ESSAY: Wahre Bücher, gute Bücher

Wahre Bücher, gute Bücher: Türkische Literatur in niederländischer Übersetzung
Hanneke van der Heijden. Aus dem Englischen von Andreas Jandl

Man kann ohne Übertreibung sagen, dass türkische Prosa in den Niederlanden über Jahrzehnte hinweg nicht als Literatur betrachtet wurde sondern lediglich als anthropologisches Quellenmaterial über das gesellschaftliche Leben in der Türkei. Diese Sichtweise beeinflusste zwangsläufig die Auswahl der übersetzten Bücher. Heutzutage betrachtet man türkische Prosa zunehmend aus einer literarischen Perspektive, und obgleich es sich noch immer um eine Nische handelt, scheint die Nachfrage nach Übersetzungen zu steigen. Dies bringt die Frage mit sich: Welche Bücher sollen übersetzt werden?

Auch wenn das Ereignis weitestgehend unbeachtet blieb, so wurde im Jahr 1937 mit De pias en zijn dochter (Der Clown und seine Tochter; auf Türkisch: Sinekli Bakkal) von Halide Edip Adıvar der erste Roman eines türkischen Autors für den neiderländischen Buchmarkt übersetzt. Die niederländische Ausgabe erschien bereits ein Jahr nach Erscheinen des Originals. 1938 wurde die niederländische Übersetzung eines zweiten türkischen Romans veröffentlicht: Ankara von Yakup Kadri Karaosmanoğlu, einem weiteren führenden Romancier aus dieser Zeit. Auch in diesem Fall lagen nur wenige Jahre zwischen der Veröffentlichung der türkischen und der niederländischen Ausgabe. Doch ungeachtet dessen wie vielversprechend das Erscheinen türkischer Autoren in den Niederlanden war, mussten zunächst dreißig Jahre verstreichen, bis die nächste Übersetzung aus dem Türkischen auf den Markt kam.

Ein etwas umfassenderes Interesse an der türkischer Literatur kam erst in den 1960ern auf, als türkische Arbeiter in die niederländischen Fabriken geholt wurden. Die Ankunft dieser neuen Gruppe von Einwanderern, zumeist junger Männer aus Dörfen und kleinen Städten Anatoliens, bot Anlass für die Veröffentlichung einer bestimmten Sparte türkischer Prosa. In den ersten fünfzehn Jahren bestanden die übersetzten Werke größtenteils aus sogenannter Immigrantenliteratur“ und aus Kinderbüchern. Die hohe Nachfrage nach diesen beiden Genres lässt sich durch das spezielle Interesse an den Traditionen und dem Dorfleben der türkischen Einwanderer vor ihrer Ankunft in den Niederlanden erklären. Gleichzeitig wurde es als hilfreich erachtet, Kindern und auch Erwachsenen die Herkunft der türkischen Einwanderer zu erklären, um das Verständnis zu fördern und eine Diskriminierung der sogenannten 'Gastarbeiter' zu verhindern. Neben dem durch Einwanderung hervorgerufenen Interesse zogen auch die dramatischen politischen Ereignisse in der Türkei mit all ihren Militärputschen die Aufmerksamkeit der (vornehmlich links gerichteten) Gruppen auf sich, die ein großes Interesse an sozial engagierter Literatur hatten, um sich mit Informationen aus erster Hand über die politische Lage zu versorgen. Die Veröffentlichung der Werke von Erdal Öz, Nâzım Hikmet und Duygu Asena sollte vor diesem Hintergrund betrachtet werden.

