Sibel K. Türker

Jungfernhaut
Ground_petit_medium
Ground - © Nurdan Hatipoğlu
Von Sibel K. Türker Aus dem Türkischen von Constanze Letsch

5. Kapitel: Ins Innere

Ich weiß nicht, was mich großgezogen hat. Was hat mich hierher gebracht, an den Ort, an dem ich mich heute befinde? Ich hungere wie verrückt nach dem Leben, aber dieses vorgefertigte, künstliche Leben mag ich nicht. Dieses ständig laute Leben, das auch dann wie ein Uhrwerk funktioniert, wenn ich schlafe. Was andere Leute sagen, was sie denken, was sie machen – das alles ist mir fremd. Die Menschen sind wie unbeschriebenes Papier. Sie merken nicht, dass sie vom Wind emporgerissen und davongetragen werden. Sie begreifen den Sinn ihres Kommens und ihres Gehens nicht. ich suche nach dem, was sie verschweigen, dem, was ungesagt bleibt. Was sie sagen, ist nicht das, was sie wissen. Was sie wissene, ist weit von dem entfernt, was sie sehen. Sie glänzen in einem Licht, dessen Wert nur sie selbst zu schätzen wissen. Wie weit kann ein Stein fliegen, den sie geworfen haben?

Ich bemitleide das Menschengeschlecht. Seine Erschöpfung, seine Kämpfe, seine panische Verwirrung. Ich bemitleide die zänkischen, rechthaberischen Menschen. Vielleicht stehe ich ihrem widerlichen marktschreierischen Gehabe nur deshalb so verstört gegenüber, weil sie den Tod so offensichtlich in sich tragen.

Vielleicht verletzen Menschen andere, weil sie selbst Schmerzen ertragen müssen. Der Mensch ist die einzige Spezies, die dem Schmerz erlaubt, sich zu vermehren, sich fortzupflanzen und auf andere überzugreifen. Vielleicht ist das die einzige Möglichkeit für sie, sich zu reinigen. Jemand anderen den bitteren angekauten Brocken schlucken zu lassen, ist ein Weg, selbst Sättigung zu verspüren.

Aber was für einen Sinn hat es, dass ich über diese Dinge nachdenke? Ich bin nichts weiter als ein bewegungsloser, kleiner Punkt. Allein im Universum, niemand begegnet mir dort. Es gibt weder Worte noch Begriffe, deren Schwerkraft mich anzieht und mir Halt gibt. Sobald ich das Gefühl habe, etwas zu begreifen, gleitet es mir wie ein unverständliches Buch wieder aus den Händen. Die Erklärungen darin erfassen das Ganze nicht. Geleich einer ungelenken Übersetzung schaffen sie es nicht, den eigentlichen Sinn zum Ausdruck zu bringen. Verzweifelt warte ich auf den Tag, an dem ich eine Seite, einen Absatz, einen Satz oder ein Wort finde, die mir eine Erklärung über mich liefern. Vielleicht würde dann meine Existenz, die ich als einen Makel sehe, sich selbst erklären. Diejenigen, die im gleichen Land oder die in der gleichen Stadt wie ich leben, die Freunde, die mit mir zur Schlue gegangen sind und diejenigen, die genauso alt sind wie ich, oder auch diejenigen, die zwei Jahre jünger oder fünf Jahre älter sind – teilen wir ein gemeinsames Schicksal? Was macht diese unüberbrückbare Distanz zwischen uns aus, dies Unvereinbarkeit, die mich von euch allen unterscheidet?

„Solche Sache solltest du nicht schreiben, meine Liebe. Wem soll denn das nützen?“

Wer konnte uns sagen, dass wir die Gefahr wie ein Schlangenbeschwörer abwendeten und dass wir uns nicht davor scheuten Scherben zu essen wie auf einer Kirmes. Dass wir niemandem winkten, niemanden zum Lachen brachten?
Dass wir die Welt nicht küssten, angetan mit bunten Farben, Glitter und Federn?

