Kateřina Rudčenková
Der Wald
Meine Kindheit war von Geräuschen erfüllt, Geräuschen hinter den mit einer Birkenwald-Tapete überzogenen Pappendeckelwänden meines Zimmers. Ich wohnte in einem Birkenwald, nachts schaute ich an die Decke, auf der von durch die Gasse fahrenden Autos geworfene Lichtstreifen vorüberwanderten. Ich lauschte den Geräuschen und dachte mir ungeheuerliche Bedeutungen und Handlungen aus, die von ihnen begleitet wurden, lauschte den Erzählungen meiner Mutter, mit denen sie in der Zeit, als Vater bereits nicht mehr hier wohnte und bei uns häufig Abendunterhaltungen mit Arbeitskollegen stattfanden, die Gesellschaft unterhielt, die Musik spielte laut, sie tanzten, lachten und aus ihren Stimmen schloss ich auf ihre Bewegungen.
Im Traum wurde meine Mutter ernsthaft krank, und es musste ihr daher der ganze Körper abgetrennt werden, so dass nur der Kopf von ihr übrig blieb. Ich hatte diesen Kopf zu betreuen, jemand riet mir, ihm aus Werich vorzulesen, der mich unendlich langweilt.
Vater links, Mutter rechts. Die Trennung, unbegreiflich, nicht zu kitten, und zwischen ihnen in meinem Kopf zieht sich ein Weg, auf dem ich allein dastehe.
„Setzen Sie sich?“ „Wohin? An den Tisch mit den Zeitungen?“ Mutter ist schuld. Oder Vater. Wie oft ist sie in meinen Träumen gestorben. Einmal habe ich sie mit einem Bulldozer in den Boden gewalzt. Und sie überlebte. „Laß Mama grüßen!“ „Warum?“ Mutter ist schuld, nicht Vater, weil sie stärker war. Ich versuche vergeblich, in der Erinnerung eine Erklärung von ihm auszugraben, seine Worte, den Abschied, nichts dergleichen. Und so werde ich mich von da an schon für immer schämen für alles, was ich tue.
„Ihr streitet schon wieder?“ Ich stehe in der Tür, der kindliche Zeuge ihrer Streitereien, der ihrer Meinung nach nichts versteht und den folglich niemand nach etwas fragt.
Wie sie besänftigen, wie diese Stimmen versöhnen, die ich nicht auszusöhnen vermochte, ich wollte, sie würden verstummen, würden aufhören, gegeneinander zu rüsten, würden beide da sein.
Und dann entscheide dich, mit welchem Teil du daheim bleibst und mit welchem du ihm zu den anderen nachfolgst, bei denen er anwuchs wie ein Pfropfreis, nicht zu unterscheiden vom ursprünglichen Zweig, für mich hingegen völlig unpassend, unverständlich, unnatürlich.
Die Träume über Mutter destruktiv, die Träume über Vater erotisch. Wir gehen miteinander durch die Ovenecká, unsere Gasse, die in der Kindheit entweder nach links in den Park führte, oder nach rechts nach Ďáblice, zu Tante Vladka. Wir bleiben auf dem Gehsteig neben der Wäscherei stehen, einem der Orte, der mein ganzes Leben lang ohne Veränderung an seinem Platz blieb, mit dem schrecklichen dumpfen Brummen der Maschinen und dem sehnsuchtsvollen Geruch feuchter Wäsche. Er lehnte sich mit dem Rücken an ein Auto und ich, ein Knie gebeugt, presse sein Glied und reibe es so lange, bis er auf die Windschutzscheibe zwischen die Scheibenwischer ejakuliert. Unser Akt ist schockierend, Polizisten tauchen von irgendwoher auf, ich laufe ins Haus, einer von ihnen packt mich und stopft mir die Handschellen zwischen die Zähne. Und er? Wohin ist er versunken?
Vater und ich gehen durch das leere nächtliche Buštěhrad, wo er mit seiner zweiten Frau lebt, wir schweigen, die Neuigkeiten sind mitgeteilt. Er spuckt auf den Asphalt, ein fremder Mann, vergeblich suche ich in ihm den, den ich verloren habe. Öde. Ein scharfer Schnitt. Ende der großen Sicherheit, der Ausflüge in den Zoo und zum Kirtag, wo ich mir was immer wünschen durfte, wo er mir alles gekauft und alles verziehen hatte.
