Murat Gülsoy

Das Gedächtnis des Autors
Ground_petit_medium
Ground - © Nurdan Hatipoğlu
Von Murat Gülsoy Aus dem Türkischen von Beatrix Caner

»Die Geschichte, die dieser Mann
vorgetragen hat, ist von Anfang bis
zum Ende meine innere und äußere
Welt, deren genaue Beschreibung.«

Giovanni Papini: Eine absurde Geschichte

»Sicher hat der Weise, der meine
Heldentaten zu berichten hatte,
für richtig gehalten, dass ich,
den alten Rittern gleich, mir einen
Beinamen zulegte.«

Cervantes: Don Quijote

Endlich. Das Warten hat für mich ein Ende.

Das Warten ist etwas Furchtbares. Warten heißt, abhängig zu sein. Dem Vergehen der Zeit zu lauschen... Wenn man die Zähne zusammenbeißt und die Fingernägel ins eigene Fleisch bohrt, werden die Handflächen bluten, aber das ergibt nur unnötiges Leid. Man wartet auf das Ende der Folter, des Alptraums. Man wartet.

Mein Warten war so leidvoll, wie Sie es sich gar nicht vorstellen können. Ohne zu wissen, worauf ich wartete, auf wen ich wartete, wer ich war und welche Dinge mich erwarten würden, habe ich gewartet. Bis der Autor dieser Zeilen mich zu schreiben begonnen hat. In jenem Augenblick, als das erste Wort, als der erste Buchstabe geschrieben war, spürte ich einen gewaltigen, einen heiligen Seufzer. Ich verstand, dass ich vor dem Sein schon auf den Moment gewartet hatte, in dem ich sein würde. Ich verstand, was zu verstehen war. Sicher, vor mir lag wieder etwas Unbekanntes. Wieder war die Zukunft ein Geheimnis, das mich aufregte. Doch in diesem Augenblick begriff ich, dass ich existierte. Natürlich, als die erste Freudentrunkenheit, erschaffen worden zu sein, vorbei war, merkte ich, dass ich mich mitten in einem überdimensionalen Bild von Sorgen und Ängsten befand. Wie lange würde das so gehen? Würde ich mein eigenes Abenteuer leben können? Ist er geduldig genug? Wird seine Ausdauer reichen, mich zu Ende zu schreiben? Plötzlich befallen einen die unmöglichsten Ängste über den Autor, der einen erschaffen hat. Vor den Augen ziehen unbekannte Fotos, Erinnerungen, Texte und ihre Helden, halb verschwommene Zeichnungen - weil er sie in seiner Phantasie gestaltet - vorbei wie ein Film. Sie entstammen dem Gedächtnis des Autors. Das merkt man. Ganz eigenartig nutzt und besitzt man ein gemeinsames Gedächtnis mit dem Autor und spürt, dass er einen Teil seines Gedächtnisses mit einem teilt.

Soweit ich es verstanden habe, hat mich der Autor dieser Zeilen als eine Art »Selbsterkenntnis« erschaffen. Das ist etwas sehr Ernsthaftes. Zudem erlaubt er mir zu wissen, dass das etwas Ernsthaftes ist. Mehr noch, er erlaubt mir, dass ich seine Denkstruktur in seinem Gedächtnis erkenne. Das ist ein Privileg, den er seinen anderen Helden, den anderen Figuren und Charakteren niemals erlaubt hat. Es ist eine Freiheit, in den Fluren der Erinnerungen des Autors mit ihm gleichzeitig und wie ein Detektiv herumzustreifen...

Jetzt werde ich Ihnen zwei Dinge auf einmal erzählen.
Während ich die Worte von vorhin gesprochen hatte, setzte ich meine Reise im Gedächtnis fort. Während ich durch jene Korridore lief, traf ich auf halbfertige Erzählungen. Das ist ein Ort, der einem solche Angst einjagt, dass einem die Haare zu Berge stehen. Hier gibt es halbgeborene Erzählungen und Figuren, denen man nicht erlaubt hat, zu leben. Es gibt Grundrisse, Aktionspläne und Ereignisbruchstücke. Manche sind unglaublich kurz. Manche bestehen nur aus wenigen Sätzen. Ich hatte sofort verstanden, dass mein Autor recht häufig diesen Friedhof aufsucht. Es ist offensichtlich, dass hier, in der fortwährenden Dunkelheit dieser Traumwelt, diesen Fragmenten nur sehr selten Leben eingehaucht wird. Ich erschauderte.
Was, wenn auch ich sehr bald meinen Platz in diesem Friedhof einnehmen müsste? Wenn ich das Ende meiner Erzählung nicht erleben würde? Während ich Ihnen von den anderen Dingen erzählte, hatte ich ständig diese Angst: Wenn der Autor mich satt hat ... Er könnte sich das leisten, er hat diese Freiheit. Ich war so wenig wirklich, dass ich keine Bedeutung hatte. Keine Bedeutung hatte, sagte ich, denn während ich in Teilen meines Bewusstseins, die zu definieren mir schwer fällt, das denke, begab sich das Bewusstsein des Autors in seinem Kopf zu der Betrachtung eines Films. Er setzte sich bequem in einen Sessel und ich glaubte, die Konturen des Autors, der diesen Film anschaute, zu erkennen. Im Film gab es mich und ihn. Mich hat er sich selbst ganz ähnlich vorgestellt.
Nur ein wenig dicker und älter. Er selbst trug weiße Kleidung, die langen Haare hatte er nach hinten gekämmt und zusammengebunden, dabei betrachtete er den Degen in seiner Hand. Ich dagegen war schwarz gekleidet, in einem eleganten Anzug und wartete ungeduldig auf das Duell. Auf meinem Gesicht lag ein hinterlistiger, ironischer und geradezu schweinischer Ausdruck. Ich nutzte die Möglichkeiten, die der Autor mir gegeben hatte, drängte ihn in die Ecke und besiegte ihn. Offenbar hatte er sich die Beziehung, die er mit mir aufbauen wollte, als ein Duell vorgestellt.