„Was ist das nur für ein Schmerz? So vage, so verschwommen. Schmerz muss doch einen Grund haben, einen greifbaren Grund. Ungerechtigkeit, Diskriminierung, Armut. Aber das sind nur ein paar nette Verse, nichts weiter. Warum bist du so eingenwillig? Und noch dazu so pessimistisch? Löse dich von diesen Sachen!“

„Das Leben gewinnt immer. Wenn du schon etwas Bedeutungsvolles schreiben willst, dann schreib das.“

„Du bist kein abgestumpftes Produkt der westlichen Welt. Du lebst hier, du bist von hier. Aber du versuchst so zu schreiben wie sie. Dabei sind wir anders, unsere Abenteuer verlaufen anders, verstehst du das nicht? Das Leben fließt hier anders, es muss anders fließen. Was du da schreibst, ist für den Luxus.“

„Miss dich, untersuche dich erst einmal selbst. Stelle fest, wo du stehst, wohin du gehst. Sonst wird das, was du tust, nie originell sein, sondern nur eine schlechte Kopie. Was auch immer dich dazu bringt, diese Zeilen zu schreiben, ist in deinen Augen Glitter, aber für mich ist es einfach nur Arroganz. Solche Dinge machen doch die Literatur eines Landes nicht aus.“

Du hast ja recht, meine Liebe du hast ja recht. Und nur weil du recht hast, habe ich aufgehört zu schreiben. Die wilde Stimme in mir ist nie lauter geworden, ich habe nie einen Grund dafür gesehen, sie lauter werden zu lassen. Ich kam zu dem Schluss, dass ich nichts tat, das sich lohnte zu verteidigen. Auch ich war mit meinen Texten nicht glücklich, weil sie wonanders hingehörten. Ich war wie der Spion, der die Geheimnisse jenes Ortes entschlüsselt. Heutzutage sucht niemand mehr nach einem Sinn, weil der Sinn verschlüsselt und verpackt wurde. Glauben ist ein Gott, der dir den Rücken streichelt. Selbst wenn du jemanden abstichst, ist Gott noch dein Komplize. Deswegen haben auch alle immer recht, aber ich bin weder moralisch gefestigt, noch im Recht. Meine letzte Festung ist gefallen. Unwichtig, sollen sie doch fallen. Menschen, die aus einem unterentwickelten Land kommen, aber diesen Umstand nicht als eine schmerzvolle, historische Tatsache akzeptieren können, lesen einen Text, indem sie genau auf dessen Schriftart achten. Der Text ist nicht frei. „Wer hat das geschrieben, warum hat er es geschrieben, warum hat er auf diese Weise geschrieben?“ „Was bringt diesen Menschen auf solche Gedanken? Ich kann um mich herum nichts dergleichen entdecken.“ Wenn man es nicht sehen kann, ist sowieso alles vorbei. Die Entfernung scheint dem Leser eine lange Nase zu drehen. Die Leser hier mögen das nicht. Sie sind nicht offen für die Gefahren einer fremden Welt. Für sie muss man das beschreiben, was sie schon kennen. Aber auch sie haben recht. Ein Text muss entweder eine Erklärung oder eine Lösung anbieten. Unklarheiten mögen wir hier nicht. Ein Gedicht muss bitte schön auf ein klares Ziel verweisen!

Und die letzte Frage: Welcher Ort bleibt für mich übrig? Wo kann ich noch einen Platz zum Leben finden? Muss ich mich für mein Dasein entschuldigen? Entschuldigt sich ein gebrochener Arm bei seinem Besitzer dafür, gebrochen zu sein?