Als leeres Symbol der einstigen Beziehung bleibt die Zeremonie der Übergabe des Geldes, das er mir abliefert, wenn wir einander nach längerer Zeit sehen. Ich nehme es mit einem Schamgefühl, schamlos, und stecke es rasch in die Tasche, damit dieser schreckliche Beweis, die Erinnerung daran, dass das ein fremder Mann ist, dass nur mehr die ausgestreckte Hand mit dem Geld und der schuldbewusste Gesichtsausdruck von ihm übrig blieben, rasch ausgelöscht wäre und wir tun könnten, als wäre nichts gewesen. Die Dinge, über die wir uns seit damals unterhielten, sind niemals wichtig gewesen. Darüber, wie es mir in der Schule und wie ihm das Geschäft geht, allgemeine Gespräche, die sich in einem sehr gut bewachten Raum, den man unmöglich überschreiten kann, dahinwälzen.
Ich fahre aus Krems nach Prag zu meiner Sponsion. Mutter sagte, sie wünsche nicht, dass Vater beim Mittagessen nach dem Festakt dabei wäre, dass sie es nicht ertragen würde, ihn zu beobachten, wie er sich brüsten und vor den Verwandten mit fremden Federn schmücken würde. Sie hätte uns erzogen, sie hätte uns erhalten. Der Stolz auf meinen Titel gebühre also nur ihr.
Ich komme heim und sie fragt mich wieder: „Was wirst du essen? Um wie viel Uhr wirst du aufstehen, bevor du wegfährst?“
„Warum interessiert dich das?“
„Weil ich dir Schnitzel backen möchte für die Fahrt.“
„Ich will deine Schnitzel aber nicht.“
„Und kannst du mir sagen, warum?“
Und jetzt schweige ich, schweige lange, für mich unerträglich, weil zu sagen, warum ich nicht möchte, dass sie für mich Schnitzel backt, erfordern wird, dass ich alles sage, von meiner Geburt an, über die Kindheit hinweg, bis nach ihrer Scheidung und weiter bis jetzt. Ich schweige, ich habe keine Antwort aus einem einfachen Satz. Ich will keine Schnitzel, weil diese Schnitzel für mich weitere Gewalt bedeuten, eine Verlängerung der Finger, die seit jeher an den Schnüren meines Lebens ziehen.
Wie ich so schweige, tritt sie ins Zimmer, setzt sich und sagt: „Ist es wegen Ivan?“ Und ich sage: „Seinetwegen auch, aber nicht nur. Hauptsächlich deswegen, weil ich nicht mehr hier wohnen möchte.“ „Und wer zwingt dich, niemand will ja schließlich bis zu seinem Tod bei seinen Eltern wohnen.“
Dann reden wir wieder über Vater, erörtern bekannte Fakten, seine im Verlauf ihrer Ehe unentwegte und unverhohlene Untreue, nächtliche Trunkenheit, Karrierismus, Eintritt in die Partei zwecks Beförderung, Untergriffe gegenüber Mitarbeitern, die nicht zu dem Ergebnis führten, das er sich vorgestellt hatte, so dass er schlecht gelaunt zu werden begann. Nicht zuletzt dann das Faktum, dass er meinen Bruder schlug. In Erinnerung blieb mir folgendes Bild: Vater jagt mit dem Besen in der Hand meinen Bruder um den Esstisch und schreit. Mich hatte Vater verwöhnt. Wenn ich mich an meinem Bruder für etwas rächen wollte, wartete ich, bis Vater vorbeikam, spielte meinem Bruder einen Streich und er bekam Prügel. „Vielleicht bin ich später zu dir strenger gewesen, es ist ihm gegenüber schrecklich ungerecht gewesen“, sagt Mutter jetzt. Ohne ihren Eingriff „von oben“ wäre aus mir ein Monster und aus meinem Bruder ein armer Hascher geworden.