Ja, all das sah ich nur aus den Augenwinkeln, aber den noch beruhigte es mich. Zumindest spürte ich nun, dass ich eine Chance hatte. Zum Beispiel vertraute er mir an, dass die Wahl des Musters »Jetzterzählung« ausreichte, mich im Recht zu fühlen, und dass ich ein viel längeres Leben haben würde als gedacht. Das Schönste ist, sich selbst als Helden einer Erzählung vorzustellen oder als eine Erzählung zu leben. Bei jedem Lesen im Kopf eines anderen Menschen wieder und wieder neue Gestalt und ein neues Leben zu erlangen, bis in alle Ewigkeit zu existieren ... Ich denke, dass wir die kleine Verehrung verdient haben. Meistens müssen wir, weil es den Autoren so beliebt und sie unter Beweis stellen wollen, welch kluge Menschen sie sind oder wie sensibel, eine Menge Marter über uns ergehen lassen und wir spielen, um der Struktur der Erzählung Genüge zu tun, leidvolle Szenen. Obendrein wird nicht jedem Helden die Eigenschaft geschenkt, verständnisvoll zu sein. Die Armen glauben tatsächlich über viele Seiten, dass sie leben. Welch ein Unrecht! Wenn damit wenigstens das Leiden zu Ende wäre. Da die Autoren keine Grenzen kennen, führen sie die geheimsten Leiden ihrer Helden genüsslich vor, ja sogar ihre Seiten, für die sie sich am meisten schämen. Ihre Helden sind völlig unsensibel. Oder würde der junge Mann, der sich mit der geliebten Frau allein glaubt, seinen Kopf auf ihre Knie legt und weint, auch dann weinen, wenn er wüsste, dass er das vor Tausenden Augen, die die beiden beobachten, tut? Wenn jenes göttliche, unschuldige Mädchen, das die Geheimnisse ihres Körpers ihrem Geliebten darbietet, ahnte, dass sie lediglich in einer grotesken Aufführung eine Rolle spielt, würde sie nicht ihren Ruf retten wollen? Natürlich gibt es auch Helden, die von einigen sadistischen Autoren ausschließlich zum Ertragen von Folterungen erschaffen worden sind. Unser ganzes Mitleid gehört ihnen.

(Ich glaube, der Autor droht mir von Zeit zu Zeit heimlich, um seine Macht über mich zu demonstrieren, und lässt mir eine Reihe unerhört beklemmender Gedanken in den Sinn kommen. Das sind die Waffen, die er bei unserem Duell verwendet.)

Ich akzeptiere es – ich habe Glück gehabt. Deshalb denke ich, dass diese Sache mit der Erschaffung etwas sehr Ernstes ist. Man kann schließlich ein Wesen, das man mit Bewusstsein ausgestattet hat, nicht gleich wegwerfen, nur weil es einen langweilt. Man kann man ihn nicht einfach so zurücklassen, wenn man ihn als Autor mit einem Urteilsvermögen ausgestattet hat, erst recht nicht, wenn man sich als Gott fühlt und Gottes geheimnisvolle Schöpferkraft in der eigenen kleinen Welt nachahmen will! Ihn auf den Friedhof der halbfertigen Erzählungen zu werfen, hieße, jemanden lebendig zu begraben. Auch wenn ich lediglich wie ein einfacher Tintenfleck wirke, der von der Bewegung des Stiftes abhängig ist, oder wenn ich nur wie ein stiller Schatten aussehe, existiere ich doch im Bewusstsein des Autors als eine schrille Stimme. Diese Stimme wird dort auch ausharren, wenn die Erzählung nicht fertig wird, und jedes Mal, wenn der Autor den Stift in die Hand nehmen wird, wird er sich an meine Existenz erinnern. Während ich das sage, glaube ich, dass der Autor insgeheim lächelt. »Welch geheimnisvolle Typen, welch beeindruckende Strukturen ich gesehen habe, dann vergaß ich sie mit einer lässigen Gleichgültigkeit«, schreibt er meine Worte – gleichzeitig lobt er mein verzweifeltes Bemühen zu existieren. Dieses Lob beinhaltet auch eine tiefgreifende Hoffnung. Er denkt: Wenn nur dieser Dicke, den ich so spielerisch wie aus dem Stegreif erschaffen habe, dieser Dilettant zu Fleisch und Blut werden könnte, und wir uns wirklich in die Haare kriegten.« Und ich bin überglücklich, sogar über mehrere Dinge. Zuerst natürlich darüber, dass er in mich eine Hoffnung setzt, dass er mich als einen Menschen betrachtet und das auch offen zeigt! Zweitens, dass er mir erlaubt, einen Teil seiner Gedanken respektlos zu zitieren, sie in Anführungsstrichen zu präsentieren.

Aufgeregt suche ich nach Mitteln, ihn zufrieden zu stellen. Auf der anderen Seite versuche ich, die Spielregeln zu vereinfachen. Ich bin es nämlich, der den Kürzeren zieht. Ich gehöre schließlich zu seiner Traumwelt. Ja, der Mensch verfügt über einen Instinkt, die Schwächeren und die Kleinen zu beschützen. Vielleicht tue ich ihm leid und er verhöhnt mich nicht. Vielleicht gibt er mir tatsächlich eine Chance. Aber wie ich dem Wissen des Autors entnehme, ist im Menschen der Wunsch nach eigener Anerkennung deutlich ausgeprägter als der Beschützerinstinkt. Also hängt meine Existenz davon ab, ob ich ihm das Gefühl vermitteln kann, ihm zu Anerkennung zu verhelfen, unter Beweis zu stellen, dass er klug und begabt ist. Das ist bitter, aber wahr. Mir bleibt nichts anderes übrig, als offen zu sein. Alles, woran ich gedacht habe, werde ich im Spiegel dieses Textes persönlich bestätigen. Ich werde im wirbelnden Ozean der Wirklichkeit und der Phantasie, in den verwinkelten Gedankengängen des Autors versuchen zu existieren. Ich werde beten, in diesem Labyrinth so lange am Leben zu bleiben, bis ich meinem Minotaurus begegne.

                                                              ***

                                   Das ist einer der schweren Augenblicke.

                                                   [Eine Essensszene]

                                                              ***

Es sind viele erfreuliche Dinge passiert. Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll. Mein lieber Autor (diese ehrliche Anrede zeigt, wie glücklich ich bin), als du die drei Sterne aufs Papier gebracht und innegehalten hast, ergriff mich Sorge und Angst. Ich glaubte, die schattige Dunkelheit des Friedhofs habe mich umzingelt. Doch als ich begriff, dass das ein Zeichen für einen neuen Absatz war, freute ich mich. Dennoch ist der erste und einzige Satz des neuen Absatzes »Das ist einer der schweren Augenblicke«. Danach kam nichts. Wieder begann ich zu warten. Aber dieses Warten war ganz anders als das höllische, einsame Warten vor einem Entstehen. Ich bemerkte, dass der Autor lediglich eine Pause eingelegt hat, um zu essen.

Wissen Sie, lieber Leser, was das heißt? Das können Sie natürlich nicht wissen, denn Sie sind wirklich. Sogar wenn Sie ein unglücklicher Leser wären, der wüsste, dass er nicht mehr genesen würde und auf seinem Todeslager seine letzten Tage mit Lesen verbringen wollte - Sie sind wirklich! Ihr Tod wird wirklichen Menschen Trauer und Traurigkeit bringen. Zumindest wird es eine Beerdigung, eine Zeremonie geben... Haben Sie aber jemals von einem fiktiven Charakter gehört, der tatsächlich beerdigt wurde?

