Zu dieser Ausgabe
Neue Prosa aus der Türkei
Als Orhan Pamuk 2006 mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet wurde, blickte die internationale Bücherwelt gespannt in Richtung Türkei in der Hoffnung auf weitere literarische Kostbarkeiten. Und tatsächlich ist die Türkei eine wahre Schatzkammer für Literaturliebhaber. Hier sind Autoren wie der legendäre und begnadete Geschichtenerzähler Yaşar Kemal beheimatet, der verdientermaßen als einer der ersten des Landes in die Ränge der Weltliteratur aufgenommen wurde. Ihm folgten Größen wie Ahmet Hamdi Tanpınar, ein Schriftsteller aus der Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts, dessen Werk erst in jüngster Zeit dank mehrerer Übersetzung auch von einer wachsenden internationalen Leserschaft geschätzt wird. Einige der spannendsten und innovativsten Texte, die in den letzten zwanzig Jahren verfasst wurden, kommen aus der Türkei. Dazu gehören etwa die Werke von Latife Tekin, Aslı Erdoğan, Elif Shafak und Hasan Ali Toptaş, alles Namen, die heute bei Lesern weltweit bekannt sind. Dennoch versteht es sich von selbst, dass die Türkei dem Kanon der Weltliteratur noch einiges anzubieten hat sowohl auf dem Gebiet der modernen Klassiker als auch bei der zeitgenössischen Literatur. Es ist unsere Hoffnung, dass diese Literatur dank der Arbeit von Übersetzern und Verlegern einer stetig wachsenden Leserschaft zugänglich wird; Übersetzern, die sich unermüdlich ihrer wichtigen und gewissermaßen heiligen Aufgabe verschreiben und Verlegern, den Gralshütern der Weltliteratur, die sich und den Lesern neue topographische Räume erschließen – faszinierende Teile dieser Welt, die wir (noch) nicht kannten.
Es gibt das Klischee von der Türkei als ein Land, das zwischen Ost und West gefangen ist, zweigeteilt und doch von beiden bereichert. Man könnte dieses Klischee auf die Spitze treiben, indem man sagt, dass dies für das Innere des Landes ebenso zutrifft: Es ist ein Land aus verschiedenen Regionen mit verschiedenen Kulturen und Sprachen, die tatsächlich trennend wirken, sich aber auch gegenseitig bereichern. Bei der Zusammenstellung dieser Ausgabe von Transcript haben wir uns redlich darum bemüht, Stimmen aus verschiedenen Teilen des Landes vorzustellen, nicht nur aus dem weltstädtischen Istanbul, das unbestreitbar den Mittelpunkt der türkischen Literaturszene darstellt, sondern auch solche, deren Geschichten in anderen, kleineren Städten spielen oder die aus solchen stammen. Die Texte in dieser Ausgabe umfassen eine große stilistische Bandbreite, um einen Eindruck von den zahlreichen und unterschiedlichen Trends in der zeitgenössischen türkischen Literatur zu vermitteln.
Zu unserer notwendigerweise begrenzten Auswahl zählen Autoren wie der sehr postmoderne, geistreiche und sarkastische Ersan Üldes; die Minimalisten Barış Bıçakçı und Ahmet Büke, die einem direkt bis ins Mark gehen; Hatice Meryem mit Geschichten, die von einer exotischen Minderheitensprache geprägt sind; der satirische und humorvolle Dichter Alper Canigüz, der vielleicht am ehesten mit Kingsley Amis vergleichbar ist. Des weiteren stellen wir Ihnen Behçet Çelik vor, der in diesem Fall von seinem typischen minimalistischen Stil abweicht, und uns von einer gewichtigen Existenzkrise berichtet; Murat Özyaşar, der uns einen kurzen und knappen Einblick in das Zentrum des Krieges im Südosten des Landes gewährt, und Sibel K. Türker mit einer herzbewegenden, zeitlosen Geschichte über nackte Gewalt und Leidenschaft. Wir präsentieren Feryal Tilmaç mit einer Kurzgeschichte über eine junge Frau, die gefährlich schwankend am Scheideweg zwischen Jugend und Erwachsensein steht; Emrah Serbes, der uns auf anrührende und lustige Weise von der Liebe zwischen einem Jungen und seiner Großmutter erzählt, und Murat Gülsoy, der eine bunte Schar abgehalfterter Figuren zum Leben bringt.
Die Arbeit an dieser Ausgabe hat uns bei aller Anstrengung sehr viel Spaß gemacht. Schmerzhaft war es allerdings, unsere Auswahl auf elf Autoren zu beschränken und somit einige Autoren außen vor zu lassen, die wir auch sehr gerne aufgenommen hätten. Anders gesagt, ohne die Beschränkung von Zeit und Umfang, wäre die Anzahl der Autoren und Werke um ein Vielfaches größer gewesen – die türkische Literatur ist eine reichlich gedeckte Tafel.
Nun aber heißen wir Sie ohne weitere Umschweife herzlich willkommen zur 32. Ausgabe von Transcript! Wir hoffen, Sie finden Gefallen an den hier präsentierten Texten und bekommen Appetit auf mehr. Dort, wo diese Stimmen herkommen, gibt es noch viele andere zu entdecken...
Wir möchten uns an dieser Stelle sehr herzlich bei der großartigen Frau Prof. Saliha Paker bedanken, dass sie uns im Rahmen des Cunda International Workshop for Translator’s of Turkish Literature (CWTTL) zusammenbrachte und das Zustandekommen dieser Ausgabe somit erst ermöglichte. Unser besonderer Dank gilt auch Alexandra Büchler, der Leiterin von Literature Across Frontiers, die uns in der Folge des 4. Cunda Workshop im Juni 2009 einlud, die 32. Ausgabe von Transcript als Gastredakteurinnen zu betreuen. Und schließlich möchten wir den Teilnehmern des Cunda Workshops für ihre Mitarbeit bei einigen der vorgestellten Texte danken sowie für ihre Erlaubnis, diese hier zu veröffentlichen.



