"Literatur ist das Salz des Lebens"
"Literatur ist das Salz des Lebens": ein Interview mit Hatice Meryem
Wie waren Sie als Kind?
Meine Eltern ließen sich scheiden als ich fünf war. Ich ging in fünf oder sechs verschiedene Grundschulen. Wir zogen viel um. Meine Mutter und mein Vater hatten eine wirklich sehr leidenschaftliche Beziehung. Sie waren geschieden, sahen sich aber immer noch sehr oft und das nicht wegen mir. Es gab eine ständige Spannung, weil sie einfach nicht voneinander loskamen. In diesem ganzen Trubel ging ich ziemlich verloren. Doch ich erinnere mich, dass ich damals das Beste aus diesem Verlorensein machte. Ich war ein neugieriges Kind, war an vielen Dingen interessiert. Ich erinnere mich, dass ich damals sehr viel Phantasie entwickelt habe. Im Alter von fünf bis acht war ich im Internat. Aber dann zog ich zu meiner Großmutter und entdeckte in ihr eine großartige Frau. Meine Großmutter stammte aus einer kurdischen Familie und war eine wahre Schatzkiste, voll mit wunderbaren Geschichten. Und für sie war ich immer etwas Besonderes, vielleicht, weil meine Mutter und mein Vater geschieden waren. Sie hatte siebzehn Enkelkinder doch mich hatte sie am liebsten. Auch wenn alle anderen zuhörten, sagte sie immer, dass ich ihr die Liebste war. Hatice ist besonders, würde sie sagen. Und ich mochte sie mindestens genau so wie sie mich. Sie hatte ein Buch, das ich bisher noch nicht wiedergefunden habe, mit türkischen Übersetzungen von Suren aus dem Koran. Das waren kurze Geschichten oder nacherzählte Anekdoten. Jeden Abend sollte ich ihr daraus vorlesen. Auf Türkisch. Sie selber sprach kein Wort Arabisch. Sie betete auch nicht die traditionellen Gebete, sie war Alewitin und sprach kein einziges Wort Kurdisch, sondern war durch und durch assimiliert. Sie mochte die Kurden nicht, auch wenn sie selber Kurdin war. Auf jeden Fall ist sie jemand, den ich immer stark vermissen werde. Nicht weil sie meine Großmutter war, sondern weil sie so viele Geschichten kannte, eine Person, wie ich sie immer gerne um mich hätte. […] Diese Zeit in meiner Kindheit war wunderbar. […] Es waren die Jahre, in denen ich mich frei fühlte. Auf der anderen Seite war da auch die Spannung, die meine Mutter und mein Vater machten. Sie kamen wieder zusammen als ich elf war. Ich fand das schon immer und heute sage ich es als Mutter: manchmal ist es besser, wenn Eltern getrennte Wege gehen. Als meine Eltern wieder zusammenkamen, begann für mich eine sehr dunkle und deprimierende Zeit. Von elf bis zum Ende der College-Zeit war ich in einem Schockzustand, in einer Art Koma, wie gelähmt. Sie kennen das, wenn man die Welt nur undeutlich sieht und nichts so zu sein scheint, wie es sein sollte, ein wirklich ungesunder Zustand. Wenn ich heute daran denke, schmerzt mich immer noch der Gedanke, dass aus diesem neugierigen Kind, das Spiele erfand, das eine grenzenlose Phantasie hatte und sich all die vielen Gruselgeschichten ausdenken konnte, dieses gelähmte Häufchen Elend wurde. Aber ich weiß nicht, vielleicht war diese Phase für mich auch notwendig, um das zu werden, was ich bin.
Wann genau fingen Sie mit dem Schreiben an? Haben Sie schon als Jugendliche geschrieben?
Na ja, ich schrieb schon auf dem College Gedichte. Ganz kurze, nette kleine Gedichte. Am häufigsten schrieb ich über die Natur. Aber so richtig fing ich mit dem Schreiben erst an, als ich zur Uni ging. Plötzlich bekam ich diese große Lust, regelmäßig Tagebuch zu schreiben und so musste ich Tagebuchschreiben bis mir der Arm abfiel. Ich konnte einfach nicht aufhören. Ich beschrieb alles bis ins kleinste Detail. Das war allerdings ziemlich ermüdend. Ich wollte ganz normale Tagebucheinträge schreiben, aber das bekam ich nicht hin. Und dann, in meinem letzten Jahr, fing ich an, Kurzgeschichten zu schreiben, erzählte es aber niemandem und schickte sie auch nicht an irgendwelche Literaturzeitschriften oder so etwas. Um die Wahrheit zu sagen, ich wusste nicht einmal, dass so eine Welt existierte. Doch als ich mit dem Schreiben angefangen hatte, verspürte ich diese große Erleichterung. Zum allerersten Mal. Dann machte ich meinen Abschluss und fing an, in einer Bank zu arbeiten. Ich lebte ein Leben, so wie ich es mir nie gewünscht hatte. Und dann traf ich Metin. Er ist Karrikaturist und Schriftsteller, ein Humorist, wie Sie wahrscheinlich wissen. Ich gab ihm meine frühen Geschichten zu lesen und bat ihn, sie sich anzuschauen, damit wir darüber sprechen konnten. Hiernach schickte ich diese Geschichten zu einem Wettbewerb der Literaturzeitschrift Varlık – und erhielt eine Ehrenauszeichnung. Nachdem ich diese Auszeihnung hatte, begann für mich ein Genesungssprozess. So würde ich das nennen. Dann kündigte ich meinen Job bei der Bank und ging nach Großbritannien.