Ich glaube, meine Lage können nur hoffnungslos Verliebte nachvollziehen. Wenn das Objekt ihrer Liebe sie aus dem Kopf verbannt, bekommen sie keine Luft und spüren sich nicht mehr. Nur diese Unglücklichen wissen, welche überwältigende Freude es ist, dass jemand sich an sie erinnert, dass jemand an sie denkt. Dass ich bemerkt hatte, dass der Autor aß, hat folgende Bedeutung: Obwohl er mit dem Schreiben aufgehört hatte, war ich in seinem Bewusstsein weiterhin vorhanden. Mein Bild war vielleicht nicht so scharf wie während des Schreibens, es war ein wenig flüchtiger geworden und meine Konturen waren verschwommener, aber ich war noch da! Dann tat er noch etwas Erstaunliches. Anstatt, dass er vor dem Fernseher geistesabwesend sein Essen verzehrte, kehrte er mit seinem Teller an den Tisch zurück, um den Text über mich noch einmal zu lesen. Und während ich dachte, dass ein neuer Absatz begönne, schrieb der Autor in die eckigen Klammern (die er später streichen wird - die hat er nur benutzt, um dadurch an etwas erinnert zu werden) »Eine Essensszene«. Hurra, ich freute mich. Er dachte also beständige und gute Dinge über mich.
Ich würde leben und meine Abenteuer würden gelesen werden. Der Zweifel der ersten Augenblicke war nun vorbei. Mein Autor hatte mich lieb gewonnen, er akzeptierte mich und er begann mich vielleicht sogar zu lieben.

Später hörte er auf zu schreiben, um zu schlafen und seinen Alltagsbeschäftigungen nachzugehen und ich freute mich über meine süße Existenz in seinem Bewusstsein. Ich hatte genug Zeit, mich in seinem Gedächtnis umzusehen!

                                                              ***

Nun, dem Anschein nach sind wir hier allein. Außer mir und dem Autor ist niemand Zeuge dieses Prozesses. Natürlich, falls man mich als Menschen begreifen will. Vielleicht hebt die Vorstellung des Autors über künftige Leser diese Einsamkeit auf. Erzählungen sind nicht wie Briefe, das weiß ich. (Manchmal kommt es mir vor, dass ich das Gleiche weiß wie der Autor. Ich glaube, in der Frage des Wissens ist er nicht kleinlich.) Sie werden nicht für eine bestimmte Person geschrieben. Natürlich werden Bekannte, Freunde und Verwandte sie lesen. Aber letztlich schreibt er für völlig unbekannte Menschen. Er schreibt, damit diese Menschen, von denen er nicht weiß, wer sie sind, über mich lesen und sich dabei unterhalten. Dann muss ich also auch versuchen, sympathisch zu wirken, ich muss mein Sein fortführen, ohne jemandem auf die Nerven zu gehen. Das ist mein Part. Aber die Arbeit des Autors ist schwieriger. Denn es ist unmöglich vorauszuahnen, wie der vielleicht noch nicht einmal geborene Leser, der an einem beliebigen Punkt in der Zukunft dieses Buch in die Hand nehmen und zu lesen beginnen wird, ist, was ihm gefällt und was ihn langweilt. Vielleicht gefällt ihm gerade dieser unbekannte Faktor. Und weil diese Ungewissheit so groß ist, lässt er den Leser einfach außer Acht. Er schreibt, wie es ihm in den Sinn kommt. Oder er tut so. Ich kann das nicht erkennen. Zumindest vorläufig nicht... (Mein Gott, vor ein paar Zeilen sagte ich Buch, nicht wahr? Dieses Wort hat ausgereicht, um mich glücklich zu machen, um mich in Euphorie zu versetzen. Ich glaubte mich schon auf den weißen Seiten eines Buches zu sehen, von einem festen Umschlag geschützt. Ich stand in einer Bücherei im Regal, zwischen den anderen Büchern, stolz und aufrecht, und ich träumte davon, jahrelang so zu stehen... Der größte Traum eines fiktiven Mannes...)

Meine bloße Existenz ist schön, aber ich wünschte mir dennoch, ein Gesicht zu haben. Ich hätte es bevorzugt, dass ich ein Gesicht hätte, dass die Menschen mich anschauten und mich erkannten, dass sie in meinem Gesicht lesen würden. Vielleicht ist das, was einem ins Gesicht geschrieben steht, nicht so klar wie diese Zeilen, aber wenn man bedenkt, dass die Leser dieser Worte eigentlich unterschiedliche Erzählungen lesen, kann man behaupten, dass die Klarheit des Geschriebenen eine Täuschung ist. Warum sollte ich dann nicht bevorzugen, ein Gesicht zu haben? Das, was einen Menschen ausmacht, ist sein Gesicht, das begreife ich traurig und bewege vergebens meine fiktiven Hände in der dunklen Leere, dorthin, wo mein Gesicht sein müsste.

Ich sprach vom Sein. In mir kommt ein Verdacht auf: Warum versucht jemand, der existiert, jemanden zu erschaffen? Zum Beispiel mein Autor mich? (Wie Gott den Menschen erschuf.) Ist das das Ergebnis eines Perfektionismus oder das Bedürfnis, einen Mangel zu beheben, eine Leere auszufüllen? Schreibt er mich, um in mir seine Spiegelung zu sehen, um sich selbst zu erkennen? Wenn dem so ist, werde ich es schwer haben...