Sogesehen näherten sich die niederländischen Verleger und Leser der türkischen Literatur im allgemeinen aus einer nicht-literarischen Perspektive, wobei sie die Texte nicht als Literatur sondern als Quellen für folkloristische oder politische Informationen sahen und ihnen in einigen Fällen sogar eine soziale Funktion übertrugen. Dieser außer-literarische Ansatz lässt sich anhand der Tatsache ablesen, dass viele Titel von kleineren, nicht-literarischen Verlagen oder in spezifischen Unterreihen herausgebracht wurden. Einige von Aysel Özakıns Romanen wurden beispielsweise in einer „Anti-Rassismus-Reihe“ des Ambo Verlags veröffentlicht. Außerdem wurden die Übersetzungen oft mit zahlreichen Anmerkungen versehen, die Zusatzinformationen zu Themen wie Nahrung, Kleidung und Bräuchen lieferten, nicht aber zu literarisch relevanten Fragen. Die Bedeutung der Vor- und Nachnamen ist beispielsweise jedem, der Türkisch spricht, einleuchtend. Obwohl die Namen in einem literarischen Werk mit großer Wahrscheinlichkeit nicht willkürlich gesetzt sind, tauchen sie in diesen Anmerkungen niemals auf. Offenbar war es vornehmlich Sinn und Zweck, die nicht-literarischen Umstände des Romans zu erklären.

Die neue soziale Zusammensetzung der Niederlande, die mit der Einwanderung der türkischen Arbeiter einherging, führte zu einer Vorliebe für gesellschaftspolitisch orientierte Literatur. Dies passte gut zu der langen Tradition von 'engagierter' Literatur in der Türkei. Spätestens seit den Tanzimat-Reformen im 19. Jahrhundert gab es dort eine starke Bewegung von Autoren, die der Auffassung waren, dass Schriftstellern und Intellektuellen im allgemeinen eine besondere soziale Verantwortung zukam. Folglich passt sich das literarische Schaffen dem ideologischen Bezugsrahmen des Autors an. Diese Bewegung hatte in bestimmten Zeitabschnitten der türkischen Literatur besonders viel Einfluss, wie etwa in den 1950ern, als wachsender sozialer Unmut seine Stimme in der Literatur fand, oder in den 1970ern, als sich die Türkei inmitten erbitterter Auseinandersetzungen zwischen unterschiedlichen politischen Ideologien befand.

Obwohl viele namhafte Autoren aus dieser Bewegung hervorgingen, wäre es falsch, die türkische Literatur auf ideologisch eingebettete Texte zu reduzieren, die sich vorwiegend mit gesellschaftlichen Themen befassen. Ein weiterer Trend in der türkischen Literatur ist die Theamtisierung des Individuums oder die Behandlung der problematischen und komplexen Beziehung zwischen Individuum und Stadtleben durch moderne Autoren, die sich auf keine Bindung an einen einzelnen ideologischen Bezugsrahmen beschränken. Aufgrund des ursprünglichen Interesses der Niederlande an 'engagierter' türkischer Literatur, fanden die Werke der modernistischen Autoren über lange Zeit keine Beachtung.

Die literarische Landschaft in den 1980ern

Seit Mitte der 1980er Jahre begann sich die niederländische Hinwendung zur türkischen Literatur zu verändern. Sie wurde zunehmend aus einer literarischen Sichtweise betrachtet, und mehrere rennomierte Verlage nahmen türkische Titel in ihre Programme auf. Außerdem wurden Bücher fortan direkt aus dem Türkischen übersetzt und nicht mehr aus ihren englischen oder deutschen Fassungen, wie es bis dahin der Fall war.