Ich ziehe mich immer mehr in mich selbst zurück. Das ist der Ort, von dem aus ich die ganze Welt verändern möchte. Es ist, als würde ich in einem publikumsleeren Saal eine Rede halten. Keine Auszeichnung, kein Dank. Nein zu allen Bescheinigungen und Zertifikaten. Alles, was der Außenwelt angehört, alles, was falsch und künstlich ist, habe ich gelöscht. Diese ganze Show – schau Papa, wie schön ich tanze, Leute, hey, seht mich an, seht her wie clever ich bin – diese Lüge ist für mich zu Ende.

Die Leben, die dir, die mir, die ihm weggenommen worden sind, gleichen sich. Nur diejenigen, die gewinnen, können den Preis aus eigener Tasche zahlen. Aber wir wollen das nicht. Es gehört sich nicht, jemandem dafür böse zu sein, das Spiel gekonnt zu spielen. Wie stumme Nagetiere begnügen wir uns damit, im Dreck zu wühlen, am Holz zu nagen. Unsere einzige Sorge ist, etwas zu erwischen und schnell damit wegzulaufen. Wir geben uns schon mit wenig zufrieden.

Die Nächte, in denen meine Mutter meinen Vater aus dem Bett warf, waren immer sehr bedrückend für mich. Während ich noch schlief, glitt er wie ein Gespenst in mein Zimmer und baute sich am Kopfende meines Bettes auf. „Komm, steh auf und geh zu deiner Mutter.“ Seine immer dünner werdende Silhouette mit dem länglichen, einer aufgespießten Honigmelone gleichenden Kopf beugte sich mit einem kränklich aussehenden Buckel über mich und zog meine Bettdecke fort.

Meist stand ich dann unwillig auf und ging in gewohnter schlafwandlerischer Sicherheit zum Zimmer meiner Mutter. In unserem stockfinsteren Haus war es das einzige, aus dem ein rosa Lichtschein drang. Wenn ich mich diesem Licht wie eine zögerliche Motte näherte, erwog ich oft, mich stattdessen zu Yeşim ins Bett zu legen. Doch diesen Gedanken verwarf ich für gewöhnlich schnell. Man hatte mich in das Zimmer meiner Mutter beordert. Ihr Bett war immer mollig warm und als ich die Decke anhob, konnte ich einen leicht modrigen Geruch wahrnehmen. Meine Mutter schlief meist über mehr als die Hälfte des Bettes ausgebreitet. Ihre Beine waren weit gespreizt. Eine ihrer Hände lag unter dem Kopfkissen meines Vaters. Der Platz, den mein Vater in diesem Bett einnahm, war durch eine kaum wahrnehmbare Kuhle in der äußersten Ecke gekennzeichnet. Während ich meinen mageren Körper in dieselbe Kuhle manövrierte, wurde meine Mutter unruhig und drehte sich im Bett herum, so dass sie mir ihren Rücken zukehrte. Manchmal richtete sie sich plötzlich wie von einer Nadel gestochen im Bett auf und starrte mir ins Gesicht. Sollte mein Vater einen Verrat an ihr begangen haben, würde die Strafe hart sein. Aber nein. Mein Vater hielt sein Wort immer und ging, wenn sie es verlangte. Nach dieser kurzen Kontrolle legte sie sich wieder zurück und nahm ihren Schlaf dort wieder auf, wo sie ihn unterbrochen hatte. Wer es schafft, sich innerlich vollkommen zu entspannen, hat auch einen tiefen und ruhigen Schlaf. Solche Menschen versuchen vielleicht zu einem gewissen Zeitpunk, sich dem Leben zu stellen, aber nachdem sie ihren Misserfolg feststellen, geben sie es ein für allemal auf. Sie hatten vielleicht einmal versucht, mit dem Leben fertigzuwerden und, nachdem sie festgestellt hatten, dass sie dabei erfolglos bleiben würden, hatten sie es ein für allemal aufgegeben. Meine Mutter gehörte zu denen, die mit den Achseln zucken und sich dann abwenden. Ihre Träume waren vielleicht nicht besonders süß, aber sie vergaß sie sofort nach dem Aufwachen. Der vergangene Tag, die dahinfließende Nacht und der vergessene Traum waren alles, was ihr blieb.