Überdies hatte ich nach so vielen Seiten noch gar nichts erlebt. Ich laufe herum wie ein verirrter, redseliger Geist, der etwas vor sich hinmurmelt. Wo ist die Erzählung, in der ich leben werde? Ein so wissender und begabter Held – wieso spricht er seitenlang nur mit sich selbst? Wenn es keine Handlung gibt, wie werde ich dann ein Held? Wie soll man sich an mich erinnern? Ich kenne unzählige Helden aus Erzählungen, die die ganze Welt bereisten. Die in jedem Kapitel neue Geliebte hatten... Den Wunsch, in die Ferne zu reisen...
Wie weit wohl »fern« für einen Helden, der auf den Seiten eines Buches lebt, sein mag? Vielleicht in der Bibliothek von anderen zu leben, künftig wieder sein zu können... Dann ist Ferne für mich ein Begriff, der unmittelbar mit dem Vervielfältigen zu tun hat. Genauso wenig wie ein Mensch seinen Körper verlassen und wie ein Sturmtaucher in der Endlosigkeit der Symbole fliegen kann, kann auch ich nicht von den Seiten herunterspringen und mich unter die Menschen mischen. Zwar versuchen aus dem Gedächtnis meines Autors entschlüpfende Informationen meine Gedanken durcheinander zu bringen. Zum Beispiel zu versuchen, jemand wie Sherlock Holmes zu sein, den Ruhm des Autors in den Schatten zu stellen – schließlich ist er für viele Leser wirklicher als sein Autor: Holmes, eine reale Person. Der misslungene Versuch seines Autors, ihn umzubringen... Alles das ist sehr beeindruckend. Aber was ich meine, ist nicht Berühmtheit, sondern aus Fleisch und Blut zu sein, also einen Körper zu haben.
Trotz aller Banalität möchte ich das. Ich weiß, wenn ich die Person gewesen wäre, die ich sein möchte, hätte ich ihren Wert nicht zu schätzen gewusst. Ich wäre vielleicht verzweifelt. Ich hätte gedacht, es wäre besser, ein Held in einer Erzählung zu sein, als ein gewöhnlicher Mensch. Vielleicht hätte ich aus diesem Grund angefangen zu schreiben. Während ich monoton meiner Arbeit nachgegangen wäre, hätte ich Erzählungen geschrieben, um nicht verrückt zu werden. Ich hätte sogar Helden erschaffen, die sich Gedanken über meine Bedenken machten, die ich zu verbergen versuchte.

Plötzlich geschah etwas, lieber Leser, das bisher nie geschehen war. Nachdem mein Autor den vorhergehenden Absatz beendet hatte, dachte er eine Weile nach. Ob er das streichen sollte? Angsterfüllt wartete ich. Das könnte das Ende sein.
In einem solchen hitzigen Moment würde mir meine Freiheit genommen und ich würde vielleicht nie wieder zurückkehren. Vielleicht war ich zu weit gegangen. Oder soweit ich das aus der Ecke, in der ich mich in den Gedanken des Autors befand, erkennen konnte, war ich vielleicht zu zurückgezogen.
Also hatte ich triviale und mittelmäßige Gedanken vorgetragen, die jedem hätten einfallen können. Und weil diese Art von Niveaulosigkeit den Autor selbst zur Zielscheibe machte, ließ sie ihn nun nachdenken. Eigentlich hat er Recht. Das sind ja meine Überlegungen, doch ein Leser könnte sie für die Gedanken des Autors halten. Das muss man sich vor Augen halten. Zwar höre ich die beschwichtigenden Worte meines Autors, »Darüber muss man sich keine Gedanken machen, wirklich nicht«, aber ich bin dennoch beunruhigt, dass das falsch verstanden werden könnte. Ich habe meine Fluchtgedanken meinem Autor übertragen und dabei versucht, mich zu entlasten. Ich entschuldige mich bei ihm vor Ihren Augen.

Ich spreche Sie häufig mit »lieber Leser« an - das will ich Ihnen erklären. Am Anfang hat mich meine Existenz so gefreut, dass ich mich damit nicht beschäftigte, zudem habe ich gedacht, dass der Autor mich manche protzige Anredeformen sagen ließ, und machte mir keine Gedanken darüber.
Aber jetzt erst verstehe ich, dass ich diese Worte nicht aus Überzeugung benutze. Denn Gott, der Vater oder der Schöpfer einer Art von Naturwunder verlieh mir wie auch ihm die Fähigkeit des Begreifens, doch ist dieser kein anderer als der Autor und seine Geliebte, der Leser höchstpersönlich. Jener unbekannte Geist, der ihm bis zum Schluss zuhört, der seine Fehler verzeiht, manche seiner Worte mit Hingabe liest ... Deshalb kann ich mir keine andere Liebe vorstellen als die, die - um meine undurchdringliche Dunkelheit zu vertreiben – als samtene Augen wer weiß welcher Farbe und welchen Geschlechts über mich streifen. Vielleicht ist das die edelste und schönste aller Lieben: eine vollends fiktive Person zu lieben, ohne jegliche Gegenleistung zu erwarten. Sie der Welt der Gedanken einzuverleiben und sie dort – und sei es nur für eine Weile –, zu beherbergen.

Manchmal ermüde ich ihn. Manchmal scheint er zu bereuen und ich spüre, dass er innehält (erinnern Sie mich daran, dass ich Ihnen ganz ausführlich erzähle, was für ein Gefühl es ist zu existieren). Er denkt darüber nach, warum ich etwas so Absurdes tue. Da er mir Zugang zu seinem gesamten Gedächtnis, insbesondere zu seinem strukturierten Wissen über die Welt freien Zugang gewährt hatte, verwechselt er sich mit mir, wenn ich von diesem Wissen Gebrauch mache. Oder, was noch schöner ist, er glaubt, dass er sich verwechselt. Er verliert weitgehend meine Grenzen und glaubt, dass ich mich in ihn verwandelt habe, dass diese Worte aus seinem Munde stammen. Ja, das ist eine Halluzination, aber dennoch behaupte ich - mich auf das Wissen des Autors stützend - folgendes: Es ist nicht das erworbene oder praktische Wissen, das die Menschen und ihre Charaktere voneinander unterscheidet oder einander ähnlich macht. Denken Sie nur mal an Ihre Freunde (oder Feinde), die über das gleiche Wissen wie Sie verfügen... Wie anders sie sind, nicht wahr? Was diesen Unterschied ausmacht, das ist das Verhalten, zweifellos. Mein lieber Autor hätte daran denken müssen. Ja, jetzt hat er das durch mich gedacht. Aber das ist gleichzeitig ein Beweis dafür, dass er bislang an so etwas nicht gedacht (und er seine Aufregung wirklich gespürt) hatte. Außerdem: Wäre er der Held einer Erzählung gewesen, also wäre er an meiner Stelle, bin ich sicher, dass er sich ganz anders verhalten würde. Doch ich wollte erzählen, welch ein Gefühl es ist, Wort für Wort, Buchstabe für Buchstabe zu entstehen. Erstens ergießt sich jedes Wort mit einem anderen Gefühl, mit einer anderen Geschwindigkeit. Manchmal erscheinen sie von einer großen Freude und Euphorie begleitet, manchmal wiederum voller Sorge und Schwermut. Auch die Sätze sind merkwürdig. Für mich beginnt und geht in jedem Satz etwas zu Ende. Er ist nicht wie der Gedankenfluss, den ich im Gedächtnis meines Autors verfolge, eine verschlungene Ranke. Er ist eindimensional, aber dennoch entschlossen. Zweitens leistet sich mein Autor nicht den Luxus, das Geschriebene zu streichen - wofür ich ihm sehr dankbar bin -, insbesondere nicht in dieser Erzählung. Obwohl das für unsereinen, der in einer Traumwelt lebt, die wichtigste Waffe ist. Es ist ein sehr schönes Gefühl, wenn die Sätze immer wieder verbessert werden, bis sie eine Vollkommenheit erlangen, um der Aufmerksamkeit der Geliebten, also des Lesers, würdig zu sein. Das ist ein anderer Ausdruck des Respekts, den man uns entgegenbringt. Ich hätte nicht in mangelhaften, sorglos geschriebenen, unfertigen Sätzen leben wollen. Ich wollte vielmehr, dass die Person, die mich schreibt, ein Meister seines Faches ist.