Noch einmal sei gesagt, dass diese Hinwendung sowohl gesellschaftliche Gründe in den Niederlanden als auch literarische in der Türkei hatte. Die türkischen Einwanderer wurden nicht mehr als kürzlich hinzugekommen betrachtet, als Gäste auf kurze Zeit. Stattdessen wurden sie als beständiger Teil der niederländischen Gesellschaft wahrgenommen. Mit der Übersiedlung ganzer Familien aus der Türkei in die niederländischen Städte verebbte das Interesse der Einwanderer an den türkischen Verhältnissen. Währenddessen führten die politischen Entwicklungen in der Türkei zu radikalen Veränderungen in der türkischen Verlagslandschaft. Der brutale Putsch vom 12. September 1980 und seine Folgen versetzten aller Form von politischem Engagment einen schweren Schlag, gesamtgesellschaftlich wie auch in Schriftstellerkreisen. Eine beträchtliche Anzahl von Autoren kamen ins Gefängnis, während andere sich dazu bewogen fühlten, ihr Interesse vorzugsweise auf individuelle Erfahrungen zu richten, als auf politische oder gesellschaftliche Themen. Wie bereits erwähnt war Literatur, die sich mit dem Individuum auseinandersetzt in der Türkei keine Neuigkeit. Die Verschiebung des Fokus im literarischen Schaffen der Achtziger verstärkte nur diese bereits bestehende Strömung des Modernismus.

Interantionale Entwicklungen, die mit der zunehmenden Popularität des Modernismus und dem Aufkommen der Postmoderne einhergingen, verstärkten diese Veränderung im literarischen Klima der 1980er noch zusätzlich. Als die politisch engagierte Literatur an Boden verlor, trat die modernistische Literatur deutlicher hervor. Orhan Pamuk, dessen erster Roman 1982 erschien, war einer der jungen Vertreter dieser Bewegung in der Türkei und der erste, der auch international von sich reden machte. Nichtsdestoweniger war er mit den Traditionen seiner Vorgänger wie Ahmet Hamdi Tanpınar, Yusuf Atılgan, Bilge Karasu und Oğuz Atay stark verwurzelt. Während Orhan Pamuk gegenwärtig der einzige türkische Autor ist, dessen gesamtes Werk in niederländischer Übersetzung vorliegt, wurde von diesen Autoren bisher kein einziger Titel übersetzt.

Lyrik

Obwohl die türkische Literatur in den Niederlanden seit 1990 ein zunehmend literarisches“ Ansehen genießt, wird noch immer nur ein Bruchteil der türkischen Buchproduktion ins Niederländische übersetzt. Zudem ist die Auswahl der übersetzten Titel in dreierlei Hinsicht beschränkt. Die übersetzten Werke zeigen kaum Abweichungen hinsichtlich der Autorenauswahl, des Veröffentlichungsdatums des Originals oder des literarischen Genres. Die meisten übersetzten Bücher sind Romane, die von einer kleinen Gruppe junger, zeitgenössischer Autoren verfasst wurden. Die Arbeiten von bereits länger verstorbenen Schriftstellern sind in niederländischer Übersetzung kaum zu finden. Dies ist ebenso zutreffend für lyrische und dramatische Werke wie für Kurzgeschichten. Literaturzeitschriften, die eine alternative Plattform für andere Genres als den Roman darstellen könnten, finden in den Niederlanden keinen fruchtbaren Boden und nur sehr wenige von ihnen veröffentlichen Übersetzungen.

Wie wenig türkische Lyrik in Übersetzung vorliegt, ist in quantitativer Hinsicht besonders augenfällig. Allein ausgehend von dem, was aus dem Türkischen übersetzt wird, könnte ein niederländischer Leser wahrlich nicht auf die umfangreichen und regelmäßigen Lyrikveröffentlichungen in der Türkei schließen. Zudem kann der niederländische Leser die Bedeutung oder den Einfluss der Poesie innerhalb der türkischen Literatur nur schwer beurteilen. Mit ihrer langen und vielfältigen Geschichte war die Lyrik mindestens genauso prägend wie das relativ junge Genre des Romans. Eine Reihe moderner literarischer Strömungen, die das Individuum im Mittelpunkt stellen, wie der Surrealismus, Futurismus und Symbolismus, hinterließen im Roman kaum Spuren, beeinflussten aber die türkische Lyrik. Obwohl die meisten dieser Strömungen ursprünglich von der europäischen Literatur geprägt waren, gingen die Lyriker in der Türkei mit der Zeit über die bloße Imitation weit hinaus und verfassten authentische türkische Werke.