Genau dazu wollten wir Sie als nächstes befragen. Erzählen Sie, was Sie dort für Erfahrungen gemacht haben.
Ich ging als Aupair dorthin. Eigentlich hatte ich vor, ein paar Monate dort zu bleiben und von dort weiter nach Frankreich zu gehen, und dann nach Malaysia und von dort dann nach Neuseeland. Ich wollte die Welt erkunden. Ich arbeitete bei mehreren Leuten als Putzfrau und war unglaublich glücklich. Ich wachte morgens um sieben auf, putzte dann bis zwölf. Dann duschte ich und ging, … ich wohnte etwas außerhalb, nördlich von London, wo es diese riesigen Parks gab, so weit das Auge reicht, also schnappte ich mir ein Buch, beispielsweise einen der Romane aus Lawrence Durrells Alexandria-Quartett, ließ mich einfach treiben und verlor mich in den Liebesgeschichten von Justine oder Clea. Das war wunderbar. Ich las viel und arbeitete viel. Als ich die Türkei verließ, hatte ich beschlossen, Schriftstellerin zu werden. Nun kam es mir so vor, als sei es zu spät, als sei ich zu alt. Dabei war ich damals, wenn ich mich recht erinnere, erst dreiundzwanzig. Aber ich hatte das Gefühl, für alles sei es zu spät, und fühlte mich unfähig und schlecht ausgestattet. Ich blieb dort sechs Monate. Ich kann ganz ehrlich sagen, dass es die produktivste Zeit meines Lebens war. Der Unterschied zwischen geistiger und körperlicher Arbeit faszinierte mich. Körperliche Arbeit ist wirklich etwas Erstaunliches. Wenn man körperlich erschöpft ist und dann duscht, und dann mit den müden aber neugierigen Augen wieder auf die Welt schaut und zu seinen mehr oder weniger ruhigen Gedanken zurückkehrt, und dann anfängt die Dinge nochmal neu zu sehen und zu analysieren … das setzte bei mir extrem viel Kreativität frei. Ich kam zurück mit einem ganzen Berg an Entwürfen für Kurzgeschichten. Und körperlich ging es mir wieder gut. Der Prozess, Schriftstellerin zu werden, war für mich ein Genesungsprozess. Vor der Entscheidung zu schreiben, war ich gesundheitlich in keinem guten Zustand. Nachdem ich mit dem Schreiben angefangen hatte, merkte ich, wie es mir besser ging. Ich fühle mich immer noch nicht vollkommen gesund, aber … Ich habe es geschafft, dieses ganze Chaos loszuwerden und fühle mich sehr viel besser.
Erzählen Sie uns von Siftah, Ihrem ersten Buch.
In Siftah gibt es mehrere tiefe Gruben und Steine, die zu mir gehören, und manchmal kommt es mir so vor, als greife ich mit der Hand in dieses Buch und hole einige der Steine wieder heraus. İnsan Kısım Kısım Yer Damar Damar ist etwas, das ich daraus geschöpft habe. Auch Sinek Kadar Kocam Olsun habe ich dort herausgeholt. Ich glaube, es wird immer eine Quelle für mich bleiben. Die Geschichten in Siftah sind ein bisschen amateurhaft, nicht sehr gut geschrieben, die Sprache ist vielleicht etwas nachlässig. Aber es inspiriert mich nach wie vor und es gibt noch einiges herauszufischen, um darüber zu schreiben. Diese Geschichten haben untereinander alle keinen Bezug und aus heutiger Sicht merke ich, dass jede in einem anderen Rausch geschrieben wurde. Wenn ich sie mir jetzt betrachte, sehe ich darin nicht verschiedene Geschichten sondern verschiedene Geisteszustände, die alle zu mir gehören, die alle in mir wohnen und in mir verwurzelt sind. Das Letzte was aus ihnen hervorging war übrigens Kozluk, und noch andere Dinge werden aus ihnen entstehen. Ich arbeitet gerade an mehreren Sachen.
Und 2002 erschien dann Sinek Kadar Kocam Olsun Başımda Bulunsun.