Dass mein geliebter Autor genau diesen Herzenswunsch hat, begreife ich jetzt besser. Meine Lobesworte, die ich über ihn ausgeschüttet habe, lassen ihn kalt (außerdem, was ist das für eine Erzählung, immer noch geschieht nichts), doch spüre ich, dass alle meine Gedanken Teil eines Spiels sind. Und ich muss gestehen, dass diese Sache mit dem Spiel mich beunruhigt. Spiele! Literarische Spiele und auch die anderen. Jedes Spiel birgt eine Leichtigkeit, eine Unbeschwertheit. Das gilt sogar für Spiele, die ein böses Ende nehmen.
Auch wenn Sie selbst derjenige sind, der in eine Falle tappt, können Sie das kindisch-schweinische Komplott akzeptieren und es verzeihen. Natürlich nur solange das Komplott Ihren Verstand und Ihre Persönlichkeit nicht gefährdet... In meinem Fall wird nicht nur mein Verstand, sondern meine ganze Existenz in Gefahr gebracht. Alle meine Aufregungen, Ängste, Leiden und Lieben (lieber Leser!) verlieren ihre Farbe, wie Falschgeld, und aus der Welt der Wahrheiten treiben sie schnell in die Welt der Lügen und ich bleibe zurück wie ein schlechter Witz. Stellen Sie sich ein Bild eines Comics vor, aus dem Zusammenhang gerissen, einfach so, beziehungslos da stehend. Weder haben die Dinge in jenem einen Bildaus schnitt eine Vergangenheit noch einen Reiz, ein Motiv, das Neugier auf das Kommende wecken würde. Nun, es gibt auch Dinge, die interessant sind. Zum Beispiel die Wiederholbarkeit aller Spiele im Text, die Sie erlebt haben. Zugleich die Unmöglichkeit, dass manche Spiele, die es nur in der Literatur gibt, im wirklichen Leben realisiert werden könnten. Das heißt, dass das Leben, das Sie wirklich nennen, eine Untermenge der Literatur ist. Wenn man von dem Prinzip ausgeht, dass jede Obermenge die Teile aller in ihr vorhandenen Untermengen beinhaltet, können wir zu der Schlussfolgerung gelangen, dass das Leben eine in der Literatur enthaltene Untermenge der Wirklichkeit ist. Ich spreche nicht von einer göttlichen Ordnung, die Religionen als Heiligkeit und als Jenseitigkeit definieren. Ich möchte nicht falsch verstanden werden. Was ich meine, ist die Überlegenheit der Literatur dem Leben gegenüber, da sie viel mehr Möglichkeiten bietet, komplexe Ketten von Beziehungen und Funktionen zu erschaffen. Wer weiß, vielleicht sage ich solche Dinge, weil ich eine bedauernswerte Kreatur einer Traumwelt bin, und mich damit trösten will.

Wann wird wohl das Abenteuer beginnen, das dafür sorgt, dass ich zum wirklichen Helden werde? Vielleicht wissen Sie das, lieber Leser. Immerhin haben Sie das Recht vorzublättern, um meine Zukunft zu erfahren. Sie können ganz einfach erfahren, was mich erwartet. Wenn ich die Sache aus diesem Blickwinkel betrachte, sehe ich, dass Sie sogar auf einer höheren Stufe als mein Autor stehen. Denn sogar er weiß nicht so genau, was er schreiben wird. Manchmal verwirklicht er seine Pläne, manchmal nicht. Meist kommen ganz andere Dinge heraus, als er geplant hatte, mein Weg führt oft über Sätze, die das beteuern. Ja, zuvor auch Ich möchte nicht, dass Sie, lieber Leser, denken, der vorhergehende Satz wäre falsch gesetzt oder hätte einen anderen Fehler. Das war einer der Schnitte, die ich bereits erwähnt hatte. Mein Autor war gezwungen, mitten im Satz aufzuhören zu schreiben. Als er Stunden später zurückgekommen war, konnte er sich an den Rest des Satzes nicht mehr erinnern.
Zuerst wollte er ihn streichen. Dann aber überließ er die Entscheidung mir. Natürlich habe ich bevorzugt, nichts zu streichen. Alle diese Entscheidungen wurden durch eine stille Kommunikation meines Bewusstseins in seinem Bewusstsein und zwischen ihm selbst möglich. Obwohl er die Entscheidung mir überlassen hat, schaut er sich jenen halben Satz an und denkt (ich glaube, Sie merken diese Brüche nicht. Zum Beispiel sind zwischen dem vorhergehenden Satz und dem Satz, in dem ich mich gerade befinde, zwei Tage vergangen. Also hat mein Autor nach dem Wort »möglich« einen Punkt gemacht und schrieb zwei Tage später erst weiter. Wenn er vielleicht, je nach Zeit, Tinte in unterschiedlichen Farben benutzt hätte, wäre ein ganz anderer Text entstanden). Er versucht zu ergründen, was er gerade schreibt. Eigentlich bin ich auch gespannt. Vielleicht war das der Satz, der den ganzen Verlauf ändern würde. Es ist unser Recht, darauf gespannt zu sein.

Ich war gespannt. Auf alles. Allen voran auf meinen lieben Autor, warum er mich erschaffen hat, insbesondere warum er mich mit der Gabe des Verstehens ausgestattet hat und was mein Problem sein würde. Dann war ich auf Sie gespannt, lieber Leser, warum Sie diese Zeilen lesen, wie Sie sich mich vorstellen, ob ich Ihnen gefalle, und ob ich ein Geheimnis habe. Das interessiert mich so sehr - Sie können sich das gar nicht vorstellen. Ob diese Erzählung, die ich im vollen Umfang verstanden zu haben glaube, doch noch auf andere Weisen ausgelegt werden kann, auf eine Weise, auf die ich nicht gekommen bin? Wird mir erlaubt werden, wenn ich bis zu einem bestimmt Punkt komme, diese Auslegungen zu entdecken? (Ich höre fast die ironische Stimme des Autors: »Diese Auslegungsmöglichkeiten wirst du selbst bewirken.« Deshalb traue ich mich, das zu fragen.)