Gewiss ist die Übersetzung von Lyrik alles andere als einfach. Doch die Unterrepräsentation der Lyrik bei den niederländischen Übersetzungen türkischer Literatur kann auch mit den Vorlieben der niederländischen Leserschaft erklärt werden. Im Gegensatz zu den poesiebegeisterten Massen in der Türkei, bevorzugen niederländische Leser zumeist Romane. In dieser Hinsicht spiegelt der geringe Anteil an türkischer Lyrik die niederländische Vorliebe wieder, lieber auf vertrautem Terrain zu bleiben (zumindest hinsichtlich des Genres), anstatt offenherzig eine neue Literatur daraufhin zu untersuchen, was sie zu bieten hat, ganz egal wie verschieden sie im Vergleich zur niederländischen oder europäischen Literaturlandschaft auch sein mag.

Die Türkei als kultureller Markt

Orhan Pamuks Nobelpreis für Literatur von 2006 erhöhte zweifellos das Interesse an türkischer Literatur im allgemeinen und öffnete Schriftstellern aus der Türkei damit neue Wege. Nichtsdestoweniger schuldet die türkische Literatur ihre Beliebtheit nicht allein dem Literaturnobelpreis. Die niederländischen Verleger suchen nach neuen Landstrichen, die sie als Gegengewicht zu der überwältigenden Flut englischsprachiger Literatur entdecken können, der die Verlagsbranche ihre Türen geöffnet hat. Die türkische Literatur bietet sich dahingehend als geeigneter Kandidat. Infolge der Verhandlungen über die türkische Mitgliedschaft in der EU, Tourismus und des europäischen Erfolgs türkischer Musik und türkischer Filme von Regisseuren wie Fatih Akın und Nuri Bilge Ceylan, wurde die Türkei nicht nur für ihre einheimische Folklore, 'befremdliche' Traditionen und seltsame Speisen weitreichend bekannt sondern auch als Land mit einer sogenannten 'Hochkultur'. 2008 war die Türkei Ehrengast auf der Frankfurter Buchmesse, und 2010 wird Istanbul Kulturhauptstadt Europas sein. Ausgehend von der türkischen Migrantenkultur könnten die niederländischen Leser vermuten, dass sich Publikationen in türkischer Sprache auf Boulevardblätter und Zeitschriften beschränken. Sie würden nicht im Traum darauf kommen, dass die Türkei ein Land mit langer literarischer Tradition ist, geschweige denn einer so interessanten.

Gute Bücher

Auch wenn es sich noch immer um eine Nische handelt, stellt sich angesichts des offenkundig zunehmenden Interesses an türkischer Literatur und der Unproportionalität dessen, was bereits übersetzt wurde, die Frage, welche Bücher als nächstes zu übersetzen sind. Wie soll die Literatur einer anderen Kultur in der Übersetzung dargestellt werden? Oder sogar: Sollen Bücher in irgendeiner Weise repräsentativ für die Literatur in ihren 'Heimatländern' sein, um übersetzt zu werden? Nachdem der 'folkloristische' Standpunkt weitestgehend aufgegeben wurde, sind niederländische Verlege geneigt, diese Frage mit einem entschiedenen „nein“ zu beantworten – zumindest hinsichtlich der Verkaufsförderung von Büchern. Anders als russische Klassiker wie Krieg und Frieden und literarische Werke aus vollkommen unbekannten Kulturkreisen wie Island oder afrikanischen Ländern, wird ein Roman aus der Türkei nicht als türkischer Roman präsentiert, sondern einfach als Roman. Es ist die weit verbreitete Meinung unter Verlegern, dass nicht die Herkunft eines Autoren im Vordergrund stehen sollte, sondern allein die Qualtiät seines Schreibens. Niederländische Verlage sind nicht auf der Suche nach türkischen Bücher im Besonderen, sondern einfach nach „guten“ Büchern.