Yeşim breitete ihre langen dunkelblonden Haare immer auf ihrem Kissen aus. Sie sah so aus, als ob sie in einem Rosengarten schlief, unbehelligt von den Dornen, die sie umgaben. Vielleicht wirken intelligente Menschen lächerlich, weil sie im Schlaf alle Vorsicht fahren lassen. Aber Yeşim wirkte im Schlaf noch dümmer. Sie spitzte ihre vollen, feuchten Lippen, als ob ihr jemand von Weitem eine süße Frucht zeigte. Manchmal lief ihr ein dünner Spuckefaden aus dem Mundwinkel. Im Traum sah sie die Dinge, die man ihr versprochen hatte. Sie lief hinter einem weißen Traum aus Seide und Tüll her. Und immer, wenn sie ihn gerade zu fassen bekam, löste sich der Stoff unter ihren Fingern auf. Daher auch ihre plötzlich gerunzelten Brauen, ihr wieder geschlossener Mund.

Mein Vater schlief in meinem Bett in der Abstellkammer wie ein Toter, der mit seinem Grab zufrieden war, er lag ruhig und gerade da. Sein von den Medikamenten betäubtes Hirn kitzelte in der Dunkelheit noch stärker. Die aus der Tiefe seiner Kehle emporkriechenden Kicherlaute wurden schnell zu Seufzern, sein gefangener Atem mit einem müden Stöhnen ausgestoßen. Er drehte sich weder nach links noch nach rechts. Die quälende Unvermeidbarkeit des kommenden Tages nagelte ihn an das Bett.

Ich versuchte, von dem warmen und matten Körper meiner Mutter wegzurücken, indem ich einen Arm aus dem Bett hängen ließ. Während ich darüber nachdachte, warum meine Mutter nicht öfter das Bettzeug wechselte, nahm mein Ekelgefühl mit dem Geruch von Körpern und Atem zu.

Der Staub, der sich über Jahre hinter dem Kleiderschrank und auf dem Nachttisch angesammelt hatte, die wahrscheinlich darin hausenden Organismen, die sich mit jedem Tag weiter vermehrenden Larven, der alte schmutzige Bettvorleger, der Morgenrock mit den Teeflecken, die fellumrandeten Pantoffeln, die sauer riechenden Vorhänge, all das verursachte mir Übelkeit. Die Schleifen und Blumen des Strohhuts, der am Spiegel der Schminkkommode hing, trugen den überraschten Ausdruck schöner, unschuldiger Mädchen, die unerwartet an einen seltsamen Ort gekommen waren.

„Versuch zu schlafen“, sagte ich mir und schloss die Augen. Und genau das musste man tun. Es ist eine der besten Fähigkeiten des Menschen, ignorieren zu können, was sich vor der eigenen Nase abspielt. Der einzige sichere Ort für diejenigen, die davonlaufen wollen, ist ihr eigenes Inneres. Je weiter die Flucht, desto geräumiger wird das eigene Innere. Es hat weder Fenster noch Türen. Sogar wenn es doppelt so groß wird wie man selbst, wenn man von einer ganzen Armee verfolgt wird, ist es ein vollkommener und freundlicher Gastgeber. Und wenn man sich wieder verabschiedet, schrumpft es nicht. Wie ein Haus, das an Gäste gewöhnt ist, wartet es auf unsere Rückkehr.

Und wir kehren zurück. Wir kehren zu dem Ort zurück, der uns schützt und tröstet.

In uns selbst, dorthin, wo wir zu Atem kommen können. In die Geräumigkeit unseres Innern.

Auszug aus dem Roman "Jungfernhaut" (Şair Öldü), auf Deutsch erschienen im Orlanda Verlag, Berlin, 2009.
Mit der freundlichen Genehmigung des Verlags und der Übersetzerin.







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