Hätte es die Neugier nicht gegeben, ich glaube, lieber Leser, Sie wären längst nicht so freundlich und würden stattdessen der gelangweilte Leser sein. Vielleicht langweilen Sie sich sogar schon längst und haben das Buch schon beiseite gelegt, bevor Sie bis zu diesen Zeilen vorgedrungen sind. Mit wem rede ich dann? Mit den Zeilen auf der gegenüberliegenden Seite? Schrecklich, wenn der Text mit Text bedeckt ist - das Buch also zugeklappt -, ich weiß nicht, ob Sie das verstehen, lieber Leser, wenn Sie Unterhaltung suchen. Wenn sich die Worte, die Zeilen und Absätze berühren, ist das wie die Hölle! Ich bitte Sie, sich einmal nur Gedanken darüber zu machen, was es bedeutet, dass ein Text das Licht der Sonne erblickt. Die Sonne ist für das Buch mindestens so wichtig wie für Ihre Pflanzen auf dem Balkon.

Ich weiß nicht, ob er seine Blumen oft gießt, aber ich weiß, dass er sehr oft darüber nachdenkt, was er gelesen hat. Ich spreche von meinem lieben Autor. Sie haben es bestimmt schon bemerkt, ich kann von ihm ungeniert reden. Wie sehr er auch vermeidet, mit mir zu kommunizieren, so glaube ich doch manchmal zu spüren, dass er meine Aufmerksamkeit auf bestimmte Dinge lenken möchte. In solchen Momenten denke ich, dass ich sein Schicksal mit ihm teile. Ich spüre, dass wir beide für die gleiche Sache kämpfen, dass wir zwei Genossen sind. Das Gelingen dieses Kampfes hängt natürlich von ihm ab. Wenn er zum Beispiel bei einem Unfall ums Leben käme, würde ich bis in alle Ewigkeit in einem halbfertigen Satz ausharren müssen, das steht fest. Aber wenn ich sterben würde (das allerdings wäre ein fiktiver Tod und ich würde am Anfang des Textes doch quicklebendig sein, so dass das nicht viel ändern würde), kämpfte mein lieber Autor weiter für unsere Sache, da bin ich mir sicher. Zumindest besteht diese Option. Natürlich gibt es auch andere Möglichkeiten. Zum Beispiel könnte ich außer Kontrolle geraten und beginnen, ein Eigenleben zu führen. So wie Sherlock Holmes, wie ich bereits erwähnt habe. Oder Don Quichotte. Da beide aus der Kontrolle ihres Autors geraten waren, wurden sie von diesem brutal ermordet! (An diesem Punkt vertraue ich auf die demokratische Einstellung meines Autors und bitte Sie um eine Schweigeminute zu Ehren aller erdachten Helden, die aus der Kontrolle geraten waren und ihre eigene Existenz führen konnten!)

                                                             * * *

                                                [ Eine Minute Leere ]

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Sie haben vielleicht keine Schweigeminute eingelegt, aber mein Autor hat tatsächlich eine Minute lang aufgehört zu schreiben. Ich glaube, er hat begonnen zu begreifen, welchen Zauber Literatur ausübt. Als er neulich nachts wieder »Don Quichotte« las, gingen solche Gedanken durch seinen Kopf. Er dachte lange darüber nach, dass der Zauberer, der Don Quichotte so viel Elend und Abenteuern ausgesetzt hatte, selbst Autor war. Dann dachte er über mich nach (ich war sehr gerührt, wirklich, insbesondere, dass ich im selben Satz wie solch wichtige Helden erwähnt wurde... Na gut, ich habe noch nicht einmal einen Namen. Ich glaube, mein lieber Autor denkt, dass ein Held unserer Zeit keinen Namen haben kann. Na, wie auch immer...) und verglich meine Beschaffenheit mit der jener Helden. Er verlor sich dabei in Gedanken, die davon zeugten, dass ich ihm gefiel, ja, dass er sogar gerne mit mir tauschen wollte. Ich wiederum war darüber entzückt, welch einen schönen Zauber diese Literatur genannte Sache hat.

Schicksal! Mein Schicksal ist wortwörtlich ein geschriebenes. Ein Schicksal, das ich selbst zwar nicht, dafür aber andere lesen können. Auf den zurückliegenden und den nächsten Seiten kann man meine Vergangenheit und meine Zukunft lesen. Die Existenz von Menschen, die diese Seiten lesen und meine Vergangenheit und Zukunft verstehen können, ja sogar, dass mein geliebter Autor höchstpersönlich dieses Schicksal (das ist allerdings eine Frage für sich: Entwirft er es, hat er es entworfen oder wird er es entwerfen? Jede Zeitform ist möglich.) entwirft und dass ich das alles weiß, ändert nichts. Ich lebe dennoch in dieser Erzählung. Und bei jedem Lesen wieder und wieder... Und Sie haben es sicher bemerkt, lieber Leser, ich habe einige »dieser Augenblick«-e. Zum Beispiel lesen Sie mich in diesem Augenblick und wir sind zusammen. Gleichzeitig werde ich gerade erst geschrieben und unten auf dem Papier klafft noch eine große Leere. Demzufolge gilt mein Appell für die Zukunft. Zudem habe ich die anderen Zeiten: die Augenblicke, wenn ich (mit dem Buch) geschlossen bin... Ich sprach bereits davon. Manchmal, wenn ich diese Leere sehe, kann ich mich nicht beherrschen und ich ahme die Gedanken meines Autors nach. Kurz: ich bin wieder mal ein wenig ausgeblieben. Ich kann es Ihnen ja verraten, schließlich kann in »diesem Augenblick« außer mir jeder die nachfolgen den Zeilen sehen:

                                                             * * *

Nur bitte keine Eile. Wir wollen erst die Umgebung kennen lernen. Ich habe nicht damit gerechnet, dass das Abenteuer so plötzlich beginnen würde. Um ehrlich zu sein, hat es mich völlig unvorbereitet erwischt. Obwohl ich seit mehreren Seiten existiere, versetzt es mich in Aufregung, dass ich nun in den Raum einer Erzählung trete. Bisher sprach ich stets im Bewusstsein, dass ich auf dieser Seite existiere. Doch als ich die drei Sterne gesehen habe, die einen neuen Abschnitt ankündigen, fand ich mich urplötzlich bei einem Abendessen wieder. Es ist ein Diner für zwei (Oder ist das jene Essensszene von vorhin?). Der Kellner ist noch nicht mal gekommen, um zu fragen, was wir trinken würden. Mir gegenüber sitzt eine junge, dunkelhäutige Frau mit kurzen Haaren, vor mir stehen leere Teller und Gläser, ich trage eine Wolljacke und um den Hals eine Krawatte, rot wie die Zunge einer Echse - so sitze ich da. Offen gesagt ist mein Mund vor Aufregung völlig ausgetrocknet und ich bestelle beim Kellner Wasser - ich trinke das Glas auf einmal aus, als würde ich zum ersten Mal im Leben Wasser trinken. Merkwürdige Gefühle. Die Frau mir gegenüber schaut mir neugierig in die Augen und wartet auf die Worte, die ich sagen würde. Ich weiß nicht, wo ich zu erzählen beginnen soll. Und als würde ich gleich anfangen zu reden und die ganze Nacht nicht mehr schweigen wollen, räuspere ich mich. Zugleich versuche ich meine Umgebung einzuschätzen. Die meisten Tische stehen leer. Die wenigen Gäste sind nur verschwommen zu erkennen... Offenbar spielen sie für mich, für die Erzählung, in der ich mich befinde, keine Rolle. Sogar die Bilder an der Wand sind realer. Die handgeknüpften Teppiche, die alten Fotografien, die Spiegel, die getrocknete Zwiebel, der Knoblauch, die Weizenähren und die Paprikaschoten... Auf den Tischen stehen Leuchter und Kerzenhalter in verrosteter Metallfarbe... Als Zeichen, dass es später Livemusik geben würde, gibt es ein Orchesterstillleben: Piano, Geige, Gitarre und ein Ud - alle tot. Ich bin neugierig, welche Art von Musik gespielt werden würde. Wenn der Autor zurückkehrt und die Ud streicht, um stattdessen eine Trompete hineinzuschreiben, könnte es sich um Jazzmusik handeln. Wer weiß, vielleicht wird auch eine Mischung gespielt... Dann schaue ich mir die Frau näher an. Sie hat ein hübsches Gesicht. Ihre eckigen Augenbrauen und die hohe Stirn lassen sie klug aussehen. Ich bin ein wenig verlegen. Ich spüre, dass sie mit mir ein Problem hat - ein wichtiges Problem. Plötzlich spüre ich in mir ein Aufbrausen von Ärger, wie ihn alle Menschen kennen, denen Unrecht wider fahren ist: Warum werde ich in eine Erzählung hineingeworfen, von der mir keine Einzelheit bekannt ist? Wer gibt dem Autor dieses Recht? Wo gibt's denn so eine Erzählung? Die junge Frau hat wohl meine Gedanken gelesen, denn sie zieht die linke Augenbraue ganz leicht hoch. Eine Art Herausforde rung. Ich habe den Verdacht, dass sie eine ähnliche Begabung hat, Dinge zu wissen und zu verstehen, wie ich. Immerhin sind wir in der gleichen Erzählung... Oder ist diese Frau eine der weiblichen Nebenfiguren? Die eigentliche Frau ist meine Frau, und sie hier nur Geliebte? Aufgeregt blicke ich auf meinen Ringfinger. Ich bin verheiratet. Was für ein schlechter Witz! Mit einem Satz bin ich verheiratet. Meine Nerven drohen zu zerreißen. Ich blicke auf ihre Hand - auch sie ist verheiratet! Oder ist sie etwa meine Frau? Na gut, sie ist ganz hübsch, aber sie hat mich offenbar in der Hand. Der Ausdruck in ihrem Gesicht sagt: »Du bist am Ende, warte nur, was dir noch alles blüht!« Ihr Gesicht? Dann habe auch ich ein Gesicht. Vielleicht sogar einen Namen. Aber ich kann nicht fragen. Meine liebe Frau, wie heiße ich denn, ich habe meinen Namen vergessen... Eine solche Wendung würde die Geschichte zum »Abenteuer eines senilen Mannes« machen. Unsere Umgebung ist elegant und wir schweigen bedeutungsvoll - wir sind nicht verrückt oder senil. Aber vielleicht wird man auf diese Weise verrückt. Ich bin noch nie verrückt geworden... Gibt es einen Helden, der mitten in einer Geschichte verrückt wird? Es sei denn, sein Autor will es so. Ja wirklich, was erwartet mein Autor von mir? Ist das ein Experiment? Es wurden die Verhaltensweisen des Helden einer Erzählung untersucht, der mit der Eigenschaft, sich selbst zu erkennen, ausgestattet wurde. Er war nicht erfolgreich. Ich glaube schon zu sehen, wie er den Bericht unterschreibt.

Während ich mich mit diesen Gedanken quäle, taucht der Kellner auf und fragt, was wir trinken möchten. Wein, sage ich, Rotwein. Die Frau zieht aufmerksam ihre Augenbrauen hoch und fragt: Und ich? Dann vertieft sie sich in die Speisekarte. Die Spannung wächst. Ich bin wie eine Marionette, deren Fäden zum Reißen gespannt sind. Wie Pinocchio, der hereingelegt und in die Falle gelockt wurde, der im Zirkus den Clown spielt. Und diese Frau mir gegenüber hat nicht das Geringste mit der Blauen Fee zu tun. Auch wenn sie die Blaue Fee wäre, glaube ich nicht, dass sie nun schweigt, um Gutes für mich zu bewirken. Und wo ist mein Autor? Wo ist der liebe Leser, von dem ich seitenlang geglaubt hatte, dass ich ihm meine Seele ausbreiten kann und dass er mein Schicksal mit Sympathie verfolgt? Wer von ihnen kann mir helfen?! Ich bin ein gemeiner und erfolgsloser Held. Held? Ein Pinocchio aus Worten! Ich habe Mühe, den Ärger, der in mir hochkocht, zu beherrschen. Ich spüre, dass ich nicht mehr weitermachen kann, greife nach einem Messer auf dem Tisch und stoße es der Frau an der Stelle in die Brust, an der ihr Herz sitzen müsste. Und mit der gleichen Geschwindigkeit ziehe ich es wieder zurück. Ich sehe, dass ihr blaues Kleid feucht wird, und ich sehe auch, dass ihre Augen vor Angst hervorquellen.
Dann... als müsse sie husten. Mit genialer Wendigkeit mache ich aus der blitzschnellen Bewegung, die niemand beobachtet hat, eine andere Szene, als würde ich der Frau, die etwas verschluckt hat, helfen, und rufe dem Kellner zu: »Wasser, Wasser«, dann nutze ich das Durcheinander und verlasse den Raum.