Doch was genau sind gute Bücher“? Diese Frage ist schon innerhalb der Literatur seines eigenen Kulturkreises nicht einfach zu beanworten. Was als gute Literatur gilt, hängt stark von einer Reihe nicht-textlicher, soziologischer und wirtschaftlicher Faktoren ab. Bei der Auswahl guter Bücher“ aus einem anderen Land, einer anderen Kultur, einer anderen Erzähltradition in einer anderen Sprache wird diese Frage umso komplizierter. Natürlich sind die literarisch-soziologischen Prozesse, die in einem weit entferten Land vonstatten gehen, viel weniger einsichtig. Und hinzu kommt ein weiterer Faktor: Wie vertraut oder fremd sollte ein literarischer Text aus einer anderen Kultur sein, damit er die Aufmerksamkeit des niederländischen Lesers verdient? Die Suche nach guten Büchern“ mag zwar ästhetischen Gesichtspunkten folgen, doch ist die Gunst des Lesers (und der damit verbundene wirtschaftliche Erfolg) naturgemäß ebenso bedeutsam für die Verlage.

Können „gute Bücher“ beispielsweise „wichtige Bücher“ sein – Werke, die einen großen Einfluss auf das literarische Schaffen in der Türkei hatten, obwohl sie auf den heutigen Leser in den Niederlanden möglicherweise altmodisch wirken? Wie ist es mit Büchern, deren Genre oder Stil dem niederländischen Leser nicht oder nicht mehr geläufig ist? Kann eine Possengeschichte mit oberflächlichen Figuren ein „gutes Buch“ sein und somit für eine Übersetzung infrage kommen, wenn die niederländische Leserschaft derzeit psychologisch angelegte Romane zu bevorzugen scheint? Und islamische Prosa? Oder Romane mit einem Humor, über den man in der Türkei schallend lacht, der seinen niederländischen Lesern aber nur ein schmales Lächeln abringen kann?

Es stellt sich die Frage, inwiefern man etwas in seiner Gänze mögen kann, das einem vollkommen fremd ist? Insbesondere ältere Literatur kann sowohl beim Genre als auch stilistisch ihre Eigenarten haben. Vielleicht ist das Interesse an folkloristischen oder anthropologischen Aspekten ein Anzeichen dafür, dass man versucht, etwas zu Unvertrautes zu erfassen? Vielleicht sind bekannte Anhaltspunkte in einem Text Voraussetzung dafür, ihn vollends schätzen zu können? In der Türkei wird Pamuks Erfolg im Ausland oft mit seiner angeblich westlichen Schreibweise erklärt. Man glaubt, die europäischen Leser mögen seine Romane, weil ihnen deren Stil vertraut ist. Wenn es stimmt, dass Wertschätzung einen bestimmten Grad an Vertrautheit voraussetzt, kämen für eine Übersetzung nur sehr wenige der „guten Bücher“ infrage. Und was noch schlimmer wäre: Viele der „schlechten Bücher“, die ganz unverholen westliche Moden imitieren, würden als für das Ausland interessant gehandelt werden.

Andererseits scheint zu viel Vertrautheit auch ein Hindernis für fremdsprachliche Texte zu sein. So gibt es europäische Verleger, die sich gegen die Veröffentlichung existentialistischer Texte aus der Türkei wie die Romane von Ferit Edgü entscheiden, da 'wir sie selber haben'. Autoren, die außerhalb der Türkei leben und Texte schreiben, die in einem anderen Land spielen, können es noch schwieriger haben, einen Verleger zu überzeugen als ihre Kollegen, die über die Türkei erzählen. Oder wie Pamuk es in seinem Erzählband Öteki Renkler ('Andere Farben') ausdrückt, wenn er auf die verdeckten Erwartungen des Westens hinsichtlich der Texte nicht westlicher Autoren zu sprechen kommt: [...] ihre geheime Angst ist es, dass man zu einem internationalem Schriftsteller wird, der sich auch von Traditionen außerhalb der eigenen Kultur inspirieren lässt und somit seine Authentizität verliert. Am heftigsten verspürt diese Angst der Leser, der ein Buch öffnet und in ein fernes, von der restlichen Welt abgeschnittenes Land eintauchen möchte, der sich das interne Gerangel dieses Landes anschauen möchte, wie man dem Familienstreit der Nachbarn beiwohnt. Wenn ein Schriftsteller sich an ein Publikum wendet, das auch Leser aus anderen Kulturen einbezieht, die andere Sprachen sprechen, stirbt diese schöne Vorstellung allerdings.“*