Nun. Als mein Bruder fünfzehn war, sagte er zu Mutter: „Mama, warum lässt du dich eigentlich nicht von Papa scheiden?“, Mama sagte, „na ja, tatsächlich“, tippte sich an die Stirn, dass ihr das nicht früher eingefallen war, und als Papa nach Hause kam, sagte sie zu ihm: „Ivan, mir reicht`s, würdest du, bitte, ausziehen?“ Und er darauf, „ohne weiteres“, und am nächsten Tag war er fort. Mir sagte niemand was. Ich war sieben Jahre alt. „Wo ist Papa?“ „Er ist ausgezogen.“ (Wohin, warum, bin ich daran schuld?) „Und er wird nicht mehr zurückkommen, er wird nicht mehr hier wohnen?“ „Nein.“
„Ich begreife nur nicht“, sagt jetzt Mutter, „woher diese Bosheit in dir kommt und warum du so ungerecht zu mir bist. Und außerdem begreife ich auch nicht, warum du dich mir gegenüber so negativ abgrenzt und dich nicht positiv der Welt gegenüber definierst. Ich habe doch immer mit Bewunderung verfolgt, wenn du etwas in Angriff genommen hast. Und ausziehen hättest du schon lange können.“
Am nächsten Tag ruft Papa an, was nach der Zeremonie sein wird. Ich bin lange zu keiner Antwort fähig. Ich verstehe Mutters Haltung, aber muß ich ihm das ausrichten? Sie hatte zwar gesagt, wenn seine Abwesenheit mich kränken würde, würde sie sich überwinden, aber wer hätte dann ihren beleidigten Gesichtsausdruck anschauen wollen? „Weißt du, Mama ist nicht so sehr dafür eingestellt, dass du kommst“, sage ich, und meine Stimme beginnt zu zittern. „Mir ist zwar unklar, warum“, sagt er, „aber belaste dich deswegen nicht, ich kenne die Leute ohnehin schon.“
Im Lauf des Tages kommt Mutter darauf, dass sie ihn eigentlich nicht nicht einladen kann, weil sie bereits Großmutter eingeladen hat, die das Fernbleiben ihres Sohnes wohl schwerlich begreifen könnte. So dass ich gezwungen bin, Papa noch am Abend anzurufen und ihn zu überreden, doch zu kommen.
Ich bin sieben Jahre alt. Ich betrete unser Speisezimmer, wo beide gerade beim Streiten sind. „Ihr streitet schon wieder?“, sage ich. Beide halten eine Weile ein und verstummen, sehen mich verwundert an. Dann setzen sie ihren Streit fort, als wäre ich nicht da. Es liegt also nicht in meiner Macht, dass diese Stimmen verstummen und gegeneinander zu rüsten aufhören. Ich habe auf nichts Einfluss. Ich bin für meine Eltern wahrscheinlich nicht wichtig, wenn ich es nicht schaffe, sie beisammen zu halten. Wer weiß, möglicherweise hat mein Bruder diese Macht besessen.
Wenn ich aus dem Licht der Straße in den dunklen Gang trete, beobachte ich die phosphoreszierenden Zeiger meiner Armbanduhr und ihren Sekundenzeiger, wie er in aller Stille den Lichtkreis umrundet.
Ans Haupt der festlichen Sponsionstafel platziert blickte ich weit über den gedeckten Tisch mit den vielen Gästen, gegenüber hing ein Spiegel in einem vergoldeten Rahmen, ich sah mich dort sitzen, mit kurzen Haaren und in einem langen Kleid, das Mutter aus ihrem Kleid, mit dem sie auf ihrer Sponsion gewesen war, hatte nähen lassen, die Mutter Ingenieurin, die Tochter Ingenieurin, den Titel daheim, jetzt bin ich schon beruhigt, jetzt kannst du schon in die Welt aufbrechen, ich nickte mir ironisch zu.
Wir saßen dort beide, ich und mein Spiegelbild, an der Spitze der Festtafel uns zu Ehren, schauten einander verständnisvoll und amüsiert an, beiden kam uns die Feier vollkommen unpassend vor, es gibt selbstverständlich nichts zu feiern, ich habe das Studium beendet, davon leben werde ich aber in keinem Fall, am wenigsten von allem kann ich ertragen, wenn mir zu Ehren eine Feier stattfindet, denn ich habe mich schon seit langem an das Gefühl eines Menschen am Rand gewöhnt und kann mich deshalb des Eindrucks nicht erwehren, alle Anwesenden wären Teil eines höhnischen Scherzes. Im Spiegel sah ich außer mir auch meine Eltern, Vater war mit seiner dritten Frau gekommen, während Mutter ein gerötetes Gesicht hatte, weil sie die Nacht über geweint hatte, „mein ganzes Leben lang habe ich eine Schlange an meiner Brust gewärmt“, hatte sie gestern in der Nacht gesagt, als sie mich verfluchte, „ich habe mir als Tochter eine Bestie aufgezogen“.
Im Traum sah ich, wie meine Mutter verbrannte. Sie lag auf einem grünen Hügel und fiel durch ihn hinunter. Es war grässlich. Ihr Körper krümmte sich und zerfiel, der Traum lenkte meine Aufmerksamkeit auf den Beckenbereich, aus dem ich hervorgegangen war. Das alles verbrannte, wurde zu Staub und wurde wieder eins mit der Erde. Ich blieb allein und sagte mir, ich werde arbeiten müssen und von jetzt an nie mehr Zeit haben, abends ins Theater zu gehen.