Ich laufe durch die Nacht. Alles das hatte ich so schnell ausgedacht und verwirklicht, dass mein lieber Autor wohl keine Zeit mehr hatte, sich eine Straßendekoration auszudenken. Natürlich versteht er die Handlungen dieses bedauerlichen fiktiven Wesens, das in eine unbekannte Erzählung geworfen
worden war, unter ihrem Gewicht furchtbar leidet und nun beschließt zu kündigen, aber ich bin trotzdem sicher, dass es Dinge gibt, die er nicht versteht. Denn auch ich verstehe sie nicht. Ich bin sicher, dass auch der Leser dieser Zeilen ziemlich verwirrt ist. Wie wird wohl diese Erzählung weitergehen?
Ich sehe lediglich meine Schritte, die ich in der Dunkelheit in Richtung auf das Unbekannte tue. Die Schale der Zeit, in der ich lebe, wirft ihre Schatten auf den Asphalt...

Während diese Gedanken meinen Kopf in einen Bienenstock verwandelt haben, sehe ich, dass der Weg, den ich entlanggehe, sich allmählich erhellt. Das heißt, er hat nicht untätig herumgesessen, sondern begann sofort, die Umgebung zu erschaffen, durchzuckt es mich. Ich habe sowieso keine andere Wahl, als dass es mich durchzuckt! Alles, was geschieht, durchzuckt mich. Nachdem ich das Restaurant verlassen habe, laufe und laufe ich, durch die dunklen Nebenstraßen, und komme schließlich über eine schlangenförmige Treppe am Strand an. Ich setze mich auf den Metallstrunk einer der gebrochenen Bänke am Meer. Die Sonne geht auf. Es ist ein neuer Tag. Das muss der erste Tag der Erzählung sein. Der erste Sonnenaufgang. Ich betrachte das Wasser. Die Bewegung verzaubert mich. Mir kommt es vor, als hätte ich die Ereignisse am Abend zuvor gar nicht erlebt. Oder als wäre alles ein Traum gewesen. Und als die Sonne hinter den Bergen hervorscheint, stehle ich mich durch eine offene Tür ins Bewusstsein des Autors. Ich sehe ihn. In einem Traum. Er nimmt das Messer und stößt es jemandem in die Brust. Obwohl es keinen Grund dafür gibt. Dann flieht er. Und wie eigenartig, niemand verfolgt ihn. Wie in meinem kleinen Abenteuer.

Ich betrachte das Wasser. War mein Abenteuer, das ich für eine Auflehnung gehalten habe, die Wiederholung seines Traumes? War das der Punkt, an dem ich meine Unabhängigkeit zu erlangen hoffte: ein banales Traumthema? Aber als ich mich an das Gesicht der Frau erinnere, merke ich, dass die Person im Traum keine Frau war. Zudem ereignete sich der Traum in einem Raum, den der Autor sehr gut kennt, während einer Hochzeit. Eine merkwürdige Asymmetrie. Merkwürdig.

Die Sonne steigt ziemlich hoch und als die Autos die Straßen füllen, stehe ich auf und laufe los. Ich steige den Weg, den ich gestern herabgestiegen war, empor und begebe mich auf mit Menschen gefüllte Plätze. Ich bin auf einem Platz, auf dem sich Tausende Menschen wie ein Meer wallen. Ich beobachte sie. Ich will sie einzeln sehen. Meine Menschen. Sie, diese unvorstellbare Menschenmenge, meine Stadt. Nur in meiner Erzählung existierend, nur so real wie ich selbst bin.
Die fiktive Stadt. Ich schweige stolzerfüllt, denn ich weiß, wen ich auch berühren würde, würde ich zum Helden erklären. Auf der anderen Seite harre ich in einer grenzenlosen Einsamkeit aus. Mit wem ich auch reden würde, der Autor würde mir die Worte in den Mund legen, das weiß ich. Ich würde auf lauter Gestalten aus seiner Welt treffen - auch das weiß ich. Und dieses Wissen, dieses Verständnis reicht aus, mich zum Einsamsten aller Existenzen zu machen. Keiner ist so real wie ich. Keiner. Ich töte eine Frau mitten in einer Menschengruppe und dann laufe ich in der Stadt frei herum. Eine Seele, mutterseelenallein unter den Marionetten, den Holzmännchen und den Robotern... Ich gehe auf die Skulptur auf dem Platz zu. Einsamkeit erzeugt Reue. Ich merke erstaunt, dass ich alles kaputt gemacht habe und mich selbst zum Gefangenen der Einsamkeit. Sie war vielleicht ein Geschenk, das als eine Eva mir gereicht worden war. »Von seinem Autor, mit Liebe...« Ein hübsches Geschenk. Der Abend hätte sich vielleicht ganz anders entwickeln können. Wenn es die Angst, den Ärger und das Messer nicht gegeben hätte, würde ich jetzt nicht auf dem belebtesten Platz der Stadt auf der Skulptur mit ausgebreiteten Armen, wie gekreuzigt, dastehen. Mein Kopf senkt sich vor Müdigkeit auf die Schulter. Ich bleibe so, aufgehängt, dort stehen. Es hat keine Bedeutung, wie lange ich so verharre. Als die Sonne untergeht und ich wieder zu Besinnung komme, begreife ich, dass mich niemand hier herunterholen wird, niemand versuchen wird, mich zu retten, dass niemand eine Ahnung hat, dass ich hier bin. Dieses Wissen, dieses Verständnis brennt  vernichtend in meinem Inneren.

Meine Arme fallen resigniert zur Seite. Ich rutsche vom Fundament der Skulptur herunter und lege mich auf den frisch gemähten Rasen. Ich ziehe meine Knie hoch und drücke sie in den Bauch. Mit meinen Armen umfasse ich mich wie ein Embryo. Aber ich war niemals ein Embryo. Ich wurde nicht aus dem Leib einer Mutter geboren. Ich bin nicht aufgewachsen. Ich habe niemanden, außer den Autor, der mich erschaffen hat... Und was habe ich gemacht? Ich war ungeduldig. Ich bin aus dem Spiel ausgestiegen, ohne zu versuchen die Rolle, die er mir zugedacht hatte, zu erfahren. Jetzt nutzt mir die Fähigkeit des Wissens, mit der er mich ausgestattet hat, nichts mehr. Ich habe alles kaputt gemacht, sogar die Träume meines Schöpfers zerstört. Ich spüre, dass ich ohne seine Visionen ein Nichts bin und ich spüre das tief in mir, wie alle Sterblichen.

Und jetzt möchte ich zurückkehren. Ich kann alle Abenteuer blind auf mich nehmen. Wenn nur dieses Leiden aufhören würde, diese Einsamkeit. Ich weiß, ich kann nur sein, wenn man mich anschaut, wenn man mich liest. Der Rest ist die Dunkelheit der zugeschlagenen Seiten. Die ewige Grenze zwischen Leben und Tod.

Auszug aus "Stehlen Sie dieses Buch!" (Bu Kitabı Çalın) auf Deutsch erschienen im Verlag Literaturca, Frankfurt am Main, 2007.
Mit der freundlichen Genehmigung des Verlags und der Übersetzerin.







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