Der Einfluss der Übersetzer

Wir sollten nicht unerwähnt lassen, dass auch die Übersetzer zu einem gewissen Anteil dazu beitragen, wie vertraut oder fremd eine Übersetzung auf ihre neuen Leser wirkt. Ein deutliches Beispiel dafür, wie die Übersetzung fremder sein kann als das Original, sind die üblichen Anmerkungen zu gemeinhin bekannten Elementen der couleur locale, wie sie in den frühen Übersetzungen der 1960er, 1970er und 1980er auftauchten. Die Erklärung jedes Gerichts mit einer Fußnote bringt eine zwangsläufige Exotisierung des Texts mit sich, genau wie es die wortwörtliche Übersetzung von Flüchen, Kosenamen und Höflichkeitsformeln tun würde. Ebenso führt die Übersetzung durch naheliegende Entsprechungen in der Zielsprache zu einer großen Nähe mit der Kultur des Lesers. Die Entscheidung, welche Strategie bei der Übersetzung dieser und unauffälligerer kultureller Elemente in einem Text Anwendung findet, liegt in der Hand der Übersetzer.

Die Rolle der Literaturübersetzer aus dem Türkischen ist bei der Textauswahl selber im Regelfall marginal. Da die meisten Verleger vor der Entscheidung, ob sie ein Buch übersetzen lassen oder nicht, es selber lesen möchten, und da es in niederländischen Verlagen keine Lektoren gibt, die Türkisch sprechen, ist es für Übersetzer mühsam, die Verleger von einem „guten Buch“ zu überzeugen, das nicht bereits auf Englisch, Deutsch oder Französisch vorliegt. So betrachtet ist die Auswahl von türkischen Texten zur Übersetzung ins Niederländische doppelt eingeschränkt, da sie sich fast automatisch auf die Untermenge einer Untermenge beläuft. Die Titel, die in niederländischer Übersetzung erscheinen sind grob gesagt eine Auswahl der ins Englische, Französische oder Deutsche übersetzten türkischen Texte, die wiederum auch nur einen kleinen Anteil der türkischen Buchproduktion ausmachen. Aus Sicht der niederländischen Verlagsbranche machen die Titel von türkischen Autoren nur einen geringfügigen Anteil an den Übersetzungen eines Jahres aus. Auch wenn das Interesse an türkischer Literatur seit den 1960ern gewachsen ist, genießt sie auf dem niederländischen Buchmarkt weiterhin nur ein Nischendasein.

Neue Trends?

Die ursprüngliche Vorliebe der Niederländer für 'engagierte' Literatur infolge von Einwanderung wurde mittlerweile durch die Übersetzung (post)moderner Autoren abgelöst. Doch ist wie bereits erwähnt nur eine kleine Gruppe von Autoren bereits ins Niederländische übersetzt worden. Darüber hinaus beschränkten sich die Bemühungen von Verlegerseite bei der Verkaufsförderung fast ausschließlich auf die Übersetzungen kürzlich erschienener Titel. Ältere Werke sind auf Niederländisch kaum zu finden. Dazu kommt, dass die Gunst der niederländischen Leserschaft (und damit der Verleger) vor allem dem Roman gilt, zum Nachteil anderer Genres, insbesondere der Lyrik, aber auch der Kurzgeschichte und Sachliteratur.