Genau. Zunächst schrieb ich nur eine Geschichte in kurzen Absätzen über die Erfahrungen verschiedener Frauen. Sie fangen an mit: Wenn ich die Frau eines Imams wäre... Wenn ich die Frau eines Fleischers wäre … und so weiter. Sie erschien in der Literaturzeitschrift Varlık. Nach dem Erscheinen bekam ich einen Anruf vom Herausgeber Enver Ercan, der sagte „Meryem, einige Leute haben mich wegen dieser Geschichte angerufen, anerkannte Autoren und auch andere Leser, die die Geschichte sehr mochten.“ Ich hatte sowieso noch mehr zu schreiben und so beschloss ich, aus der Kurzgeschichte ein Buch zu machen. Insgesamt schrieb ich dreißig Texte, die dann 2002 unter dem Titel Sinek Kadar Kocam Olsun Başımda Bulunsun im Verlag İletişim veröffentlicht wurden. Und es passierte etwas, das ich nie hätte ahnen können. Das Buch verkaufte sich sehr gut. In der ersten Woche gab es gleich drei neue Auflagen, im ersten Monat fünf weitere und so ging es das ganze Jahr hindurch. Und ich glaube, solange der Verlag etwas dafür tut, wird es sich weiter gut verkaufen. Aber darauf kommt es nicht wirklich an, auf die Verkaufszahlen, meine ich. Die Frauen, über die ich in dem Buch schreibe, sind alles ganz normale Menschen. Das größte Lob, das ich für dieses Buch bekam, war etwas, das mir ein befreundeter Buchhändler aus der Arkadaş Buchhandlung in İstiklal erzählte. Er sagte „Meryem, du solltest die Frauen sehen, die dein Buch kaufen kommen, ihre Hände sind ganz rauh, so als wären sie gerade mit dem Abwasch fertig und als wären sie aus dem Haus gestürmt, um dein Buch zu kaufen.“ Ich war so froh. Das war so ein schönes Lob. Jeder Autor würde sich das wünschen. Es geht eben nicht nur um die Verkaufszahlen, es geht um Qualität, ich meine, darum wer deine Bücher wirklich liest.
Gibt es in der Türkei Autoren, von denen Sie glauben, dass sie mehr Beachtung verdient hätten?
Es gibt Autoren, die ich sehr gerne in der ersten Reihe sehen würde. Meistens heißt es, sie seien nicht literarisch genug. Entweder weil sie als zu marginal gelten oder als zu seicht. Deswegen glaubt man, schuldet man ihnen keine Respekt. Ich finde, dass es in Europa und Amerika eine größere Bandbreite in der Literatur gibt. Auf der einen Seite gibt es die gewichtigen, ernsten literarischen Texte und auf der anderen Bücher, in denen marginale Stoffe erzählt werden. Wir lesen beides gerne. Wir mögen Bukowski und auch jeden anderen wichtigen Autor aus Amerika. Wir akzeptieren alles, wenn es aus dem Ausland kommt, aber bei den eigenen Schriftstellern gelten andere Maßstäbe. Wenn wir in der Türkei von Literatur sprechen, dann beginnt das bei Tanpınar und endet mit Orhan Pamuk, und vielleicht kommen Latife Tekin und Yaşar Kemal auch kurz vor. Das ist Literatur. Nein, ist es nicht. Es gibt so unterschiedliche Lebensgeschichten. Vielleicht ist der einzige Autor, der gezeigt hat, wie verschieden und bunt das Leben hier in der Türkei sein kann, Metin Kaçan mit seinem Roman Cholera Blues, und ich bin sicher Sie erinnern sich an die große Wirkung, die dieser Text hatte. Es gibt heute Menschen, die ein vollkommen anderes Leben leben. Besonders im Stadtbezirk Beyoğlu gibt es eine sehr vielfältige und aktive Subkultur. Und ich möchte, dass sie bekannter wird. Der schizophrene Autor Sibel Torunoğlu gehört beispielsweise dazu. Und Mehmet Kartal, der Mann ist ein Mörder, ein echter Mörder. William Burroughs loben wir in den Himmel, aber wenn unsere eigenen Autoren so etwas tun, sehen wir das anders.
Wie sehen Sie zur Zeit die Beziehung zwischen Literatur und Gesellschaft in der Türkei?
Literatur spielte für uns in der Vergangenheit eine wichtige Rolle, in der Zeit, in der ich Kind war. Dann wuchs ich auf, wurde fünfundzwanzig, dreißig Jahre alt und entdeckte eine Welt, in der die Literatur ihren Platz außerhalb des wirklichen Lebens hatte. Als sei sie eine Art abgetrennter Bereich. Der Fleischerbereich, der Bankbereich, der Textilbereich und schließlich der Literaturbereich. So etwas gibt es nicht. Literatur ist kein abgetrennter Bereich sondern etwas, das alle Lebensbereiche umfasst. Sie ist das Salz des Lebens. Und auch wenn das nicht mehr so ist, gehöre ich zu denen, die glauben, dass es wieder so sein kann.



