einen „andauernden Liebeskummer“ und gibt zu, dass er seine Begeisterung nur über handgeschriebene Leseempfehlungen an andere weitergibt. Im Internet jedoch ist die persönliche Fürsprache Standard. Ra Page, der Herausgeber von Comma Press schwärmt von der „moralischen Freiheit“ des Genres (dank seiner Kürze). Zudem biete es den Raum zur Benennung des Skandalösen und zum öffentlichen Ergründen von Ambiguitäten in Geschichten. Auch wenn Erzählbände im Buchhandel nach wie vor schwer verkäuflich sind – vielleicht ist ihnen im Internet mehr Erfolg beschieden? Geht in die gleiche Richtung, könnte der aufmerksame Beobachter im Hinblick auf die weite Verbreitung von Twitter sagen, das zugegebenerweise eher der Mikrofiktion verwandt ist, oder den Einsatz von Mobiltelefonen zu Bildungszwecken in Indien bzw. zur Lektüre von Mangas in Japan.

In Principles of a Story, das als pdf auf der Short Story-Website zum Download verfügbar ist, warnt Raymond Carver eingehend vor der Verwendung von 'Tricks' zum Verfassen erfolgreicher Texte. Beim Werben für das Genre hingegen müssen neue Techniken ausprobiert werden – und werden es. Im Internet ist der schnelle Austausch von kurzen und im Wesentlichen unzusammenhängenden Texten normal. In der 21. Ausgabe von Transcript schließt Maike Wetzels Artikel mit John Cheevers Gedanke, dass Kurzgeschichten so lange überleben werden, „wie unser Erfahren als intensiv und episodisch erlebt wird“. In einer Zeit, in der sich die Vertriebswege für Texte differenzieren, beschleunigen und immer mehr Menschen zugänglich werden, bekommt diese Annahme zunehmend Berechtigung.







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