Somit bleiben bestimmte literarische Werke außerhalb der Wahrnehmung der niederländischen Leserschaft. Doch selbst wenn Autoren zur Übersetzung ausgewählt werden, bestimmt die Art der Auswahl, wie der niederländische Leser diese wahrnehmen wird. Dies lässt sich gut anhand der niederländischen Übersetzungsgeschichte von zwei bedeutsamen Vertretern der türkischen Literatur veranschaulichen: Nâzım Hikmet und Orhan Pamuk.

Nâzım Hikmet gehört zu den berühmtesten türkischen Dichtern und ist der Autor eines umfangreichen und vielseitigen Œuvres aus Gedichten, Dramen, Briefen und Romanen. Zu Beginn der 1980er brachten eine Kulturstiftung, eine politische Organisation und ein kleiner Verlag jeweils eine Sammlung seiner Gedichte auf Niederländisch heraus. Das erste Buch, das erschien, trug den Titel Turkse strijdliederen ('Türkische Kampflieder'). Ein paar Jahre später folgten zwei Bände mit Märchen. Erst in den späten 1990ern kam es zur Übersetzung seiner Hauptwerke Mensenlandschappen (Memleketimden İnsan Manzaraları; Menschenlandschaften) und Het epos van sjeik Bedreddin (Şeyh Bedrettin Destanı; Das Epos von Scheich Bedreddin)– in beiden Fällen bei einem großen Verlagshaus – und des Romans De romantici (Yaşamak güzel şey be kardeşim; Die Romantiker). Bis dahin kannten viele Leser in den Niederlanden Nâzım Hikmet nur als den Verfasser von Kinderbüchern. Genauso problematisch ist aufgrund des fehlenden kulturellen Kontextes die Einschätzung der literarischen Leistungen bedeutsamer Autoren, deren Werk komplett übersetzt wird, ohne dass dies für die Autoren zutrifft, von denen sie beeinflusst wurden (wie es für Orhan Pamuk der Fall ist).

Der Erfolg von Orhan Pamuks Romanen, das wachsende Ansehen der türkischen Kultur und Literatur im allgemeinen und die Suche der Verleger nach neuen Entdeckungen führten in jüngster Zeit zu einem zunehmend 'literarisch' ausgerichteten Interesse an der türkischen Literatur. Darüber hinaus wirken die zahlreichen Übersetzungen der letzten Jahre und einige geplante Veröffentlichungen als kleines Gegengewicht gegen die derzeitige Schieflage, und vergrößern somit die Bandbreite der Übersetzungen aus dem Türkischen. Eine umfassende Anthologie türkischer Kurzgeschichten, die vor drei Jahren herauskam, sowie eine vergleichbare Sammlung türkischer Lyrik, die in Kürze im selben Verlag erscheint, sind ein erster Schritt gegen die Unausgewogenheit hinsichtlich des Genres. Der 1900 von Halid Ziya Uşaklıgil verfasste Roman Aşk-ı Memnu ('Verbotene Lieben'), der in den Niederlanden im letzten Sommer veröffentlicht wurde, sowie die geplante Veröffentlichung jeweils eines Textes von Tanpınar (1901-1962) und Oğuz Atay (1934-1977) behauptet sich gegen die Vorliebe für ausschließlich junge Autoren und erhöhen die Anzahl übersetzter Schriftsteller. Es ist zu hoffen, dass die niederländischen Verleger die Auswahl an türkischen Titeln weiterhin vergrößern, und dass diesen Büchern ein anderes Schicksal beschieden sein wird als denen von Adıvar und Karaosmanoğlu.

*Quellenangabe:

Orhan Pamuk, Other Colours. Essays and a Story, Faber and Faber, London 2007, S. 243. Aus dem Türkischen von Maureen Freely, aus dem Englischen von Andreas Jandl.







© University of Wales, Aberystwyth 2002-2009       Home  |  @ Kontakt  |  Zurück zum Seitenanfang
site by CHL